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Die Wahrheit · 1911-12-15 · Heft 48 (15.12.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 48 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite &. Der Anteil der Inden an der Wissenschaftlichen Arbeit ans dem Gebiete der kosmischen Forschung. ... Von Geh. Neg.-Rat Prof. Dr. Wilhelm Foerster. Bei der kosmischen Forschungsarbeit, die in den alten Zeiten wesetitlich mathematisch-astronomisch war, gegenwärtig aber in großem Stile zugleich physikalisch und chemisch ist. hat in der G e g e n w a r t der Anteil der Inden eine zweifellos hohe Bedeutung erlangt, wogegen die kulturgeschichtliche Betrachtung der älteren Vergangenheit bisher dem jüdischen Genius auf dem Gebiet der kosmischen Forschungsarbeit nicht entfernt eine so große Bedeutung zngeschriebeu Hab, wie auf dem Gebiet der Ethik und der Erkenntnis des Seelenlebens. Die Vertiefung der kulturgeschichtlichen Forschnng hat jedoch seit einiger Zeit begonnen, immer deutlicher ans Licht zu stellen, daß auch in älteren Zeiten bei dem Emporwachsen der kosmischen Forschungsarbeit der Menschheit, zumal in gewissen kritischen Uebergangszeiten der Kulturentwicklung, das Judentum eminente Hilfe geleistet hat und zwar durch seine eigenartig verbindende kosmopolitische und didaktische Begabung —, eine Hilfe, die allerdings in den Jahrhunderten 14—17 (d. h. nach der veralteten Ausdrncksweise in dem 15.—18. Jahrhundert) nicht irgendwie in den Vordergrund getreten ist, aber vorher (und zwar, kurz gesagt, hauptsächlich in der Zeit von Babylon bis Nürnberg) von eitlem ganz besonderen Werte für die Kontinuität der wissenschaftlichen Arbeit der Menschheit gewesen ist, von einem Werte, dem bisher noch die volle Würdigung gefehlt hat. Es war den Geschichtsforschern der Astronomie zunächst nur bekannt geworden, daß bei dem Uebergauge der Arbeitsergebnisse der arabisch maurischen Astronomie über Spanien nach Frankreich, Italien und Deutschland bis zu der Zeit, wo gegen Ende des Jahrhunderts 14 Johannes Müller (Regiomontanns) in Nürnberg eine Art von europäischem Gipfelpunkt -er Uebergangswirksamkeit der griechisch-arabischen Traditionen der Astronomie darstellte und wo überhaupt Nürnburg einen besonderen Höhepunkt der wissenschaftlich-technischen und auch künstlerisch gestaltenden Entwicklung bildete, also in den Jahrhunderten 11—14, jüdische Astronomen vielfach und sogar vorzugsweise als Vermittler von umfassender astronomischer Gelehrsamkeit gewirkt hatten. Unter diesen Vermittlern befanden sich jüdische Männer, die in hohen Stellungen als Lehrer an islamitischen Hochschulen oder in der Staatsverwaltung im maurischen Spanien und in Nordafrika (z. B. in Karthago) gewirkt hatten. Ja, selbst in Konstantinopel lehrte noch um 1480, also 30 Jahre nach der Erorberung durch die Türken, ein jüdischer Mann die Astronomie. In dieser Uebergangszeit und zwar im Jahrhundert 12, wirkte auch, nicht bloß astronomische Kenntnisse vermittelnd, sondern auch geschichtsphilosophisch und religionsphilosophisch, der vielgenannte jüdische Denker M a i m o n i d e s. Einen ganz besonderen Höhepunkt aber erreichte die entsprechende Tätigkeit eines wahrhaft bedeutenden Astronomen, L e w i b e n G e r s o n, kurz genannt Leo (geb. 1288, gestorben 1344), der in Südfrankreich und auch in Rom wirkte und der nicht bloß Kenner und Lehrer der griechisch-arabischen Astronomie, sondern ein Forscher und Finder von eigenartiger Bedeutung war. Er war es, der zuerst das Wesen der Oanrsrs. od8orrrs. und die besonders mit dem Sonnenbildchen in derselben erreichbare Genauigkeit der Winkelmessung, die. in den Sonnenbildckeu bei den Schattensäulen in der arabischen Astronomie zunächst zu fast unbewußter Anwendung gekommen war, richtig würdigte und auf die damit erreichbare feinere Untersuchung der hipparchischen Theorie für die Exzentrizität der Sonnenbewegung hinwies, sowie auch für die ptolemäische Theorie der Mondbewegung wichtige Kriterien damit erkannte. Zugleich wurde diese Kamera auch eine Entwicklungsstufe der ersten Wahrnehmung der Sonnenflecken und der darauffolgenden Erfindung des Fernrohres. Und eigentlich ist ja diese Geburt der Kamera in Lewis Kopf schließlich auch eine der wesentlichsten Vorstufen für die Entwicklung der Photographie geworden. (Ein besonderes Verdienst um eine tiefere Erkenntnis der Bedeutung von Lewi den Gerson hat sich neuerdings der Berliner Oberlehrer Dr. Carlebach, ein lieber Zuhörer meiner Universitätsvorlesungen über Geschichte der Astronomie, erworben.) Die höchst förderliche Betätigung des Judentums bei dem Uebergauge der kosmischen Forschungsarbeit ans den Händen der vom Jahrhunderl 7—14 Asien und Nordafrika beherrschenden mohammedanischen Kultur in die wissenschaftliche Entwicklung Europas ist bisher im wesentlichen schon in der Geschichte der Astronomie einigermaßen gewürdigt worden, aber weiteren Kreisen der Knltnrwelr bisher noch kaum bekannt geworden. Dagegen ist bisher diejenige lehrende und vermittelnde Tätigkeit noch viel weniger bekannt gewesen, welche die Juden in den voraugegangeneu Jahrhunderten 4—7 entfaltet haben, in denen die astronomische Arbeit des griechischen Geistes sogar in Alexandria und zugleich fast in dem ganzen griechischrömischen Reiche durch die Gegnerschaft der christlichen Kirche nmerbrochen und bekämpft wurde. Der christliche Bekehrungseifer hatte sich mit der schon früh von Babylon her verkündeten und in der griechischen Geisteswelt schon zur vollen Annahme gelangten Lehre von der Kugelgestalt der Erde nicht befreunden wollen, weil man aus dieser Lehre die Möglichkeit der Existenz von Antipoden folgerte, die aber der Bekehrung unerreichbar zu sein schienen. In dieser Zeit der offiziellen kirchlichen Hemmung fast jeglicher ernsten kosmischen Erkenntnisarbeit, einer Hemmung, die schon in dem Gelehrtenkreise um Karl den Großen am Ende des Jahrhunderts 7 überwunden erscheint, sind es wesentlich die jüdischen Gelehrteuschuleu in Syrien und Mesopotamien gewesen, welche mit Uebersetzungen des astronomischen Hauptwerks von Ptolemäus in syrischer und hebräischer Sprache die Kenntnis der griechischen Astronomie, die hauptsächlich noch in Alexandria bis in das nachchristliche Jahrhundert 3 geblüht hatte, in Vorder- und Mittelasien aufrecht erhielten und dadurch die tl n m i t t e l b a r e u Lehrmeister der großen wissenschaftlichen Arbeit wurden, die sich sehr bald nach der Begründung der mohammedanischen Reiche in den Jahrhunderten 7—14 übelganz Asien hin bis nach China und in Nordafrika bis nach Spanien hin entwickelte. In jener Zeit, vom Jahrhundert 4—7, in welcher also für Asien, Afrika und Europa die Kontinuität der wissenschaftlichen Arbeit im Anschlüsse au die kosmischen Forschungsergebnisse der vorangegangenen Jahrtausende offenbar wesentlich durch die internationalen Verbindungen und Lehrgaben der Juden aufrecht erhalten wurde, fällt auch der Beginn einer ganz eigentümlichen Kulturwirksamkeit dieser Geisteswelt in den Ländergebieten zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere. Nach der Verfolgung und Austreibung, welche die Juden im Jahrhundert 6 vom byzantinischen Reiche erleiden mußten, hatten sie bei dem, jene nördlichen Länder damals bewohnenden Volke der Chasaren Aufnahme gefunden, einem Volke, welches — verwandt mit den Bulgaren und den Magyaren — der finnischen Völkergrnppe angehörte. Es würde zu weit führen, hierüber heute Näheres zu berichten, obwohl zu den bereits bekanntelr Nachrichten über die merkwürdige Entwicklung eines sogenannten jüdischen Bulgareureiches neuerdings aus der Feder eines vor kurzem gestorbenen hohen österreichischen Beamten, Freiherru von Kutschern, eine sehr kompetente urkundliche Darlegung hinzugekommen ist. Ich will nur in Kürze daran erinnern, daß dort in den Jahrhunderten 6—10 ein Chasaren-Reich errichtet wurde, in welchem die Könige dem Judentum angehörten und die jüdische Religion sozusagen die erste Geltung hatte, nicht als Staatsreligion (denn die Staatsreligionen find unduldsam), sondern in voller Duldung der christlichen und der mohammedanischen Religion, also, wie es scheint, nur als Führerin in Sitte und Recht. Zwischen dieser damaligen Kulturoase und dem byzantinischen Reiche entstand dann sogar ein Bnndnisverhältnis, bis vom Jahrhundert 11 ab diese

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