Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 47 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7. Nr. 47. Die Wahrheit Durch ihre Unklarheit bis nun so viel Staub unter beit Exegeten ititb Philologen aufgewirbelt haben, nichts mehr zurückgeblieben. And wie staunenswert ist es, daß ein Volk, das von der ganzen' Welt als musikalisch begabt anerkannt ist, ein Volk, das keinen schöneren Titel für seinen ersten nationalen König als ..„Ne’im semiröfch Jisroel“ gefunden hat, ein Volk, das seine nationale Musik gleich mit dem ersten Tage seiner nationalen Geburt zu schaffen begann — und doch nicht im Stande ist reelle, wesentliche und schriftliche Beweise seiner musikalischen Hotenz an den Tag zu legen! Und wenn wir einen oberflächlichen Rückblick auf unser synagogales musikalisches Kapital werfen, so finden wir darin eine kosmopolitische Kompilation der alt- .griechischen „Modi“, der arabischen „Makamat“, der jargonischen Improvisationen im Stile der mittelalterlichen Poetanim, der slavischen Elegik, des' protestantischen Chorals re. Nun 'kommt die Frage: Was stellen wir mit unserer Tradition dar? Das ist eine Schmach, von der sich kein jüdischer Musiker losßageu kann! Wo liegt denn eigentlich dieses Uebel? — In dem Mangel einer jüdischen musikalischen und liturgischen Schule. Dieser Mangel macht sich bei den Juden fühlbarer als bei allen Völkern der Erde aus dem Grunde, weil in keiner anderen Liturgie die ganze religiöse und nationale Musik sich so konzentriert wie in der jüdischen. Die Auffassung, daß die Musik Der Juden seit jeher mehr Gottesdienst als Kunst gewesen sei, bildet seit jeher ein Axiom aller Mnsikgelehrten. Die Träger der jüdischen musikalischen Tradition waren und sind noch immer die liturgischen Vorsänger und die Synagoge diente ihnen als Stätte, wo sie diese Tradition pflegten und ihr tönenden Ausdruck gaben. Darum müssen alle liturgischen Fragen, textliche und musikalische, nur in einer liturgischen Schule ihre Lösung -finden. Keine andere Litrirgie der Welt ist so textlich zerrüttelt wie die synagogale Poesie und besonders die des Mittelalters mit ihren verschiedenen Variationen, Versionen, Nns'chooth und Riten, so daß sie im Grunde genommen ihr letztes Wort bei weitem noch nicht gesprochen hat, vielmehr noch erst im Werden begriffen ist. Nach, dem Siddur Rav Amrom im 9. Jahrhundert überlebte unsere synagogale Poesie zwei entgegengesetzte 'Peripetien des Umbaus und des Umsturzes, der Evolution und Revolution. Die erste Periode erreichte ihren Höhepunkt mit dem Neokabbalisten, „Ri“ genannt, und seinen Nachfolgern den Veschtensekten und die zweite begann mit dem großen Neologen. Mendelsohn und seinen Epigonen, die jedoch vielfach ein Zer- Itörnngswerk verübten nnd es noch bisher tun. Daß für die Tätigkeit der Letztgenannten Amerika der fruchtbarste Boden ist, ist ja allgemein bekannt. Daß auch in Amerika mehr wie in allen Ländern, die Anhaltbarkeit dieser negativen und frivolen Tätigkeit zum Vorschein kam, ist ebenfalls eine Tatsache. Und ebenso kann es als feststehend gelten, daß die synagogale Musik der Diaspora zahlreichen Metamorphosen ausgesetzt war. Ich hebe die Diaspora unterschiedlich hervor, weil in Palästina die liturgische Musik drei Quellen hatte, ans. denen sie ihr Dasein fristete. Die Musikalische Direktive der monotheistisch gesinnten Könige war der .„Cantns Davidus“, wie sich späterhin die frommen christlichen .Könige, wie die Karolingen. Pipin König der Franken re. des ^Oanbn'8 Romanus“, d. h. des gregorianischen Antiphonor in ihren Liturgien bedienten. Die heidnisch gesinnten Könige dagegen ergötzten sich entweder an lärmendem Systrnmgeklingel und den Tänzen des egyptischen Apisknltns oder sie betäubten 'sich an den ausgelassensten Jammerklagen des Adonis- und Astarte- Kültus der Phönizier. Daß sie sich in den letzten Tagen des '2. Tempels auch der griechischen Musik und Terminologie bedient hatten, dürfen wir den Priestern vom Schnitte eines Menelaus, Hason rc. unter der Hegemonie der Herodianer mehr als sicher zumuten. Wo ist aber die Quelle, aus welcher die synagogale Musik der Diaspora ihre Existenz herleitete, und wo jene 'Persönlichkeit, die als unbestrittene Kapazität allgemeine Anerkennung gefunden hätte und .auf die sich alles bezöge? Durch einige Dezennien der 2. Hälfte des 19. Säculums schien Snlzer, wenigstens für die moderne Liturgie, als eine solche Persönlichkeit zu gelten, jedoch blieb es bloß beim Schein. Wie in der mündlichen Tradition vor Snlzer, so begann mit der Erscheinung der musikalischen Schrift innerhalb der Synagoge ein. kontrolloses Schaffen und Komponieren seitens Unberufener, bis der Synagogenmarkt mit musikalischen Fetzen überfüllt wurde. Wir brauchen nur einige Synagogen in Newyork, Chicago rc. während des Gottesdienstes zu besuchen, um uns von der Anarchie der liturgischen Poesie und der Frivolität ihrer Melodien, von dem Kouzertwesen in der Musik der orthodoxen Synagogen und dem Kirchenwesen der reformierten Tempel zu überzeugen: Zwischen dem glanzvollsten Ritus in der Peterskirche zu Rom und dem einfachsten Ritus der Quäker , in ihrem „Roms of Friends“ in Newyork ist kein solcher Unterschied, wie zwischen der 'vru Synagoge und dem Tempel „Rstll Eltt. Dieselben Differenzen, vielleicht im kleineren Maßstabe, finden wir auch in allen zentralen jüdischen Gemeinden in Europa. Und dieses rituelle Chaos soll Liturgie heißen!! Für die Gotteslehre existieren schon seit lange Seminarien in Cincinnaty, Newyork, Berlin, Breslau, Preßburg, Wien. Budapest rc. . . außer den vielen Jeschibot in Rußland, die zum Stolze und Ruhme des Judentums dienen. Es ist die höchste Zeit, daß auch für den Gottesdienst ein eigenes Heim, eine liturgische Schule in der Metropole Oesterreich-Ungarns, wo der unsterbliche Gründer unseres synagogaleu Antiphonars gelebt nnd gewirkt bat, wo seine hervorragendsten Schüler, Epigonen und Nachfolger bis nun die synagogale Tradition und Modernisatiou pflegen nnd gedeihen lassen — gegründet werden soll. Der Kantor des 20. Jahrhunderts soll in Wien wie einst seine Schulung finden. Uerfchiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 8.'Dezember abends: Predigt des Herrn Rabb. Dr. M. Grnnwald im Leopoldstädter Tempel. Wien. (B ethansverein „Am Volker t".) Das unter dem Protektorate Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann und des Herrn Kultuspräsidenten Dr. Alfred Stern stehende Komitee zur Erbauung des Kaiser Franz Josef I. Hnldignngstempel im II. Bezirke (Pazmanitengaffe) hat seine Borarbeiten beendet und wird demnächst mit dem Ban beginnen. Itm auch den weitesten Kreisen Gelegenheit zu bieten, sich an diesem gottgefälligen Werk zu beteiligen, hat sich ein Damenkomitee gebildet, welches sich zur Aufgabe gestellt, durch Verkauf von Bausteinen ä 1 Krone, sein Scherflein beizutragen. Das rührige Komitee, an dessen Spitze Frau Auguste E h r e n f e l d als Präsidentin, die Frauen Laura Weiß und Sofie L n k a t s ch als Schriftführerinnen, sowie Frau Cafetiöre Fürth als Kassierin stehen, entfaltet eine eifrige Tätigkeit und hat bisher eine namhafte Summe gesammelt. Es wäre zu wünschen, daß unsere Glaubensgenosien dieses edle Werk in jeder Weise fördern. Wien. Die Einweihung des Gotteshauses und der Bibelschule des Bethausvereines „Tefillas Jeschurun", II., Jltplatz 2 (Obmann Herr Heinrich Bond y), findet Sonntag, den 10. Dezember 3 Uhr nachmittags statt. Die Funktionen werden Rabbiner Dr. D. Fenchtwang, Oberkantor Morgenstern und Vereinskanror R o s e n z w e i g versehen. Wien. Samstag, den 2. Dezember wnrhe der Präsident der Kultusgemeinde. Dr. Alfred Stern, im Stadttempel zur Thora gerufen und nahm hiebei Anlaß, der Frau Baronin Charlotte K ö n > g s w a r t e r, die in diesen Tagen ihren 70. Geburtstag begeht, einen besonderen „Mischeberach" machen zu laßen. Aus dem gleichen Anlasse wurde Herr Baron Wilhelm König smarter als „Ächaron" zur Thora gerufen und svendete 1000 Kronen für verschiedene wohltätige Zwecks. Wien. (Ehrung der Frau Baronin Charlotte Königswarter durch die Wiener jüdischen Frauen-Bereine.) Die Wiener israelitischen Frauen- Wohltätigkeits-Vereine, welche dem Verbände zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen angehören, haben der Frau Baronin Charlotte Königswarter am 2. Dezember l. I. durch Ueberreichung eines gerneinsamen Gratnlationsschreibens eine Ehrung bereitet. Dieses Schreiben karakterisiert den Seelenadel nnd die seiusinnige Wesensart der hochverehrten Philanthropin mit folgenden Worten: „Wohl wißen wir, wie sehr Sie in Ihrer selbstgewählten Zurückgezogenheit öffentlichen Ehrung abhold sind. Heute aber empfinden wir es als unseren Stolz, vor aller Welt zu künden, welchen Schatz die Philanthropie ohne Unterschied des Glaubenswelchen Schatz die jüdische Gemeinschaft in Ihnen, verehrte Frau Baronin, besitzt. Sie selbst, eine treffliche Glaubensschwester, haben in Ihrem der reinsten Humanität geweihten Lebenswerke Unterschiede des Standes und der Religion nie beachtet. „Das Wort des Dichterfürsten „Edel sei der Mensch, hilfreich nnd gut" — in Ihnen, hat es eine seiner lautersten Verkörperungen erlangt. Auf Ihren bisherigen Lebensweg zurückblickend, dürfen Sie, verehrte Frau Baronin, in dem Bewußtsein treuersüllter Pflichten gegen Gott und die Mitmenschen reichliche und verdiente Befriedigung finden." Wir wünschen der ausgezeichneten Frau von ganzem Herzen ungezählte Jahre voll Gesundheit und Glück im frohen Kreise ihrer Kinder und Enkelkinder.