Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063624--07657-3074759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1_ - _ Die Wahrheit ______Sette 11. ^vas sie von seinem Benehmen halten sollte, ob er sie so höhnen wollte, wie sie ihn verhöhnt hatte, oder ob er sie so lieb habe, Daß er alles über sich ergehen ließ, blos um einen Abend lang in ihrer Nähe weilen zu können. Auch die weiße Rose. Ella, welche in dem prunkhaftem Kostüm der Königin Esther, mit einer hohen Myrtenkrone, eine Anspielung auf den Namen „Hadaffa", unter dem langen Schleier erschienen war, hatte einen Tänzer gefunden. Es war dies wohl kein dreistöckiger Hansherrnsohn. wie Karl Pollack, -sondern ein ganz gewöhnlicher Mnsensohn, der aber seine ichweigsame Tänzerin in den Pausen sehr gut zu unterhalten verstand. Dem Studenten entging es nicht, daß Ella mit Klara beim jedesmaligen Begegnen einen Blick des Einverständnisses tauschte, und er stellte an sie die Frage, ob sie das Fräulein in Weiß kenne, welches eben an der Seite seines Freundes Karl Pollak promenierte. ..Nur so oberflächlich, kaum dem Namen nach," log Ella Irisch weg, denn die Bemerkung des Studenten, daß Pollack dessen Freund sei, hatte in ihr das intensive Verlangen erregt, hinter den rätselhaften Vorgang zu kommen, daß Pollak, trotz des ihm angetanen Hohnes, sich dennoch so ausfallend um Klara bemühte. Ella stellte an ihren Begleiter die Frage, warum er immer so pfiffig lächle, wenn er diesen seinen Freund aublicke. Es gemahne sie an einen Angurn, der auch immer lächeln müsse, wenn er seinesgleichen sehe. Ob auch der Grund seines Lächelns -einen derartigen Hintergrund habe. Etwas verlegen meinte der Student, daß dies ein ganz besonderes Bewandnis habe, welches er jedoch nicht verraten dürfe, ohne einen großen Vertrauensbruch zu begehen. Ella drang in ihn, ihr dies zu erzählen, und als alles Zureden nichts half, nahm sie znm Schmollen ihre Zuflucht. Wo lebte der Simson, welcher den Künsten einer Delilah lange Widerstand leisten könnte? Auch unser blonder, knrzgelockter Simson in der kleidsamen Stndententracht des vorigen Jahrhunderts wurde gefügig, und begann folgendes zu erzählen: „Während der Begegnung mit Pollak werde ich au einen Vorfall gemahnt, der leicht für mich sehr üble Folgen haben -konnte, der aber, wie ich aber ans seinen nnd seinen Dame Mienen sehe, sich in lauter Wohlgefallen anflöst, welche Wahrnehmung mir ein zufriedenes Lächeln entlockt. Als Gymnasiast hatte ich die Ehre, die beiden jüngsten Sprößlinge des Privatiers Pollaks zu unterrichten, welche der .zärtliche Vater mindestens zu Ministern heranbilden lassen wollte. Dafür erhielt ich Mittagskost nnd ein Salär, welches eben zur Deckung meines Bedarfes an heimlich gerauchten Zigarren u. s. w. hinreichte. Gleichzeitig fiel mir auch die ehrenvolle Aufgabe zu, dem ältesten Sohne Karl, welcher sich eben auf seinen glorreichen Beruf, als Hausherr und Rentier durchs Leben zu gehen, vorbereitete, bei Abfassung seiner Privatkorrespondenz behilflich zu sein, d. h. seine diversen Liebesbriefe allein aufzusetzen. Einstmals hatte ich bei Gelegenheit eines Kommerses über die Gebühr gekneipt. Dies rächte sich mit einem tüchtigen Katzeulammer. Ich sage Ihnen, ein solcher Kater ist entsetzlich. Der Dichter, welcher den Wahn des Menschen als den schrecklichsten der Schrecken schilderte, hatte sicherlich in seinem Leben niemals einen tüchtigen Katzenjammer gehabt, sonst hätte er gewiß eine andere Ansicht ausgesprochen. Da gerade, als ich wie zerschlagen am ganzen Körper zwischen einer starken Limonade nnd einem sauren Hering schwankte, stürzte ohne vorheriges Anklopfen mein Freund Pollak ins Zimmer. „Rudolf! Du liegst noch im Bette", ries er vorwurfsvoll, „indes ich hinaus möchte, die ganze Welt zu umarmen. Ich Lin verliebt in das holdeste, reizendste Wesen auf dem ganzen Erdenrund." „Auf wie lange, Karl?" fragte ich spöttisch. „Diesmal in alle Ewigkeit, und du mußt ihr meine Gefühle in Worte kleiden, denn ich bin vor Begeisterung ganz .unfähig dazu." „Wie immer und zu allem dergleichen", murmelte ich. ' „Also jetzt stehe aus, Freund, und schreibe ihr einen wunderbaren Liebesbrief, wie nur dn ihn aufzusetzen imstande bist." Aber wie konnte ich dies? Meine Glieder waren wie zerschlagen; in meinem Kopfe pochte und hämmerte es. als hätte die Mücke, welche der Legende nach in Kaiser Titus' Kopfe zu Taubengröße augewachsen wur, daselbst ihr Hauptquartier anfgeschlagen. In diesem Zustande körperlicher wie seelischer Untanglichkeit einen Liebesbrief anfzufetzen, war eine reine Unmöglichkeit. Und verderben wollte ich es mit Karl auch nicht. Denn, Königin! Es gibt im Leben eines armen Studenten Momente, und leider sind es oft nicht nur Momente, sondern auch Tage, ja Wochen, wo die freundschaftliche Bereitwilligkeit solch eines Rentierssohnes sehr zu statten kommt. Ja eine Königin kann das eigentlich nicht recht nachfühlen." Ella nickte mit ihrem feinen Köpfchen. „Doch, habe ja auch ich Brüder, welche studieren. Doch bitte weiter! „Also was tun?" flthr der Student fort. „Da kam mir eine Idee, eine Idee, wie sie nur der Bier- — Pardon — Weinrausch erzeugt. Ich versprach Karl die pünktliche Ausführung seines Auftrages, und bestellte ihn auf den Nachmittag, wo er den Entwurf zu dem Liebesbrief vorfinden werde. Unter meinen Büchern befand sich auch ein Liebesbrieffteller, den ich einstmals unter anderen alten Scharteken tief unter seinem Werte erhandelt hatte, ohne ihn bisher eines Blickes gewürdigt zu haben. Jetzt zog ich den verkannten und daher vernachlässigten Freund hervor, suchte darin und fand, was ich wünschte. Den glühendsten, feurigsten Liebesbrief, den er enthielt, schrieb ich wörtlich ab, welche Abschrift ich daun unter der Flagge des eigenen Erzeugnisses meinem Freunde Pollak einhändigte. Dieser wurde nicht müde, meinen guten Stil, meine elegante Ansdrucksweise zit bewundern, nnd noch selben Abends konnte Karl ein zierliches Briefchen dem Dienstmädchrn von „Gütigs" zur Besorgung an ihr Fräulein übergeben. Wie jedem Rausche folgte auch dem meinen die Ernüchterung, Für mich war diese eine furchtbare, wenn ich daran dachte, auf welch unverantwortliche Weise ich aus geistiger Trägheit das in mich gesetzte Vertrauen getäuscht habe. Ich zitterte vor der Entdeckung dieses meines, geradezu gesagt, Bubenstreiches. Schließlich war es mir um Karl sehr leid. Er ist, weuu auch gerade kein Schreibgenie, doch ein guter Kerl, ein braver Kamerad, und scheint die Dame, an die er geschrieben, herzlich gern zu haben. Als zwei Tage später Karl abermals hastig ins Zimmer trat, wagte ich, das verkörperte böse Gewissen, gar nicht, ihn anznblicken. Wie verwundert war ich aber, als er mir beide Hände entgegenstreckte und mir mit innigen Worten für meinen schönen Aufsatz dankte, welcher sein Lebensglück fördern geholfen. Dann überreichte er mir das erhaltene Antwortschreiben, welches allerdings sehr lieb nnd verheißungsvoll abgefaßt war — aber o weh! Es war die Antwort auf den von mir abgeschriebenen Brief, wie sie wörtlich in demselben Liebesbriefsteller steht. „Das Mädel hat Geist," sagte ich zu mir, .und nun hieß es warten, wie sich die Dinge entwickeln würden, und dem Gewitter zu trotzen, welches sich unfehlbar über mein Haupt ergießen wird, wenn Karl sich mit dem Mädchen anseinanversetzt. Ade dann, du treuer Pumpkamerad! In dieser Unruhe ging ich bis heute umher. Wie sollte ich nun, erlöst von meiner tagelangen Pein, nicht zufrieden lächeln, wenn ich diese Beiden nun so einträchtig nebeneinander wandeln sehe, als gebe es keinen Briefsteller, oder störend zwischen ihnen stände, so voller Glück und Seligkeit!" Das waren sie auch in der Tat. Ob es zwischen ihnen zu einer Erklärung wegen des Briefes und der Antwort gekommen ist, das weiß niemand. Auch die zierlichen glatten Blättchen, welche am nächsten Chal hamoed Pessach in alle Welt hinausflatterten, sagten nichts davon, sondern enthielten bloß die wenigen Worte: Klara Gütig Carl Pollak i empfehlen sich als Verlobte.