Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 48 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 48. Kummer! Gedenket der leidenden Jugend, der verlassenen Witwen und Waisen, der Kranken und Siechen und laßt sie mit" Euch des Lichtes -Weihe und Größe feiern und fühlen! Das ist Makkabis Ruf und stete Mahnung. Eben lesen wir in den Tagesblättern von der Wohltätigkeilslolterie des Vereines „Einheit"! Gebt den hungernden Studenten und Armen, was nach jüdischem Gesetze ihr heilig Recht und Eure erste Pflicht ist, helfet und helfet überall, da zuerst! Gedenket bei diesem Feste aller jüdischen Vereine, vor allem der „Oesterr.-Israelitische Union" und „Alliance Jsraelite", die unsere mit Fußen getretenen Rechte heldenhaft verteidigen und mangels der Oberbehörde an den entscheidenden Stellen für uns wirken und unser gutes Recht verteidigen! Dank und Anerkennung, Hilfe und Förderung diesen wackeren Abwehrvereinen, die uns in so schweren Zeitläuften zur Wahrung unseres Rechtes, unserer Würde unermüdlich aufmuntern und erfolgreich schaffen und mühen! Ihnen sei Lob und Anerkennung, Dank nicht nur in Worten, sondern durch Taten! Das find die Gedanken und Wünsche, die mich seit jeher erfüllen, und mit mir sicher jeden! Laßt das Makkabüerfest im Lichte der Einigkeit und Tatenfreude, der Hingebung an unsere Gesamtheit und der Opferfreudigkeit für nufer Volkstitm uns begehen. Organisieren wir uns endlich unter der Fahne mit dem Losungsworte: Iwri onoclii! Ich bin und bleibe ein Jude, treu dem Glanbett, uuserm Volke und der Gesamtheit! Selbsthilfe! Das ist das große Heilmittel.! Selbstbewnßtseiu! Die bessere Zukunft, von der es auch heißen möge: Du hattest, hast imb wirst Makkabäer haben. D r. Hir s ch. Krumau, Kislew 5672. Zur Abfallbewegung. (Schluß.) Einige von der Jugend gefürchtete zelotische Wiener Religionslehrer wirken auch heute noch auf ihre Schüler mit besonderer Strenge, rühmen sich diesbezüglich gegenüber ihren christlichen Lehrkollegen und Katecheten und treiben in ihrem blinden Eifer die Kinder direkt in die Arme der anderen Bekenntnisse, wo sie gerne ausgenommen werden. Ich konstatiere ferner, daß manche meiner ehemaligen Schulkollegen ans dem Grunde sich bald konfessionslos erklärten, weil sie ehrlich bekannten, daß sie unwahr gegen sich und ihre Umgebung handeln würden, wenn sie ihnen unverständliche pebräische Gebete im Tempel hersagen würden. Zwang erzeugt Widerstand und findet hier seinen Ausdruck in den vielen Uebertritten. Wenn nun einmal der Schritt -unternommen ist und der Betreffende sich konfessionslos erklärt hat, so ist er für das Judentum meistens vollständig verloren. Meine Kinder haben viele Mitschüler und Mitschülerinnen, deren Eltern sie vor dem sechsten Lebensjahre taufen ließen, hauptsächlich auch, um die Kinder von der Plage des Erlernens des Hebräischen gii bewahren. Die Kinder sind, vom ersten Unterrichte au, ohnehin genug angestrengt, müssen meistens schon in der frühesten Jugend moderne Sprachen, Musik usw. lernen und wissen die Eltern aus eigener Erfahrung, wie wenig ihnen das aufoktroyierte Studium der toten hebräischen Sprache seinerzeit in ihrer eigenen Jugend Nutzen oder Erbauung gebracht hat. Im Gegenteile! Das Wissen ist verflogen, das Hebräische war für uns nur ein nutzloser Ballast, der uns beschwerte. Die wenigsten jüngeren Väter und Mütter sind imstande, hebräische Gebete, zit verrichten, noch ihren Kindern beim Unterrichte hilfreich zur Seite stehen. Weder Vater noch Kind finden genügendes Interesse an der althergebrachten unverständlichen Sprache, während deutsche Worte weihevoll und erbauend hier wirken würden. Um der Abfallbewegung zu steuern, wollen wir deutschen Juden, daher verlangen, daß der Religionsunterricht auf rein deuts cher Grundlage nur bis zur vierten Klasse der Mittelschule erteilt und daß es jedem freigestellt werde, den hebräischen Unterricht zu besuchen oder nicht; , er möge nur für diejenigen, die ihn anstrebeu, bestehen, für die übrigen jedoch unobligatorisch sein. Dann wird die nächste Generation mit Liebe und Lust bei der Sache sein und sich eher unter das Banner des Judentums scharen, statt ins andere Lager zu fliehen. Auch darf der Unterricht von den bei der Kultnsgemeinde angestellten Religionslehrern nicht mit drakonischer Strenge erteilt werden, wie es in einzelnen Fällen geschieht, sondern er mttß, wie dies auch in den evangelischen Schulen der Fall ist. liebevoll und in nachgiebiger Weise erfolgen. Kein Kind soll je befürchten, daß es wegen mangelhafter Kenntnisse int Religionsunterricht durch fallen könne und dadurch Nachteile für Lebensdauer erleide. Freiheit der Wissenschaft; aber auch Freiheit betreffs des Studiums des Hebräischen und kein Zwang, damit die Abfallbewegung nicht größer werde! Ich rede nicht der „Freien Schule" das Wort, in welcher der Gegenstand „Religion" überhaupt nicht gelehrt werden soll, sondern wir wollen nur dir Freiheit der Wahl haben, ob unsere Kinder durch den hebräischen Unterricht belastet werden sollen oder nicht. Die Vorschriften der Schulbehörden dürfen nicht in s o weitgehender Weise unsere eigenen Entschließungen unterdrücken, und uns zu etwas zwingen, was unserer Ansicht w i d e r st r e b t. Wenn es sich anfangs auch nur um einen Versuch handelt, so ist es dieser Versuch wert, ihn zu unternehmen, wenn es gilt, der progressiv zu n e h m e n d e n Abfall, beweg int g zu steuern. . Es ist erschreckend, tvie in Wien und in der Provinz in vielen befreundeten Familien, überall, auch in der eigenen Familie, in der letzteil Zeit die Uebertritte sich hänfen. Jedes Mittel soll daher versucht werden, um die Jndenschaft zusammen z u h a l t e n und ein n e n e s m ode r n e s Bindemittel zu finden. Eine moderne Grundlage. Im Hanse, in dem ich wohne, besuchen alle Kinder der anderen Wohuparteien, wiewohl sie von jüdischen Familien stammen, nicht mehr den jüdischen Religionsunterricht; sie sind entweder evangelisch oder katholisch. Mein kleines Mädchen non sieben Jahren erzählt mir, daß sie in der zweiten Volksschnlklasse des in der Mehrheit vornehmlich von jüdischen Familien beschickten Lyzeums nur noch Mit einem anderen kleinett Jungen, also zu zweit, an dem jüdischen Religionsunterricht teilnimmt, während der übrige Teil der Kinder ihrer Klaffe, *26 an der Zahl, den christlichen Unterricht besticht. Da muß Wandel geschaffen werden. Formell k ö n n e u ja schließlich heute Eltern ihre Kinder dem hebräischen Religionsunterricht dadurch entziehen, indem sie die Kinder, für die Zeit vom sechsten bis vierzehnten Lebensjahr, dem milde geleitetett evangelischen Religionsunterricht zuführen uttb sie nach dem vierzehnten Lebensjahre wieder zum Judentum z u r ü ck k e h re u lassen. Nur ist es fraglich, ob dieser Vorsatz sodann auch ansgeführt wird und ob Eltern und Vormünder es bann später verantworten wollen, den Kindern wieder die schweren Lasten, welche das Judentum in sozialer Hinsicht mit sich bringt, ausladen zu dürfen; es ist eher anznnehmen, dcjß die Kinder dann schon bei dem anderen Glauben verb leib eit. Die Möglichkeit, dem Hebräischen ansznweichen. ist also formell gegeben. Matt veranlasse daher von Seiten der Schulbehörde der Killtusgemeinde das Nötige, damit dieser Weg nicht betreten und überzengnngstreue deutsche Juden dem Jttdetttnme erhalten werden!, Das H e b r ä i sch e w e r d e u n o b l i g a t, der U n t e r r i ch t deutsch, ntob e r tt u n d tolerant! Es geht nicht mehr so wie früher weiter, wir leben heute in einer andere n Welt, die das Alte, Unpraktische niederreißt und Neues aufbaut! Möge die Kultnsgemeinde das Fundament zur Erhaltung und Festigung des Judentums auf dieser neuen, fortschrittlichen Basis ehestens aufbanen.