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Die Wahrheit · 1912-02-02 · Heft 5 (2.2.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. Die Wahrheit. Seue 9. Technische nnd mnstkiilische Grundlage des Chasonns. Ueber dieses Tema Hielt vor Kurzem in der Generalversammlung des Vereines „Israel. Kantoren und übriger K u l t u s b e a in l e n in Bayern" Herr Kantor -Krämer in Ansbach einen überaus inhalts- und lehrreichen Bortrag, den wir nachfolgend auszugsweise wiedergeben: Ausgehend von der Tatsache, daß den jungen Kantoren sehr-oft die Fähigkeit zur richtigen Artikulation -und Modulation fehlt, woraus den betreffenden selbst der größte Schaden erwächst, weil eine Abnützung der Stimmittel nnd vorzeitige Ermüdung die nächste Folge ist, kommt Redner zunächst zu dem Vorschlag der Einrichtung regulärer Fortbildungskurse mit folgenden wesentlichen Programmpttnkten: Stimmbildung, Vokalisenübung, Vortrag von Rezitationen mit genauer Beachtung des jeweiligen 'Charakters eines Gebetstnckes. Unter Anlehnung an Friedmauns Werk über den synagogalen Gesang wnrde sodann die Bedeutung des Kantors für den Gottesdienst klargelegt, worauf der Uebergang zur Bewertung des traditionellen Charakters der Melodien erfolgte, deren technischer Ausdruck als Steiger (Gruudtouarten der altübertieferten Melodien) bekannt ist. Unter Zitaten ans Friedmauns Werk und unter musikalischer Illustration legte der Redner dar, wie ans der Melodie der Toravorlesnng die Vortragsweise für „Aschre", für „Birchas hatvrah", als auch die bekannte ansdrucksvolle Art des Talmudlernens stammt. Beruhend auf den beiden Tonarten von Dur und Moll besteht diese Melodie aus den einfachsten Grnndtönen, wie Grundton, Terz und Oktav. Reichere Tonmalerei in der Zusammensetzung strenggesaßter Tongruppen ergebe sich bei der ..Jischtabach"-Weise. Ein tiefer Einblick eröffnete sich den Zuhörern, als der Vortragende klarlegte, wie diese Art in „Ahawah rabah" und der „Tefilath scheina" für Sabbat und einer Komposition des Oberkanlors Kirschner. München, für „Wschomrn" nnd der Melodie der „Jehi-rozann" an Montagen und Donnerstagen, in vielen „Slichotb" und „Piutim" lind vielen anderen Stücken des synagogalen nnd häuslichen Gesanges wiederkehrt. Nachdem noch der ausschließliche jüdische Charakter dieser Tonfolge nachgewiesen war, wnrde noch der „Mögen owaus"-Stil behandelt, welcher gleichfalls in ungeahnt reicher Weise die Melodienwelt der Synagoge befruchtet hat. Die Einheit Israels soll auch in seinem Gesänge zum Ausdruck gelangen, das war das Ziel der alten Chasanim, das allein kann auch das Streben der Fortbildung des Kantors sein. Tranmtgsgesiinge. Vor mir liegen zwei Hefte: „Tranungslieder für eine Singstimme mit Orgelbegleitnng". von Alois Janetschek, Kirchenmusikdirektor in Karlsbad, Verlag von A. Böhm & Sohn in Augsburg. Dem Ersuchen, über dieselben zu referieren, komme ich um so lieber nach, als eines der Hefte dem Herrn Isidor 'Ten n e uba um, Oberkantor in Stuttgart gewidmet ist. Kollege Tennenbaum, den alte Freundschaftsbande mit mir verknüpfen, ist allseits als trefflich geschulter Sänger bekannt und ich muß der Vermutung Raum geben, daß hier Direktor Janetschek, der als Organist im Karlsbader Tempel wirkte und in stetem künstlerischen Verkehr mit unserem Kollegen steht, in Würdigung seiner vorzüglichen gesanglichen nnd Musikalischen Qualitäten als eine schöne Aufgabe ansah. für denselben ein Solostück zu schreiben. Wir alle 'musikalisch gebildeten Kantoren legen einen besonderen Wert darauf, daß wir von Fachkenneru verstanden werden, und ich habe seinerzeit in einem Artikel des „Freien Blattes", „Christliche Komponisten und jüdische Musik" durch folgenden Passus meiner Meinung hierüber wie folgt Ausdruck verliehen : „In vielen Städten, wo sich fortschrittliche Judengemeinden befinden, tragen die meist der katholischen Kirche angehörenden Tempelorganisten durch ihr verständnisvolles Eingehen in die ihnen sympathisch erscheinenden Melodien zur Erhöhung des Gottesdienstes bei. Ja es wird durch das freundschaftliche Verhältnis zwischen jüdischen Funktionären und christlichen Organisten oft eine wohltätige Wechselwirkung der guten Beziehungen beider Konfessionen herbeigeführt. Was ich damals halb wünschend halb durch Erfahrung belehrt, niederschrieb, es wurde in vorliegendem Falle zur angenehmen Tatsache, zu meiner und gewiß auch meines lieben Kollegen Genugtuung. Doch zur Sache selbst: Der eine Traunngsgesaug Op. 21 (Nr. 2) einem Fräulein Kranskopf gewidmet, ist in As-dur, sehr stimmungsvoll gehalten, und durch geschickt verteilte Athmnngsführnng sehr ästhetisch nnd sangbar dargestellt. Von einer schönen Sopranstimme gesungen, müßte derselbe recht effektvoll wirken. Der Traunngsgesaug Op. 19 (Nr. 1) in Des-dur, unserem Kollegen gewidmet, bedeutend ernster anfgefaßt, besonders im enharmonischen Uebergang, der auch beim Gesang, Op. 18 Nr. 2 das charakteristische Moment ansmacht und es hastet ihm ein Zug vibrierender Sentimentalität an, der dem an Gemütserregung reichen Tranungsakle noch erhöhte Feierlichkeit gibt. Möge Herr Musikdirektor Janetschek ans der Gesangslileratur nnd aus dem Ritual unseres Gottesdienstes noch manch schöne Anregung schöpfen nnd zu Papier bringen, sein edles Streben wird Widerhall finden, bei Jedem, der das Schöne liebt nnd verehrt. B. I. Jnngbunzlan, Ende Jänner 1912. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Vortrag ans jüdischer G e > ch l ch t e, L i t e r at u r und K n t r u r). Donnerstag, den 8. Februar 1312, präzise V23 Uhr abends, findet ini Feftsaale des Ingenieur- und Architekteu-Bereines I., Eschenbachgasse 9, ein Bortrag des Herrn Oberrabbiner Dr. Julius Wellesz ans Altofeu starr. Thema: „R. Jsak Or Sarua aus Wien." Ein rabbinisches Lebensbild. Eintritt frei, ohne Karten. Wien. (Jüdische Toyubee-Halle. XX., Othmarg a s s e 46.) Beginn der Vorträge an Wochentagen ^8 Uhr, Samstag» sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Wochen - Programm: Samstag, den 3. Februar. Konzert. Arrangement: Herr Max Schwager. Sonntag, 4. Februar. „Eine jüdische Militärkolonie an der Südgrenze Aegyptens lm oten vorchristlichen Jahrhundert." (Unter Vorführung von Papyri.) Rabbiner Dr. M. Ros e n m a n n. Montag. 5. Febrnar. „Oesterreichische Bürgerkunde." (I.) Schriftsteller Dr. Heinrich H e r b a t s ch e k. Dienstag, 6. Febr. Benjamin D'Jiraeli (II.) phil. I. K r n g. Mittwoch, 7. Februar. „Ursachen und Verhütung der Blindheit." Dr. Max Meißner. Donnerstag» 8. Febrnar. „Ueber Zahnpflege." (mit Lichtbildern) Dr. H. Wolf. Freitag. 9. Febrnar. Bibelvortrag. Herr I. R o s n e r. Baden. In der hierortigen israel. Kultusgemeinde feierte am 27. v. deren Oberlehrer und Sekretär Herr I. I n f e l d sein 40jähriges Dienstjubiläum. Hiezu ist ihm von der k. k. u. ö. Sratthalterei die Eh r e n me d a il l e für 40jährige Dienste verliehen worden und wurde zu seiner Ehrung vom Kultusvorstande eine solenne Feier veranstaltet. Präzise 7 Uhr versammelte sich der Gesammtvorstand im hellbeleuchteten nnd mit Blumenschmuck dekorirten Sitzungssaale, der schon in allen seinen Räumen voll besetzt war, worauf der Jubilar mit seiner Familie von den Vorstehern kais. Rat Dr. Emil Raab, Beirat Simon Mandl und Religions-Schulrat Ludwig Lackenbacher abgeholt wurde. Mit lautem Hochrufe wnrde der Jubilar empfangen und der Knltuspräsident Herr Moriz L e i t n e r führte ihn auf den Ehrenplatz, hielt an ihn eine tiefempfundene Ansprache, dekorirte ihn mit der ihm von der Statthalterei verliehenen Auszeichnnug und überreichte ihm die von der Kultusgemeinde ihm gewidmete Ehrengabe, bestehend in eitlem prachtvollen silbernen Theeservice. Sodann hielt Herr Rabbiner W. Reich an den Jubilar eine wahrhaft erhebende Ansprache, in welcher er die Verdienste desselben in den schönsten Redefarbeu leuchten ließ nnd schloß mit Hinweis auf die bestehenden freiheitlichen Schulgesetze mit einem dreimaligen Hoch auf Sr. Majestät den Kaiser. Hierauf trat die Schuljugend hervor und die Schülerin Elisabet Raab überreichte dem gefeierten Lehrer nach einem schön vocgetragenen Gedichte ein Blumenbouquet. Die schon absolvirten Schülerinnen, geführt von Fränlein Bertha G e i ch ü r überreichten nach :iner glänzend gehaltenen Ansprache einen Stock mit Silbergriff, der mit Blumen umrankt war. Nachdem der Jubilar in kurzen Worten seinen Dank ausgeiprochen. wurde von den Schülern und Schülerinnen, dirrgirt vom Herrn Kantor Leo Z o l d a n. der sich in der Gemeinde als Funktionär aufs trefflichste bewährt, die Bolkshymue abgesnugen. Zuschriften trafen ein vom Bürgermeister Dr. Franz Trenner. Schuldirektor Franz Martin usw. Als Vertreter der Volks- und Bürgerschule für Mädchen erschien Herr Direktor Hermann Wolf, der dem Jubilar die Gratulation sämtlicher Lehrer überbrachte. Beim Banket im Restaurations-Saale des Herrn Sigmund Nausnitz Vizepräsident der Kultusgemeinde, wurden zahlreiche Toaste ausgebracht» welche der Sohn des Jubilar Herr Primararzt Dr. M. I n f e l d mit einem Dank an die Kultusgemeinde beantwortete. — Bei der am 28. v. abgehaltenen Generalversammlung der Chewra-Kadischa ist Herr I. I n f e l d zum Ehreumitgliede ernannt worden.

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