Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 49 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion mid Administration: Wien, 11/, Nvvarägasse 21 Telephon r Redaktion 5509/1V. Unabhängige Hertschrift für Mische Gerngsprei«': Ganzjährig.K U.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. ft. I. üsterr. Mostspartaisa- Schrck-ftonio Nr. 100.918. Interesse«. Für IkiiltnSbezimte: Ganzjährig.K 10. - Inserate: Die viermal gejvaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ikreitng. Für Ausland: Abonnementsmib Jnjertious- Ganzjährig.8 Mark betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. Mott«: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rudel oder «6 Frc». |lv. 19. Wien. 22. Dezember Inhalt: Aus der Woche. — Zur Abfallbewegung. — Tolstoi über den Zionismus. — Berlaffene Kinder. — Wiener Kantoren-Bildungsanstalt. — verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Weihnachten und Chanuka. — Austritte aus dem Judeutume. An unsere Leserl Bei dem Ernste der gegenwärtigen Zeiten bedarf das Judentum mehr denn je einer starten und unabhängigen Presse, die nicht nur mutvoll und unerschrocken den Kampf nach autzM führt, sondern auch irn eigenen Lager strenge Wache hält. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat „Die Wahrheit" auch im abgelanfenen Jahre an ihrem Programme, das Interests für die erhabenen Ziele des Judentums in allen Bevölkerwrgsschichtrn;u Wecken, festgehalten, und ihr. Bestreben wird auch fernerhin darauf gerichtet sein, jüdisches Leben in allen seinen Erscheinungenzu pflegen, die innere Organisation mit allen Kräften?u fördern, die Vorfälle im Gemeinde- und Vereinslrben nrit maßvoller und objektiver Kritik;u beurteilen und dabei gleichzeitig den Kampf nach auhen mit Würde und Entschiedenheit zu führen. Diese publizistische Tätigkeit bitten wir durch Abvnnierung unseres Blattes zu fördern. Abonnements-Bedingungen: Kanzjäyrig Kr. 14.— Kalvjährig Kr. 7.—, Wiertetjährig Kr. 3.5V. K. k. PoftsParkassen-Konto 1VV.S18. Die Weöaktion. Ans der Woche. Wie uns mitgeteilt wird, wurde es uns in einzelnen Leserkreisen übelgenommen, daß wir durch Reproduktion des Artikels „Zur Abfallbewegung" in den beiden letzten Nummern unseres Blattes so radikalen Anschauungen über die Eleminierung der hebräischen Sprache aus hem jüdischen Religionsunterricht und der Liturgie Raum gegeben haben. Es geschah dies jedoch . keineswegs in Zustimmung zu/den Ausführungen des anonymen Autors, sondern zu dem Zwecke, um durch Wiedergabe derselben die Diskussion dieser mit dem Schlagworte von der Ueberbürdung durch den Religionsunterricht auf ein falsches Geleise getriebenen Frage anzuregen und unseren Lesern Gelegenheit zu geben, zu derselben Stellung zu nehmen. Wir halten es nicht für richtig, sich über solche Themen, die nun einmal gewissen Kreisen des Judentums von großer Wichtigkeit erscheinen, einfach hinwegzudrücken, sondern wir sind vielmehr der Anschauung, daß es gerade einer ernsten und eingehenden Erörterung derselben gelingen könnte, diese durch Schlagworte irregeleiteten Kreise eines besseren zu belehren. Unsere Erwartung, daß es an trefflichen Entgegnungen nicht fehlen wird, hat uns nicht getäuscht, und aus der großen Zahl der Einläufe veröffentlichen wir an anderer Stelle des Blattes zwei Antworten, die zur Klärung der angeregten Frage wesentlich beitragen dürften. * * In seinem soeben erschienenen Buche: „Bon Pol zu Pol" erzählt der schwedische Entdecker Sven Hedin folgende, in mehr als einer Beziehung charakteristische Geschichte: „Ich war so krank, daß meine Mutter (aus Schweden) mir schon nachreisen wollte. Meine Kniee schwollen an und schmerzten entsetzlich. Tag und Nacht wachte ein Arzt an meinem Bette und tat alles, um meine Schmerzen zu lindern. Dieser Arzt war ein alter, polnischer Jude. Durch meine nächtlichen Fieberträume hindurch sah ich ihn im Zimmer umhergehen, still und schweigend, armselig gekleidet, ein Bild der Treue und Er» gebenheit. Und als er seine Aufgabe beendet hatte, weigerte er sich, eine Entschädigung für seine Mühe anzunehmen. Ich solle das Geld lieber den Armen geben, meinte er. Noch heute steht der Alte deutlich vor mir mit .seinem gefurchten Antlitz, seiner großen, krummen Nase und den lang herabbaumelnden Schranbenzieherlocken an den Ohren; ich sehe noch seinen langen Rock, der einst schwarz gewesen, nun aber an den Nähten grün geworden und voller Mottenlöcher war. Jetzt ist er, glaube ich tot, mein alter Jude, aber er gehört zu denen, die ich nie vergessen werde!" * * * Der ungarische Knltnsminrster hat für die Vorarbeiten der jüdischen Autonomie 120,000 Kronen in das Budget für 1912 eingestellt. Die Autonomie, welche das Kultusministerium anszuarbeiten beabsichtigt, soll den Zweck haben, den mißlichen Rechtsverhältnissen der Judenschaft ein Ende zu machen und die jüdische Rezeption recht eigentlich erst zum Abschluß zu bringen. Zn diesem Behufs wird schon in allernächster Zeit unter Zuziehung der Führer der verschiedenen Konfessionen eine Enquete einbernfen werden. Die Autonomie soll, wie verlautet, die Rechte der Orthodoxen in keiner Weise antasten und die religiösen Fragen ganz unberührt lassen, damit ein Zusammenwirken der fortschrittlichen Judenschaft mit den Orthodoxen ermöglicht werde.