Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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. Redaktion imb Administration: Wien, 11/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Aerkschrift für Mische Rerngoprei»: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11, St. k. öftere. Boslsparkasia- Scheck-Konto Nr. 100.918. Intereste«. Für JtnUii$be(imte: <z>a»zjährig.!f 10. - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Isreitng. Für Ausland: Abonnementsnnd Jnsertions- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü Rubel oder 1<> Frc». Wien, 12 Immer Anhalt: Aus der Woche. — Jüdische Erziehung. — Gebet für den Bar-Mizwa. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Verbandstag der israel. Religiouslehrer. — Neue Judenverfolgungen in Rußland. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentume. Ans der Woche. Der politische Antisemitismus in Wien ist stark im Niedergange, tagtäglich zeigen sich neue Risse in dem einst so mächtigen christlichsozialen Gebäude und selbst die kleingewerblichen Kreise, wie derjüngsteAnsgaug derWahlen in der Meisterkrankenkassa der Schneidergenossenschaft zeigt, wenden sich enttäuscht und unzufrieden von der Partei ab, die unter dem Deckmantel der Judenhetze nur ihre persönlichen Geschäfte zu verhüllen suchte. Aber trotz dieses Niederganges treibt der wirtschaftliche und soziale Antisemitismus noch immer volle Blüten, und was dabei das Bedauerliche ist, er zeigt sich in Kreisen, bei denen man vermöge ihrer Intelligenz und gesellschaftlichen Position eine Betörung durch die Schlagworte der Gasse nicht voraussetzen kann und er, vergiftet selbst das Gebiet der Wohltätigkeit, wo naturgemäß alle Unterschiede der Rasse, Nationalität und Konfession fallen und nur das reinste Empfinden für menschliches Elend ausschlaggebend sein sollte. Ein klassisches Beispiel hiefür bot der^ Blumentag im vorigen Jahre. Nach dem Entrüstungssinrme, der sich damals über die Verteilung des Erträgnisses erhob, sollte man es kaum für möglich halten, daß in Wien ein zweitesmal wieder eine einseitig konfessionelle Begrenzung einer von . allgemeinen, und darunter auch reichlich jüdischen Geldern gespeisten Wohltätigkeitsaklion sich vor die Oeffentlichkeit wagen könnte. Aber siehe, wir werden eines anderen belehrt. Dieser Tage wurde in einzelnen Wiener Blättern die Voranzeige für den Blumentag 1912 und das Verzeichnis der Institute, denen das voraussichtliche Erträgnis zufließen soll, veröffentlicht, und wieder werden neben einigen allerdings segensreich wirkenden allgemeinen Institutionen ausschließlich katholisch-konfessionelle Anstalten und Vereine nominiert. Diese rücksichtslose Taktlosigkeit sollte die Wiener jüdische Bevölkerung, die. unter Verkürzung ihrer eigenen Institutionen bei allgemeinen Wohltätigkeitsaktionen immer'noch die größte Opferwilligkeit bezeugt hat, sich denn doch nicht bieten lassen nnb durch einmütige Ablehnung der ihnen etwa angebotenen Blumen den P. T. Arrangeuren des Blumentages zu-verstehen geben, daß sie sich eine solch öffentliche Verhöhnung nicht bieten läßt. .Die hiedurch frei werdenden jüdischen Spenden könnten dann, vielleicht durch eine intervenierende Zentralstelle, jüdischen Zwecken zugeführt werden, und dürften hier sicherlich Verwendung im Sinne der Spender finden. 4- 4- - -Der ehemalige Justizminister Geza Polonyi, dev'infolge -verschiedener, vielleicht mißverstandener Enuuziationen allgemein als Judenhasser galt und dem in einem Teile der ungarischen Presse auch die Absicht der Gründung einer Antisemitenpartei zugeschrieben wurde, hatte jüngst Gelegenheit, gegenüber dem Chefredakteur der „Ungar. Wochenschrift" seine Stellung zum Judentum zu präzisieren. Die uns von der Redaktion dieses Blattes zur Verfügung gestellte gegenseitige Aussprache geben wir im Nachfolgenden wieder: „Was ist daran wahr, womit sich die Tagespresse schon seit längerer Zeit befaßt, daß Alles, was Euere Exzellenz bisher im Parlamente und außerhalb desselben über die Juden vorgebracht haben, nur deshalb geschehen wäre, weil Sie in Ungarn — namentlich aber in der Hauptstadt — antisemitische Wirren verursachen wollen? Ich, der ich Eure Exzellenz seit zwanzig Jahren kenne, könnte mir das kaum vorstellen. — Das ist sehr richtig, mein lieber Freund, was Sie da sagen und Sie haben auch recht daran getan, daß Sie sich in erster Reihe an mich um Aufklärung gewendet haben. Ich freue mich, auf diese Weise allen Ausstreuungen die Spitze nehmen zu können. Schreiben Sie es in Ihrem Blatte, daß sowas mir niemals in den Sinn gekommen ist. Das Betreiben des Antisemitismus steht mir vollkommen fern. Ich protestiere gegen die absurde Unterschiebung, als würde ich auch nur das Geringste aus Judenhaß tunk Ich hasse nicht nur nicht meine Mitbürger jüdischer Konfession, sondern ich habe noch immer jede Gelegenheit ergriffen, ihnen nützen zu können. Wer mich länger kennt, weiß es, daß ich gerade in jüdischen Kreisen zahlreiche Freunde besitze, und daß ich immer allen ihrer: Angelegenheiten warmes Jntereffe entgegengebracht habe. Charakteristisch dafür, daß ich Antisemit sei, ist, daß ich zu jener Zeit, als Verhovay mit seinen antisemitischen Hetzen feurige Brände gegen die Judenschaft des Landes geschleudert hat. dieserbalb mit ihm ein Duell ausgefochten habe und wenig dazu gefehlt hat, daß er sein Leben verliere. Ich war stets ein Gegner solcher Strömungen, und wenn ich irgendwo von solchen Agitationen gehört habe, war ich selbst derjenige,: der sie erstickt hat'. Vom ganzen Geschwätz ist nur soviel wahr, daß in der Hauptstadt unter einem gewissen Schlagworte eine Interessengemeinschaft sich zusammengetau hat, die unter der Marke des Demokratentums mit ihrem provozierenden Auftreten ihre kleine Popularität vervollkommnen möchte. Diese Herren sind es, die durch ihr aggressives Vorgehen glauben machen wollen, daß ich den Antisemitismus will und die Judenschaft mystifizieren.