Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 5. Nr 3. Die Wahrheit platze. Bald nach dem König kam auch der Abgeordnete Fürst Torolonia in die Synagoge. Der König blieb während des ganzen Gottesdienstes, über dreiviertel Stundest;'im Tempel. . . *, ...... : In Rumänien ist eine Versassüngsänderuug in Sicht. Diese wird von den drei größten Parteien des Landes, den Konservativen, Demokraten 'und Nationalliberalen, die 'sich zu einem. Kompromißblock vereinigt haben, dringend gewünscht. Ob das, was an der rumänischen Verfassung am -'/meisten faul und morsch ist, nunmehr fallen wird? Den Antisemiten ist es, wie der Bnkarester Korrespondent des „Israelit" mitteilt, aus jeden Fall bei der Revision der Verfassung nicht ganz geheuer zu Mute, und sie suchen jetzt schon jede menschliche Regung im Volke zu Gunsten der Juden im Keime zu ersticken. Das Fremdengesetz bleibt unverändert in Kraft, heißt die Parole, der als Motivierung alle tausendfach widerlegten Anklagen gegen die Juden ans dem Märcheureich des klassischen Antisemitismus im Lande der „Fremden" folgen. Werden die Demokraten und Nationalliberalen, die ja auch'zum sogenannten Verfassnngsblock gehören, sich bei dieser Gelegenheit ihres Liberalismus erinnern und danach trachten, die Verfassung von ihrem schlimmsten Schandflecken: dem die völlige Judenentrechtung bedingenden rasfinierten Fremdengesetze zu reinigen? Was die Hoffnung ans die Liberalen betrifft, so genügt es zu betonen, daß das jetzt am Ruder stehende Kabinett Carp, das keinen Finger zur Besserung der. unhaltbaren Lage gerührt hat, ans deren Mitte hervorgegangen ist. Die Demokraten werden aber, wie ans ihrem Organe, dem „Adeverul," ersichtlich, bei der Verfassnngsrevision nicht achtlos an dem jüdischen Problem vorübergehen. Ob sie indessen ihren Willen durchsetzen, ob sie überhaupt mit durchdringender Entschiedenheit auf demselben bestehen werden, ist eine, andere Frage. Man spricht von einem Kompromißblock, ohne über die Einzelheiten des Kompromisses genauer informiert zu sein. Es steht aber zu befürchten, daß wieder einmal die 300.000 „fremden" Juden die Kosten zu tragen haben werden. * * . * Von anderer Seite wird aus Bukarest geschrieben: Die der Kammer vorliegenden Handwerk- und Jndnstriegesetze beunruhigen die Jndenheit. Im Namen der Union der einheimischen Inden haben Dr. Stern beim König, S. Halfon und Dr. A. Stern beim Ministerpräsidenten Carp intervenier!. Auch Dr. Niemirower, Rabbiner der spanischen Gemeinde in Bukarest, der vom Könige huldvollst empfangen wurde, hat diese Fragen berührt, aber die rumänische Jndenheit ist sehr pessimistisch gestimmt. Mehr erwartet man von der Audienz des Dr. Niemirower beim Könige in Bezug ans die Frage der endgültigen Abschaffung des sogenannten Jndeneides, der zwar zum großen Teil nunmehr außer Uebnug ist, aber noch in manchen Orten verlangt wird. Die Union, an deren Spitze Männer wie der Präsident Dr. A. Stern, Dr. Beck, Dr. Niemirower, Dr. Erdreich, A. Salomon usw. stehen, erweist sich in dieser kritischen Zeit als segensreich. * * * Zu den Mitteilungen des „Temps," wonach die Niederlassung von Juden in Syrien und Palästina verboten werden soll, wird dem „Hamb. isr. Familienbl." von unterrichteter Seite geschrieben: „Schon im Jahre 1882 wurden seitens der türkischen Regierung Einwanderungsbeschränkungen gegen die Inden verfügt, die nach den großen Judenverfolgungen in Rußland nach Palästina kamen und dort die ersten Kolonien gründeten. 1892 wurde ein formelles Einwanderungsverbot erlassen. Diese Maßregeln entsprangen im wesentlicl'en der Befürchtung, die Massenausiedlnug russischer Inden werde der russischen Regierung erwünschten'Anlaß bieten, sich fortgesetzt in türkische Angelegenheiten einzumischen. In der Tat behandelt die russische Regierung die Inden, die sich im Orient niederlassen, nach ganz anderen Prinzipien, als ihre jüdischen Untertanen in Rußland selbst. Sie werden, sobald sie Rußland verlassen haben, als „echte Russen" betrachtet Und sorgfältig „geschützt." Daß die türkische Regierung ' trotz dieser seit 30-Jahren bestehenden Beschränkungen keine eigentlich judenfeindliche Haltung einnimmt, geht daraus hervor, daß von 1882 bis 1896 25 jüdische Kolonien in Palästina gegründet wurden und seit 1896 weitere 10 Kolonien, ohne daß die Regierung erhebliche Schwierigkeiten gemacht hätte. 1 Was nun die heutige Situation betrifft, so sind tatsächlich Anzeichen antisemitischer Stimmungen aufgetancht, die aber künstlich von außen hervorgernfen waren und gewissen politischen Plänen fremder Agenten dienten. Die Judenfrage wurde dann auch für die innerpolitischen Kämpfe ausgenntzt, was zn der Kammerdebatte über den Zionismus führte. Zweck der Uebung war die Kompromittiernng des Ministeriums. Vor einiger Zeit wurde daun im türkischen Miuisterrat ein Gesetzentwurf beraten, der die weitere Einwanderung von Juden beschränken sollte. Dieser Entwurf, der von Ferid Pascha stammte, wurde mit der Begründung abgelehm, er verstoße gegen die Konstitution. In den letzten Tagen wurde nun ein neuer Entwurf, der sich ebenfalls mit der jüdiscbetl Einwanderungsfrage beschäftigt, dem Staalsrat vorgelegt. Ueber den Inhalt ist bis zur Stunde nichts bekannt. Die Meldung des „Temps", es sei ein Niederlassnugsverbot beabsichtigt, ist eine leere Vermutung. Es ist kaum anzunehmen, daß die Türkei bei den jetzigen Wirren uh Innern auch noch die jüdische Einwanderungssrage zu einer definitiven Entscheidung bringen will. Jedenfalls wird es noch lauge dauern, bis der Entwurf vor die Kammer kommt. Ober für die jüdische Einwanderung günstig oder ungünstig ist, steht dahin. Die oben erwähnten, bereits bestehenden Beschränkungen sind, wie gesagt, ohne praktische Bedeutung geblieben. Der Erlaß eines Gesetzes, das die Einwanderung ausländischer Juden verbietet, würde in striktem Widerspruch zu den internationalen Abmachungen der Türkei stehen. Die Kapitulationen verbürgen jedem Ausländer das Recht, sich in der Türkei niederzulassen und Grundeigentum zu erwerben. Eine Beschränkung dieses Rechts zuungunsten der Juden wäre völkerrechtlich unhaltbar. Won den Inden in Tunis. Ein Reisebrief von Dr. Felix Theilhaber.*) Als ich in Tunesien landete, wußte ich von seinen Juden nicht zuviel, nur daß es zirka 70.000 gäbe, die sich ihr Brot vielfach als Handwerker verdienen. Ursprünglich stammen diese Juden von den spanischen ab. Aber über ihr sonstiges Leben ist bis jetzt noch nicht soviel publiziert morden, als daß dieser Reisebericht, der absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, nicht vielleicht von einigem Interesse wäre. Die Juden, die ich zuerst antraf, hielten sich in einem sogenannten koscheren „Hotel" auf, das aber keine Zimmer für Fremde besaß, sondern nur für die Bewirtung einiger Gäste eingerichtet war. Aeüßerlich machten mir die Gäste den besten Eindruck. Sie waren sehr schick gekleidet und benahmen sich der schmutzigen Umgebung absolut nicht angemessen. Was das Aussehen der einzelnen Judentypen anlangt, so konnte ich hier, wie hundertfach nachher, konstatieren, daß alle diese Erscheinungen auch als aschkenasische Juden mir begegnet waren. Besonders bei den a la Franca gekleideten habe ich stets eine überraschende Gleichheit mit den mir bekannten Bildern aus Deutschland gefunden. Die arabischen Juden stets sicher zu erkennen, war nicht immer leicht. Einige Formen glichen ganz solchen, die ich — es war wohl im Jahre 1902 — als jemenitische Juden abphotographiert gesehen hatte. Ich habe eine besonders ähnliche Figur auch abphotographiert. In Tunis und den größeren Städten des Nordens schien es mir. als ob sie in Handel und Wandel ganz unseren deutschen Juden gleich würden. Alle größeren Geschäfte, Banken, kleinen Fabriken sind in ihren Händen. Aber auch schon bei der Ueberfahrt hatte ich Gelegenheit, tunesische Juden zu beobachten. Wenn ich nicht sicher gewußt hätte, daß sie Deutschland nie ge- *) Der durch sein Buch über den Untergang der deutsche» Inden in weiteren Kreisen bekannte Versaffer dieses Artikels hat sich als Arzt den Türken für den Krieg mir Italien, zur Verfügung gestellt, und dem! Schweizer Israel. Wochenblatt von seiner' Reise berichtet.