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Die Wahrheit · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eite 6 Pie Wahxdeit. Nr. 3. sp^en Härten, ich Hätte geschwankt, ob ich sie nicht für engste Landsleute erklärt hätte; nicht etwa nur das physische Aussehen, . schldern die, vielen Imponderabilien, die vor allein das Wesensjiche eives Menschen bilden, zeigten einen überraschenden Anklang an deutsche Muster. So wie sich das Benehmen der Kinder dieser tunesischen Juden vollzog, wie die Frauen sich gahen :— e§ glich absolut nicht dem Gehaben der Umgebung. Man kann glauben, daß ich voreingenommen diese Aehulichkeit heraussoüstruiere. Aber auch Zollschan hat gerade auf diese irreführende. Darstellung der Juden in zwei Rassen hiugewiesen und darßelegt, daß zwischen den Sephardim und Aschkenasim keine sonrätischen Unterschiede existieren. Und wirklich, wer die tunesischen Inden - in ein paar Hundert Exemplaren betrachtet hat, muß zugeben, daß sie sich ui ihren Gestalten, ihrem mimischen Gesichrsausdruck, in Haarfarbe usw. nicht wesentlich von den nordischen Inden unterscheiden können. Besonders die blonden Elemente unter ihnen waren eigentlich nicht blond. Es waren die bekannten rotköpfigen Inden, hie wohl niemand mit rein germanischen Elementen verwechselt hat. Großes Interesse glaubte ich noch der Erziehnngsfrage nutz besonders dem Stand des Judentums entgegenbringen zu chüssen. Eines der ersten Lebensbeweise des Judentums empfing ich in einer großen öffentlichen Anzeige, wonach die Alliance Israel- Univers. allgemeine französische Abendkurse eingerichtet habe, dereg Besuch durch die Presse lebhaft empfohlen wurde. Ich nahm nun oft die Gelegenheit wahr, Schüler der Alliance zu sprechen, und habe von allen die Mitteilung empfangen, daß der jüdische Unterricht völlig mangelhaft sei. In Tunis bestand er viele Jahre hindurch in einer Stunde wöchentlich, in Ssax zum Beispiel haben Kinder, die schon drei Jahre hie Ecole d; Alliance Israelite Un. besuchen, noch keinerlei Hebräischen Unterricht empfangen. Und wenn mir diese Mitteilung nicht so vielfach an Ürt und Stelle gemacht worden wäre, wenn sich der Schochet von Ssax in der Synagoge nicht feierlichst für die Wahrheit des Angegebenen verbürgt hätte —. wie sollte ich es glauben? Sobald ich Gelegenheit hohe, werde ich mir ein genaues statistisches Material verschaffen und diese Angaben genauer noch belegen. Ich habe übrigens im Gegensatz zu der jüdischen, aus dem denkbar niedrigsten Niveau stehenden Jugend, die im Banne der Älliance steht, weiter südlich prächtige Jndengemeinden gesehen, die auch ihre Synagogen trefflich ansbauten, obwohl sie viel ärmer als z. B. die Sfaxer sind. Das sind die arabischen Inden, welche keine Alliauceschule haben. Und nun müßte ich eingehend ans die Wirksamkeit der Alliance zu. sprechen kommen. Natürlich ist es für einen Reisenden, der nur kurze Zeit im Laude weilt, schwer, ein Urteil über so schwerwiegende Fragen abzugeben. Aber da bis jetzt säst stets nur die Berichte der Schuldirektoren, die natürlich ihr Werk gehörig heransznstreichen verstehen, publiziert wurden, so mag es auch einmal vergönnt sein, einige andere Stimmen zu hören. Die Alliance hat ihre Schulen in Tunis hauptsächlich in in Städten wie Tunis und Ssax. wo sie absolut ühersiüssig ssiid. Es gibt heute im ganzen Lande Volksschulen, in denen Französisch und Arabisch gelehrt wird. . Da ich zufällig zwei Tage mit Vollsschnllehrern arabischer Siedelnngen beisammen war und deren Schule genau inspizierte, so kann ich mir einbilden zu sagen, daß an den Orten, wo ich die staatlichen Schulen kennen lernte, eine besondere jüdische nur dann nötig ist, wenn sie jsidische Werte schafft, Und die Inden von Zarzis, von Ben-Gardan. sowie die, mit denen ich unterwegs vielfach beisammen war, versicherten mir, daß sie keine Allianceschule wünschten, weil diese nnjüdisch und nur französisch, seien. Ich habe auch Jeschibot der arabischen Juden besucht und mich gefreut, wie stark die Beteiligung und wie groß das jüdische Wissen der Schüler hier war. Wenn also schon, diese Dorfschulen die Erlernung der französischen Sprache ermöglichen, wozu braucht man denn in den großen Städten, wo die Ausbildung eine bessere ist, die Schulen der Alliance.?. So haben mir Juden von Ssax versichert, daß sie ihre Kinder nicht in die Allianceschule schicken, weil diese zu schlecht sei. Darauf Mst. ich. nichts eingehen,. weil ich es-nicht^entscheideü kann. Aber das eine habeich gesehen, gerade in den Gegend,eit, die von d'ex Kultur. am, weitesten abgeschnitten sind, wo, die Inden sich am ärgsten plagen müssen, ihren jüdischen Lehrer und ihren Rabbi . mitznerhalten, da existieren keine Allianceschulen; aber Hort,. .wo die Juden an und für sich wohlhabend sind.--- und für das Franzoseiitum eine Vorliebe haben. Ich weiß natürlich nicht, ob alle ehemaligen Eleven solche französische Fanatiker and Chauvinisten, wie die zirka 20 Per? sonen, die ich bei täügeren Unterredungen kennen gelernt. Aber die Juden, mit denen ich in Eisenbahnen, auf Dampfschiffen und in Hotels zilsammenstieß. das waren französische Nationalisten, wie .mau sie sich ärger nicht denken kann. Zweimal wurde ich gefragt und zwar allen Ernstes, wann „wir" Elsaß-Lothringeü „ihnen" wiedergeben wollten. Das schönste dabei'war aber, daß sie sich sehr blamierten. Die Franzosen nehmen sie natürlich nicht für voll. . Schon ans dem Schiff kam ein naiver Mann ans mich zu und deutete belustigt ans den immer wieder zusammenschwirrenden Hansen Meiner Glaubensgenossen und sagte etwas verachtend: ^I)es Juifs“..@iiter dieser Leute, die übrigens, als ich sie als Inden ansprach, zuerst ganz dieses Faktums vergessen hatten, bis ich meine, eigene Zugehörigkeit zu erkennen gab, war ein Photograph, der Vertreter einer Kinematographenfirma, den ich unterwegs öfters traf. Jedesmal, wenn ich mich nach dem Herrn C., einem Franzosen ans Tunis, erkundigte, klärte man mich über den Irrtum auf, C. sei ein Jude. Man nimmt in einem Lande, wo die Juden heute noch etwa zur Hälfe, trotz der Benutzung der arabischen Sprache, sich als ein eigenes Volk geben, wo selbst die Malteser als eigene Nationalität anftreten, wo es ein buntes Durcheinander der Völker gibt, natürlich von dem raschen Uebergeheu jüdischer Massen zum Franzoseutum Notiz, aber anders als die Alliance es sich ansgerechnet hat. Die Franzosen schätzen die Juden absolut nicht so sehr als diese glauben. Man halste Pom Militärdienst als eine rasse rnferieure völlig ausgeschlossen, während die Franzosen und Araber herangezogen werden. Auch sonst habe ich einen namhaften wirtschaftlichen und gesellschaftlichen. Antisemitismus beiden Franzosen bemerkt. Wie mein arabischer Führer, der mich von Zarzis nach Ben-Gardan begleitete, ganz richtig bemerkte, macht es bei den Arabern böses Blut, die Juden sind zu sehr für die Franzosen „interessiert". Und bei der sich immer steigernden Spannung, die zwischen den ursprünglichen Einwohnern und den. Franzosen entsteht, und die auch im Wirtschaftsleben noch zur Geltung kommen wird, muß. es den Inden in Tunis, wie denen, m Deutsch-Polen gehen; sie kommen zwischen zwei Feuer, wenn sie sich zu selbstlos der einen Partei hingeben. . Zwischen den tunesischen Juden besteht aber heute, schon eine starke Kluft. Da sind die französischen Inden, welche die arabischen als völlig, minderwertig verschreien und sie als kulturlos bezeichueu. Das ist absolut unwahr. Ich hatte B. Gelegenheit. zwei Tage mit einem einfachen Maurer, einem Inden in Schusch, einem der scheußlichsten und verlassensten Fellachenhöfe, beisammen zu sein. Der Mann war recht gul über alles mögliche, auch über den Zionismus orientiert. Der Mann verdient, übeigens bloß 2 Franks, in schlechten. Zeiten l1/, graute pro Tag. Wenn man die Sabbate und Feiertage, an denener nichts verdient, abrechnet, so ergibt das einen monatlichen Verdienst von-30 bis 40 Franks. Ich habe gefunden, daß dieser Maurer trotzdem glücklich, war, obwohl er als Vater dreier bald heiratsfähiger Töchter nur 200 Franks hatte bisher znrücklegen können. Und. 200 Franks ist. die Mitgift für ein Mädchen, natürlich kann diese auch, größer sein, doch sind z. B. auf der Insel Djerba solche über 1000 Franks selten. Die Araber hingegen,. die. ihre Knaben mit 13 Jahren schon verheiraten, zahlen für die Frau eine Summe an den. Schwiegervater, die durchschnittlich meist, dem Preis eines Pferdes hierzulande (200; bis 300 Franks) entspricht. -— Im übrigen fandich, daß gerade die arabischen Juden eine - äußerst: gesunde Lebensweise und eine volkswirtschaftlich wichtige Beschäftigung, verrichten, - sie sind äußerst geschickte und. gesuchteHandwerker,. wie Goldschmiede usw.

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