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Die Wahrheit · 1911-12-22 · Heft 49 (22.12.1911) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 49 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. ■ -; . . Die Wahrheit. dir. 49. Uiib das Volk fühlt es und widerstrebt mit aller Gewalt, da es sich nicht in ein veraltetes Abenteuer stürzen möchte, welches seiner.Seele gänzlich fremd ist. Nicht der Boden, sondern das Buch wurde ihm zur Heimat, ünd dies ist eine der herrlichsten Erscheinungen in der Geschichte, der beste Beruf, den sich ein Mensch nur wünschen ' kann. Zn das Lesen dieses Buches vertieft, hatte es nicht bemerkt, wie über seinem Haupte/Jahrhunderte gezogen waren, wie neue Völker entstanden und wieder verschwunden waren; wie der Dampf auf der Erde zu zischen begonnen und der schwarze, beißende Rauch der Fabriksschornsteine den Menschen den klaren Himmel verhüllt hatte, die nun im Finstern unter einem dichten Netz von Drähten dahinschreiten, auf welchen die stumme, aber grausame Kraft des geriebenen Bernsteins Nachrichten dahiuträgt. Nachrichten, eine grausamer als die andere, blutdurstig und sinnlos, wie.sie noch niemals die Welt gesehen hatte. Dieser Lärm der kaskadenhaft dem Abgrnnde zueilenden Kultur, die in den Menschen nur erbärmliche Gelüste nach nichtiger Bequemlichkeit entfacht, dieser Lärm ging spurlos an den Ohren des großen Wanderers vorbei, der, in das Studium des großen Buches vertieft, dasaß. Und nur der' sprühende Gischt der Kaskade ist eifrig bemüht, die heiligen Blätter zu bespritzen und . sie mit dem Rostflecken des Spottes und Unglaubens zu besudeln. Die Führer des Zionismus erleichtern noch die Arbeit dieses Gischtes; hoheitsvoll ignorieren sie die religiöse Frage und rücken in den Vordergrund bloß Emigration und Politik — und wiederum Politik und Emigration. „Wollen wir uns vor allem ans allen Weltrichtnngen versammeln — daun erst werden wir eine Religion schaffen." Das ist ebenso unnatürlich und unklug, wie unpopulär — und besonders in bezug ans die Juden. . Vor allem muß man sich zu. Gott wenden — Gott wird schon/selbst sein Werk tun, wird dem Volke ein Land geben und wird es mit noch mehr Gnade überhäufen als seine Väter. Die Führer des Zionismus urteilen aber anders. . Sie haben gleichsam mit Gott die Rollen vertauscht. Sie wollen die Juden aller. Staaten nach dem Lande ihrer Väter schaffen — dann aber wird Gott schon darum sorgen, daß das Volk mit feiner Seele sich zu Ihm wendet. Und Gott sagt ihnen: „Versucht einmal! Macht meine Arbeit!" Und wendet sich ab von ihnen. Und nun entstehen unter dem Schutze der göttlichen Gnade kindische Kolonialbanken, puppenstubenartige Kongresse mit kleineren und größeren/Komitees, die, von niemandem dazu ermächtigt, sinnlose Verhandlungen über kindische Dinge von der Art der Charta und der Gnadengeschenke des Sultans führen. Das Volk sieht die Nutzlosigkeit derartiger Unternehmungen und flieht diese Bewegung. Es ist keine Göttessache —- es steckt zu viel Menschliches darin, zu viel Erdachtes und Rezepteuhaftes. Deshalb höre ich auch, daß sogar unter den Rabbinern Verwünschungen laut werden, die den Zionismus als eine dem Volke fremde Lehre verurteilen, eine Lehre, die großes Unglück nach sich bringen könnte. Und in der Tat: -trotzdem dies nun die Orthodoxen sägen, die in geistigen Fragen für gewöhnlich die Position der Finsterlinge einnehmen, >— hier steht die jüdische Orthodoxie auf festem Boden und ihr Widerstand ist völlig gerechtfertigt. Die gewöhnliche Ansicht, als höbe der Ziynismns das nationale Selbstbewußtsein (die Jünger dieser Lehren lieben es, sich, so pompös auszudrücken) bewahrheitet sich aber in der Wirklichkeit nicht. Echt Nationales birgt der-Zionismus nicht. Ich interessiere mich für diese Frage, welche die Presse übertrieben würdigt — und sah mir einige zionistische Publikationen mit dem alten Zeichen der zwei einander schneidenden Dreiecke, an. In einem dieser Bücher.fand ich das Bild eines kleinen Mädchens , mit einem lieblichen, runden Gesichtchen und runden, weichen Händchen, die es über der Brust gefaltet hielt. Die Augen der Kleinen blicken andächtig nach oben und reden mit Gott in der bläulichen Ferne. . , Unter dieses Bild konnte man ruhig schreiben: „/kahsn noster“ oder „Vater unser" und überhaupt jede / beliebige europäische Uebersetznng dieses berühmten Gebetes Christi, weil/ das Gesichtchen des kleinen Mädchens — gepflegt, verzärtelt, . rund ist und alle erblichen Merkmale der arischen Rasse trägt,, die Europa bevölkert — am wenigsten sieht aber dieses Kind einem jüdischen ähnlich. Unter dem Bilde steht aber: „Ma towo“,- d. h. die ersten Worte des jüdischen Morgengebetes. In dieser kleinen Fälschung spiegelt sich grell das Unpassende der natio-- nalistischen Färbung wider, die der Zionismus ännehmen möchte.. Er selbst ist Blut vom Blute und Fleisch' vom Fleische des modernen Europäismns, ist sein verzärteltes, schwaches Kind,- welches kartenhansartige Staaten schafft und ans dem Haupte eine Binde mit einer Aufschrift in jüdischen Lettern trägst Der Zionismus ist nicht das tiefe Meer., des nationalen Gedankens und fein Nationalismns ist nicht von reinem/ Golde . . . . Noch weniger birgt aber diese Bewegung, die nach jüdischem Schnitt angefertigt ist, progressiven Geist — trägt nicht' den Stempel des Fortschritts, von dem man so. beredt auf den Kongressen spricht. , Das überrascht am meisten. Wenn die Führer des Zionismus, sonst kluge und talent-- volle Leute, die aber ihrem Volke sehr fernstehen — wenn diesekeine gesunde Volksbewegung schaffen konnten, so darf man sie deshalb nicht beschuldigen. Sie möchten etwas leisten, sind esaber nicht imstande .... .... Jene gesunde Saat der Emigrationsbewegung. aber, die die Anhäufung der Juden in einem Lande vermeiden: und sie zur längst vergessenen Bodenarbeit znrnckbringen möchte, '— diese zweifellos reine und herrliche Bewegung, welche die Zionisten als ihr Eigen ausgeben, gehört durchaus nicht dem Zionismus. Das Streben nach Kolonisation bestand schon früher — der Zionismus nahm es nur frech für sich in Besitz, gab ihm eine ihm fremde politische Färbung und bremste' dadurch nur vollständig die Rückkehr der Juden zum Ackerbau^ Das Gespenst des Jndenstaates nahm kolossale Dimensionen an und dies komplizierte nur unnötigerweise das an und für sich einfache und klare Verlangen der Menschen, die Städte zu ver-- lassen und sich der einzigen, uns allen angeborenen, gesunden und herrlichen Gottesarbeit — dem Ackerbau, zu widmen. Und dieses Gespenst raubte den Völkern Europas alle Lust, die Emigrationsbewegung zu unterstützen :— raubte diese Lust sogar den Inden selbst. Das Abenteuer ist zu gewagt und die Zukunft, zu drohend. Verlassene Kinder/ Wißt Ihr, was „verlassene Kinder" sind? — Kinder, deren Eltern verschollen, verdorben, vielleicht gestorben sind, irgendwoin der weiten Welt, Kinder, die nicht Vater noch Mutter haben, die für sie sorgen und sie lieben, und den Grabhügel wicht kennen, unter dem dievielleicht ruhen, die sie ins Leben gesetzt Kinder, deren Väter oder Mütter krank und elend sind, in Spitälern und Heilanstalten ihr Leben verbringen müssen und an Liebe und Sorgfalt nichts ihren Kindern zu geben vermögen. - Einsam und verlassen sind diese armen Geschöpfe. Sie wissen nichts von froher, sonniger Kindheit, sie, die von fremden, oft lieblosen Menschen gequält und hernmgestoßen werden. Der Magistrat zahlt ein paar Kronen an Kostgeld für jedes dieser Kinder, damit sie nicht ganz verhungern und auf der Straße verkommen. Die Kultusgemeinde tut ein klebriges: sie ergänzt diesen Verpflegskostenbeitrag auf einen gewissen, noch immer sehr minimalen Betrag, nm es zu ermöglichen, daß die jüdischen Kinder bei jüdischen Pflegeparteien untergebracht werden- Doch sowohl die eine als auch die andere Leistung i. e. Fürsorge erstreckt sich nur bis zum 14. Lebensjahre des Kindes. Dann ist es vogelfrei, meist noch, ohne Erwerbsmöglichkeit. sich selbst überlassen, ohne Obdach, ohne schützendes Heim. Welchem Schicksal

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