Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 49 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Die Wahrheit Seite?. - In Wahrheit werden Ueberläufer ans dem Jndentnme won der andersgläubigen Bevö l k e r im g nicht „gerne aufbenommen/' wie der Bekämpfer des hebräischen Religionsnnter- -richtes meint, sondern höchstens von der Geistlichkeit,/denn sie .glaubt mit Recht nicht an die m o r a l i s ch n n a n t astbare Begründung des Abfalles. In letzter Zeit wenden sich aber -auch die Inden ganz entschieden von solchen Renegaten ab, so daß dieselben ob ihrer Isolierung dann wahrlich nicht zu beneiden sind. Jüdische Eltern, die wegen ihrer Affenliebe zu ihren Sprößlingen - auch ' den Uebertritt zum Christentume -fördern, spekulieren daher schlecht. Der Eiferer gegen die hebräische Sprache hat übrigens seine völlige Unkenntnis/» diesem Belange zugegeben. Würde er die hebräische Sprache kennen, dann könnte er wohl nicht mit jenem Hasse und jener Verachtung gegen dieselbe zu Helde ziehen, wie er es tut. Würde er das biblische Epos, oder die unvergleichlichen Psalmen, welche ja bekanntlich in den -katholischen Kirchen in lateinischer Uebersetznng als Messen gelesen und gesungen werden, ans der Ursprache kennen, dann würde er wissen, daß die deutsche Sprache zu arm sei, den klassischen Inhalt derselben vollwertig wiederzugeben. Die hebräische Sprache kann sich ob ihrer Erhabenheit nicht nur mit der deutschen, sondern auch mit den altklassischen Sprachen der Menschheit messen. Nicht ab schassen sollen -sie die Juden, sondern wegen der g e m ü t b i 1 d e n d e n 'Literatur sorgsam pflegen, die in ihr niedergelegt ist. Der Mensch lebt ja nicht von Brod allein und es ist durchaus nicht notwendig. daß alle Juden gar so erschrecklich klug und praktisch werden, wie es derzeit unter Vernachlässigung der ethische n M o m e n t e leider viele Juden geworden sind. 'Es ist nicht nötig, daß das goldene Kalb wieder zum Hauptgotte der Inden emporsteige. Eine andere Frage wäre die, ob die gegenwärtigeLehr- -Methode richtig sei, die beim hebräischen Unterricht angeweudet wird. So viel läßt sich aber behaupten, ein harter und - übermäßig strenger Religionslehrer hat seinen Berns verfehlt. 'Doch kenne ich auch Religiouslehrer, welche die Jugend zu begeistern verstehen und zu denen dieselbe mit Liebe und Verehrung emporschaut. Die Religionslehre ist ja kein solcher Lehrgegenstand wie jeder andere, sie soll ja weniger das Verständnis, -sondern vielmehr das G e m ü t, das Mitgefühl und das -e t h i s ch e V e r st ä n d n i s der Zöglinge heranznreifen suchen. R. L. Tolstoi über den Zionismus?) Diese Bewegung .... interessiert mich stets nicht deshalb, weil sie dem jüdischen Volke einen Ausweg ans einer -schwierigen Situation bietet. Diesen Ausweg gibt sie ihm gar nicht, sondern sie fesselte mich durch das markante Beispiel des .großen Einflusses, welchem manchmal Menschen mit reicher Vergangenheit unterworfen sind. Vor unseren eigenen Augen -erkrankt ein altes, kluges imb vielgeprüftes Volk, das schon längst eine der schrecklichsten Krankheiten der Menschheit an sich verspürt hat, erkrankt von neuem au demselben Leiden. Von neuem spricht ans ihm das Verlangen nach einem eigenen Staate und der böswillige Wllnsch, zu regieren und eine Rolle .zu spielen. Von »eitern will es den großen Apparat der äußeren nationalen Macht aufstellen, den Apparat mit seinen Soldaten, Fahnen und der eigenen Formel auf dem Kopf der gerichtlichen Arteile. Ich glaube aber, daß nur die Minorität des Volkes von dieser finsteren Leidenschaft ergriffen ist, die durch Vernichtung, Erschöpfung und den unvermeidlichen Stillstand der lichten Arbeit des Geistes dem sicheren Untergange entgegenführt. Ich glaube, daß an dieser Krankheit der „Wiedergeburt", im Grunde genommen aber „Degeneration", nur einzelne Individuen des Volkes laborieren * es ist der schwächere und nach- .giebigere Teil des Volkes, der gerne geistreich erscheinen möchte *) Alts „Graf Leo Tolstoi über die Juden" von Teneromo bei E. Muraivkin, russischer Verlag, Berlin. und der die europäischen Nationen um ihren Scheinglanz beneidet.. „Die Führer der Bewegung find, ohne es selbst zu merken, der. furchtbaren Sünde der Lostrenuung von den anderem verfallen und befestigen diese Sünde absichtlich in dein Bewußtsein der. Menschen, denen sie die Sache durchaus nicht in dem Sinne erklären, wie sie eigentlich ist. Beständig wiederholen sie die Phrase, daß der Zionismus eine .progressive Bewegung des Volksgeistes sei, des Volksgeistes, der endlich die Ketten der Sklaverei abschütteln und dem Volke die Möglichkeit geben möchte, ein freies selbständiges Leben ans den Hügeln des alten Landes zu leben, dort, wo seine große Vergangenheit begraben liegt. Ich glaube. Sie selbst erzählten mir von jenem Prediger in der Synagoge zu Tula, der sich an die Brust schlug, weinend die Leute nach Palästina rief und dabei sprach: „Wir werden dort den Stein sehen, ans welchem Jakob gesessen, und werden denselben Weg gehen, den einst Abraham gegangen war!" Das Schrecklichste liegt aber darin, daß diese Bewegung weder progressiv, noch volkstümlich ist. und keinerlei Mitgefühl im Volke wachrnst. Der Stein Jakobs und der Pfad Abrahams sind dem Geiste so feruliegeude Dinge, daß sie nicht imstande find, ein Volk zu erheben und ihm den Wanderstab in die Hand zu drücken. Das Volk ist kein Archäologe uub wird nicht in der Stärke von 10,Millionen zu Ausgrabungen ausrücken, seine alteingesessene Heimat verlassen, wo es durch viele Generationen gelebt hat und wo es sich viel mehr zu Hause fühlt, als auf den Steinen Jakobs und den Pfaden Abrahams. Das sieht man an jenen, die nach Aurerika fahren und daun die Qualen des Heimwehs nicht ertragen können, erschöpft und ermattet znr Heimat zurnckkehren und den Boden der Heimat küssen, den schwarzen Boden desselben Rußlands, daß sie trotz allem lieben, unbekümmert darum, daß die gallespeienden Verfolger schäm- und gewissenlos aus dem Leben der Inden eine Hölle machen wollen. Und schließlich wäre die Erinnerung an die Heiligtümer Palästinas wirkliche so stark und wäre das Verlangen, dort zu leben, so untrennbar mit dem Jndentnme verbunden, so hätten sich während dieser 1900 Jahre genug Gelegenheiten geboten, dorthin zurückznkehren und auf den alten Stätten ein neues Leben zu beginnen. Aber bewußt wollte es das Volk nicht, ebenso wie es dies auch jetzt nicht will. Ja. und deshalb halte ich den Zionismus für unpopulär. Die wahre Tiefe des jüdischen Geistes ist gegen ein territorial beschränktes Vaterland. Der jüdische Geist mag nichtdas alte Spielzeug des Staates und hat sich für immer davon losgesagt. Ich kann nicht ohne Rührung an die wundervolle Sage vom jüdischen Weisen aus der Zeit des Falles Jerusalems denken. Dieser Weise hatte Bespasianus einen großen Dienst geleistet, und jener schlug ihm vor, von ihm eine Gnade zu erbitten; alles würde erfüllt ihm werden. Es wäre nun die beste Gelegenheit gewesen, beu Kaiser mit die Aufhebung der Belagerung und die Wiedergewährnng der früheren Freiheit für das Land zu erbitten. Doch der Weise sagte: „Gestatte mir, .mich mit meinen Schülern nach der Stadt Jamnia zurückziehen zu dürfen, und dort eine Schule zum Studium der Thora zu gründen." Fremd und sonderbar klang diese Antwort.des Weisen, dem in Krieg und Mord verwilderten Röiner. Das war aber eine bewußte, kraftvolle und herrliche Antwort des ganzen Volkes. Der Weise hatte das innerste Geheimnis seines Geistes begriffen und scheinbar wenig gefordert. Dieses wenige aber war jenes Senfkorn, das kleiner ist, als alle anderen, das aber in Wirklichkeit viel mehr gibt als alle anderen Körner. Dieser freiwillige Verzicht des Weisen, dieser Tausch des Vergänglichen gegen das Geistige, ist einer der größten Momente in der Geschichte des Judentums, ein Moment, das noch nicht genügend gewürdigt und vielleicht noch gar nicht vom Volke selbst ausgenutzt wurde.