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Die Wahrheit · 1911-12-29 · Heft 50 (29.12.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 50 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50. Die Wahrheit. Seite 0. chär zur.Geltung kommen mag, daß Redner für die unoer- Lnderte Annahme des Budgets stimmen wird. Ohne ans die -Einzelheiten der zahllosen Positionen eingehen zu wollen, -was M auch in den Rahmen einer Generaldebatte nicht falle, seien bloß die grundlegenden Gesichtspunkte und Aktionen gestreift, welche die Tätigkeit des abgelanfenen Jahres gekennzeichnet chaben. Vor all^m fei daher mit großer Befriedigtlng des glücklichen Abschlusses jener Transaktionen gedacht, welche die Schaffung des neuen eigenen Friedhofes gesichert, die Erweiterung des Spitales zur Tat gereift und die bauliche Vollendung des rituellen Bades beschleunigt haben. Da ist es auch am 'Platze, eine Schuld der Dankbarkeit abznstatten an das unter der Leitung seines Obmannes Herrn Vorstehers Schramek verdienstlich arbeitende Bänkomitee und vor allem an die zur Mitarbeit berufenen fachkundigen Mitglieder dieses Komitees, die buchstäblich zu jeder Tages- und Jahreszeit zur Stelle sind, um mit ihrer Sachkenntnis in Rat und Tat den Interessen der Gemeinde zu dienen. Vollkommen fei aitch der Klage beiznpflichten. daß das .jetzige alte Verwaltungsgebäude lange nicht mehr genüge, daß es der repräsentativen Stellung der Gemeinde nicht entspreche und daß es hoch an der Zeit fei, daß es endlich der Harke des Demolierers verfalle, um einem würdigeren und geräumigeren Bane Platz zu machen. Es wäre dies auch deshalb wünschenswert, damit nicht der mit der Revision unserer Verfassung einher- .gehenden Forderung auf Vermehrung der Knltnsmandate immer wieder der Einwaud entgegenhalle, daß es hiefür auch an den nötigen Raum gebricht. Wenn es gelingt, mit diesem Neubau auch den Plan eines neuen großen Tempels zu verwirklichen, so wird damit auch ein weiterer und vom Redner hochgehalteuer .Wunsch breiter Bevölkernngsschichten die langersehnte Erfüllung finden. Wohl aber sei zu bedauern, daß der ursprüngliche Anlauf, den diese Bauprojekte genommen hatten, sich wieder verlangsamt hat und es sei daher die Mahnnng angebracht, in der Verfolgung dieser Projekte nicht zu erlahmen. Wenn die Steuerregnliernng und Stenererhöhnng erwähnt wurde, so sindet Redner ihre Rechtfertigung nicht so sehr in'der Anfrechterhaltnng des Gleichgewichtes im Haushalte der Gemeinde, als vielmehr in der Notwendigkeit, der vielfachen und stetig wachsenden Ausgaben der Gemeinde noch wirksamer nachznkommen. 'Besonders sympathisch sei es zu begrüßen, daß bei Ausstellung des Etats die Summe für die Förderung und Subventionierung der Tempelvereine erhöht wurde, weil darin die hohe Wertschätzung für diese Vereine zum Ausdrucke kommt, die für die Pflege des Gottesdienstes, des Religionsunterrichtes in ihren Bibelschulen und für das jüdische Leben überhaupt nicht genug hochznveranschlagende Leistungen vollbringen. Die Tätigkeit dieser Verbände ist ein Ruhmesblatt jüdischer Opferwilligkeit. Ist aber vom Religionsunterrichte die Rede, so sei der Reform nicht vergessen. welche über Initiative des Herrn Vorstehers Dr. Steiner eingeleitet wurde und wenn es auch nicht an Bedenken gegen diese Nenernng gefehlt hat, so soll doch erst das Ergebnis dieses Versuches abgewartet werden in der Erwägung, daß nichts unversucht bleiben soll, wenn es. was uns am meisten am Herzen liegt, die Erziehung und Heranbildung des Nachwuchses im jüdischen Geiste gilt. Noch will Redner der Ansicht des Herrn Vizepräsidenten Nappaport, der sich als Sparmeister bekannt hat, insofern entgegentreten, als er sich gegen die Präsidialfvnds gewendet und dafür plaidiert hat. daß dieser Zweig derArmenttttterstütztlng gleichfalls au die Armenaustalt gewiesett werde. Der Präsidialfonds ist eine Art Dispositionsfonds und davon möchte Redner auch nicht einen Heller abstreichen, weil die itngeschmälerte Votierung herkömmlich als Ansdruck des Vertrauens zu werten ist. Auch mutet es eigentümlich au, wenn gerade ein Mitglied des Präsidiums den Präsidialfonds anficht, was den Eindruck erwecken muß. als ob das Präsidium selbst über die Notwendigkeit dieser Dotierung im Zweifel sei und ihrer entraten könnte. Allerdings volenti mon fit injuria. Aber dem steht doch die Erwägung entgegen, daß der Vorstand und in seiner Vertretung seine berufene Repräsentanz die Wohltätigkeit nicht aus Händen gab und nicht auf eine Selbstverfügttng Verzicht tun soll, die im jüdischen Kultus einen "bedeutsamen Teil seines Wesens ausmacht. Im Uebrigen gelte es, angesichts der stürmisch wachsenden Erfordernisse, die nicht so sehr, wie betont wurde, ans der Verschlechterung der sozialen Lage, als vielmehr ans dem raschen Zustnsse armer Glaubensgenossen aus der Fremde emporschnellen, einen weiten Blick zu bewahren, um in Verhältnissen gerüstet zu sein, für die der Maßstab der Erfahrung fehlt, weil er sich bei der Größe der Gemeinde fast maßlos ausgeweitet hat. Wir müssen aber auch eine Politik des Herzens, des warmfühlenden Herzens befolgen und trotz der gewiß gebotenen Sparsamkeit auch eine Politik der offenen Hand vor allem für die Kranken und Bedrängten, deren Not hilfesuchend au die Pforten dieses Hauses pocht. In diesem Sinne, schließt Redner, stimme ich für das Budget. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n nimmt die Behandlung der Wohltütigkeitsangelegenhetten, hauptsächlich aber die Gebahrung des Präsidialfonds gegen die Ausführungen des Dr. R a p p a p o r t unter allgemeinem Beifall in Schutz. Was die Unterstützirng der Mittelschule mit Lehrmitteln und Schnlgeldbeiträgen betrifft, so sei auch diese Frage nicht als eine alltägliche Armenunterstützung zu behandeln. Der Studierende verdiene auch, wenn er armer Eltern Kind ist. eine besondere Behandlung. Im Uebrigen müsse er hier öffentlich betonen, daß sowohl der Materialverwalter Joses Steiner, als auch Herr F n ch s g e l b in der Sichtung und Beurteilung der in überaus großer Zahl einlaufenden Stndentengesnche wohl sehr rigoros, aber auch sehr gewissenhaft vorgehen. Ans diesen Gebieten also seien Ersparungen ausgeschlossen und auch durchaus nicht empfehlenswert. Knltnsvorsteher S. B r o d! Sehr geehrte Herren! Ich hätte in der heutigen öffentlichen Sitzung mein altes Steckenpferd nicht wieder bestiegen, um in erster Reihe für eine 10 Kronenstener den Kamps fortznsetzen; allein die Stellungnahme des Herrn Vizepräsidenten Hosrat Dr. Rappaport drängt mir die Pflicht auf, mich zu wiederholen. Es ist mir nie emgesallen. die 10 Kronensteuer deshalb als obligate Steuer einznsühren, um durch diese Abänderung etwa die Finanzen der Gemeinde zu kräftigen, sondern um viel Höheres zu erreichen, nämlich um alle i n n n s e r e r St a d t lebenden erwerbsfähigen Glaubensgenossen für uuser G eme i nd e w e sen zu interessiere n. Als lmsere Vorfahren, so erzählt die Geschichte, zur ersten Stenerleiftnng herangezogen wurden, es war dies zur Erbauung des ersten Tempels, da wurde das erste Steuer-Regulativ an die jüdische Bevölkerung erlassen. Und wenn dieses Regulativ sich auch mehr auf die Zählung bezog, so lautete dasselbe wörtlich: Jeder Jude, ohne Unterschied, habe einen halben Schekel zum Tempelbane beizntrageu, nicht mehr und nicht weniger. Dieses unscheinbare Regulativ, allerdings in Bearbeitung mit den vielen anderen Regulatoren, die in unserem religiösen Gesetzbnche die Menschengleichheit, die Brüderlichkeit, die Freiheitsliebe über alles hervorheben, so z. B.: Alle Inden sind Brüder, gleiches Recht für alle, den Kleinen wie den Großen mußt Du hören, den Fremden in Deinen Toren wie den Einheimischen. die Sabbathruhe nicht bloß für die Herrschaft, sondern auch für die letzte Magd und den Sklaven nsw.; ich sage: diese Regulatoren bilden den Urstoff zur Demokratie auf Erden nnd die haben auch den Lehrern derselben die eigentliche Richtung zum Wohle der Menschheit gegeben, nnd wenn Volksstimme Gottesstimme ist, dann ist unser religiöses Gesetzbuch das erste demokratische Lehrbuch aus Erden. Wie sieht es nun nach Tausenden Jahren mit dem Stenerregnlativ in unserer Wiener Kultusgemeinde ans? Da gibt es eine obligate nnd nicht obligate Stenerleistnng, die erstere für die Bemittelten, bei denen ein Pflichtgefühl zur Beitragsleistung vorausgesetzt wird, die letztere für die wenigen Bemittelten, bei denen man das Pflichtgefühl, auch etwas nach Kräften zur Erhaltung des Gemeindeweseus beizutragen, nicht voranssetzt. — Allerdings ist es den letzteren gestattet, sich zur Steuerzahlung anzumelden, vor die Vorstellung hiuzntreteu und zu sprechen: Ich fei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte. Dazu haben sich aber bis heute noch sehr Wenige entschlossen, weil ein Teil derselben, vom Ernste des

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