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Die Wahrheit · 1911-12-22 · Heft 49 (22.12.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 49 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49. . Die Wahrheit. . ~ ■ Seite 9. Es entgegengeht, ist das schwer zn erraten? Es endet schließlich im Zuchthaus öder in der Gosse. Im Westen Wiens bildete sich Nor Jahren ein Franeuverein, ein jüdischer F r a n e n w o h l t ä t i g k e i t s v e r e i n. Doch nicht in gedankenlosem „Almosengeben" betätigt er sein „Wohlmn"i Um ernste, soziale Arbeit zn leisten, haben sich ernste Menschen znsammengelan. In das Elend, in das freudlose, liebeleere Leben verlassener Kinder Sonnenschein und Fröhlichkeit zu bringen, sie zu guten, süchtigen Menschen zn erziehen, sie solange'.zn schirmen und zn schützen, bis sie fest ans eigenen Füßen stehen können, das haben die Damen des Vereines sich zur Aufgabe gemacht. Jede derselben hat eine Anzahl Kinder als ihre speziellen Schützlinge übernommen, ist in stetem Kontakt mit ihnen, überzeugt sich durch eigene Anschauung, ob sie gut behandelt werden, sieht was ihnen fehlt, wo ihnen zn helfen ist. Und der Verein ergänzt die Ver» 'Pflegskostenbeiträge von Magistrat und Knltnsgemeinde, damit die Kinder besser untergebracht, besser gepflegt und genährt werden können. Ans den stnstern Kellerstnben werden die Kinder chinansgebracht aufs Land und dort erzogen, damit ihre armen, oft so schwachen und kranken Körperchen in Licht und Lust gesunden ttnd erstarken. Sie werden bekleidet; sobald irgend etwas an Wäsche oder Kleidungsstücken fehlt oder defekt ist. wird es nachgeschafft oder ausgebessert. Die schlecht in der Schule Vorwärtskvmmenden erhalten Nachhilfestunden, und wenn sie mit 14 Jahren die Schule verlassen, dann werden sie in die Lehre getan; ratend und helfend steht ihnen der Verein zur Seite, 'bis sie sich allein und selbständig auf ehrliche und ehrenhafte '.Weise ihr Brot verdienen können. Doch hat der Verein mit einer großen, das Resultat seiner ungeheuren Arbeit fast in Frage stellenden Kalamität zu kämpfen. Nahezu 200 Kinder stehen unter seiner Obhut und es ist kaum möglich, für l/s derselben geeignete Pflegeparteien zn finden. ' Die andern Kinder müssen wandern, bald dahin, bald dorthin — fich irgendwo daheim zu fühlen, lernen sie überhaupt nicht in -ihrer jammervollen Kindheit. Und der stete Wohnungswechsel 'bedingt den Wechsel der Schulen, der oft den Lehrerfolg von -Jahren in Frage stellt. Diese der Entwicklung und Erziehung der Kinder so überaus Hemmende Tatsache fordert es gebieterisch, daß der Verein -seinen schon lang gehegten Plan, „die Gründung eigener K o l o n i e n f ü r feine Schützlinge" zur Ausführung bringe. Um dies zu ermöglichen, haben das Ehrenmitglied des Vereines, Herr Kultnsvorsteher Max Zirner und Frau, in Neuerlicher Bekundung ihrer so oft bewiesenen Mnnisizenz, ein Haus in Pnrkersdorf erstanden, dasselbe entsprechend adaptiert dem Vereine behilfs Errichtung von Kolonien zur Verfügung «gestellt. In der reizend gelegenen Villa können 30 Kinder unterqebracht werden. — Doch für die so dringend notwendige Gründung von weiteren Kolonien, um auch den andern Kindern -ein gesundes, dauerndes Heim zu schaffen, reichen die Mittel nicht ans, bei den von Tag zu Tag sich mehrenden Anforderungen, "denen der Verein, will er seinem Zweck entsprechen, genügen muß. Er tritt daher an die große Oeffentlichkeit heran und fragt: Ihr, die Ihr bisher uns ferne gestanden, seht Ihr das -große, -soziale Werk, das wir schaffen? — Könnt Ihr wollen, daß wir ans Mangel an Geld und Arbeitskräften auf halbem Wege stehen bleiben müssen? Es liegt in Eurer Hand, dies zu verhindern, es liegt in Eurer Macht, Unsere Fürsorgetätigkeit großzügiger und rationeller zu gestalten! Schenkt uns Euer werktätiges Interesse, Euer Wohlwollen, Eure Kraft! Kommt und helfet uns! Helfet uns arbeiten, Ihr, die Ihr soziale Arbeit zu leisten -gewillt seid, Ihr, die Ihr über etwas Zeit verfügt und über ein Herz voll Liebe und Güte! Der Hietzinger Frauenwohltätigkeitsverein: Laura K r e n b e r g e r, Präsidentin, XIII., Anhofstraße 221. Gisela Zirner-Zwieback, I. Vize-Präsidentin, XIII., Neue Weltgasse 9. Hermine B e r n f e l d, H. Vize-Präsidentin, XIEE., Suppsgasse 10. Ilona 8.5 w y, Schriftführerin, IH., Hetzgasse 8. Wiener KanLoren-Mildungsanstatt. Donnerstag, den 14. d. M. fand in den Räumen der Talmud-Thoraschnle. Wien. II.. Malzgasfe 16, die Eröffnung der vom österr.-lulgar. Kautoren-Vereine kreierten Kantoren- Bildüngsanstalt in Anwesenheit des gesamten Lehrkörpers und der Zöglinge statt. Der Leiter der Anstalt, Vizepräsident Oberkantor Bauer, hielt an die Zöglinge eine kurze Ansprache, in welcher er sie auf die hohe Bedeutung des von ihnen gewählten Berufes und auf den Ernst des Studiums aufmerksam machte und hierauf stellte er den Lehrkörper vor. Der Unterricht in den einzelnen Disziplinen wird, abgesehen vom Leiter, von nachstehenden Lehrkräften erteilt werden: Oberkantor Don Fuchs, Stimmbildung; Kantor Isidor Lö w i r. Musiktheorie, Instrumentales und Chornbungen; Oberkantor M. Schorr, Traditionelles Chasonus; I. Kantor I. Schleifer, Modernes Kantorat und Leienen; Kantor und Lehrer Gotthold F r i e d l ä u d e r. Allgemeine Disziplinen; Dr. M. L ö w y, Einführung in den Sekretariatsdienst. In der am 19. d. M. stattgehablen Konferenz hat der Lehrkörper beschlossen, die Aufnahme noch bis Ende Dezember 1911 zn erstrecken und sind diesbezügliche Gesuche an die Direktion der Kantoren-Bildunganstalt Wien, II., Malzgasfe 16, zn richten. verschiedene Uachrichlerr. Wien. Freitag, den 22. Dezember 1911, abends Predigt des Herrn Rabbiner Dr. M. Rosen man n im Leopoldstädter Tempel. Wien. (Brigittenauer israelitischer Tempel-Verein.) Freitag, den 22. d. M. abends, Predigt des Herrn Rabbiner Dr. A b e l e s im Tempel XX. Kluckygaffe 11. Wien. (Israelitische Knltnsgemeinde Wien.) Oeffentliche P l : n a r s i tz u n g des K.nltusvorsta»des Samstag, den 23. Dezember d. I., *L§ Uhr abends, eventuell Fortsetzung am Sonntag, den 24. Dezember 5. I., 10 Uhr vormittags. I, Seitenstettengaffe 4. U. Stock. Tagesordnung: Festsetzung des Voranschlages der Einnahmen und Ausgaben der Kultus gemeinde, .sowie sämtlicher unter ihrer Verwaltung stehender Fonde und Anstalten für das Jahr 1912. Wien. Samstag, de» 23. Dezember, wird Herr Leopold Müller. Oberkantor aus Kleinwardein, in der Schiffschnl einen Probevortrag unter Mitwirkung von Meschorerim, halten. Wien. (Bortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und K u l t ii r). Donnerstag, den 28. Dezember 1911. präzise l/28 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekteu-Bereines, I., Eichenbachgaffe 9, ein Bortrag des Herrn Profeffor Dr. Ludwig Stein aus Berlin, statt. Thema: „Die monistische Bewegung der Gegeirwart und das Jndentum". Eintritt frei, ohne Karten. Wien. (Jüdische Toynb ee-Halle, XX., Othmarg a s s e 64.) Beginn der Borträge an Wochentagen l/a8 Uhr, Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Woche n-P r o g r a m m: Samstag, 23. Dezember. Konzert. Arrangement: Frau Profeffor Stock. Sonntag, 24. Dezember, entfällt. Montag. 25. Dezember. Literarischer Abend: „Leopold Konipert". Frau Rahel Edelstein. Dienstag, 26. Dezember. Indische Geschichte. (Zyklus.) Prof. Dr. K. K n p f e r. Mittwoch. 27. Dezeinber. Die Tonfarben und deren Verwendung in der modernen Musik. Herr I. K a tz b u r g. Donnerstag, 28. Dezember. Unsere Weisen über den Umgang mit Menschen. Rabbiner Dr. A. L. Mandl. Freitag, 29. Dezember. Bibelvortrag. Herr Lehrer Leopold Weiß. Wien. (Die Ziehung der Einheitlotterie verschoben.) Wie uns vom Vorstand des Vereines „E i n h e i t" mitgeteilt wird, wurde die für den 21. Dezember 1911 auberanmt gewesene Ziehung der Wohltätigkeitslotterie des jüdischen Vereines „E i n h e i t" aus technischen Gründen auf den 10. Jänner 1912 verschoben, au welchem Tage die Ziehung in der k. k. Staatsschuldenkasse bestimmt stattfinden wird. Der Vereins- Vorstand ersucht diejenigen Losbesitzer, welche die Lose noch nicht bezahlt haben, nunmehr dieselben zn honorieren und sich dadurch das Spielrecht jür die am 10. Jänner 1912 unbedingt statlfindende Ziehung zu sichern. Wien. (Die Trag ö die der H ei m atlosig kei t). So betitelt der gewesene Abgeordnete der ruffischen Reichsdnma und mutige Anwalt seines Volkes, Herr Schmarje L e w i u den Bortrag, welchen er am 16. d. M. im Hotel Central gehalten hat. Der ausgezeichnete Kenner der deutschen Literatur nahm diesmal Chamiffo. den Berfaffer des klassischen Märchens „Peter Schlemiehl". welches der Vortragende in den gleichen Rang mit Goethes „Faust" stellte, zn seinem Vorwände. Chamiffo war ein gebürtiger Franzose, genoß aber seine Erziehung und Ausbildung in Deutschland. Hier empfing er den Genius der Dichtkunst, er war auch deutscher Offizier und lebte in glücklichen Berhältniffen. Und doch ahnte sein künstlerischer Instinkt, daß seiner Persönlichkeit ein integrierender Bestandteil abgehe. War es der eigene Schatten, — was er in der Gestalt des Peter Schlemiehl so markant verkörperte — den er zn vermiffen glaubte, oder wollte er ein ganzes Volk damit charakterisiere»? Sein dichterisches Auge,

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