Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 48 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 7. Mmigrationskongreß und dessen Aufgabe: Die Realisierung aller unabweislichen Forderungen einer jüdischen Auswandernngscholitik. Ilona Löwy. Der Knaöenmord in Kierp. Ätnfruf von Reichsratsmitgliedern und Professoren gegen den Ritüalmord. Ans Petersburg wird unterm 12. Dezember gemeldet: Morgen erfolgt im Zusammenhänge mii der E r m o r düng des Knaben I u s ch t s ch i u s k y i n K i e w die Veröffentlichung eines Aufrufes mehrerer R e i ch r a t s m i t g l i e d e r, 'Professoren und Schriftsteller zu Gunsten der Luden gegen die Beschuldigung des Ritualmordes. Weiters wird gemeldet: Den heute veröffentlichten Protest gegen den Ritualmord haben 83 bekannte Persönlichkeiten unterzeichnet, darunter Andrejew, Maxim Gorki, Wladimir- Koro len ko, Professor Filenko u. a. * * * Die Affaire des Knabenmordes in Kiew beschäftigt schon seit Monaten die öffentliche Meinung in Rußland. Die Ermordung des Volksschullehrers Juschtschinsky in .'Kiew, dessen blutleere Leiche in der Nähe einer Ziegelei gefunden wurde, gab dem Kiewer Bolksverband Anlaß, eine intensive Agitation gegen die Juden zu eröffnen. Unter dem Einflüsse dieser Agitation hatten die Nationalisten sogar eine Interpellation in der Duma eingebracht, in welcher sie die Juden des Ritnalmordes beschuldigten. Die Interpellation wurde jedoch nach stürmischer Debatte abgelehnt. Die Volksverbändler stellten aber auch nach dieser Ablehnung ihre Agitation nicht ein. Sie-erzwangen die Verhaftung eines jüdischen Beamten der .Ziegelei, in deren Nähe der ermordete Knabe gefunden wurde, und brachten eine zweite Interpellation in der Duma ein, in welcher sie den verhafteten Juden Beiliß als den Vollstrecker eines Ritnalmordes an dem Knaben Juschtschinsky bezeichneten und Maßnahmen gegen die Juden forderten. Da die Agitation der Volksverbändler unter den Juden in Rußland große Beunruhigung hervorries, so haben hervorragende Reichsratsmitglieder, Professoren und Schriftsteller beschlossen, einen Aufruf gegen den Ritualmord zu erlassen. Heute soll nun dieser Aufruf erscheinen. Wie die Psalmen beim Religionsunterrichte behandelt werden solle«. In einem früheren Artikel „Die Psalmen als Schulbuch" wurde auf die literarische Bedeutung der Psalmen hingewiesen. Noch höher aber sind sie vom erziehlichen Gesichtspunkte zu bewerten. Geht ja durch das ganze Buch ein pädagogischer .Zug. „Unterweisen, belehren, kundtun, führen" sind oft wiederkehrende Wörter. Nur ein Jngendbildner konnte den bedeutenden Ausspruch münzen: „Durch den Mund der Kinder begründest du Macht." 8, 3. Nur ein Schulmann kann sich mit der Frage beschäftigen: „Wodurch kann ein Knabe rein erhalten seinen 'Wandel?" 119, 9. 144, 12. Dieser erziehliche Nutzen der Psalmen muß jedem kundigen Lehrer so einleuchtend sein, daß kaum einer sie aus dem Lehrpläne für die Religion ansschalten und eines solchen wirksamen . Mittels zur Erziehung, wie es die Psalmen bieten, sich freiwillig begeben möchte. Und soll die Religion nach einem jetzt verbreiteten Losungsworte den Charakter bilden, nun sie flößen uns einen festen Sinn, einen starken Willen ein. 51, 12. Sie lehren uns die drei Kardinaltugenden: Wahrheit, Treue und Gerechtigkeit; sie sprechen Abscheu aus gegen Lug und Trug, gegen Abfall und Bundesbrüchigkeit, gegen Heuchelei und Scheinheiligkeit; sie schaffen die reinsten und edelsten Gefühle in unserem Herzen und leiten uns zur wahren, inneren Frömmigkeit, zur Selbft- -beherrschung. Vgl. Kp. 7, 50. Wie die richtige Behandlung der Psalmen ohne große Opfer an .Zeit die Behelfe und Disziplinen des Religions- Unterrichtes als Geschichte' und Sittenlehre überflüssig machen, soll gleich an den drei ersten Psalmen nachgewiesen werden. Psalm 1. Den geschichtlichen Hintergrund dieses Psälmes bildet die Zeit der Neugestaltung des jüdischen Reiches unter Esra, dem zweiten Moses, der Israel die geoffenbarte Lehre wiedergegeben hat. Der heilige Eifer, mit dem er diese dem versammelten Volke nebst einer leicht faßlichen und verständlichen Erklärung vortrng, entflammte die Begeisterung der Zuhörer so sehr, daß sie sich bestrebten, die Thora ihrem ganzen Inhalte nach zu kennen und zum Wegweiser ihres Lebens zu machen. (Esra 7,10. Neh. 8. 8.) Diese Lehre, welche ihnen die Reinheit ihres Ursprunges zum Bewußtsein brachte, gebot die Absonderung von den heidnischen Völkern. Die Führer des Volkes nahmen daher eine strenge Reinigung und Läuterung vor, welche nötig war, damit die Lehre am Volke ihre heilsame Kraft bewähre. Alle Schädlinge, welche auf den heiligen Stamm verderblich wirken konnten, wurden rücksichtslos ans Israels Mitte ausgestoßen. Allein auch die junge Gemeinde barg in . ihrer Mitte Leichtlebige, welche von der gewohnten Ungebundenheit nicht lassen wollten und sich über die eingesührten Normen hinwegsetzteu. Die Volksführer fühlten sich umsomehr verpflichtet, die Rechtschaffenen vor dem Umgänge mit diesen Gottlosen in Israel zu warnen, als das schlechte Beispiel in der Nähe sie zur Nachahmung verleiten könnte. Dieses Motiv bestimmte den Dichter zu folgendem Psalm, welcher wegen seines lehrreichen Inhaltes an die Spitze der religiös didaktischen Psalmensummlung gestellt wurde. 1. Der Psalmist preist den Mann glücklich, der jede Art auch der geringsten Annäherung an die Bösen meidet, welcher im Rate der Frevler nicht geht, auf dem Wege der Sünder nicht steht und im Kreise der Spötter nicht sitzt. 2. Dieser Mann begnügt sich aber nicht bloß mit dem Negativen, dem Meiden der Gottlosen, sondern betätigt auch positiv seine geistigen Kräfte, indem er in der liebgewonnenen Gotteslehre Tag und Nacht forscht. Die Verbindung mit Gottlosen und die Liebe zur Lehre schließen einander aus. Und derjenige, der Wohlgefallen an der Thora hat und das Stndium der Gotteslehre beständig pflegt, hat weder Zeit noch Lust, sich den Bösen zu gesellen, welche die Lehre hassen und ihre Gesetze übertreten oder gar verspotten. 3. Der Psalmist vergleicht diesen Mann, der ans der Gotteslehre stets frische Lebenssäfte schöpft, mit einem an Wasserbächen gepflanzten Baume, der seine Frucht bringt zur Zeit und dessen Laub nie welkt, weil auch er nach den Weisungen der Lehre alles zur rechten Zeit tut, weshalb anch alles, was er schafft, gedeiht und bleibende Früchte trägt. 4. Einen Gegensatz zu ihm bilden die Frevler, welche wegen ihrer Leichtlebigkeit und Gehaltlosigkeit der leeren, wertlosen Spreu gleichen, die der Wind verweht. So werden auch sie aus der Gesellschaft der Guten weggefegt. 5. Daher bestehen sie nicht die Untersuchung beim Gerichte. wo sie wegen ihrer leichtsinnigen Handlungen angeklagt werden, und die Sünder behaupten sich nicht in der Gemeinde der Gerechten, aus welcher sie bald ausgestoßen werden. Ihre Wege sind von einander geschieden. Denn der Ewige kennt den Weg der Gerechten, den von seiner Lehre vorgezeichneten. Dieser hat Bestand. Der Weg der Frevler aber, der sich von ihr entfernt, muß schwinden. Heil daher dem Manne, der den Weg der Frevler nicht betritt. V. 1, (vgl. Rum. 16, 33. Chaggai 7, 17. II. Chr. 20, 27, Tr. Sulka S. 66). Dieser Psalm zerfällt in 3 Teile 1—% 3—4,-5—6. In allen Versen herrscht vollständiger Parallelismus. 1. 'ivx Adjektiv, gebildet vom Subst. nvn Glück oder -wk Schritt. Sichern Schrittes wandelt. Prädikat von der Mann, derjenige. Der Artikel n ist mit Kamaz statt Patach punktiert, weil auf ihn der Kehllaut n folgt. Die Verba -frn w und nur stehen im Perf., werden aber in der Bedeutung des Präsens gebrauche