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Die Wahrheit · 1911-12-15 · Heft 48 (15.12.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 48 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 48. Regionen von den türkischen Kumanenhorden, sodann von den Mongolen überflutet, und später russisch wurden. Es ist Möglich, daß Teile der jüdischen Bevölkerung in Rußland, wenigstens in. der Krim und in Kaukasien, noch aus jener Zeit flammen. Von der kolonisatorisch verbindenden Wirksamkeit und der didaktisch weite Horizonte umfassenden und auch selbständig sogar neue Zusammenhänge öffnenden Begabung des Judentums ist endlich noch zu reden bei der Betrachtung des merkwürdigen und .hochwichtigen Zeitabschnitts-, in welchem die griechische Wissenschaft die unschätzbaren Anregungen zu ihren kosmischen Jdealschöpfungen von Babylon her empfing. Dies geschah hauptsächlich in den vorchristlichen Jahrhunderten 5—2, zwischen den Zeiten von Pythagoras bis zu denen von Alexander dem Großen und von Ptolemäus Sorer, dem zweiten der' ptolemäischen Aegypterkönige. Es wird glaubhaft berichtet, daß schon Alexander und noch bewußter Ptolemäus Soter eine Mitwirkung von jüdischen Elementen bei der Kolonisation und der Entwicklung von Alexandria betrieben habe. Es fehlen auch die Anhaltspunkte nicht für die Annahme einer späteren eifrigen astronomischen Mitarbeit von jüdischen Gelehrten in Alexandria und in. Syrien, während auch einige bekanntere Namen von solchen zu jener Zeit in Babylon florierten. Und zu den Höhen der babylonischen Wissenschaft, zu denen noch bei Alexanders Lebzeiten, dessen Lehrer Aristoteles durch die Entsendung seines Schülers Callisthenes direkten Zugang suchte und von denen dann wichtige, noch jetzt für uns wertvolle Aufzeichnungen in Alexandria niedergelegt wurden, hatten die Inden schon in ihren babylonischen Exilzeiten offenbar Zugang gewonnen und internationale Anregungen davon in weite Ländergebiete getragen. Ein Mythos, den Josephus und Philo über die Wirksamkeit von Abrahams Wandernugen kultiviert haben, umkränzt sogar schon den großen jüdischen Patriarchen mit dem Ruhme der Ausübung einer solchen Lehrwirksamkeit größten Stiles, indem sie schildern, wie schon Abraham von dem Zweistromlande Mesopotamien her. wandernd, in dessen nördlicher Nachbarschaft sein Heimatland lag, auch die Steruwiffenschaft von Babylon her zu den Phöniziern und nach Aegypten an den Hof der Pharaonen getragen habe. Offenbar haben wir es hier mit einem Nachklang aus den sehr frühen Zeiten zu tun, in denen uns keilschriftliche Dokumente, wie sie in wachsender Anzahl und Bedeutung aus den neueren archäologischen Erforschungen jener Erdgegenden hervorgehen, eine Art von wissenschaftlichem Gemeinschaftsleben der höchsten Staats- und Geistesregionen der verichiedeneu großen Länder und Völker, unabhängig von den Verschiedenheiten der Sprachen entwickelt, ahnen lassen. Ob und wie weit ein solches hohes Gemeinschaftsleben von Ostasien bis nach Aegypten hin, wenigstens im Gebiete ihrer kosmischen Forschung und der darauf zunächst begründeten Weissagungskunst der Finsternisse und der Schicksale, in jenen Jahrtausenden scholl vor dem Beginn der jüdischen Wanderungen und Exile bereits existiert hat, muß zurzeit noch dahingestellt bleiben. Einen Anklaug ähnlichen Gemeinschaftsideals stellt uns auch das wissenschaftliche Leben des europäischen Mittelalters etwa zur Zeit der Blüte der Renaissance und des Universitätslebens gegen Ende des Jahrhunderts 14 dar, nämlich als re8pu.b1i.ca christiana mit der gemeinsamen lateinischen Sprache. Es ist aber schwer All denken, daß in jener frühen Zeit, schon lange bevor Babylon in den vorchristlichen Jahrhunderten 7—3 den Gipfelpunkt seiner astronomischen Arbeit erreichte, bereits wissenschaftliche Gemeinschaft jener höheren Art von ganz Asien bis nach Aegypten hin wirklich existierte. Man wird richtiger aunehmen, daß Anfänge solcher.Art zugleich mit einer riefen Sehnsucht nach einer höheren Verwirklichnngsstnfe derselben damals schon bestanden haben. Sehr merkwürdig ist es nun zu sehen, wie sich die biblische Tradition zu solchen Anfängen und zu solchen Gedanken gestellt hat. Ein Gemeinschastsaufschwung hat auch bei der Wissenschaft leicht Ueberhebung in eigener Sache und Unterschätzung anderer Ziele und Interessen zur Folge. So hat wohl der babylonische Turmbau himmelhohen Wissens und Strebens den Unmut Jehovahs, d. h. der. religiösen Lenkung der Menschengemeinschaft, auch damals schon zur Folge gehabt. Die Gegenwirkung aber nud^ die Unmöglichkeit, schön damals jene Ideale zu verwirklichen, ging aus der unsäglichen Unruhe der Völkerbewegungen, deren bedräugtesterlSchauplatz gerade das babylonisch-assyrische Zweistromland war und aus der unvermeidlichen, gerade dort immer neuen Verwirrung der verschiedensten Völkersprachen hervor und so wurde, diese Sprachverwirrung als. der entscheidende Gegenzug der Weltenleükung gegen das himmelstürmende Wisseuwollen verkündet. Ganz anders dachte hierüber Jesaias, der schon damals die liebevollste Zukunft eines höheren einmütigeirGemeinschaftslebens der ganzen Menschheit mit erhabener Begeisterung verkündet hat. Zum Schluß dieser Betrachtungen möchte ich noch einen Blick werfen auf die Unvollkommenheiten, mit denen bisher so vielfach die geschichtliche Erforschung gerade des Emporwachsens der wissenschaftlichen Arbeit der Menschheit behandelt worden ist. Der Forscher hat dabei meistens die Neigung, sich sozusagen in eine bestimmte Volksart und Knlturepoche oder iu eine bestimmte Literatur zu verlieben. Dagegen hilft eigentlich nur ein möglichst universales Zusammenwirken und Ausgleichen. Graf Gobineau und Chamberlain haben alles große Wissen und Können nur aus arischen Köpfen hervorgehen sehen wollen. . Was ich von der Bedeutung der jüdischen Kulturarbeit gesagt habe, ist nitr ein Teil dessen, was uns ein ruhiger Blick ans die ganze Fülle der uralten asiatischem und semitischen Kulturarbeit an Ernst und Größe der Forschung entgegenleuchten läßt, und zwar auf dem Gebiete kosmischer Erkenntnis viel reicher als der Anteil des indischen Ariertu ms. Ein eifriges. Zusammenwirken archäologischer und dokumentarischer Arbeit mit der Divination des spezifischen Fachmannes wird uns da noch große Eindrücke, auch im Sinne einer tieferen Behandlung des Raffenproblems, bringen. Jüdische Auswanderung und Auswanderungspotttiü. Ueber dieses bis jetzt in Oesterreich noch sehr wenig diskutierte Thema sprach am 26. November 1911 in Prag und am 12. Dezember a. c. in der Jüdischen Toynbeehalle in Wien der Schriftsteller B e r t o l d i - L a tz k y interessant und instruktiv. Er wies an der Hand von Ziffern nach, daß die Juden-- emigration eine Massenerscheinnng von größter Tragweite für die jüdische Volkswirtschaft nicht bloß aus Rußland und Rumänien, sondern auch aus Oesterreich (Galizien) eine steigende Tendenz zeige und daß die nächste Zukunst wohl kaum eine Aendernng dieser Tatsache herbeizuführen imstande sein dürfte. Er beleuchtete den unhaltbaren Zustand der heutigen planlosen jüdischen Wanderungen und die konstatierte unleugbare Tatsache, . daß die bisher unternommen Schritte zur Verbesserung desselben infolge ihres philantropischen Charakters und des dadurch bedingten engen und abgesteckten Wirkungkreises in keiner Weise genügen. — Eine Massenerscheinung, wie die jüdische Emigration könne einzig und allein auf sozial-politischer Grundlage geregelt werden. Die Emigranten sind zum großen Teile beim Antritt ihrer Reise keine Schnorrer. Sie haben genügend Geld zur Fahrt, zur Ansiedlung im neuen Lande. Sie davor zu bewahren, daß sie, wie dies jetzt fast ausnahmslos geschieht, ausgebeutet und um ihre ganze Habe von Schwindel-Agenten, Winkel-Bankiers, deren sie sich in Unkenntnis der verschiedenen Landessprachen zu ihrem Fortkommen bedienen müssen, betrogen werden, ist eine der Aufgaben einer großzügigen Regelung der jüdischen Emigration, der z. B. durch Gründung einer E m i g r a t i o n s - bank gerecht zu werden möglich wäre. Ablenkung des Auswandernngsstromes von den überfüllten Einwanderungszentren, Aendernng der sozialen Zusammensetzung der Emigranten durch Zuführung derselben zu neuen. Berufen/ besonders zur-Landwirtschaft? wären wichtige Aufgaben einer großzügigen und weitblickenden Emigrationspolitik. Herr B e r t h old i besprach zum Schluß den für August. 1911 geplant gewesenen und auf das Jahr 1912 verschobenen

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