Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063624--07651-3074753
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wahrheit Seite &. Nr. 1 . Im deutschen Reiche ist der Wühlkampf^in vollstem Gange und überall wird , viel und über alles mögliche gesprochen Kandidatenreden sind wohl im allgemeinen nicht sehr ernst zn nehmen, aber immerhin ist :es bemerkenswert, daß auch ans nationalliberaler Seite in entschiedenerer Weise als bisher zur Judenfrage Stellung genommen wird. So äußerte sich in Breslau ein nationalliberaler Kandidat in folgender Weise: „Ich habe es immer als selbstverständlich angesehen, daß ein Mann, der für eine liberale Partei kandidiert, die absolute Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf die Konfession zu vertreten bereit ist; und ich glaube kaum, daß weitere Kreise meiner jüdischen Mitbürger, insbesondere alle, die mich persönlich kennen, den geringsten Zweifel über meine Stellungnahme zn diesen Fragen hegen. Daß ich Mitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus bin, darf ich vielleicht nebenbei erwähnen. Ich ergreife aber gern die Gelegenheit, ausdrücklich zu konstatieren, daß ich im Falle meiner Wahl es als meine selbstverständliche Pflicht erachten werde, für die politische Gleichberechtigung meiner jüdischen Mitbürger überall da mit Entschiedenheit einzutreten, wo dieselbe in Zweifel gezogen worden soll." * * * In der letzten Sitzung der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin wurde bekannt gegeben, der Handelsminister habe im Anschluß an die Bestrebungen des Kollegiums aus Gleichstellung der ausländischen jüdischen Reisenden in Rußland mit denen anderer Konfessionen dem Kollegium mitgeteilt, daß durch eine Verfügung des Gouverneurs jüdischen Kaustenten nichtrussischer Staatsangehörigkeit das zeitweise. Wohnen in Kiew, wenn sie sich dort zur Erledigung ihrer Geschäfte aufhalten, in allen Stadtteilen ohne Ausnahme gestattet worden ist. Aus dieser Nachricht geht hervor, daß die russische Regierung das . Hanptargument, welches den Bestrebungen der deutschen Interessenten nach Mitteilung der deutschen Regierung bisher von ihr entgegengestellt worden ist, daß sie nämlich die ausländischen Inden nicht günstiger behandeln könne als die inländischen, wenigstens zum Teil anfgegeben hat. Die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin werden daher von neuem bei der Regierung zwecks Gleichstellung der christlichen und jüdischen Handlungsreisenden, die Rußland besuchen, vorstellig werden mit dem Hinweis darauf, daß die staatsbürgerliche und staatsrechtliche Stellung der. russischen Inden einerseits und der Inden in Deutschland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten andererseits überhaupt nicht vergleichbar ist. Sie werden abermals eine gemeinschaftliche Vorstellung der Regierungen der genannten Länder bei Rußland anregen, zumal du jetzt die Angelegenheit von den Vereinigten Staaten durch die Kündigung des Handelsvertrages mit Rußland mit in Fluß gebracht worden ist. * * * Es gibt schlechterdings kein schlimmes Ereignis mehr auf der Erde, für das die Juden nicht verantwortlich gemacht würden. Man hat zwar noch nicht behauptet, daß Juden die letzten mazedonischen Bomben gelegt hätten; aber an den der Explosion folgenden Massakers hat man ihnen einen großen Anteil vorgeworfen. Die bulgarische Zeitung „Pravo" hat in einem gehässigen Artikel die Mär verbreitet, die Juden hätten den Pogrom gegen die Bulgaren in Jchtip mit den Muselmanen gemeinsam auf dem Gewissen; sie hätten nicht nur mitgemordet, sondern auch den flüchtenden und hilfeflehenden Bulgaren schützendes Obdach verwehrt, den verfolgenden Türken sogar, ihre Verstecke angegeben. Selbstverständlich haben sich einige griechische und armenische Zeitungen beeilt, diese Nachricht wiederzugeben. Und schon hatte sich der vielbeunruhigten ottomanischen Juden eine starke Aufregung bemächtigt, als zum Glücke prompter und entschiedener als gewöhnlich die dementierende Klarstellung der Dinge erfolgte. Daß das von authentischster, nämlich — bulgarischer Seite erfolgte, verstärkte die überzeugende Wirkung. Der bulgarische. Deputierte Wlachoff nämliche der als Mitglied der vom Parlament bestellten Umersuchungskommisfion sofort nach Jchtip 7 abgereist war, hat der Salouiker Zeitung, ^Jndspendanl"" folgende, kategorische Erklärung abgegeben : „Die Kommission erklärt die Nachricht von der Teilnahme der Juden an den Jchtiper Greueln für absolut falsch. Im Gegenteil hat eine große Anzahl Inden den verfolgten Bulgaren Schutz und Obdach geboten Der Kommission ist von bulgarischer Seite eine Liste von 121 Bulgaren nachgewiesen worden, die gastliche Aufnahme bei Juden gefunden haben. Es sind zwar neben einer großen Anzahl Türken auch zwei Juden nach den Ereignissen verhaftet worden, auch scheinen noch zwei oder drei'andere Inden bloßgestellt, aber es handelt sich um Individuen, die als Answurf der Gemeinde von dieser feit langem sozial geächtet waren, und es ist unter keinen Umständen angängig, um dieser einiger Verbrecher willen das ganze Judentum verantwortlich zu machen." - Was, wie sehr treffend die „Aurore" bemerkt, die „Nowoje Wremja" oder auch vielleicht die „Times" nicht hindern wird, eines Tages, falls es ihr gerade so passen sollte, den Juden ihre „Schuld" an den Jchtiper Ereignissen vorzuhalten, wie sie ihnen die Schuld an Adana, am Griechenboykotl und au Albanien aufgeladen haben. ♦ * * Präsident Taft hat, wie bereits berichtet, den übrigelrs nicht zweifelhaften Beschluß des Senats in Sachen der Paßfrage nicht abgewartet, sondern demselben mitgeteilt, daß er den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt habe. Das Weitere bleibt nun abzuwarten. Ueber die Frage, ob das Vorgehen Amerikas noch von anderen Staaten nachgeahmt werden wird, läßt sich bis jetzt noch nichts Bestimmtes mitteilen. Die Presse aller Schattierungen, mit Ausnahme der antisemitischen natürlich, billigt das Vorgehen Amerikas. Dagegen traut man seinen Angen nicht, wenn man nach einem Berichte der „Straßb. Israel. Wochenschrift" z. B. im Zofiuger Tagblatt, die Meinung vertreten findet, Amerika habe doch nicht so ganz Recht, da es die Neger mißhandle und die Chinesen und die Japaner von seinem Boden fernhalte. Außerdem habe man in Rußland mit der jüdischen Rasse üble Erfahrungen gemacht, da sie (!)• das Volk aussangt. Ganze Dörfer seien durch die Juden an den Bettelstab gebracht und die Bevölkerung veralkoholisiert worden. Wenn das „Zofiuger Tagblatt" sich einen derartigen Blödsinn leisten darf, so sind seine Leser sehr zu bemitleiden. Man scheint in Zofingen seit der Brunnenvergiftungsgeschichte im Jahre 1349 noch nicht viel gelernt zn haben. * * * Die mächtige Agitation, welche die amerikanischen Inden mit Hilfe nichtjüdischer liberaler Kreise gegen die Ausschließung ausländischer Inden ans Rußland in letzterer Zeit entwickelt haben, hat auch in England Widerhall gefunden. Genau so wie die amerikanischen Juden für die Anerkennung des amerikanischen Passes in Rußland ohne Rücksicht auf die Konfession des Paßbesitzers eintreten, beginnt man nun in England infolge einer Anregung des bekannten Politikers Mr. Joseph C 0 w e n sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Nach dem Vorschläge C 0 w e n ’s sollen die jüdischen Politiker das zwischen England und Rußland neuerlich befestigte freundichaftliche Verhältnis dazu benützen, um durch die englische Regierung in Rußland die Anerkennung des englischen Passes, der einem Juden ansgestellt wird, durchzusetzen. * * * In Rußland hat das entschiedene Vorgehen der Bereinigten Staaten sehr überrascht. Man hatte in Petersburger amtlichen Kreisen die amerikanische Agitation zugunsten der Aufhebung des Handelsvertrags bedeutend unterschätzt und jendeufalls nicht erwartet, daß der Kongreß die Resolution Sulzer ohne weiteres zum Beschlüsse erheben würde. Die russische Regierung sucht nun einzulenken und die Auflösung der Handelsbeziehungen mit der Union zu verhindern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.