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Die Wahrheit · 1912-01-12 · Heft 2 (12.1.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 2. Seite 4. Es existiert, mein Herr, eine zweifache Freimanrerei: die ehrenwerte nnd die aggressive. Letztere ist nichts anderes als eine religiousfeindliche Sekte, die Jeden mit Fener nnd Eisen vertilgen will, der mit der Religion in Verbindung steht. Der sogenannte „Speckjude" ist der bekannte Typus dieser angreifeudeu Freimaurer; es ist dies ein gewisser Teil der neologen Juden. Die wollen die ihrem uralten Glauben und ihrem Gotte treu anhäugenden orthodoxen Brüder niedertreten. Ans diesen Inden rekrutiert sich jene Bande, gegen die ich ein- und das auderemal meine Stimme erheben muß. _ Aber gerade mein Liberalismus veranlaßt mich, gegen sie «Stellung zu nehmen, damit der Stärkere die Gewissensfreiheit des Schwächeren nicht unterdrücken könne. Es ist nicht war, daß ich jene Inden, die längst ihren Gott verläuguet haben, oder nahe daran sind, es zu tun, deshalb angreife, weil sie noch Juden sind, oder Inden waren, ich tue es daher nicht aus Antisemiterei, sondern eben deshalb, um die anderer! Inden ihnen gegenüber zu schützen. Ich selber bin wohl ein religiös empfindender, guter Katholik. Ich glaube, mau kann dies mir nicht als Sünde aurechuen. Eben deshalb ehre nnd schätze ich Jeden, der seine Religion in Ehren hält, den ich bin der Ansicht —> und glaube, daß noch viele Millionen achtbare Menschen dieser Ansicht sind — daß Religiosität und Moral ein und derselbe Begriff sind. Die Religion darf und kann niemals in Gegensatz zur Bildung gebracht werden; die eine bildet einen ergänzenden Teil der anderen. Mein Leben lang habe ich mich — wie schon erwähnt — im Kreise meiner jüdischen Mitbürger wohlgesühlt, immer habe ich unter ihnen meine besten Freunde gefunden. Bei welchem Forum immer habe ich interveniert, wenn es sich um jüdische Angelegenheiten handelte. Die Leitung der Hauptstadt kann es am besten sagen, wie. sehr ich mich stets exponiert habe, wenn die Pester jüdische Gemeinde von der Stadt etwas verlangt hat. Jii der Generalversammlung der Stadtrepräsentanz war ich immer ihr stärkster Fürsprecher. Wenn von den religiösen Bedürfnissen und Interessen der Inden die Rede war, habe ich immer am stärksten für sie Partei ergriffen. Auch ans Personen' berufe ich mich. Die Budapester Kauflente Gebrüder Sürkäny, die in Budakeßi einen jüdischen Tempel bauen wollten und denen dies die Behörden erschweren wollten, haben sich ebenfalls an mich gewendet, damit ich dem Uebel abhelfe. Ich habe im Juden immer den Freund gesehen, und wenn ich dennoch hie und da gegen eine Gruppe von Noch-Juden auftrete, liegt der Grund hiefür rein nur darin, daß sie so aggressiv gegenüber den Leuten von ehrlicher Absicht Vorgehen, daß sie diesen ihr ganzes Leben erschweren wollen. Wenn darin Antisemitismus liegt, so ist auch das Antisemiterei, wenn ich nicht billige das angreifende Auftreten einzelner Lehrervereine gegen die Religion, die sie aus der Schule verstoßen wollen; sie als überflüssigen Ballast betrachten. Die Lehrer habe ich doch als die stärksten Stützen des Landes immer hochgeschätzt und werde sie auch weiter hochachten, ihr Wohl werde ich stets fördern. Aber dagegen muß ich mit meiner ganzen Seelenkraft protestieren, daß man bei der Erziehung der Schulzöglinge die stärkste Basis, die religiös-moralische Erziehung. niederreiße. Wir haben beispielsweise erst in jüngster Zeit gesehen, daß vor Abhaltung der Lehrer-Landesversammlung im Lokale der Freimaurerloge „Großer Orient" bis 2 Uhr nach Mitternacht darüber beraten wurde, wie man der Religion den Gnadenstoß versetzen soll. Auch dagegen trete ich auf. Ist das Autisemitismus? Nein. Das ist die Verfolgung der religiösen Anarchie. — Was halten Eure Exzellenz von der geplante!) gemeinsamen Autonomie der orthodoxen und neologen Judenschaft? Die gemeinsame Autonomie ist ein Unsinn. Die orthodoxe und die neologe Judeuschaft sind zwei Konfessionen, und zwei Koufessiouen können keine gemeinsame konfessionelle Autonomie haben. Die orthodoxen Juden werden mir binnen kurzer Zeit zu großem Danke verpflichtet sein, denn sie werden zur Einsicht gelangen, daß ich sie durch die Gewalt nicht niedertreten lasse. Oder wird auch dies bedeuten, daß ich Antisemit bin und die Jndenschast hasse? Erst in der jüngsten Reichstagssitznng bin ich ebenfalls in meiner Rede dagegen ausgetreten, daß ein den „Schulchan-Arnch" nicht im geringsten kennender jüdischer Abgeordneter seine, ihre Religion treu haltenden Glaubensbrüder angreist. Ich habe den Schwächeren in Schntz genommen. Ist also auch das Antisemitismus? Ich erkläre wiederholt, daß mir nichts ferner liegt, als dieser, und daß es niemals meine Ambition bilden wird, mir antisemitische Lorbeeren zu erwerben. — Und ist etwas daran, daß Enre Exzellenz an dem in der Hauptstadt sich bildenden antisemitischen Parteien teilnehmen? Gott bewahre! Ich bin weder Mitglied des „Volksverbandes" noch der christlichen Partei nnd habe auch keine Kenntnis von ihrer Tätigkeit. Ich beabsichtige ans der Hauptstadt wegzuziehen und so dem Gerede auf einmal ein Ende zn machen. Ich will meine Abgeordnete-Agenden erfüllen. Dies und nicht Anderes. Ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet, daß Sie mir zu diesen Aenßernngen Gelegenheit gegeben haben, um eine solche niedrige Beschuldigung znrückznweisen, die mit boshafter Absicht gegen mich fabriziert wird. ri- Bürgermeister Gaynor von Newyork besuchte die erste rumänische-israelitische Gemeinde anläßlich der zehnten Jahresfeier ihrer Gründung. Den Berichten der Newyorker Blätter entnehmen wir das folgende: Es war am dritten Tage der „Channka "-Feier und die Ankunft des Bürgermeisters rief eine solche Begeisterung bei der jüdischen. Einwohnerschaft hervor, daß. man die drei Channka-Kerzen ans den tausend Fenstern der Armeleutwohnnngen entfernte, um ihn besser sehen zu können. Der Bürgermeister hielt in der dichtgedrängten Synagoge eine Rede, welche unzählige Male von lebhaftem Applaus unterbrochen wurde. Mayor Gaynor rügte das Benehmen der Tempeldiener, welche die Beifällsänßernngen zn unterdrücken versuchten, mit den Worten: „Lasset sie doch! Dieser Applaus hat mir mehr wohlgetan als irgend etwas, das ich seit einem Jahre' erfahren." Er ließ sich auch ein Gebetbuch zeigen und das ganze Fest der Makkabäer erklären. Der Bürgermeister bestätigte in seiner Rede, daß die Juden überall, wo sie hinkommen. loyale Untertanen seien. „Wenn ihr einem Lande entfremdet werdet," sagteer, „so ist es nur, weil man euch unterdrückt. Ihr seid das älteste Volk der Welt; ihr hattet ein Heer, eine Regierung, eine Literatur und alles, was zu einer Nation gehört, als ureigenstes Eigentum. Die Hand Roms hat schwer auf euch gelegen. Auch als ihr euch zerstreuen mußtet, trugt ihr das Grundprinzip der Religion mit euch herum. Ihr habt die Lehre vom einzigen ewigen Gott gepredigt und damit der Welt die größte Tatsache der Geschichte geschenkt. Die Christen haben eure heiligen Schriften zn ihren heiligen Schriften gemacht. Freilich haben sie euch verfolgt, aber alle wahrhaft .großen Herrscher haben etwas für enre Befreiung getan." Friedrich der Große, Cromwell, Napoleon. Nun gebe ich euch zu bedenken, daß enre Vorfahren alle sich mit Landwirtschaft abgegeben haben. Sie hielten Herden, pflügten, säten und ernteten. Ihr mußtet dieser Beschäftigung untreu werden, weil man euch den Landbesitz verwehrte; jetzt aber in diesem großen, freien Lande hoffe ich, daß ihr zur Landwirtschaft znrückkehren werdet." Hier unterbrach den Redner ein ungeheurer Beifallssturm, der sich erst legte, als die Versammlung bemerkte, Mayor Gaynor wolle weitersprecheu. Er sagte dann: „Als Hausierer verdient ihr lächerlich wenig; ich glaube, die meisten unter euch wären auf einer kleinen Farm in Loi^g Island besser daran. Zur Zeit, als ihr Bauern wäret, habt ihr eure herrlichen Schriften abgefaßt; ich werde euch jetzt zeigen, wie wunderbar schön eure Schriften sind." Der Mayor nahm das Buch der Psalmen, schlug selbst die Stelle auf und bat den Vorsteher Louis Diamant, den dreiundzwanzigsten Psalm zuerst englisch, dann hebräisch vorzulesen. „Das ist nur eines unter, den tausend Juwelen, die eure Schrift enthält." sagte Mayor Gaynor weiter. „Zahllosen Herzen hat der Psalm Trost gespendet und neue Kraft gegeben. Wenn ihr euch an eure Schrift haltet und an euren ewigen Gott, kann euch

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