Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 4. Seite 5. Die Wahrheit auch in Rumänien fast ausschließlich die jungen, gesunden und erwerbsfähigen Elemente zum Wanderstabe, während die Schwachen und Erwerbsunfähigen zuhause bleiben und die Krise, in welcher sich die Juden dort befinden, nür'choch^cherschärfen^^Man wird daher "der antisemitischen Zeitung „Wjata Romaresca" vollen Glauben schenken können, wenn sie triumphierend konstatiert, daß die Rechlsbeschränknngen, welche gegen die rumänischen Juden seit dem Jahre 1879 konsequent geübt werden, den Erfolg halten, daß die Zahl der Inden ln diesem Lande konstant abnitnmt. So weift die offizielle Statistik nach, daß während mau im Jahre 1899 in Rumänien noch 266.620 jüdische Seelen zählte, es im Jahre 1909 bloß 215.000 Juden in Rumänien gab. Der Rest hat Rumänien verlassen. Frohlockend ruft das genannte Blatt aus: Wenn die Genossenschaften und Gewerkschaften parallel mit der Regierung das ihrige tun werden, um die Juden aus dem Handel und Gewerbe zu verdrängen, so wird in der nächsten Generation die Jndengefahr ans Rumänien vollständig verschwunden sein. Gegen die Agitation der Regierung und der antisemitischen Presse können die vereinzelten schwachen Prozesse der liberalen Presse naturgemäß nichts ausrichten. * * * llebei* die inneren Bewegungen unter den jüdischen Arbeitern in Rußland veröffentlicht der „Vorwärts" folgenden Bericht: Der Kampf der jüdischen Borstenarbeiter im Nordwestgebiet Rußlands hat mit einem vollen Siege geendet. Die Bewegung der jüdischen Borstenarbeiter ist einer der ältesten Zweige der jüdischen Arbeiterbewegung Rußlands. Durch festgefügte Organisation und planmäßigen, unablässigen Kamps ist es den Borstenarbeitern gelungen, dem Unternehmertum bedeutende Zugeständnisse abzuringen. — vor allem (im stürmischen Jahr 1905) den Achtstundentag. Um diesen zu vernichten, sperrten die Unternehmer im Sommer 1909 im ganzen Rayon der Borstenprodnktion, mit Ausnahme von Meshiretschje (Gouvernement Tedletz), die Arbeiter ans. Nach mehrmonatlichem Kampf blieb der Achtstundentag bestehen, doch waren die Arbeiter ungeheuer geschwächt, und als im Herbst desselben Jahres die Unternehmer wieder eine Aussperrung erklärten, gelang es ihnen, überall, mit Ausnahme von Meshiretschje. fast ohne auf Widerstand zu stoßen, einen nenn- und mancher Orten einen zehnstündigen Arbeitstag einznführen. Meshiretschje war den Unternehmern ein Dorn im Auge, und Anfang vorigen Jahres sperrten sie auch dort ihre Arbeiter ans. 17 Wochen lang schwebte das Schreckensgespenst des Hungertodes über 2000 Meshiretschjer Borstenarbeitern (meistens Familienväter), sie hielten es aber aus und die Fabrikanten mußten nachgeben. Unterdessen rüsteten die Arbeiter in den Städten des Borstenrayons, wo die Arbeitszeit Ende 1909 verlängert wurde, zum Kamps, und bald nach Beendigung der Meshiretschjer Anssperrung traten sie in den Streik zur Wiederherstellung des Achtstundentages. Es standen nun die Borstenarbeiter der Gouvernements Witebsk, Kowno, Minsk und Snwalki in verzweifeltem Kampf mit den Scharfmachern der Borstenindustrie. Rechnet mau die Angehörigen der Arbeiter hinzu, so sind es über 3000 Menschen, die drei Monate lang dem Hunger und Elend preisgegeben waren. Für die Klassenerziehnng des jüdischen Proletariats ist vön besonderem Interesse die Tatsache, daß die Fabrikanten, die ebenfalls alle Inden sind, sich Streikbrecher ans dem Gesindel der Schwarzen Hunderte ans den inneren Gouvernements herbeischaffen ließen. Zum Kampf gegen die jüdische organisierte Arbeiterschaft sind dem jüdischen Unternehmertum Pogrombanditen (!) gut genug. Selbstverständlich war auch die Polizei dabei, den Fabrikanten Aushilfe zu leisten. Auf direkte Anweisung einiger Fabrikanten wurden in mehreren Städten Verhaftungen und Ausweisungen per Etappe vorgenommen. Ein alter Arbeiter, der die Strapazen der Etappe nicht ertragen konnte, starb im Gefängnis. Unbeugsam setzten die Arbeiter ihren Kampf fort. Aitf Seite der Unternehmer — Polizei und Streikbrecher, den Arbeitern kamen zu Hilfe ihre Klassengenoffeu. im ganzen Tätigkeitsgebiet des jüdischen Arbeiterbundes und durch Vermittlung des Zentralkomitees des „Bnnd" auch die russischen Gewerkschäftsverbände in Petersburg und Moskau. Auch das Auslflndskomitee des „Bund" organisierte eine Geldsammlung zugunsten der Streikenden, und überall, wo Fördernngsgruppen und Freunde des ,.Blind" vorhanden sind, wnrde dem Ruf des Komitees Folge geleistet. Die Hilfe kam rechtzeitig, und die Arbeiter siegten: der Achtstundentag ist überall wieder hergestellt. & $ * Hebel' Pogromhetze, die amtlicherseits in Kiew angeregt wird, wird der „Neuen Jüd. Korrespondenz" von dort geschrieben : Vergebens haben bereits hunderte der bekanntesten russischen Persönlichkeiten gegen die systematische Vergiftung der Bolksmaffen mit dem Ritualmordmürchen protestiert. Der in Kiew die Untersuchung in Angelegenheit der Ermordung des Knaben I ust sch i nsky führende Unlersnchnngsrichler Fenenko bemüht sich unausgesetzt, dem Mord das Gepräge einer rituellen Tat zu verleihen. Er hält nicht nur den Inden Beilis. dessen Unschuld erwiesen ist, wochenlang im Gefängnis, er stellt sogar eine Enquete darüber an, in welche Kategorien die Kiewer Synagogen zerfallen, wieviel sogenannte Chassidim, wiviel Misnagdim unter den Juden sind, er kümmert sich um die verschiedenen Differenzierungen unter den Rabbinern u. s. w. Alles offiziell und mit großem „Ernst". Jeder dieser Schritte hat natürlich nur den Zweck, die Phantasie der aufgeregten Volksmafsen mit aufreizenden Schreckbildern zu nähren. Inder „Nowoje Wremja" hatte dazu ein anonymer „Professor" eine spezielle Ideologie ausgeklügelt, wonach es nicht Ritual-, sondern geheimnisvolle Rachemorde mit 49 Blutabzapfnngen gebe, welche die jüdische Raffe in den verschiedenen Jahrhunderten am Stifter der christlichen Religion ansübe. Gerade mitten in dieser immer mehr sich verdichtenden Pogromstimmung hat soeben das Kiewer Geistlichenkonsistorinm die Popen im Gouvernement Kiew angewiesen, sich überall an die Spitze der Filialen des pogromlüsternen Verbandes des russischen Volkes zu stellen! * * * Es ist eine durch die Presse oft bestätigte Tatsache, daß in den größeren Städten der Vereinigten Stauten viele gesellschaftliche Vorurteile herrschen. In New-Iork ist die Zahl der Hotels und möblierten Wohnungen, die keine Inden anfnehmen, viel größer, als öffentlich zugegeben wird. Vor einigen Wochen geschah es. daß in bestimmten möblierten Wohnungen in Cdicago, die der Aale Universität gehören. Inden nicht ausgenommen wurden. Es wnrde ein Brief an den Präsidenten der Universität Hadley gerichtet und um Aufklärung ersucht. Präsident Hadley antwortete, daß, wenn die Universität möblierte Wohnnngen entrichtete, bestimmte Verträge geschloffen würden, die gesetzlich bindend seien, und daß wahrscheinlich d-ie Abweisung der jüdischen Familie ans solch einen Vertragsparagraphen znrückzuführen sei. Aber es stellte sich heraus, daß die Abneigung gegen Juden hauptsächlich der Abneigung des Agenten znzuschreibeu war. welcher die Wohnungen mietete, und dies wurde dem Präsidenten Hadley unterbreitet. Die Aale Universität entließ jedoch den Agenten nicht, und es werden keine Inden in den der Universität gehörigen Wohnungen in Chicago ausgenommen. Mil der Zunahme des politischen Einflusses der Inden in großen Städten sollte man meinen, würde dieses kleinliche Vorurteil verschwinden, aber das Gegenteil ist Tatsache. Sogar in New-Aork. wo die Juden ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. scheinen die Andersgläubigen eine „Zone, die von Juden frei bleibt", schaffen zu wollen, wo die amerikanische Luft nicht von „Fremdlingen" verunreinigt wird. * * * Vor einiger Zeit tauchte in Amerika der Plan ans, im Staate Utah eine großzügige jüdische Kolonisation zu inaugurieren. Eine der größten jüdischen Organisationen Amerikas entsandte ihr Vorstandsmitglied Dr. Blaustein auf eine Studien-