Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 49 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite o. Nr. 49' regelrecht ausgestellte amerikanische, Pässe besitzen, in Rußland das Recht der Freizügigkeit, 'während. fonft bekanntlich den Indern der Eintritt in das russische Reich untersagt ist, und nur die Vertreter protokollierter Firmen nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten eine dreimonatliche. Aufenthaltserlaubnis erhalten können. Es ist daher ganz begreiflich, daß die neuerliche Praxis der russischen Regierung, die amerikanischen Pässe nicht mehr zu respektieren, zu einer großen Erregung in der öffentlichen Meinung geführt hat, die nunmehr ihren Ausdruck in der Lösung des Handelsabkommens finden soll. Die Meinungen darüber, ob ein eventueller Zollkrieg zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten, der einen oder'anderen Macht größeren Schaden znsügen würde, sind geteilte Die amerikanische Ausfuhr nach Rußland ist größer als die'russische Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten. In der Presse Amerikas ist jedoch die Ansicht vorherrschend, daß die russischen Artikel in Amerika entbehrlicher sind, aks die amerikanischen in Rußland. Vor allem würde der Verlust amerikanischen Kapitals die Russen in der empfindlichsten Weise treffen. Es ist noch ungewiß, wie dieser Streit enden wird, aber nach den vorliegenden Meldungen ist. kaum anzunehmen, daß das Repräsentauhans die Aktion fallen läßt, wenn nicht Garantien dafür geboten werden, daß in einem neuen Vertrag zwischen Rußland und den Ver. Staaten das alte Zugeständnis anfrechterhalten bleibt, wenn auch vielleicht mit gewissen Modifikationen. Zn wundern braucht man sich übrigens über den Konsiikt nicht, denn der kulturelle und politische Gegensatz zwischen den Vereinigten Staaten und dem russischen Reiche ist so groß, daß er auch ans die Beziehungen der beiden Mächte zueinander schwerlich ohne Einfluß bleiben kann. Zur AbfnUbemegnttg. Geehrter Herr Redakteur'. Da macht sich in Ihrem gesch. Blatte ein von der „Monatsschrift der österr. israelitischen Union" übernommener Anonymus vernehmlich, der dort „Im, Namen Zahlreicher, deren Unter-- schriften vorliegen", gesprochen hat und wieder einmal dem hebräischen Religionsunterrichte den Garans machen will. Seine Tendenz lautet: Fort mit dem Hebräischen! Der Religionsunterricht soll deutsch, modern und tolerant sein. Warum? Die Gründe, die dafür angegeben werden, greisen nicht tief in den Schacht der wissenschaftlichen Erkenntnis, sie sind mehr oberflächlicher Natur, sie geben eineu Bequemlichkeiisstandpunkt wieder. Weil der Einsender und angeblich auch seine jüdischen Mitschüler das Hebräische schwer erlernt oder es widerwillig gelernt haben, wollen sie nichts mehr davon wissen.. Mit Schaudern gedenkt er der Bar-Mizwak und mit Unbehagen seiner Trauung, weil er —- difficile satyram non scribere — die Brocke anfsagen, die Konjugatiousformel hebräisch nachsprechen mußte. Andere erfüllt die Erinnerung an diese Tage mit Lust und Wonne. Hier aber muß die ganze Verwandtschaft, Brüder, Vettern und Kinder herhalten: Ihnen allen hat das Hebräische weh getan. Noch schrecklicher ist es anznhören, daß ein Freund, der Arzt werden wollte, nicht dies, aber etwas anderes geworden ist, weil er , im Hebräischen versagt hat. Die Rache ob dieses Ungemachs macht sich in dem Feldgeschrei Luft: das Hebräische ist ein unnötiger Ballast und Plunder, es taugt nicht für das praktische Leben und soll darum verschwinden. . Wir dürfen noch, froh sein, daß unser Anonymus den Religionsunterricht nicht vollends beseitigen will. Es scheint, daß er selbst ihn als wirksames Mittel gegen die Abfallbewegung betrachtet. Aber deutsch muß er, sein. - Allerdings will er das Bindeglied der Religion doch noch lieber buchstäblich durch einen Wohltätigkeitsverein ersetzen und Wohltun ausschließlich au die Stelle des Gebetes treten lassen- Er vergißt, daß unsere'Lehre beides gebietet. Ich aber frage: müßte die Religion in deutscher Sprache nicht auch gelehrt und. gelernt werden, würde dieser Unterricht die Jugend nicht, gleichfalls „belasten", würde er nicht auch .der „Vergeßlichkeit" anheimfallen, wenn Fleiß und Aufmerksamkeit abgehen? Aber es kommt noch besser. Weil der deutsche Kaiser das Griechische für überflüssig hält, soll auch das Hebräische unnötig sein. Ich glaube, das allein ist noch nicht zwingend genug; es mag . ja sein, daß das Griechische für das praktische Leben nicht taugt, aber die Religion ist kein Requisit des praktischen Tagwerkes, sie ist ein unwägbares, unschätzbares Idealgut, welches das sittliche und geistige Leben der ihr zngetanen Menschenkinder erfüllt. Ich bin kein Theologe; ich kann nicht mir deren Rüstzeug ausmarschieren; ich muß daher bloß vom Standpunkte des theosophisch Unwissenden, aber gläubigen Gemütes die Frage beurteilen. In diesem Sinne aber meine ich das folgende. Unsere Lehre, unsere Glaubenssätze und Gebote sind uns in hebräischer Sprache überliefert. Sie ist die heilige Sprache, in der das Wort Gottes verkündet wurde, in der sich Gotr seinen Kindern offenbart hat. Sollen die Kinder zu ihrem Vater nicht in der gleichen Sprache reden? Was aber kann eine Uebersetzung bieten? Hat je eine Uebersetzung, sei sie noch so vollkommen und poetisch, noch so schön und gewandt, das Original erreicht? Kann z. B. (bei aller Anerkennung) „Beruria" den Sidnr ersetzen? Was ist uns eine horazische Ode in deutscher Sprache, was Virgil und Homer, wer gibt die Süße und den Schmelz der Danteffchen Komödia wieder? Eine Uebersetzung ist ein matter, fader, abgestandener Abklatsch, eine blasse Kopie, ein schwächliches Surrogat. Was bedeutet ein „Höre Israel!" gegen die Klangfarbe und das Register eines „Sckemak“, was ersetzt die schmetternde Hymne des „Lecko daudiw, die Inbrunst einer Brocke? Ja selbst der Einsender muß sich, will er sich verständlich machen, bei seinen Termiuis der Ursprache bedienen. Wenn irgendwo, gilt hier der Satz: le ton faifc la musique. Der Ton, der in unserem Herzen schwingt und an unsere Seelen greift, der uns erhebt und uns erschüttert, die Laute und Töne, die seit Jahrtausenden erschallen und unbewußt in uns nachzittern, die an dem Worte kleben, mit ihm erstehen und mit ihm ersterben. Ein deutscher Gottesdienst für Juden ist ein Gefäß ohne Inhalt, ein Messer ohne Schneide, leerer Schall und Rauch. Es geht auch nicht an, Religion mit den übrigen Disziplinen in einen Topf zu werfen. Religion ist überhaupt keine Disziplin; Religionswissenschaft mag es fein, Religion ist es nicht. Religion ist die Inbrunst der menschlichen Seele für die Größe, Allmacht, Güte und Barmherzigkeit des höchsten Wesens, meinetwegen nach dem Kantischen Worte die Erkenntnis der Pflichten, 8vi1. der Pflichten gegen Gott und die Menschen. Ihre Sprache ist der Natnrlaut, in welchem menschliche Ohnmacht Hilfe erfleht, menschliche Demut sich beugt, menschliche Sühne Verzeihung heischt, und diese Laute sind nicht tot, sie (eben immerzu und allezeit in den Zeichen und Rufen, welche die Lippen der Vorfahren bewegt, welche sie in Druck und Rot hiuansgeschrieen, in Freude gejauchzt haben, in jener Sprache, welche die Leiden von Jahrtausenden geheiligt hat und welche der Kitt des Bandes geworden ist, welches die Kinder Israels zu Gott führt und mit ihm vereinigt. Dazu benötigen wir keiner fremden Zunge als Dolmetsch, das wollen und können wir in eigener Sprache reden. Gewiß soll der. Religionslehrer nachsichtig, verständig, tolerant sein; jeder Schul- und Menschenfreund wird dies unterschreiben. Aber der Lehrer darf verlangen, daß seine Schüler auch seinem Unterrichte die gehörige Aufmerksamkeit entgegenbringen, und man soll es dem Lehrer nicht allzu übet nehmen, wenn , er seine pädagogische Aufgabe ernst nimmt. Man komme doch nicht immer mit der Ueberbürdung. Unter der Last des Religionsunterrichtes bricht der Schüler gewiß nicht zusammen. Die Religion nimmt in dem allerdings großen Schulpacke nur s ein.bescheidenes Plätzchen ein. Zwar heißt es. und in der letzten Zeit habe ich es wieder irgendwo gelesen: Ein Strohhalm mehr aufgeladen und das Kameel bricht nieder. Ich meine aber, das gilt nur von — Kameelen. Ich schätze die Tragfähigkeit und die geistige Kapazität unserer jüdischen Kinder höher ein. Auch der Religionsunterricht soll aus den Quellen fließen und nicht mit Surrogaten vorlieb nehmen; denn nur so ist er kräftig, wirksam und gesund.. - L - - -- 1 3 Dr. Hernrrch Schreiber. Wien, am 19. Dezember 1911.