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Die Wahrheit · 1911-12-22 · Heft 49 (22.12.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 49 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 49. Von anderer Seite wird uns geschrieben: , : In den Nummern 47 und 48 der „Wahrheit" wird ein Artikel reproduziert, in dem die h e b r ä i s ch e S p r ache im mosaischen Religionsunterrichte nn d i m Z e r e m o N iale als Urheberin der angeblich -migeheuer großen Wiener Abfallbewegung bezeichnet wird: Vor ' allem muß ich konstatieren, daß der besprochene Artikel keineswegs mit der nötigen Sachkenntnis und der Berücksichtigung der Tatsachen abgefaßt erscheint/ sondern daß Leichtsinn und offenbare Unwahrheiten darin nachweisbar seien. Der Verfasser hat u u r eilt e Sch i ch t e der Wiener Judenheit im Auge, welche das Mittels ch ulst u d i u m für ihre Söhne und Töchter als unbedingt erforderlich ansieht, übersieht aber, daß der weitaus größere Teil der Wiener Judenheit vermögen los ist und seine Kinder nach Absolvierung der Volks- und Bürgerschule der manuelle n Arbeit und dem Handel als Hilfskräfte znführen muß. Wer selbst in den besser situierten Schichten wird die Ansicht des Verfassers nicht ohne Widerspruch unterschrieben, was die verhältnismäßig vielen orthodoxen Tempelvereine erweisen. Bor allem weise ich darauf hin, daß die gegenwärtige Abfallbewegnng dank dem Rassenhasse der Arier und ganz besonders der Deutschen, keineswegs so gefahrdrohend ist, als sie hiugestellt wird. Im Durchschnitte überschreitet die Wochenzahl der aus dem Judentume ausgetretenen Stanimes- und Glaubensgenossen nicht das Dutzend, das gibt im Verhältnisse' zur Seelenzahl der Wiener Inden (200.000) 0.5460/g. Also von nahezu 200 jüdischen Wienern tritt jährlich einer aus dem Judentume aus. Diese Tatsache ist doch nicht so erschrecklich. Trotzdem ist diese geringe Abfallbewegnng wohl bedauerlich. Ihre Ursachen liege» aber keineswegs in der hebräischen Sprache, sondern es gibt noch unzählige andere Ursachen, die sich kaum in .einer solchen Abhandlung erschöpfen lassen, deren Erforschung über der Verfasser g a u z u n t e r l a s s e n hat. Der Verfasser mag ja bei der Behauptung, daß manche Religionslehrer Zwang, Härte und Unfreundlichkeit in ihrer Lehrpraxis entwickeln, vielleicht Recht haben, aber wegen einiger untüchtiger und unpädagogisch vorgehender Lehrkräfte kann doch nicht die A b s ch a s f n n g d e r h e b r ä i s ch e n Religionssprache ernstlich vorgeschlagen werden. Warum wettert der Verfasser nicht mit gleichem Eifer' gegen das L a t e i n i s ch e u n d Griechische als Lehrgegenstände in den Gymnasien? Diese antiken Sprachen nehmen doch auch sehr viel Zeit und Studium in Anspruch und heute sind ebenfalls „die wenigsten Absolventen in der Lage, diese unter Zwang beigebrachten Sprachkenutnisse im Leben zu verwerten!" Wenn aber diese Absolventen später sogar die hebräischen Schriftzeichen wieder vergesse tt, dann liegt die Ursache wohl vorzugsweise in der religiösen Indiffere n z u u d Verständnislosigkeit der betreffenden Eltern. Wenn in der Familie keine religiösen Feste mehr gefeiert, oft sogar religiöse Lehren verspottet werden, dann hilft natürlich auch der beste Religionsunterricht nicht. Daß das Hebräische noch nie mit Lust und Liebe erlernt wurde, entspricht nicht der Wahrheit, denn ich kann versichern, daß meine Knaben, darunter ein Terzianer im Gymnasium, diese Sprache mit Begeisterung und Vergnügen lernen. Es ist auch nicht wahr, daß die Mehrzahl der Wiener Knaben aus Anlaß ihrer Dar Mizwali eine derartige Demütigung und Enttäuschung erleben, wie der Herr Artikelschreiber und seine Brüder. Wenn der Herr Artikelschreiber das Hebräische gar nicht versteht, wie konnte er sich unterfangen, über diese ehrfnrchtgebietende, heilige Sprache der Juden derart wegwerfend abzuurteilen? _ Der Verfasser fühlt eben nicht mehr als I u d e! Gerade in Deutschland studieren gegenwärtig viele Freunde der antiken Sprachforschung, auch viele Arier, mit lebhaftem Interesse die hebräische Sprache, nur uns Juden rät dieser Auchjude, unser Ureigentum, in welchem unsere achtunggebietende, alte Literatur niedergelegt erscheint, mit Verachtung von uns zu stoßen! Wohltun ist wqhl ein Hauptgebot der mosaischen Religion, aber es bedeutet noch keinen Los k auf von der Beobachtung aller anderen religiösen Gebote. Uebrigens gibt es keine j u d i s ch e K i r che. um ach t und jeder. Jude kann es! auf diesem Gebiete halten, wie es ihm gm scheint! - In z w e i Leh rstunden wöchentlich kann übrigens nicht viel Hebräisch gelehrt werden und wohlhabende Eltern sollten diesen offiziellen Unterricht durch häuslichen Privatunterricht unterstützen lassen. ' ' Das Beispiel von dem fanatischen Dr. •£., der nach der Schilderung überhaupt kein Lehrer und Psycholog war, erscheint auch nicht geeignet den hebräischen Religionsunterricht aus dem Sattel zu heben. Einzelne. Vorkommnisse, bei denen individuelle, abnorme Anlagen und eigenartige Verhältnisse eine große Rolle spielen, können gerechtermaßen nie zu Aendernngen von altbewährten Einrichtungen führen. Ungeeignete Lehrkräfte ersetze die Wiener Knltnsgemeinde mit guten! Wenn aber ein Schüler wegen des hebräischen Religionsunterrichtes sich später konfessionslos erklärt oder jüdische Eltern ihre Kinder schon vor dem sechsten Lebensjahre taufen lassen, dann ist in Wahrheit an solchen Vorkommnissen nicht der hebräische Religionsunterricht schuld, denn solche Familien waren innerlich schon früher für das. Jndentum verlorene Leute, die längst nicht mehr für ihre Stammes- und Glaubensgenossen fühlen, können auch in deutscher Sprache nicht dafür erwärmt werden. Derjenige junge Jude, welcher sich unter das Banner des Judentums stellt, erkennt auch den Wert der heiligen hebräischen Spräche. Dies erhärten die modernen zionistischen Studentenvereine, welche die hebräische Sprache pstegen und dieselbe teilweise sogar zur U m g a n g s s p r a ch e erheben wollen. Der Autor spricht auch von den Schulbehörden, die keinen Zwang ausüben sollen. Wie .kann er dann erklären, er rede der „Freien Schule" nicht das Wort, die überhaupt jeden Religionszwang perhorresziert? In den Schulbehörden sitzen aber auch Vertreter aller Konfessionen, also puch der Wiener Kultus-, gemeinde. , Ich verweise diesbezüglich auf eine Reihe von Abhandlungen, die in der „Wahrheit" veröffentlicht wurden und in denen ich auf begangene Unterlassungen dieser Vertreter im Belange der Durchführung der konfessionellen Gleichberechtigung in den öffentlichen Schulen hinwies. Der Verfasser stellte, sich da auf meine Seite. Die Abfallbewegnng wird leider durch viele andere Inkonsequenzen und Unaufrichtigkeiten unterstützt, von denen der Verfasser schweigt und die auch ich nicht in einer Abhandlung erschöpfen kann. ' Schließlich zeigt der Eiferer für den deutschen Religionsunterricht, daß seine Kenntnis der österreichischen Gesetze Lücken aufweist. Es ist nicht wahr, daß jüdische Eltern: ihre noch ungetauften Kinder nach Belieben auch in christlichen Religionsunterricht schicken können. Sobald ein' derartiges Vorkommnis zur Kenntnis' der mosaischen Kultusbehörde gelangt, ist dieselbe v er p f l i ch t e t, die Schulbehörden um Abstellung eines solchen Unfuges zu ersuchen. Nach § 49 der M.-O. vom 29. September 1905. (des. Sch. und U.--O-) haben die P o l i t i s ch e u Behörden anläßlich auftauchender Unklarheiten über die konfessionelle Zugehörigkeit eines Schulkindes zu entscheiden. Nach den n. ö. Statthaltereierlässen vom 21. September 1881, Z. 36284, Nr. 384 und vom 22. Juli 1884, Z. 33175, Nr. 387 können auch' Kinder k o n f e s s i o n s los e r oder der „Freien Kirche der Vernunft" zugehöriger Eltern gezwungen werden, denjenigen konfessionell e it Religionsunterricht zu erhalten, welcher der-Konfession entspricht, der. die Kindeseltern früher angehörteu. Es ist auch bekannt,-daß in Oesterreich fein K i n d in den sch ul p fl i ch t ig-en Leb e n sj ah r e n seine Konfession ä n d e r n darf. Es ist.also auch f o r m? l l eine solche Möglichkeit nicht vorhanden und die 26 Mädchen konnten daher unr deshalb den'christlichenReligionsünterricht besuchen, lveil sich die mosaischen Kultusbehörden nicht darum kümmerten, oder weil die Mädchen b e r e i t s g e t a n f t waren.

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