Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 5. Wie«. Am 15. Februar 1912 begeht Herr Sigmund Weinstein, Oberoffizial der isr. Kultus-Gemeinde und Oberkanior des BeLhausvrreines I. Schönlaterngaffe, das Fest der f i 1 b e r u e n H o ch z e i t mit feiner Gartin Anna geb. N i t l e r m a u n. Wie«. (Vorfeier bei „C h a mi ick- Q } o r" in d er „Jüdischen' Toynbeehalle im H Bezirke.) Zum zweitemnale feit dem Vorjahre' wurde am verfloffeucu Sonntag-Nachmittag -ine große.originelle„Baumfestfeier^ für 350 arme jüdische Knaben und Mädchen unter der Leitung .der nimmermüden Wohltäter und Kinderfreunde Herrn und'Frau Karl Fr e üii d und dem Arrangement des Herrn Amtsleirers G. - F u ch s g e l b veranstaltet. Die Vorstandsmitglieder Herr und Frau Rudolf Ko h u und Herr und Frau Richard W i e n e r arbeiteten wacker bei der „Obstbeteilnng und der vorzüglichen Zause als Vater und Mutter" dieser vielen, meist in gedrückten Verhältnissen lebenden Kinder. Den Festvvrtrag hielt unter atemloser Spannung des jungen Publikums und der Festgäste Herr Professor A n t s ch e r l und überbrachte der Jugend den Segen von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Schmied l, der Tags vorher m. G. H. seinen 91. Geburtstag in voller Frische im Leopoldstädter Tempel begangen hatte. An die Segenssprüche uud an das Schlußgebet, von allen Kindern — den Knaben mit bedecktem Haupte laut und schön — gesprochen, wurde nicht vergeffen — auch religiöse Chöre würzten das Fest — und uns Großen kostete es Freudentränen, als die Kinder gesättigt und beschenktt die Toynbeehalle verließen, wo es diesmal an Freuden der Jugend, von ihren Gönnern reichlich geboten, nicht fehlte. Alle Vortragenden ernteten reichen Beifall, uüt»r diesen Fräulein Stella Freu n d, durch die Rezitation der beiden Dichtungen „D i e T h o r a" und „M o s e s R e t - tun g" von Proseffor A n t f ch e r l. Solcher Feste brauchten wir überall und sehr viele, die Jugend zehrr lange daran und an der armen Jugend übten wir überdies die größte „Mizwo." Das wohlgesittete Betragen aller Kinder und hierin erkennen wir Herrn Vorsteher Karl Freund als Meister auch ans pädagogischem Gebiete, fiel allgemein auf und machte auf alle Ehrengäste großen Eindruck. Ung.-Östra. Samstag, den 20. v. M. feierte Herr Samuel S o n n e n f e l d, Beamter der hiesigen Zuckerfabrik, seineu siebzigsten Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit wurde er zur Thora gerufen und spendete eme Thorarolle samt dem dazugehörigen Thoraschmuck aus Silber. Die Thorarolle wird unter Aussicht seines berühmten Bruders Rabbi Chajun S v n n c n f e l d in Jerusalem angesertigt. Den „Mischeberach" trug unser neuer.Oberkantor. Herr M. E i b e n s ch ü tz mir klangvoller Stimme und vielem Verständnis vor. Vukovar. Der unter der trefflichen Leitimg der Präsidentin Frau Dir. Anna Stern stehende israel. Frauen - Wohltätigkeitsverein in Vukovar veranstaltete am 20. Jänner einen äußerst gelungenen uud sehr besuchten Unterhaltungsabend, bei dem ausgezeichnete musikalische Leistungen uud reizende Tanzproduktionen geboten wurden. Der junge Violinvirtuose Herr Prof. Bsla L ö b l o w i H, der aus diesem Anlasse aus Budapest berufen wurde, verblüffte durch sem gefühlvolles, technisch vollendetes Spiel und begeisterte das Publikum so sehr, daß er nach Absolvirung des Programmes noch zu mehreren Zugaben genötigt wurde. Frau Alice L a n d e s m a n n und Herr Waldemar Wertheimer, welche ein Duett aus den „Tanzhußaren" vortrugen, ernteten stürmischen Beifall. Fräulein Edith B e l i e riß mit ihrem humoristischen Vortrag „Wer die Wahl hat. hat die Qual" das Publikum zu lautester Heiterkeit hin. Den Schluß des Programmes bildete ein reizender Kindertanz „Königs-Gavotte", in Rokoko-Kostünien aus der Zeit Ludwig XIV., welcher von der Präsidenrin Frail Dr. Emma Stern selbst einstudiert und von einer reizenden Kinderschaar aufs exakteste ausgesührt wurde, daß das zahlreiche Publikum ergötzte. Für den genußreichen Abend, an dessen Gelingen die Präsidentin Frau Dr. Emma Sre.ru so hervorragenden Anteil genommen. wurde derselben allseirs große Anerkennung und Dank ausgesprochen. Die besten Kreise der Stadt, ohne Unterschied der Konfession und Nationalität füllten den geschmackvoll dekorirten Ballsaal des Graudhotel. Unter den zahlreich erschienenen Notabiliiäten der Stadt befanden sich der Obergespan des Komitates Syrmien und der Stadt Semlin Herr Ivan v. A d a m o v i c sammt Gemahlin, der frühere Obergefpan Herr Emerich v. H i d c g h 6 t i sammt Gemahlin, Herr Dr. Felix K i r ch b a n m (Schwiegersohn des Banns) samnit Gemahlin, königl. Notar Herr Dr. Milutin T i c a t (Schwiegersohn des Vize-Banns) samnit Gemahlin und viele Andere. Babice. Anläßlich des Geburtstages des deutschen Kaisers rezitierte der Altvorsteher der ehemaligen Wadowicer Kreis-Jndengemeinde. Herr Arnold Haber, am letzten Sabbath in seinem Privatbethause in Babice bei Oswiecim' anschließend an das übliche Gebet für unseren erhabenen Landesvarer. bei offener Bundeslade den 21. Psalm in hebräischer uud deutscher Sprache, der von den Anwesenden stehend angehört wurde. Drohobyez. Hoflieferant A. H. Zupn.ik, Buchdruckereibesitzer, Redakteur und Herausgeber der „Drohobyczer-Zeitung". wurde vom Obersthofmarschallamt mittelst des galizischen Statrhalterei-Präsidinuis verständigt, daß infolge allerhöchsten Entschließung Seiner Majestät des Kaisers vom 13. Dezember 1911 die Nummer 30 dieser Zeitung, enthaltend den Leitartikel: „Zum 4. Oktober 1911, dem 81. Namenstage unseres geliebte» Kaisers", der Samuilung der Familien-Fideikonnnißbibliothek einvcrleibt wurdei Drohobyez. (Dreißigjähriges Iub i l ä u m der „D r ohobyczcr-Zeltun g.") Mit 1. Jänner l. I. trat die „Drohobyczer-Zeitung",. welche in deutscher Sprache und i n h e - b i o ische n Lettern erscheint, in den dreißigsten Jahrgang. Ans diesem Anlaffe beabsichtigt der Herausgeber gegen den 15. Februar l. I. eine. Fubiläumnummcr erscheinen .zu. lassen und? ladet alle seine geehrten. Mit-' arbeiter, Freunde und Gönner höfllchst ein, .durch eiltsprecheiide Artikel, iirdeutscher üiid hebräischer Sprache an dieser..Jnbilännisnununer sich beteiligenzuwollem^^_____ Die Moöepredigt. ■ Humoreske von Babette^ Fried, Prag. /.(Schluß.)n In der Panse zwischen'zwei-Gerichten winkte Dr. Adler seinen Rivaletl ilt jeiie ^tische/ wo l'er vor.Kurzem ein Gesprächmit dem Vorsteher hatte. Nur zögernd und höchst unwillig folgte Hertzig diesem Rufe, ahme er doch eine Katastrophe, die unberechenbare Folgen für ihn haben konnte. „Herr Rabbiner!" so sprach ihn Adler in strengem Tone an, „wer gab Ihnen das Recht, die von mir ausgearbeitete Predigt als eigenes Geistesprodnkt auszngeben und vorzntragen?" . Eiil ironisches Lächeln war die Antwort ans diese Frage. „Danken Sie es meiner Liebe zu Ihrer. Tochter Emma, daß ich es unterlassen habe, Sie öffentlich bloszüstellen, dochwird mich nichts abhallen, es noch jetzt in dieser Stunde zu tun, bei Gelegenheit der Tischrede, die ich halten will, wenn Sie mir nicht gleich jetzt die Hand Ihrer Tochter versprechen, und zu Gunsten Ihres Schwiegersohnes von der Bewerbung um den hiesigen Rabbinerposten znrncklreten." Hertzig trat der Angstschweiß ans die Stirne. Doch wagte er noch einen letzten Versuch. „Man wird Ihnen nicht glauben," sagte er; Sie haben die Rede gehalten, ich auch, wer könnte den rechten Verfasser" herausfinden?" „O jai ich kann den Beweis meiner Autorschaft erbringen. Jn meinem Reisekoffer befindet sich unter anderen Papieren der erste Entwurf dazu mit der Quellenangabe aller Zitate. Können. Sie sich damit ausweisen?" Der Rabbiner schwieg ganz bestürzt. Dr. Adler wiederholte seine Bewerbung um Emma, und angesichts der Verhältnisse blieb Hertzig nichts übrig, als an der Hand seines Gegners an die Festlafel zn treten und laut zn verkünden, daß sein lieber Freund und Kollege, Doktor Adler, soeben um die Hand seiner ältesten Tochter angehalten habe, die er ihm freudigen Herzens zusagte. Natürlich werde er jetzt von seiner Mitbewerbung um den Rabbinerposten zn Gunsten seines lieben Schwiegersohnes zurücktreten. Aus allen Kehlen schallte den Beiden ein herzliches „Masel tow!" entgegen, upd Dr. Adler .hielt in seiner glücklichen Bräutigamsstimmung Zeinen so gelungenen Speech, daß man auf eine weitere Proberede gerne verzichten konnte, nachdem beide Parteien ihre Stimmen ans den so talentierten' Dr. Adler vereinbarten. Nicht wie auf der Herreise, jeder einen anderen Zug benützend, traten die Beiden die Heimreise an, in einem Konpee fuhren sie nach Hanse, indem sie, allen Zwist vergessend, unterwegs gemütlich plauderten. Als Emma, welche den -Vater im Bahnhofe erwartete,, diesen Hand in Hand mit ihrem geliebten Karl auf sich znkommen sah, glaubte sie, von einem schönen Traum befangen, zu sein, aus dem sie jedochdurch die stürmische Umarmung geweckt wurde, mit welcher sich- Dr. Adler als ihr Bräutigam vorstellte. Unsere Geschichte ist zu Ende. Wir hören aber den Leser die Frage äuswerfen: „Wieso ist Hertzig zn Adlers Predigt? gekommen?" Das Rätsel hat eine einsache-Lösung. Hertzig hatte in derselben Restauration logiert, wie-Adler, und zwar .Wand an .Wand..'mit diesem. Eine dünne Tapetentür ließ jeden Laut von einem Zimmer ins andere vernehmend Da hörte Hertzig? seinen jungen Rivalen die vorbereitende' Festrede memorieren, und konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß seine eigene Predigt gegen diese nicht/a.pskömmen werde. Da faßte er? den Entschluß, seinem Gegner einen-Possen zn spielen, ohne im Augenblick an die daraus entstehenden Konsequenzen zu denken- Er stenographierte die Predigt /sind./lernte sie in der Nacht./asis- - wendig.. Dieser Kunstgriff hat ihm wohl .nicht den ersehnten Posten zu Malinee verschafft, wohl?siber einen braven, tüchtigen Schwiegersohn, und seiner Tochter einvollkouunenes - Eheglück gesichert..