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Die Wahrheit · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 9 Wie dem Israel^ aus Petersburg berichtet wird, ist Kokowzew bereit, den amerikanischen Juden den Zutritt nach Rußland zu erleichtern, und wird in diesem Sinne Bortrag beim Zaren' in Livadia halten. Offiziell wird erklärt, der Beschluß des amerikanischen RepräsentaiiLenhauses könne ans die Politik Rußlands keinen Einfluß haben. Tatsächlich ist aber die Kündigung des amerikanischen Handelsvertrags für Rußland in höchstem Grade unerwünscht. Kokowzew hat darüber mit Sasonow eine Besprechung gehabt. Dieser soll sich der Ansicht Kokowzews, daß Rußland bemüht fein müsse, seine freundschaftlichen Beziehungen zu Amerika aufrecht zu erhalten, angeschlossen haben. Hr * . lieber die Jahresversammlung der jüdischen Farmer in Amerika berichtet die „Nene Indische Korrespondenz" folgendes: In den letzten Tagen des November fand in New-Iork die dritte Convention (Jahresversammlung) der Organisation der jüdischen Farmer in Amerika statt. Fünfzig Delegierte ans allen Teilen der Union hatten sich zu den Beratungen eingefunden. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden erstattete der Sekretär Mr. F. W. Pinkns den Jahresbericht, der von der stetigen Entwicklung der Farmerorganisation in erfreulicher Weise Zeugnis ablegt. Im Berichtsjahre haben sich dem Verbände 13 neue Zweigvereine angeschlossen. Damit ist die Zahl der Vereine auf 41 gestiegen, von denen sich 12 im Staate New-Iork, 11 in New-Jersey. 10 in Connecticut, 13 in Nord- Dacota, 2 in Massachusetts, 1 in Washington, 1 in Pennsylvanieu und 1 in Canada besindet. Die Organisation unterhält ein Zentralbnrean, daß u. a. landwirtschaftliche Geräte und Maschinen im großen einkanft und den Mitgliedern znm Selbstkostenpreise abgibt. Der Umsatz des Zentralbureans belief sich im verflossenen Jahre auf 30.000 Dollar. Vor kurzem wurden innerhalb des Verbandes auch vier Leihgenossenschaften ins Leben gerufen, die von großem Nutzen für die jüdischen Farmer und die Entwicklung ihrer Besitzungen sind. Die von den einzelnen Delegierten erstatteten Berichte boten ein interessantes, überaus erfreuliches Bild von dem Aufschwung und den Entwicklungsmöglichkeiten der jüdischen Landwirtschaft in Amerika. Die Farmer beklagen, sich nur über die 'Schwierigkeiten, ihren Kindern eine gute jüdische Erziehung angedeihen zu lassen. Die jüdischen Farmen sind in der Regel weit voneinander und von jeder jüdischen Gemeinde entfernt, und die Farmer haben daher nicht die Möglichkeit, gemeinsame Schulen einzurichten, oder in sonstiger Weise für den jüdischen Religionsunterricht ihrer Kinder Sorge zu tragen. Man hat den Versuch unternommen, durch Herausgabe von Unterrichtsbriefen und ähnlichen Hilfsmitteln, durch die den Eltern die Möglichkeit geboten werden soll, ihre Kinder selbst zu unterweisen, diesem Uebel abznhelfen, doch erscheint der Erfolg dieser Bemühungen sehr zweifelhaft. Es wurde darum in der Jahresversammlung den Farmer von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen, der Verband sollte bestrebt sein, durch Zukauf von Grundstücken in der Nähe schon bestehender Farmen und durch Ansiedelung neuer jüdischer Landwirte allmählich eine größere Konzentration der jüdischen Siedelungen herbeiznführen. * * Der Protest, den wie bereits berichtet, die hervorragendsten Vertreter der russischen Literatur, der Wissenschaft und der Kunst, darunter A n d r e j e w, Maxim G o r k i, Wladimir K o r o l e n k o, Professor Filenko rc. gegen die Blutlüge in Rußland veröffentlichten, hat folgenden Wortlaut: „Im Namen der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Menschenliebe erheben wir unsere Stimme gegen den neuen Ausbruch des Fanatismus und der finsteren Lüge. Von altersher zieht ein Jahrhunderte alter Kampf der Menschlichkeit, die zur Freiheit, Gleichberechtigung und Brüderlichkeit der Menschen ruft, gegen die Predigt der Knechtschaft, des Hasses und der Absonderung. Wie es immer der Fall war, sind es auch diesmal dieselben. Personen, die für die Rechtlosigkeit ihres eigenen Volkes eintreten, die zugleich am energischsten in ihm den Geist des Glaubenshasses und der Rassenfeindschaft wachzurufeu bestrebt Nr. 1. sind.'<Sie, die weder die Volksmeinung noch die Volksrechte achten, sie, die diese mit den grausamsten Mitteln unterdrücken, sie schmeicheln auch beit Volksvorurteilen, sie rufen den Aberglauben hervor und stacheln unausgesetzt zu Gewalttätigkeiten gegen die Mitbürger fremden Stammes auf. Anläßlich einer noch nicht erforschten Mordtat, die in Kiew an' einem Knaben Jnstschinsky begangen wurde, beeilen sich diese Menschen, in das Volk das Lügenmärchen vom Gebrauch christlichen Blutes hineinzuwerfen. Es ist ein alterprobtes Verfahren der Barbarei. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt beschuldigten die heidnischen Priester die Christen, daß sie angeblich zum Abendmahl das Blut und den Leib eines ermordeten heidnischen Kindes brauchten. Damals entstand die düstere und böse Legende. Das erste Blut, das um ihretwillen infolge von parteiischen Urteilen römischer Richter und unter den Stößen einer finsteren Masse von Heiden vergossen wurde, — war das Blut von Christen. Und die ersten, die die Legende zurückweisen mußten, waren Väter und Lehrer der christlichen Kirche. Jetzt ist die Lügenhaftigkeit des Gerüchts, welches gegen die ersten Christen eine so schwere Beschuldigung enthielt, klar wie der Tag. Jndeß, erzeugt von Haß, aufgegriffen von finsterer Unwissenheit, ist die sinnlose Erdichtung nicht ausgestorben. Die größten Leiden jedoch hat dieses Lügengerücht dem jüdischen Stamm verursacht. Die dadurch hervorgerufeneu Pogrome Haben in der düsteren Geschichte des Mittelalters blutige Spuren hinterlassen. Zit allen Zeiten hat es hin und wieder Mordtaten gegeben, deren Zwecke unverständlich waren und die Behörden in Verlegenheit brachten. An Orten mit dichter jüdischer Bevölkerung Pfiegte man alle derartigen Verbrechen sofort mit rituellem Blutgebrauch zu erklären. Der wachgernfene düstere Aberglaube wirkte, dann auf die Bekundungen der Zeugen, nahm den Richtern ihre Ruhe und Objektivität und erzeugte Gerichtsirrtümer und Massakres . . - Oft genug wurde dann die Wahrheit, wenn auch allzu spät aufgehellt. Die vernünftigeren und gerechteren Menschen wurden dann von Unwillen und Scham ergriffen. Viele Päpste, hervorragende Geistliche und Staatsmänner haben den bösen Aberglauben gebrandinarkt und einfür allemales den Behör- , den verboten, bei den Untersuchungen von Mordtaten konfessionelle Tendenzen zur Geltung zu bringen. In Rußland wurde ein solcher Ukas vom Kaiser Alexander I. am 6. März 1817 veröffentlicht und unter der Herrschaft Nikolaus I. am 18. Januar 1835 wiederholt. Im Jahre 1817 hat der griechische Patriarch Gregor ebenfalls die Legende vom Gebrauch christlichen Blutes durch Juden verdammt; er nannte sie „ein abscheuerregendes Vorurteil, dem nur nicht glaubensfeste Menschen huldigen könnten." Die Ukase vermodern aber in den Archiven, während der Aberglaube lebendig ist. Und so sind wir wiederum Zeugen der Erscheinung, daß die alte Lüge selbst von der Tribüne der Reichsduma verbreitet wird. Gewiß! Heutzutage wagen sie es nicht, diese Beschuldigung gegen alle Anhänger des mosaischen Gesetzes zu erheben und berufen sich dazu auf irgend eine phantastische Sekte. Dies hindert diese Männer jedoch nicht, das ganze Jitdentum mit Gewalttätigkeiten und Pogromen zn bedrohen ... Immer waren es die niedrigsten und die verbrecherischsten Leidenschaften, welche infolge solcher Legenden zutage getreten sind; jedesmal wurde die Menge geblendet und irregeführt, die Rechtsprechung aber verzerrt . . . Stets haben gegen diese Legende die Liebe und die Wahrheit angekämpft. Nicht allein an den römischen Senat waren die Worte des christlichen Gelehrten. des Märtyrers Justin, gerichtet. Wir Unterzeichner dieser.Erklärung, Vertreter der russischen Literatur, der Wissenschaft und der Kunst, die wir wahrlich unsere Kinder ebenfalls lieben, aber solch sinnlose Märchen zurückweisen. — wir schließen unsere Stimmen der Stimme des christlichen Lehrers an, der über Jahrtausende hinaus die Menschheit zu Liebe und zu Vernunft gemahnt hat. Fürchtet jene, die Lüge säen, traut nicht der düsteren Unwahrheit, die bereits vielmals mit Blut gerötet wurde, die den Einen Tod, den Anderen Sünde und Schande gebracht hat." Die Wahrheit

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