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Die Wahrheit · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. -—r—ir daß die Vorstandsmitglieder bis zn ein Drittel ihrer Gesamtzahl gegen B e s o l d u u g angestellt werden können. In der Begründung dieser Vorlage wird daraus hingewiesen, daß die Höckstzaht von 7 Vorstandsmitgliedern, die durch die bisherige Gesetzgebung der preußischen Syttagogell-Gemeilldeu gestattet war, und die Bestimmung, daß die Mitglieder ihr Amt unentgeltlich zn verwalten haben, der Berliner Synagogen- Gemeinde die außerordentlich umfassende Verwaltung fast unmöglich machen. Deshalb hat die Berliner Synagogen-Gemeinde beantragt. ihr durch Gesetz die Erhöhung der Zahl ihrer Vorstandsmitglieder zu ermöglichen. Diesem Wunsche, der nach Lage der Verhältnisse als berechtigt anerkannt werden muß, soll durch die Vorlage Rechnung getragen werden. * * * Das Pariser Zentralkomitee der „Alliance" hat in seiner Sitzung vom 5 d. M., wie berichtet wird, die Deutsche Konferenzgemeiuschast für aufgelöst erklärt. Die deutschen Lokalkomitees haben ihre Beiträge direkt oder durch Vermittlung eines Bureaus nach Paris abzuführen. „Ost und West" soll allein vom Pariser Zentralkomitee geleitet werden. Die Leiluna der Deutschen Konferenzgem e i n s ch a f t hat demgegenüber beschlossen, schärfsten Widerstand gegen diese Verfügungen von Paris zu organisieren. Sie beruft auf den 28. ds. eine Tagtlng des Lokal-Komitees nach Berlin ein And beabsichtigt, an Stelle der „Deutschen Konferenzgemeinsckaft" eine „Vereinigung der d e n tsch e n Lokal-Komitees" zu setzen. Die Hauptsache ist. daß sämtliche deutschen Lokalkomitees die Disziplin wahren und ihre Beitrage nicht nach Paris, sondern ausschließlich der Berliner Verwaltung der Konferenzgemeinschaft einseiiden. * Durch eine'Gerichtsverhandlung, die vorige Woche in Berlin stattfand, wurde die Oeffentlichkeit wieder an die erbärmliche Figur des ehemaligen Bibliothekars Dr. Frömer erinnert, der bekanntlich infolge seines in der „Zukunft" veröffentlichten Artikels „Ueber das Wesen des Judentums" von der Berliner jüdischen Genieiude entlassen wurde. Ueber die betreffende Verhandlung lese» mir in der „Straßb. Jsr. Wochenschrift" Folgendes: Ein Beleidiguugsprozeß mit jüdisch-religiösem Hintergrund hat am letzten Dienstag die 149. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte beschäftigt. Der frühere Bibliothekar der Berliner jüdifchen Gemeinde, Dr. Jakob Fromer, hatte im Jahre 1904 in der von Maximilian Harden herausgegebenen „Zukunft" unter .dem Pseudonym Elias Jakob einen Artikel mit der Ueberschrift „Das Wesen des Judentums" erscheinen lassen. In diesem Artikel suchte der Verfasser den Nachweis zn führen, daß die Juden mir durch die äußere talmudische Kruste als Volk ohne Land znsammengehalten werden. Innerlich seien sie als Volk restlos verloren. Sie sollten die Konsequenz ziehen. Entweder sollten sie ins Ghetto znrückkehren oder das Judentum aufgeben. Nachdem die Persönlichkeit des Verfassers festgestellt war. wurde Dr. Fromer sofort ohne Jnnehaltnng der Kündigungsfrist entlassen. Dr. Fromer verklagte ben Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde wegen des rückständigen Gehalts bis zum Ablauf der Kündigungsfrist; er wurde von allen Instanzen kostenpflichtig abgewiefen. In dem schriftlichen Urteil des Kammergerichtes hieß es: „Der Kläger Dr. Fromer hat sich durch sein außerdienstliches Verhalten seiner Stellung unwürdig gezeigt." Am 3. September 1910 veröffentlchte Dr. Fromer in der „Zukunft" einen weiteren Artikel mit der Ueberschrift: „Modernes Fehmgericht". Dies gab dem in Berlin erscheinenden „Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums" Veranlassung, am 11. September 1910 einen Artikel mit der Spitzmarke „Ein Märtyrer von Hardens Gnaden" zu bringen. In diesem wurde dem Dr. Fromer vprgworfen. er habe jahrelang die tatkräftige Unterstützung der Judenmissiou treibenden Koryphäen genossen. Ferner hieß es in dem Artikel: „Dessen absolute Unwissenschaftlichkeit von allen maßgebenden Faktoren seit Jahren festgestellt ist." Ferner wurde dem, Dr. Fromer „ein minderwertiges sittliches Empfinden" vorgeworfeu und sagt: Daß er es fertig bringt, in Ehren ergraute Mänsser, wie Geheimrat Senattnrt zn verdächtigen, Männer. die in richtiger Würdigung der Lage, seinem unwürdigen Treiben ein Ende bereiteten usw." Dr, Fromer strengte deshalb gegen den vermeintlichen Verfasser des Artikels Dr. Julius Moses, den verantwortlichen Redakteur des „Gem-Anz." Karl Pietznch die Privatbeteidigungsklage an. Die erste Verhandlung, die am 11. Januar 1911 stattfand, mußte vertagt werden, da der Gerichtshof die Vernehmung mehrerer Zeugen für notwendig erachtete. Auf Befragen bemerkte der Angeklagte Pietznch: Er sei Katholik und habe selbstverständlich au einer Judenzeitung keinerlei Interesse. Er habe den Artikel auch nicht gelesen. Er habe sich auf Ersuchen , des Verlegers bereit erklärt, verantwortlich zu zeichnen, da ihm die Versicherung gegeben wurde, es werde niemals etwas Verfängliches in der Zeitung erscheinen. Der Vertreter des Klägers äußerte: Es sei ungemein charakteristisch, daß ein katholischer Christ verantwortlicher Redakteur eines Blattes sei, das vorgebe, die gesamten Interessen des Judentums zn vertreten. Er ziehe aber nach der Erklärung des Angeklagten Pietzuch gegen diesen die Klage zurück. Das Gericht verurteilte den Beklagten Dr. Moses zu 150 M. Geldstrafe und sprach den Wiederbeklagten' Dr. Fromer frei. * * * Unter dem Vorsitze des Lord Rothschild hat in London am 14. d. M. eine Konferenz von Vertretern derjenigen Synagogen in London und in der Provinz stattgefunden, die zum, Gehalt des Chief-Rabbi einen jährlichen Beitrag leisten und naturgemäß zunächst auf die Wahl desselben Einfluß nehmen. Die Personenfrage wurde in dieser Konferenz nicht berührt und man wollte sich nur üb.er den Wahlmodus klar werden. Höchst bemerkenswert war eine Aeußerung des Vorsitzenden Lord Roth- .schild, der mit aller Entschiedenheit sich dafür erklärte, daß der Nachfolger Dr. Adlers ein E n g l ä n d e r sei, der eng - l i s ch e S i t t e n, e n g l i s ch e s D e n k e n n n d F ü h - l e n so gründlich kennt, daß er nichts unternehme, was den „anglisierten" Glaubensbruder nicht ganz mundgerecht wäre. Bei dem großen Einfluß, den Lord Rothschild besitzt, dürften die meisten Delegierten sich seine Anschauung zu eigen machen und die früher verbreiteten Kombinationen von Berufung ausländischer Kandidaten hinfällig werden. Die Konferenz wählte schließlich eine 17gliedrige Kommission (9 aus London, 8 aus der Provinz), die einer neiterlich einzuberufenden Konferenz Vorschläge darüber machen soll, nach welchem. Modus die Synagogen, resp. die stimmberechtigten Delegierten derselben die Wahl durchführen sollen. * * * Ueber die immer trauriger sich gestaltende Lage der Juden in Rumänien wird dem „Israelit" aus Bukarest gemeldet: Die Hoffnungen, welche die Juden in die Judenfreuudlichkeit des Ministerpräsidenten Carp gesetzt haben, waren leider nicht von langer Dauer. Die Situation hat sich um nichts verbessert, und auch die Regierung Carp hat es nicht vermocht, die schon seit langem drohende gesetzliche Maßregel gegen die Betätigung der Juden als Fabriksarbeiter zu verhindern. Schon in allernächster Zeit wird das rumänische Parlament den von dem Vorgänger Carp's ausgearbeiteten Gesetzentwurf in Beratung ziehen, wonach in sämtlichen Fabriken des Landes zumindest 75 pCt. der Arbeiter und Beamten, Rumänen und nur 25 pCt. Fremde sein dürften. Daß auch in diesem Falle unter Fremden die Juden zu verstehen sind, muß wohl nicht nochmals betont werden. Es ist auch kein Zweifel, daß das Parlament diesem Gesetzentwürfe die Zustimmung erteilen wird, und so steht denn abermals eine größere Auswanderung der Juden aus Rumänien bevor, wie sie in letzter Zeit nicht beobachtet wurde, weil eben die allerdings trügerische Hoffnung vorhanden war, daß die Lage der Inden unter dem Regime Carp eine Erleichterung erfahren werde. Wie überall, wo die Auswanderung der Juden auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, greifen

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