Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063627--07687-3074792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 6 Die Wahrhell. Nr. 4. reise in den Westen und Süden der Vereinigten Staaten, um die Kolonisationsmöglichkeiten der noch wenig bevölkerten Gegenden in diesen Teilen Amerikas festznstellen. In den Reiseplan wurde auch der Staat Utah ausgenommen. Der erste Bericht Dr. Blausteins ist bereits eingetroffen, aus welchem hervorgeht, daß derselbe wichtige Beratungen mit dem Gouverneur des Staates Utah hatte, welche die Gründung von jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien daselbst bezwecken. Nach diesem Berichte hat der Gouveneur seine volle Zustimmung zu einem solchen Kolonisationsplan gegeben und den anzusiedelnden jüdischen Farmern die weitestgehende Unterstützung in Aussicht gestellt. Dr. Blaustem unterhandelte auch mit bem Handelsrate des Staates Utah, dessen Mitglieder gleichfalls die Versicherung gaben, daß sie die in Aussicht genommenen jüdischen Kolonien nach besten Kräften fördern werden. * * * Einen statistischen Ueberblick über die Zahl der Juden soweit zuverlässige amtliche Angaben zu erlangen waren, gibt die „Nature". Nach dieser Aufstellung beziffert sich die Gesamtzahl der Juden auf 11,817.783, wovon weitaus der größte Teil, 9,942)266 in Europa leben. In Amerika zählte man 1.894.409, in Asien 522.635, in Afrika 341.867 und in Australien 17.106 Bekenner des israelitischen Glaubens. An der Spitze der einzelnen Länder steht Rußland mit einer jüdischen Bevölkerung von 5,110.548 Köpfen, Oesterreich folgt mit 1,224.899, Ungarn mit 851.378, Deutschland mit 607.842, die europäische Türkei mit 282.277, Rumänien mit 238.275 und an siebenter Stelle England mit 105.988. In Holland zählte mau 105.988, in Frankreich dagegen nicht ganz 100.000, von denen nahezu 70.000 in Paris leben, Italien weist nach der Volkszählung 52.115 Inden auf. Anders liegen die Verhältnisse in den Großstädten der Welt. Hier steht New-Iork mit einer Bevölkerung von 1,062.000 Anhängern der mosaischen Religion an der Spitze. Es folgen Warschau mit 204.712, Budapest mit 186.047, Wien mit 146.926. (nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung beträgt die jüdische Bevölkerung von Wien 178.000. Die Redaktion), London mit 144.300, Odessa mit 138.935. Brooklyn etwas über 100.000, Berlin mit 98.893, Lodz mit 98.671, Chicago mit 80 000, Salonik und Philadelphia mit je 75.000, Paris 70.000, Konstantinopel mit etwa 65.000, Wilna mit 63.841, Amsterdam mit 69.065, Jerusalem mit 53.000, Kischenew mit 50.237, Minsk mit 45.000, Lemberg 44.258 und Bukarest mit 40.633. Allgemeine Indische Kolonisations- Organisation. Die A. I. K. O., welche, wie aus ihrem letzten Jahresberichte zu ersehen war, bereits konkrete Kolonisations-Unternehmungen in Angriff genommen und organisatorisch in England, Deutschland und Rußland Fortschritte gemacht hat, eröffnete nun ihre Aktton auch in Oesterreich. Unter der Aegide des Vorstandes des Jüdischen Kolonisationsvereines in Wien, der österreichischen Mitglieder des Zentralrates der A. I. K. O., des Präsidiums der Wiener Knltusgemeinde, des Oberrabbiners Dr. Güdemann und eines Kreises von Wiener Industriellen und Großkausteuten fand am 15. Jänner im Sitzungssaale der Wiener Kultnsgemeinde eine gut besuchte Versammlung namhafter Mitglieder der Gemeinde statt. Den Vorsitz führte Universitäts-Professor Dr. S. Ehrmann. Als Referenten waren Dr. Alfred Nossig, der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der A. I. K. O. und Herr Ernst Löwenberg aus Berlin eingetroffen. Im Namen der Kultnsgemeinde begrüßte Präsident Dr. Alfted Stern die Erschienenen mit einer herzlichen und ausmunternden Ansprache. Dr. Nossig entwickelte in seinem Referat die leitenden Gesichtspunkte, der neuen Orientkolouisations- Bewegung. Er schilderte die Bedeutung der Kolonisation im Verhältnis zur Emigration, die spezielle Eignung des Orients zum jüdischen Siedlungsgebiet, den gegenwärtigen Stand der Kolonien und die organisatorischen Maßnahmen, welche, die A. I. K. O. zur Fortführung des Ausiedlnngswerkes ans.kaufmännischer Grundlage getroffen hat. An diese Ansführungen knüpfte Herr Ernst Löwenberg einen Bericht über die von der A. I. K. O., bezw. von ihrem Finanz-Institut „Orient Colonising Co." eingeleiteten Kolonisations-Unternehmungen und beleuchtete die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Kräfte auf dem Gebiete der neuen, kommerziell basierten Kolonisation. Im Laufe der Diskussion, welche den mit Beifall ansgenommenen Referaten folgte, regte der General-Konsul der Republik Bolivia Bankier I. Weiß die Idee an, jüdische Emigranten in Bolivia statt im Orient anzusiedeln. Demgegenüber hoben Nicht nur die Referenten, sonder auch alle nachfolgenden Redner die unvergleichliche Ueberlegenheit des Orients hervor. Der Vize- Präsident der Wiener Kultnsgemeinde, Dr. Gustav Kohn, wies auf die Gefahren der Niederlassung von Inden in einer imgeeigneten Umgebung hin. Nach den Erklärungen, die der bekannte New-Iorker Philanthrop Jacob H. Schiff ihm gemacht hätte, ist die Ablenkung des Auswandererstromes von Nord-Amerika eine dringende Notwendigkeit. Da könne kein anderes Gebiet als der Orient in Betracht kommen und es sei erfreulich, daß die A. I. K. O., in steter Fühlung mit - allen dem gleichen Ziele zustrebenden Organisationen, durch konkrete, großzügige Kolonisations-Unternehmungen und durch Gewinnung neuer Kreise das Werk fördere. Reg.-Rat Prof. Dr. Jerusalem setzte sich, unter lebhafter Anerkennung der Ausführungen der Referenten, in einer begeisternden Ansprache für die Orientkolonisation ein, die bereits auf festem Boden stehe und deren weitere Aussichten für jeden Vorurteilslosen überzeugend seien. Im gleichen Sinne und mit derselben Warme sprach der Reichsrats-Abgeordnete Dr. Ofner zu Gunsten des Werkes der A. I. K. O., das den Mann dem Boden, den Boden dem Manne anpasse. Kais. Rat W. Anninger und Fabrikant S. Kassel erörterten Details der kolonialen Unternehmungen. Kais. Rat Jonas Weil, Vizepräsident der Börse für landwirtschaftliche Produkte, betonte die Notwendigkeit der Aufbringung eines'tunlichst beträchtlichen Kapitals für das kommerzielle Kolonisations-Institut, da nur dann seriöse Resultate erzielt werden können und sprach die Ueberzeugnng ans, daß die Wiener Jndenheit hier im Verein mit anderen Gemeinden ihre Pflicht tun werde. Von großer Wirkung war die Ansprache des k. k. Kommerzialrates Heinrich Mendl, der die Idee der kommerziellen Kolonisation als zeitgemäßen.Fortschritt der Philanthropie begrüßte. Diese Idee wäre geeignet, die gesamte Jndenheit Europas tatsächlich, wie die A. I. K. O. es anstrebt, im Rahmen eines wirklich" aussichtsreichen Werkes zu vereinigen. Er selbst stelle sich der neuen Bewegung als überzeugter Apostel zur Verfügung. Zum Schluffe beantragte kais. Rat W. Anninger, daß Mitglieder des einladenden Komitees und die durch die eben stattgehabte Besprechung gewonnenen Freunde des Kolonisationswerkes die Aufbringung weiterer Mittel für die Institute der A. I K. O. persönlich in die Hand nehmen. Es erfolgte dann auch sofort eine Verständigung zwischen den betreffenden Personen, die die weitere Aktion übernommen haben. Jüdisches Studentenheim in Wien. Behufs Gründung dieser überaus notwendigen Institution wendet sich ein aus hervorragenden Persönlichkeiten der Wiener Kultnsgemeinde gebildetes Komitee mit nachstehendem Aufrufe an die Oeffentlichkeit: Anläßlich der skandalösen Tumulte an der Wiener Universität im November 1908 trat auch für die Gleichgültigen und Fernstehenden wieder einmal die furchtbare Not, die moralische und materielle Bedrängnis, in welcher sich die jüdischen Studenten andauernd befinden, deutlich und erschreckend hervor. Nach den heftigen Auftritten, welche die ganze Oeffentlichkeit in Atem hielten, wurde es von der jüdischen Studentenschaft in einer Erklärung ausgesprochen: „Wir haben nicht um den Platz auf der Rampe , mit den dentschnationalen Rampenbnmmlern gerauft, sondern wir haben um unseren Platz in den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.