Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-12-22 · Heft 49 (22.12.1911) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 49 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063621--07621-3074722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 49. Die Vorbereitungen für die Vorwahlen in deutschen Reichstage sind im vollen Zuge. Alle Parteien veröffentlichen ihre Wahlaufrufe und unter diesen sind jene der linksstehenden Parteien für uns Juden von besonderem Interesse: Daß der Llassenkampfdnrchtobte Wahlaufruf der Sozialdemokraten für die Freiheit und Gleichberechtigung aller, die Meuschenautlitz tragen, Eintritt, ist selbstverständlich. Die Fortschrittliche Volkspartei erneuert die Forderungen des Erfurter Parteiprogramms: Gleichheit vor dem Gesetz, ohne Ansehen des Standes, der Partei und des Glaubens; keine Bevorzugung des Adels im öffentlichen Dienst, keine Zurücksetzungen wegen religiöser und politischer Ueberzeugnugen, volle Gewissens- und Religionsfreiheit, gleiches Recht für alle Bekenntnisse, keine Bevorrechtnng von Religionsgesellschäften durch den Staat. Sehr beachtenswert ist aber auch der warme Lwn, in dem der Nationalliberale Aufruf für die Gleichberechtigung sich ins Zeug legt: Es gilt, die reichen Kräfte unseres Volkes frei zu machen durch eine Gleichberechtigung, die nicht bloß auf dem Papier steht, sondern in Wahrheit allen Bürgern des Deutschen Reiches, ohne Rücksicht auf Herkunft, Glauben, Rang und Besitz, den Zugang zu den öffentlichen Aemtern frei gibt und jeden verfassungswidrigen Eingriff in die Unabhängigkeit des Bürgertums bei der Betätigung seiner staatsbürgerlichen Rechte ausschließt. * * * ■ Daß Juden im deutschen Heere nicht mehr Reserveoffiziere werden, ist eine Tatsache, die nicht abgeleuguet werden kann, sondern die von den reaktionären Parteien möglichst sanktioniert und verewigt werden soll. Der „Verband der deutschen Juden" hat zu diesen der Verfassung widersprechenden Zuständen Stellung genommen, worauf die „Kreuzztg." behauptete, wenn den Wünschen'des Verbandes uachgegeben würde, so würden die Juden eine Bevorzugung genießen. „Sie verlangen," so heißt es in den genannten Blatte, „unter allen Umständen jüdische Reserveoffiziere, während die christlichen Einjährigen das Ziel nur erreichen, wenn sie sich als geeignet erweisen. Die übergroße Mehrzahl der christlichen Einjährigen erlangt den Reservevsfiziersgrad nicht." Um diese, gelinde ausgedrückt, törichten Worte niederschreiben zu können^ tut die „Krenzztg." so, als ob man verlangte, daß alle jüdischen Einjährigen Reserveoffiziere werden sollen. * * * Der türkische Reichsingeuieur Santo Bey, ein Jude, der sich gegenwärtig auf einer Vortragstonrnee durch Europa befindet, hat in Budapest, wo er gleichfalls mehrere Vorträge hielt, sich auch über die jüdische Kolonisation in der Türkei ausgesprochen. Die türkische Regierung fördere seiner Ueberzeugung nach jede rationelle Kolonisation von Inden im türkischen Reiche, wo die Juden vollständige Gleichberechtigung genießen. Die europäische Jndenschaft sollte es in die Hand nehmen, das Tempo der systematischen Kolonisation von Juden in einem Teile der Türkei zu beschleunigen; mit besonderer Wärme trat Santo Semo Bey, der vor Jahren an einer staatlichen Studien-' reife nach Mesopotamien, als Ingenieur teilgenommen hatte, für eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien ein. welchem Laude er eine große Zukunft prognostizierte. Die türkische 9legienmg; würde feiner Kenntnis nach eine größere Einwanderung nach Mesopotamien mit allen Mitteln unterstützen. * * * In der demnächst beginnenden neuen Session des rumänischen Reichstages soll, wie der „Straßb. isr. Wochenschrift" berichtet wird, die Revifi 0 n des rnntdnifchen Bürgerrechtes zur Verhandlung gelangen. Hauptsächlich soll der im Staats-Grundsatze befiindliche § VII, laut welchem „Die Heimatlosen Rumäniens", die sich aus dem Auslände daselbst niedergelassen haben, seither sich aber gänzlich assimiliert, — die Rechte, die jedem geborenen Rumänen zukommen, — nicht genießen dürfen, — außer Wirkung gesetzt werden. Obwohl diese „Heimatlosen" Jahrzehnte hindurch den Löwenanteil jeder Staatslast, jedes Gemeindienstes, Militärpflicht, etc. auf sich liiden und fortwährend unter der Herrschaft der rumänischen Gesetze standen, waren für sie sämtliche öffentliche Laufbahnen versperrt. Im Staatsdienste durften sie kein Amt bekleiden, konnten beim Militär nicht befördert werden und durften kein unbewegliches Gut als eigen ankaufen. Mit einem Worte: Die Begründung ihrer Existenz war aufs äußerste beschränkt. Dieses rechtsvernnglimpfeiide Gesetz ist schon eine sehr alte Krebswnnde Rumäniens und am schwersten fühlbar immer für das Judentum gewesen, das, ungeachtet dessen, im rumänischen ' Gemeinwesen eine immer größere Rolle spielt. Das rumänische Judentum führt daher schon fett Jahrzehnten einen schrer verzweifelten Kampf gegen diesen L-chandparagraph. Sobald der gewünschte Erfolg erzielt wird, werden auch, die Millionen „Heimatlosen" und Inden des rumänischen Tieflandes, der Moldau und Dobrndzse im rumänischen -Landtage zu Worte kommen können. Allem Anschein nach ist der Sieg schon vor der Tür. Auch in Rumänien befinden sich schon zahlreiche, vorzüglich redigierte Journale, die sich in den Dienst der Propagierung der Interessen der Jndenschaft Rumäniens stellen und sich großer Achtnng und Wertschätzung erfreuen, und diese haben es erzweckt, daß die brennende Judenfrage auch zwischen die Conlissen der rumänischen Großpolitik drang. Und selbst die konservative Demokraten-Partei beschleunigt die Revision des Bürgerrechts, da sie den in Rede stehenden Paragraph VH mit der Würde der freien lind modernen Rnmänier nicht für vereinbar hält. * q: Um das Maß der Leiden der russischen Inden vollznmachen, kommt zu allen Uebeln noch der wirtschaftliche Boykott, der nunmehr allseits gegen die Inden betrieben wird. Die Warschauer Intendantur und die technisch-militärische Behörde, erhielten von Petersburg die Anweisung, jüdische Lieferanten und Unternehmer nicht zuzulassen und darauf zu achten, daß die christlichen Unternehmer keine jüdischen Teilhaber und Angestellten hätten. Eine gleichlautende Verordnung erhielt auch die ‘ zuständige Behörde in Kiew. Die Wilnaer patriotische Organisation ..Der Bauer" faßte den Beschluß, eine „Russischnationale Kommerzbank" zu gründen, mit der Aufgabe, den. jüdischen Handel zu bekämpfen und zur Schaffung eines russischen Kanfmannsstandes in Lithauen beizutragen. Wie verlautet, soll der Wilnaer Geueralgouverneur eine Regierungssnbvention für diesen Zweck zugesagt haben. Die Landschaftverwaltung (Zemstwo) des Kreises Nowgorod (Wolhynien) faßte den Beschluß, einen Delegierten zum Jekaterinoslawer Zemstwo-Kongxeß für Getreidehandel zu entsenden, mit dem strikten Mandat, den „Kampf gegen die jüdische Ausbeutung" zu fordern. Die Wilnaer Ortsgruppe des russischen Volksverbandes richtete an den Erzbischof das Ersuchen, er möchte den Geistlichen untersagen, ans Besuchen und Reisen in jüdischen Gasthäusern zu logieren. ch * , . ch Nach den neuesten Meldungen hat der. Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland wegen der Behandlung amerikanischer Staatsangehöriger jüdischer Konfession durch Rußland, wie schon mitgeteilt, schärfere Formen angenommen. . Im Repräsentantenhause ist ein Antrag eingebracht, den Frenndschaftsvertrag zwischen Rußland und Amerika vom Jahre 1832 aufzuheben, da der Vertrag, dnrch Rußland verletzt sei, das den Amerikanern, jüdischen Bekenntnisses entgegen den Vertragsbestimmungen den Eintritt in das russische Reich versage. Von russischer Seite wird dagegen behauptet, Rußland beabsichtige nur, die während der russischen Revolutionszeit nach Amerika ansgewanderten. russischen Juden von der Rückkehr nach Rußland ansznschließen... Der Vertreter Rußlands in Washington, hat gegen, den Aufhebung, des Freundschafts- und Handelsvertrages Protest erhoben, allerdings, wie behauptet wird, in freundlicher Form; er soll aber üuch von einer Insulte gesprochen haben, die Rußland durch die Behauptung zugefügt sei, daß es seinerseits den Vertrag verletzt habe. Es hat in dieser Angelegenheit bereits ein Ministerrat in Washington stattgefunden, woraus man schließen muß, daß die Regierung der Ver- . einigten Staaten die Frage als sehr bedeutungsvoll ansieht. Nach dem-Freundschafts- und Handelsvertrag vou 1832' haben jüdische Kanfleute amerikanischer Staatsangehörigkeit, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.