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Die Wahrheit · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheil Nr. 4. Verhältnisse, nach dem Tode der Eltern in sorgsamer Hut eines alteren Brilders auf. Nach Vollendung der akademischen Stildien würde er in Magdeburg zum Rabbiner und Prediger ‘ bestellt, und dort gründete der bald als vorzüglicher Kanzelredner Beliebte die' erste Religionsschule -in Deutschland. Seine übrige Zeit widmete er der Veröffentlichung religionsphilosophischer und sozialpolitischer Schriften',' sowie der Herausgabe der bahnbrechenden «Allgemeineil Zeitung dös Judentums". Nach 29 Jahren seelsorgerischer Tätigkeit siedelte er nach Bonn über, betätigte sich in apologetischer und religiöser Wissenschaft nnd wurde einer der am meisten gehörten Rufer im Streite für die Emanzipation seiner Glanbensgenoffen. Philippsons Bedeutung liegt vor allem darin, daß er wie kein zweiter seit Mendelssohn für die Emanzipatioll der Juden, ihre Gleichstellllng in Staat und Gesellschaft, für die Schaffung einer öffentlichen Meinung, durch sein Organ, die «Allgemeine Zeitung des Judentums", gewirkt und in vielgelesenen Schriften ein Volkserzieher sondergleichen gewesen ist. So erwies er sich, der ein Wegweiser für praktische Lebensführung von weittragender Bedeutung für kommende Generationen geworden war, als Leuchte Israels, als mächtig durchgreifender Aufklärer in Wissen nnd Bildung, als Stütze der Judenhett im inneren und äußeren Kampfe durch das energische Eintreten für die universelle Einheit des Volksgauzen. Er erwies sich als Versöhner zwischen Judentum nnd Deutschtum, indem er den Inden die deutsche Sprache und Kultur anerziehen wollte, den Deutschen wieder die Erhabenheit des sittlichen Monotheismus in Wort nnd, Schrift und auch feine Persönlichkeit vor die Seele führte. Auch in die Türkei, nach Ungarn nnd Rußland, ja, selbst bis zum Vatikan drang der für Recht und Gerechtigkeit Kämpfende vor. Große Verdienste hat sich Philippson um das neuzeitliche Judentum erworben. Seinen Anregungen zufolge sind der Deutsch- Israelitische Gemeindebund, das Institut zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin und zahlreiche Wohltätigkeitsanstalten zu verdanken. Der Redner schloß mit mehreren Zitaten ans Philippsons Schriften, die fast dnrchlveg einen starken Optimisnius armen und an die Zukunft des Judentums, glauben. Andauernder, lebhafter Beifall lohnte, den interessanten Ausführungen. NenrInfeennrrfolgmtgei» in §tn|f laufe. Predigt, gehalten in der Theistenkirche zu London. Bon Rev. Charles B o y s e y, B. A. (Forts.) Sicher ist es, daß die Verfolgungen der letzten sechzehn Jahrhunderte, seitdem ein heidnischer Kaiser den christlichen Glauben annahm, alle ans Grund der Religion erfolgt sind. Und ich überlasse es allen Menschen von gesundem Verstand, die Strenge und Treue des jüdischen Glaubens an Gott zu beurteilen, wenn sie sein wunderbares Ueberleben bis zu dem heutigen Tage sehen und überzeugt sind, daß er niemals vertilgt werden kann, bis der letzte Jude erschlagen ist. Seit vielen Jahren ist die Lage der Juden in Rußland ungleich schlechter gewesen, als in irgendeinem anderen Lande der Welt. Einige von uns sind alt genug, um sich an den Ausbruch der Greuel gegen die Juden in Rußland in den Jahren 1881 und 1882 zu erinnern, welche zu einer öffentlichen Kundgebung im Mansion-Honse führte, die unterstützt worden war durch den Erzbischof von Canterbnry, einigen Bischöfen nnd anderen Würdenträgern der englischen Kirche, von dem Kardinal Erzbischof Manning und bekannten nonconformistischen Predigern; auch durch die führenden Mitglieder des Ministeriums und der beiden Parlamentshänser. Und ivohl jeder einzige, der heute hier ist, wird sich an die Jndeumassakres in Kischineff in: Jahre 1903 erinnern, die von schmählichem Raub und, anderen Greueln gefolgt waren. Und nun werden wir einer neuen nnd noch drohenderen Verschwörung gegen sie gegenübergestellt, die durch die russische Geistlichkeit, die Partei der «echt russischen Leute" und die «Schwarzen Hundert" unterstützt werden, um die Juden der letzten Spnr des Bürgerrechts zu berauben, ihnen die gewöhnlichen Menschenrechte, zu leben und ihre Geschäfte zu betreiben, zu entreißen, noch/mehr die Grenzen' ihrer Existenz zii''beschränken, d.' h. sie iü Orte. zu. drängen, aus denen sie' ohiie schwer^ gesetzliche Strafen nicht heranskömmen können und Durch eine unmenschliche Beschränkung nach der anderen ihnen das Leben unmöglich zu machen, außer unter den schwersten Entbehrungen. " Nun, all diese Schmach für die menschliche Gerechtigkeit, ist mir durch die «Jewish Chrouicle" bekauntgeworden, die sehr wenige Christen jemals sehen. Ohne Zweifel haben andere jüdische Zeitungen dasselbe getan, aber ich' habe nichts davon gehört, daß diese Tatsachen durch die christliche Presse gegangen sind. Es sei mir gestattet, zu sagen, daß ich die jüdische Chronik regelmäßig zu lesen begann, während ich Vikar von Healaugh war, von 1863 bis 1871, und es bis heute tue nnd die^Lebnndenen Bände bis 1910 besitze, so entschlossen war ich, der modernen Geschichte der Inden ohne Unterbrechung bis zur Gegenwart zu folgen. Nun, seit einigen Monaten sind die Aussichten der Inden in Rußland, nicht zu sprechen von anderen Ländern in Europa, beunruhigender als je geworden bis heute, da die armen Juden unter der neuen Drohung feindlicher Gesetzgebung stehen nnd nicht länger durch die staatlichen Beamten nud durch das Gesetz beschützt werden, das unbedeutend zu ihrem Vorteil verbessert worden war. Es ist eine gewöhnliche Klage in Rußland, daß selbst gerechte nnd gute Befehle, die durch die Regierung gegeben worden sind, einfach durch die Beamten, die beauftragt waren, sie anszusühreu, beseitigt worden sind. Diese unglaublichen Tatsachen — ich sage es mit denr tiefsten Bedauern — sind nur den Lesern der „Jewish Chroncle" und der jüdischen Zeitungen bekannt und haben mich veranlaßt, mein Bestes zu tun, um sie weiter zu verbreiten. Obgleich die Auffage der Predigten von dieser Kanzel sich nur ans 2500 wöchentlich beläuft, kann diese Predigt in die Hände einiger wahrhaft gütiger Christenmänner oder Frauen aller Stände fallen; und wer kann wissen, ob nicht ein Korn des guten Samens in gütigen Herzen aufgehen und reichlich Früchte für' die Hilfe der Inden aus der äußersten Pein und Not tragen wird? Wegen der Einzelheiten der Tatsachen muß ich meine Hörer und Leser wieder auf die „Jewish Chronicle" vom 15. September, Seite 10—12, verweisen. Es wird für meine Zwecke genügen, wenn ich nur ein Verzeichnis der vorgeschlagenen gesetzlichen Beschränkungen gebe, die die bürgerliche Unfähigkeit der Juden in Rußland herbeiführen sollen, die nur ihre endgiltige Vernichtung bedeuten können, wenn es ihnen nicht möglichgemacht wird, en masse ans Rußland auszuwandern oder wenn nicht auf die Regierung irgend ein Einffuß geltend gemacht werden könnte, den grausamen Plan zu vereiteln. Das folgendeist der Text der neuen Beschränkungen, vorgeschlagen durch einen Expriester, Hipolit Lnwskansky, der von dem russischen Ministerium angenommen worden sein soll. Er sagt: Das russische Volk erwartet von seinen Vertretern in der Duma, daß sie dafür sorgen lverden, daß alle in Rußlandlebenden Juden aus einmal als Fremde betrachtet werden sollen, ohne irgendwelche Rechte und Privilegien, die anderen Fremden eingeräumt werden. Eine solche Maßregel, in Verbindung mit anderen einschränkenden Maßregeln, würde sicher den. Wegzug nach ihrem eigenen Königreich beschleunigen. Er zählt dann eine Reihe von Beschränkungen auf, die eingesührt werden sollen: Die Juden sollen nicht zum Heer und zur Marine zngelassen werden, weder als Pflichtsoldat, noch als Freiwillige. Es soll den Inden nicht erlaubt werden, sich als Militärwundärzte, Asfistenzwnndärzte oder Apotheker zn betätigen. Der Militärdienst soll durch eine Geldbuße ersetzt werden nnd diese-Bnße soll von der ganzen jüdischen Bevölkerung gezahlt werden. Die Grenzen der Heimat sollen enger gezogen werden^ Alle Gesetze, die die Erweiterung der Heimatgrenzen betreffen, sollen aufgehoben werden. Alle Vorrechte, die den Juden auf Grund ihrer Erziehnng oder ihres Vermögens eingeräumtsind, sollen zurückgezogen werden. Keinem Inden soll es. erlaubt sein, in Seehäfen zu wohnen.

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