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Die Wahrheit · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite lö. Die Wahrheit Nr. 1. Neuukircheu. Für die hiesige Knltusgemeiude wurde Herr M. Bo gel nach einem mit großem Erfolge absolvierten Vortrage als Kantor gewählt und hat derselbe bereits j e i n Amt ängetreten. Prag. Engen Ritter von Kahler, der talentvolle Sohn des Präsidenten der .Effektenbörse Herrn Max Ritter von Kahler, ist ans der Höhe seines künstlerischen Schaffens, erst 30 Jahre alt, gestorben. Nach langem schweren Siechtum erlag der hochstrebende Maler dem Meister Tod. Die Beerdigung fand am 15. Dezember v. I. statt und versammelte die ersten Kreise der Prager Gesellschaft. In der überaus imposanten Trauerschar waren ' zu bemerken: Die land.esfürstlichen Kommissäre der Effektenbörse Hosräte Novotny und Lauer mann, der-Vizepräsident der Effektenbörse Direktor England er, die Börsenräte Kommerzialrat Richard E l b o g e n, Baron Engen Kn b i n z k y, die Börsensekretäre: Kaiserlicher Rat Dr. Leipe und kais. Rat Dr. F i s ch l, die Bankdirektoren Mendt, Steine r,..T i s ch l e r und W i e lt e r, die Universitätsprofefforen Hofrat Dr. R z a ch, Dr. R a u d n i tz und Dr. Kraus, die Dozenten Dr. Hirsch und Dr. Kafka, Abgeordneter von S o b i t s ch k a, Generalrat Oberfiuanzrat 'Dr. P e t s ch e k, Oberfinanzrat Dr. K o s e r a k, der Direktor des deutschen Landestheaters Tewel es, der Präsident des Jndustriellenverbandes Kommerzialrat Urban, der amerikanische Vizekonsul Weißberg er, der Präsident der Advokatenkammer Dr. Kaufmann, der Präsident der Kultusgemeinde-Repräsentanz, der Landesschulrat Dr. B e n d i e n e r, eine Abordnung des Vereines dentscher, bildender Künstler in Böhmen, der Ortsvorsteher mit der Gemeindevertretung von Stoiuar. die Beamten der Zuckerfabrik Cerhenitz u. v. a. Nach Absingung der Trauerpsalmen durch den Tempelchor widmete der Prediger der Tempelgemeinde Herr Rabbiner Dr. Emanuel Schwartz dem Frühverblichenen innige Worte des Gedenkens, dann wurde der Sarg gehoben, hinter dem die Rabbiner schritten und zu Grabe geleitet. — Zwei Tage zuvor wurde Herr Josef Feitis, Ches der Firma F e i t i s ü. K o r n f e 1 d, im Alter von 72 Jahren der Erde übergeben. Der Verstorbene, der sich durch Tüchtigkeit und Biederkeit anszeichnete, bedachte letztwillig viele jüdische Vereine mit namhaften Legaten. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer ehrenvollen Kundgebung für den edlen Wohltäter. Herr Rabbiner Dr. Schwartz würdigte die Vorzüge des Heimgegangenen Menschenfreundes in warmempfundener Trauerrede. — In der voraufgegangenen Woche verlor die Prager Gesellschaft eine ihrer vornehmsten Vertreterinnen, Frau Marie I e i t e l e s, . die Fabrikantenswitwe des Friedrich Johann I e i t e l e s. Reiche Geistesbildung, -gepaart mit schönen Herzensgaben zierte die hochgeachtete und beliebte Dame, die eine stille Wohltäteriu der Armen und Elenden war. Die Trauerfeier legte Zeugnis ab von der Wertschätzung, der sich die Verblichene in allen Kreisen zu erfreuen hatte. Der Prediger der Prager Tempel-Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. Emanuel Schwartz, gab in beredten Worten der tiefen Trauer um den Heimgang der. Verewigten Ausdruck, worauf die sterblichen Ueberreste ins Grab gesenkt wurden. Prag. Wie alljährlich fand auch diesmal die beliebte Chanukafeier der Prager im Tempel (Geistgaffe) statt. Lange vor der angesetzten Stunde drängten sich die Volksmaffen in das festlich erleuchtete Gotteshaus. Nach dem Anzünden der Lichter stimmte der Chor die traditionellen Weisen anj worauf der, Prediger Herr Rabbiner Dr. Schwartz die Kanzel bestieg, um die von echteni Makkabäermut getragene Festpredigt zu halten, welche die Gemüter mit religiöser Begeisterung erfüllte und auf die andächtig Versammelten schon wegen ihrer Aktualität eine zündende und hinreißende Wirkung ausübte. Mit der stimniungsvollen Hasmonäerhymne schloß die erhebende Feier. Bihar BajvM. Am 25. Dezember v. I. verschied die allgemein geachtete und verehrte Frau Bernat Marmor st ein im Alter von 86 Jahren und wurde am 27. Dezember unter überaus großer Beteiligung zu Grabe getragen. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zur imposanten Kundgebung der aufrichtigen Teilnahme und Würdigung der Verblichenen. Am Sarge sprach der. Sohn, Herr Bezirksrabbiner Marmor ste i n aus Szenitz tiefempfundene Worte des Abschiedes. Daun würdigte Se. Ehrw. Herr Rabbiner Emanuel S z o f e r die Tugenden und Vorzüge der Verstorbenen. Czeruowitz. (Eröffnung des isralitischen Versorgu n g s h a u s e s.) Samstag, den 30. Dezember hat hier in Anwesen-- heit des Leiters der Landesregierung Grafen Thun und von Vertretern der lokalen und autonomen Behörden die feierliche Eröffnung des israelitischen B e r s o r g u u g s h a u s e s stattgefunden. Die Begrüßungsrede hielt der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Strauch e r. Er schloß mit einem begeistert aufgenommeuen Hoch auf den Kaiser. In der von patriotischem und kaisertreuem Geiste getragenen Festrede wurden die großen Verdienste des Stifters des Hauses, Landtagsabgeordneten Blum, sowie die Bedeutung der neuen Stiftung hervorgehobeu. Berlin. Eine Gedenktafel für Leopold Zunz, dem Begründer der wiffenschaftlichen Behandlung der jüdischen Literatur, soll in Berlin, an dem Hause Auguststraße 60, in dem er die . letzten 26 Jahre lebte und wirkte, von her jüdischen Gemeinde Berlin errichtet werden, wie in der letzten Sitzung die Repräsentantenversammlung beschlossen hat. Da der Besitzer des Hauses, Apothekenbesitzer Hugo Löbinger. nicht nur die Genehmigung/sondern auch die Anregung zur Anbringung der Gedenktafel gegeben hat, steht der Ausführung nichts im Wege. Die Gedenktafel wird folgende Inschrift tragen: „Hier wohnte und wirkte Dr. Leopold Zunz 1868—1886. Seinem Andenken die jüdische Gemeinde Berlin 1911." Koustautiuopel. Die Entführungen und Zwaugstaufeu mehren sich in der Türkei in unheimlicher Weise. In Smyrna sind sechs jüdische Mädchen auf diese Weise verschwunden und dem Judentume verloren ge-> gangen. Die moslemischen Behörden scheinen diese Vorgänge nur allzugern zu ignorieren, wenn nicht zu unterstützen. Gewöhnlich gelangt nach einiger Zeit Nachricht über die Verschwundenen an ihre Familien in der Weise, daß dem. Rabbinate der Stadt davon Mitteilung gemacht wird, dieses oder jenes jüdische, Mädchen habe die Absicht, sich zum Islam zu bekehren. Dem Rabbiner wird sodann dem Gesetze ' gemäß bewilligt, noch einmal persönlich das Mädchen um ihren Willen zu befragen^ In welcher Weise diese: Formalität behandelt wird, geht aus einem Falle hervor, der sich in Adrianopel, abgespielt hat. Dort hat man nämlich am. Tage des Uebertrittes den Rabbiner zwar zngelassen, aber die Unterredung durch die Anwesenheit von vier bewaffneten Polizisten paralysiert. Als endlich auf die entschiedenen Proteste des Rabbiners hin diese das Zimmer verließen, geschah es nür für einige Augenblicke, nm sodann das Mädchen, das ganz außer Fassung schien, - sofort herauszuführen. Der „Hakim"' fragte hernach den Rabbiner, ob er dem Mädchen seine Ratschläge erteilt habe: abex trotz der ausdrücklichen Erklärung des Rabbiners, daß das unmöglich gemacht worden sei, wurde die Bekehrung sofort danach vollzogen. Die energischen Vorstellungen des Großrabbiners Bidgerano -bei den zuständigen Behörden hatten nun zwar den Erfolg, daß die beteiligten Polizisten ausdem Stadtbezirke, in dem der Vorfall sich zugetragen hatte, in einen andern versetzt wurden. Das Mädchen aber ist mrd bleibt den Judentum verloren^ Austritte uns dein Indentnrn. Z e i s l Isidor, Schauspieler, ledig, geb. 30. Jänner 1887 in Wien, II. Kaiser Josefstraße 42. Fried Max, Arbeiter, geb. 18. Juli 1883 in Raditz (Ungarn). XX^ Deuirgaffe 44. Eisner Gustav, Musiker, geb. 8. August 1888 in Wien> XVII. Ort» liebgaffe 28. Feuilleton. Der oliebesörief. Humoristische Erzählung von Babette Fried-Prag. (Schluß.) Ella erhob sich von der Sofa und begab sich in das anstoßende Zimmer, wo sie unter den Büchern ihrer Brüder so länge suchte, bis sie den betreffenden Briefsteller—zu deren Ehre sei es gesagt — ganz verstaubt aufgefunden. Sie las den Brief, ihrer Freundin dann mit höhnischem Pathos vor, ebenso die darauffolgende Antwort. Nach Anhören derselben machte Klara die schüchterne Einwendung, daß dieses Antwortschreiben ja eigentlich eine ganz, bestimmte Zusage enthalte, aber Ella meinte lachend: „Das ist ein Zufall, daß die Antwort so lautet, es könnte auch das Gegenteil sein. Doch besser so. Desto empfindlicher wird es ihm sein, wenn er herausfindet, daß du seine Geistesarmut, welche sich nicht scheut, bei Fremden eine Anleihe zu machen, richtig herausgefunden hast, und ihm auf diese beleidigende Art die ihm gebührende Zurechtweisung erteilst. Welch ein Triumph dann für dich, wenn er bei einer zufälligen Begegnung die Augen verlegen vor dir niederschlägt, und sich vor dir schämt." „Wenn du das glaubst, so wage ich es und schreibe diesen Brief ab." „Also schreibe!" II. „Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen: Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid, In der blouden Locken loses Schweifen Wären junge Rosen eingestreut. Sage noch einerdaß die Mode in weiblichen Toiletten wandelbar und unbeständig ist. Man tut ihr Unrecht. Genau dieselbe Toilette, wie sie Louise in ihrem Monologe schildert, genau dieselbe Toilette trug um hundert Jahre später Klara Gütig auf demPurimballe, welchen der Verein, dessen Vorstand ihr Vater war, veranstaltete. Schüchtern hatte sie in Begleitung der Eltern den Ballsaal betreten, doch alsbald kam ihr Karl Pollack mit glückstrahlendem Gesichte entgegen, gleich als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Er war in der kleidsamen Tracht eines Tronbadurs erschienen, erbat sich den Arm der rosenbekränzten Schönen, und führte sie in die Reihen der promenierenden, teils maskierten, teils nur kostümierten Paaren Klara wußte nicht.

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