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Die Wahrheit · 1912-01-12 · Heft 2 (12.1.1912) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 2. niemand etwas anhaben. Eure Schrift enthält überdies die besten sanitären Vorschriften, welche die Welt kennt. Hier in den Vereinigten Staaten seid ihr loyale Staatsbürger. Es gibt Leute, die fürchten, ihr werdet nicht richtig wählen. Ich denke jedoch, ihr seht, was unter euren Augen vorgeht. Niemand kann euch bei der Hand fassen und zur Wahlurne schleppen." Der Bürgermeister erinnerte seine Zuhörer dann noch an'all die Großen, die ihr Stamm hervorgebracht, an Spinoza, Disraeli, Mendelssohn, Montefiore. Mit einem Angriff auf den Ersten Bürgermeister von Newyork, Stnyvesant, der den Juden mit Mißtrauen begegnete, schloß er seine Ausführungen. . Indische Grjiehimg. Es ist allgemein unbestritten, daß die Erziehung, die wir in der Jugendzeit genossen haben, den mächtigsten Einfluß auf die sich bildende Gesinnung und auf den entstehenden Charakter besitzt. Nicht aber eine tendenziöse Schulerziehuug kann einen solchen bestimmenden Einfluß gewinnen, sondern nur eine lückenlos, ohne innere Widersprüche, liebevoll aber konsequent geleitete F ä m i l i e n e r z i e h u n g. Die trefflichste Schulerziehuug bleibt erfolglos, wenn sie nicht verständnisvoll von der Hauserziehnng unterstützt und ergänzt wird, denn das Kind steht natürlich seinen Eltern, von denen es in Liebe alle seine Bedürfnisse selbstlos empfängt, unendlich näher wie seinen Lehrern. Die modernen jüdischen Eltern sind es aber, die häufig gar nicht den Wunsch hegen, ihren Kindern eine ausgeprägte jüdische Erziehung zu geben. Sie wollen, wie man dies häufig zu hören bekommt, die Kinder vor allem zu Menschen, nicht aber spezifisch zn Inden erziehen, übersehen aber, daß sie damit selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Wer schärfer auf die geschichtliche Entwicklung der Nationen, besonders in neuester Zeit, achtet, kann unmöglich die Kraft der nationalen Idee unterschätzen, welche sogar imstande ist, die nüchternsten sozialen und Klassenkämpfe zn hemmen und ihre Wirkung abzuschwächen. Die nationale Leidenschaft hat sich in jüngster Zeit häufig bis zur Verfolgungswnt gegen andere Nationen und Rassen gesteigert. Die Ra s s e n z u g e h ö r i g k e i t spielt in der Gegenwart, so wie in den finstersten Zeiten des Altertums die entscheidende Begründung für Wertschätzung oder Verachtung, Freundschaft oder Feindschaft. Weder die eifrige Teilnahme a n d er kn lt u r e ll en Bild un g der vorherrschenden Nationen, noch selbst ein Abfall von der angestammten religiösen Form kann über die unerwünschte Zugehörigkeit zn einer unbeliebten Rasse hinweghelfen. Denkende jüdische Eltern sollten sich schon durch solche nüchterne Erwägungen dazu bestimmen lassen, ihre Kinder ganz entschieden zu Juden zn erziehen, um sie einst wehrhaft zu machen und ihnen einen festen nationalen Stab ans den Lebensweg mitzugeben, der ihnen das moralische Gleichgewicht und die nötige Tragkraft bieten soll, damit sie den ihnen auf jeden Fall bevorstehenden schweren Kampf durchs Leben ehrenvoll bestehen können. Das wahre Judentum schließt das Menschentum nicht aus itiib die mosaische Religionsform ist die einzige unter den monotheistischen Konfessionen, welche einerleiRecht und Gesetz für alle Menschen, auch für Nichtjuden festsetzt und auch den Frommen unter beit Nichtjuden ewige Seligkeit zubilligt. . Wir brechen unseren Kindern selbst das so nötige Rückgrat, wenn wir in der schwächlichen, färb- und kraftlosen, weil national v e r s ch w o m m enen Erziehungsweise fortfahren, zumal in einer Zeit, in der die Juden in großen oder doch ansehnlichen Staaten zn. Volks srem b elt gestempelt werden, wenn sie noch so große Opfer an Blut und Steuern zum Besten der betreffenden Staaten gebracht hätten, in einer Zeit, in der beispielsweise unter der Bezeichnung „deutsch" häufig auch die Nebenbedeutung „antisemitisch" verstanden wird. Wollen wir unsere Kinder vor S e löst v e r a ch t u n g', der schwersten Volkskrankheit, bewahren, wollen wir ihnen das gemütliche und seelische Gleichgewicht erhaltend 'wollen wir sie Nicht dadurch unglücklich machen, daß sie an ihren eigenen Wert und Lebensinhalt verzweifeln, dann müssen wir ihnen eine entschieden jüdische E r z i e h u rt g geben. Niemand kann aber etwas geben, was er selbst nicht besitzt. Es ist daher vorerst notwendig, daß sich jüdische Elternkreise, welche ihre Kinder lieben, vorerst selbst über jüdisches Volkstum und mosaische Religionslehren gründlich zu informieren suchen. In dieser Richtung sind die Vorträge in den Toynbee- Hallen, in der Eschenbachgasse u. dgl. sehr zu begrüßen, nur wäre zu wünschen, daß solche Veranstaltungen stark vermehrt und a u ch b e n ü tz r würden. Vor allem muß die Tatsache beherzigt werden, daß es keine jüdische Erziehung dort geben kann, wo die Eltern selbst jedes jüdische Leben, jede Achtung ihres eigenen Bolkstumes, die F e i e r der j ü d i s ch e n F e st t a g e. die Wertschätzung der mosaischen Religionslehren aus dem Hanse gebannt haben. Das elterliche Vorbild und Beispiel ist natürlich für die Kinder maßgebend. Der Religionsunterricht kann daher der jüdischen Kinderwelt nicht nützen, wenn seine Lehren in der Familie keine Beachtung finden. Ja. solche Widersprüche, häufig sogar wegwerfende, spöttische Bemerkungen seitens der Eltern sind wohl imstande, alle etwa vorhandenen Ansätze des sich bildenden religiösen lind nationalen Gefühles im Keime zu ersticken. Selbst solche jüdische Eltern, welche selbst solche Gefühle nicht mehr kennen, aber das Glück und das seelische Gleichgewicht' ihrer Kinder zn begründen streben, sollten bedenken, daß die G e m ü t s b i l d n n g bei der Kindererziehung ebenso wichtig sei. wie die intellektuelle Ausbildung, daß aber gerade die religiösen und nationalen Momente Stoff für diese Gemütsbildung in vorherrschendem Maße enthalten. Erinnern sich doch oft noch alte Leute mit Rührung solcher Szenen im Elternhanse, fühlen noch lebhaft nach, wie ihnen die längst verstorbenen Eltern anläßlich eines Kidusch am Eingänge des Sabbat den elterlichen Segen mit Andacht erteilten. Mit welchem Vergnügen gedenken mir noch eines Seder am Peßachfeste in der Familie, eurer Chanukafeier durch Entzünden der Weihelichter! Warum sollen wir solche Freuden unseren Kindern vorenlhalten? Wie sollen jüdische Kinder für ihr eigenes Volkstum, für ihre ehrerlvolle, glorreiche Geschichte erwärmt werden, wenn sie merken, daß ihre Eltern eifrig bestrebt sind, ihr Judentum selbst vor Andersgläubigen zn verbergen? Wie können sie jüdisch fühlen, wenn man arisch klingende Namen für sie ansgewählt hat und altjüdische Namen, wie Abraham, Jsak, Moses n. dgl. v e rp ö n t, während ' sich sogar arische Christen mit hebräischen Namen, wie Josef, Johann, Michael, Maria, Johanna belegen? Wenn wir selbst keine Liebe und Achtung für unser altehrwürdiges Volkstum mehr aufbriugen, wenn wir es nicht einmal mehr in unserem Familienheim betonen, wie können wir dann erwarten, daß die gehässigen Ansichten der Judenfeinde über die Minderwertigkeit jüdischen Wesens von unseren Kindern nicht geglaubt werden? Sollen wir ferner ruhig und indolent znschauen, wie die Judenfeinde alles Gute aus dem Jndentnme für sich reklamieren, aber alles Rückständige, Schädliche und Unsittliche unter Anwendung von Geschichtsfälschungen und Entstellungen als spezifisch jüdisch hinstellen? Wenn uns selbst auch alles Judentum bereits abhanden gekommen wäre, so müßte die Sorge um das seelische Gleichgewicht unserer Kinder, um ihre Lebensfreude und Kampfeslrrst gegen ihre Feinde hinreichen, um rrns anfzurütteln und uns zur Besinnung zu bringen! Uirzählige jüdische Familien feiern heute das Weihnachtsfest und andere christliche Feiertage mit den Christen um die Wette, während man die jüdischen Feste als unmodern nicht mehr begeht. Wie können sich dann solche Elternkreise darüber wundern oder gar es beklagen, wenn später ihre dem Jndentnme entfremdeten Kinder dem Glauben ihrer Eltern den Rücken kehren? Wenn der Abfall vom Jndentnme auch materielle und andere äußere Vorteile mit sich zn bringen pflegt, so ist es doch öffentliches Geheimnis, daß das Glück solcher Renegaten dann nicht vollkommen sein kann, weil sie dann Jrrden rrnd Christen fremd gegenüberstehen. Die ersteren betrachten sie als A bt r ü n n i g e, die letzteren als Eindringlinge.

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