Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Erkenntnis hinzunehmen, die mit anderen Worten besagt, daß Wohltätigkeit den Auslauf, nicht aber den Ursprung der Lebensquelle des Judentums darstellt. Dafür legen beredtes Zeugnis ab die Verhältnisse der heutigen Jndenheil. Die mit so viel Elan anflretende moderne jüdische Wohltätigkeit ist die letzte A u s st r a h l u n g unserer R eligio n, die aber in dem Augenblicke aushören wird, in welchem die Sonne der jüdischen Glaubenslehre vom Himmel Israels verschwindet. Diejenigen, welche heute an der Spitze der großen jüdischen Hilfsorganisationen stehen, oder bei ihnen mittnn, sind durchwegs Männer, die noch religiös orientiert sind, Männer, ans deren jugendliches Gemüt die jüdisch-religiösen Kräfte dermaßen eingewirkt, daß diese nicht mehr-verschwinden, sondern im Wandel der Zeiten in andere Foimren, in Energieen der Wohltätigkeit umgesetzt werden konnten. Bei den nächstfolgenden Generationen wird aber infolge des Bersiegens der religiösen Kraftquelle von einer Transformation religiöser Kräfte nicht mehr gesprochen werden können, vielmehr steht zu erwarten, daß auch der letzte Rest, ihr Wohltätigkeitssinn, allmälig verkümmert. Indessen, wie kam der anonyme Verfasser überhaupt zu dem eigenartigen Vorschlag? Er kämpft für die Ausmerzung des Hebräischen aus Schule, Haus und Gotteshaus, um an dessen Stelle das Surrogat eines Wohltätigkeitsvereines zu setzen. Er übersieht aber, daß er dadurch zugleich die stärkste Lanze für die Beibehaltung des Hebräischen gebrochen. Denn , wenn dem Judentum wirklich nichts mehr übrig bleibt, als der schäbige Rest eines Wohltätigkeitsvereines, dann müssen auch die heftigsten Gegner des Hebräischen zur Einsicht gelangen, daß dieses die Seele des Judentums ist, ohne welche es nicht leben kann, worüber übrigens bei niemandem, der noch jüdisch denkt und fühlt, ein Zweifel obwaltet. Denn es handelt sich nicht bloß darum, daß die hebräische Sprache die Sprache des Gebets und Kultus ist, sondern vielmehr, daß gleichwie für den Einzelnen, ebenso für die Völker das kostbarste Gut ihre Individualität bildet, die sie erhalten müssen, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen, ihre Daseinsberechtigung einzübüßen. Die historische Individualität des Judentums liegt aber in jenem Kreis geschlossen, welchen die hebräische Sprache und die in derselben niedergelegte Kultur und Literatur im Laufe der Jahrtausende um das Judentum gezogen. An drei Stätten, sagt Steiuthal. liegen die Wurzeln der heutigen Kultur, in Rom, Athen und Zion, wozu vielleicht noch hinzuznfügen wäre, daß während die von Rom und Athen stammende politische und soziale Kultur bloß ein wenn auch notwendiges Bildungselement darstellte, die ethische Kultur, welche das Judentum hervorgebracht, ein L e b e n s element ist, ohne welches die Menschheit nicht einen Tag bestehen kann. Freilich muß eingeräumt werden, daß die Erlernung des Hebräischen für unsere Jugend mit mannigfachen Schwierigkeiten verbunden ist, besondersin der heutigen, vorzugsweise auf das Praktische gerichteten Zeit, deren Devise ist, rasch und bequem ans Ziel zu gelangen. Das alles spricht aber eher für als gegen das Hebräische. Denn der Wert eines jeden Dinges ist doch schließlich nichts anderes, als die Summe der Schwierigkeiten, die sich seiner Besitznahme entgegenstellen. Auch das Edelmetall wird nur unter großen Gefahren und Hindernissen gewonnen. Das Leichte und Bequeme ist noch nicht das Beste und nur in der Mathematik, nicht aber im Geistigen und Sittlichen ist die gerade Linie die-kürzeste. Was aber die materialistische Richtung unserer Zeit betrifft, befinde ich mich in Uebereinstimmung mit den großen Deukern der Jetztzeit, wenn ich die Meinung ansspreche, daß dieselbe nur ein Uebergang ist zu höherer Weltanschauung. Ein Uebergang allerdings, der, weil von heftigen Erschütterungen' begleitet, nur von denjenigen ohne Schaden überwunden werden wird, die ihre kostbarsten Güter sorgfältig beschützen, daß die wogende Brandung nicht an sie herankomme. Nicht ohne Grund wird in der Schrift mit besonderem Nachdruck betont: Denn sie, nämlich die Lehre, ist euere Weisheit in den Augen der Völker. Diese Behauptung ist saus xUrsLs als buchstäbliche Wahrheit zu nehmen. Im düstersten Mittelalter, zur Zeit der schwersten Bedrückungen haben Päpste und Prälaten, Fürsten und Gelehrte Nr. 1. sich nicht nicht gescheut, die hebräische. Spräche und Literatur zum Gegenstand eifrigsten Studiums zu machen, ebenso wird auch heute in Deutschland, England und Amerika die hebräische und jüdische Wissenschaft zum großen Teil von christlichen Forschern betrieben. Aber nicht nur bei Gelehrten, auch in den Augen der Laien, mögen sie uns noch so hassen, ist nichts so sehr geeignet, uns groß und geachtet zu machen, wie die Kenntnis der heiligen Sprache, ihrer Geschichte und Literatur, wofür nach meinem Dafürhalten gerade in den Schwierigkeiten ihrer Erlernung der zureichende Grund gelegen ist. Sie zählt und wiegt mehr als Reichtum, Titel und Orden, wodurch viele sich die Achtung der Andersgläubigen zu erringen glauben. Wenn nichts anderes, schon dies allein sollte uns endlich die Augen öffnen und die Herzen erwärmen. Nicht das Hebräische abschaffen, ihm vielmehr zu dem alten Glanz 31t verhelfen, sollte der höchste Stolz und der brennendste Ehrgeiz unserer Jugend sein. Zn einer großen Armee sollte sie sich zusammenschließen, einer Heilsarmee, die auszieht, das schwache Judentum zu stützen/ seine schwindenden Kräfte zu beleben. „Wir dürfen," schrieb erst jüngstens Hermann Cohen, „unser Dasein und Wirken nicht beschlossen glauben in der Arbeit für die allgemeine Kultur, wenn sie Nicht zugleich ausstrahlt aus dem Herzpunkt unseres geschichtlichen Wesens. Jedermann nach Maßgabe seiner Kraft muß es als seine innerste Lebensaufgabe, erkennen, für den Fortbestand unserer Religion einen Kulturanteil sich zu gewinnen." An Wohltätigkeitsvereine hat der große Deuker dabei schwerlich gedacht. . ' Ans der Woche. Vor,kurzem fand in Lemberg der Kongreß der polnischsozialdemokratischen Partei statt. Einen Hauptgegenstand der Beratungen bildete die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität innerhalb der 'Sozialdemokratie. Das Referat darüber erstattete Abgeordneter Daßynski, der sich im Sinne der ' Anerkennung der jüdischen Nation aussprach. ' Nach längerer, stellenweise erregter Debatte wurde eine Resolution angenommen, in der die Anerkennung der jüdischen Nation innerhalb der Sozialdemokratie altsgesprochen wurde. * * * Im ungarischen Abgeordnetenhause gab die Beratung des Budgets, das einen namhaften Betrag für jüdisch-kulturelle Zwecke eingestellt hatte, Anlaß zu heftigen Jndendebatten. Der antisemitische Abgeordnete Georg Szmerecsünyi griff die Verwaltung der Hauptstadt aufs heftigste an, da sich dort der zersetzende Geist der demokratischen Freimaurer und Juden immer tiefer und tiefer einniste. Alles, lvas vor einem Jahre Polonyi über die Inden der Hauptstadt unter dem Schutz der Immunität zu sagen wagte, wurde von ihm diesmal einfach verwässert, frisch anfgewärmt und aufgetischt. Dem liberalen Pfarrer, Abgeordneten Johann Hock, war es ein Leichtes, das Falsche und Unaufrichtige seiner Behauptungen nachznweisen. Unter schallendem Beifall des Hauses stellte er fest, daß an der Judeuinvasion Budapests, das nach Szmerecsanyi in einem Jahre einen Zuwachs von 14000 unliebsamen Elementen erfahren haben soll, feiii Körnchen Wahrheit sei, da nach der einzig kompetenten amtlichen Statistik nicht mehr als 416 Juden aus Oesterreich eingewandert seien. Sie sind keine Kazaren und gefährden daher höchstens den Glauben an die Wahrhaftigkeit-des antisemitischen Informators. Polonyi benutzte die Gelegenheit, um den Juden unter scheinheiliger Maske ein Extraordinarium in Patriotisma zu halten. Ihm wurde aber vom Juden Bakouyi recht energisch heimgeleuchtet. Dieser konnte es sich aber leider nicht versagen, wieder einmal sein altes Steckenpferd zu reiten und in einer großen Rede auf den Unifikationszwang und die einheitliche Autonomie im Namen der gefährdeten ungarischen Kultur gegen die Orthodoxie, die staatsgefährlichen Zionisten und die mangelhafte Bildung der orthodoxen Rabbiner loszuziehen. * * * Die Wahrheit