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Die Wahrheit · 1911-12-08 · Heft 47 (8.12.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 47 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 47, sei, welches heute die Judenschaft noch zusammeuhalte. Ich stelle mir das künftige Bindemittel des Judentums ganz anders vor: „Wir sollen ein großer, die Welt nmspannender „Verein d e r W o h l t ä t i g k e i t" unseren in den ärmsten Verhältnissen lebenden Glanbensbrüdern in Rußland, Galizien, Rumänien usw. hilfreich z u r S e i t e stehen." In einem solchen Vereine wollen wir Zusammenhalten. Nichts wirkt belebender und macht seliger, als die Empfindung vollbrachter Wohltaten an den Aermsten der Armen. Mehr als alle Gebete und Zeremonien. Wir können im W o h l tun unserer Zugehörigkeit zum Judentume den beredtesten Ausdruck verleihen, indem wir den noch auf tiefster, sozialer Stufe stehenden und im Elende und Joche schmachtenden Mitbrüdern aus wirtschaftlichem nnd kulturellem Gebiete helfend zur Seite stehen, unter anderem die Werke der Alliance Jsraelite, Schulen, Emigration usw. fördern und die Leiden und Krankheiten lindern, z. B. Errichtung eines israelitischen Spitales in der Brigittenau usw. Ich kenne wohlhabende, aufgeklärte.Inden, die ihre Zugehörigkeit zum Judentume nur noch dadurch bekennen, daß sie den zehnten Teil ihrer Ersparnisse wohltätigen jüdischen Zwecken widmen, wie es als Zehent in der heiligen Schrift erwähnt ist. Ein solches Bindemittel, Wohltun, ist segensreicher und stärker, als das Sichanklammern an eine tote Sprache, die nur von ganz wenigen verstanden wird. Die sodann entstehenden, begeisterten Freunde des Judentums werden dann auch gerne die heute so angefeindeten Kultussteuern bezahlen, wenn es gilt, mit diesen Stenergeldern in erster Linie Wohltaten gn vollbringen, statt daß dieselben, wie es heute zum Teil der Fall ist, für orthodoxe Zwecke verwendet werden. In Deutschland, speziell in Berlin, bestehen bereits rein deutsche freireligiöse jüdische Gemeinden. Ich habe einem derartigen Gottesdienste als Kind beigewohnt und ging damals tief ergriffen nach Hause, da ich alles verstanden hatte, während die Jngendgottesdienste in Wien mir stets unverständlich blieben tlud keinerlei Gefühle oder Wärme in mir auszulösen vermochten. Der deutsche Kaiser hat in richtiger Weise erkannt, daß auch das Griechische überfiüssig sei und wird dasselbe an den deutschen Mittelschulen nicht mehr als obligatorisch gelehrt. Dafür werden moderne Sprachen, wie Französisch und Englisch, unterrichtet und bringen unsere jüdischen, deutschen Mitbürger auf höhere soziale Stufen. Ebenso soll es bei uns in Oesterreich werden, daß das Hebräische n ich t obligat erklärt und außerdem der Religionsunterricht in deutscher Sprache und auf moderner Grundlage aufgebaut erteilt werde, damit er nicht nur in der wortgetreuen Uebersetzung der antiken, hebräischen Gebete, sondern in formvollendeter deutscher Sprache seinen wirkungsvollen Ausdruck finde. Ich erinnere mich einer traurigen Episode, wo ein mir nahestehender Freund in der siebenten Gymnasialklasse von seinem fanatischen Religionslehrer Dr. X. gezwungen wurde, viele hebräische Psalmen auswendig zu lernen; als er dies nicht vermochte, ließ der allseits gefürchtete Lehrer diesen Schüler und andere im ersten Semester im Gegenstände „Religion" durchfallen, behandelte ihn rücksichtslos, streng und wollte ihn auch iin zweiten Semester durchsallen lassen, wodurch für diesen Schüler ein Jahr verloren gewesen wäre. Um seinen Eltern diesen Kummer nicht zuzufügen, griff der junge Mann, gänzlich irritiert, zum Revolver, sperrte sich ein, wurde von den Eltern glücklicher Weise noch im letzten Augenblick an der Ausführung seiner Selbstmordabsichten durch einen Zufall gehindert. Von Unlust und Widerwillen gegen das Studium der Psalmenlehre erfüllt, gab der sonst sehr befähigte, junge Mann nach einem siebenjährigen anstrengenden Gymnasialstudium dasselbe auf, verließ das Obergymnasium und wendete sich einem anderen Berufe zu, da damals der Religionsunterricht nur in der Unterrealschule gelehrt wurde. Er wäre bei seinem sonst überaus menschenfreundlichen Empfinden gerne Arzt geworden und hätte sicherlich als solcher Bedeutendes geleistet. Der Zwang, der ans ihn mit dem -Hebräischen durch den Religionslehrer ausgeübt wurde', brachte ihn von seiner Bahn vollständig ab und hätte diese hoffnungsreiche Existenz beinahe Vernichter. (Schluß folgt.) 30jiihriges Intnliinin des Vereines;nr Uulerstntzimg mittelloser il'rnel. Studierender in Wien. Den Andächtigen, die am Vorabende des Versöhnungsfestes des Jahres 5622 (1861) sich in dem altehrwnrdigen Stadttkmpel in der Seitenstettengasse begaben, wurde am Eingänge des Bethauses ein Ausruf überreicht mit der Ueberschrist: „Bitte an wohltätige Menschenfreunde." Prediger Jsac Noah M a n u h e i m e r, Rabbiner Lazar H o r w i tz, Religionsschulinspektor Dr. Gerson Wolf nnd Bethausvorsteher Emannel B i a ch waren auf deur Blatte unterfertigt, in welchem die Bitte ausgesprochen wurde, einen Uuterstütznngsverein für arme israelitische Studierende zu schaffen. Dr. Gerson Wolf hatte in seiner am Neujahrsfeste desselben Jahres gehaltenen Exhorte bei dem Gottesdienste im alten Mnsikvereinsgebände die Anregung zu diesem Werke der Nächstenliebe gegeben nnd gar rasch an den Mitunterzeichnern des Aufrufes wackere Mitkämpfer für die schöne Idee gefunden. So kann man also mit Recht behaupten, daß hier die Schaffung einer ungemein segensreichen Institution vom Goiteshanse ausgegangen ist. Es entschlossen sich die Herren Julius Ritter von Goldschmidt, Moritz Freiherr von Königs war rer nnd Wilhelm von Wert he imstein den genannten vier Proponenten an ttnd am 2. Dezember 1861 konnte der neue Verein im Sitzungssaale unserer Gemeinde die konstituierende Generalversammlung abhalten, denn unter dem Eindrücke des früher erwähnten Aufrufes hatten bereits 145 angesehene Gemeindemitglieder ihren Beitritt angemeldet. Was der Verein in den 50 Jahren seines Bestandes geleistet, wie er mit den gesteigerten Forderungen Schritt gehalten, fernen Gönnerkreis zu mehren und sein Wirken auszuweiten in die Lage kam. all dies schildert uns in interessanter Weise die Denkschrift, welche aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestandes vom Vereinsvorstande herausgegebeu und von dem Sekretär der Institution, Herrn Guido Fuchs gelb, eingeleitet nnd redigiert wurde. Nur wenige Ziffern seien hier angeführt: 12.730 Gesuche von Studierenden der Wiener Hochschulen um Gewährung von Kollegiengeldern, Rigorosennnd Promotionstaxen find mit einem Anfwande von fast einer halben Million Kronen aufrecht erledigt worden. Ans allen Ländern rekrutieren sich jene, denen durch den Verein die Möglichkeit geboten wurde, ihre Studien zu beenden, erwerbsfähig zu werden, ja vielfach es zu Ansehen nnd zu Bedeutung zu bringen. Die Verwaltungskosten des Vereines schwanken in den fünfzig Jahren zwischen 2 nnd 7% des Ausgabenetats. Der Vereinsfonds und die Stiftungen weisen eine Gesamthöhe von K 225.000 ans; wahrlich ein erfreuliches Bild rationeller, segensreicher nnd ersprießlicher Wirksamkeit! Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß dieser schöne Verein sich in den weitesten Kreisen Ansehen und Wertschätzung erworben, dann bieten die literarischen, musikalischen nnd künstlerischen Beiträge hervorragender jüdischer Gelehrter. Schriftsteller, Musiker nnd Künstler ihn in vollem Maße. Ein glänzender Gedanke war es, die Feier des fünfzigjährigen Bestandes dieser Institution, deren Gründung vom Gotteshause ausging, im Gotteshause einzuleiten. Und so versammelte sich ein hochansehnlicher Kreis am 2. Dezember um halb 7 Uhr abends im Stadttempel zu einem überaus weihevollen Festgottesdienste, begrüßt von den Mitgliedern des Vereinsvorstandes, welchem die Herren Dr. Hermann Wolf, Notar Dr. Julius Bermann, kais. Rat Leopold Langer. Prokurist Jakob Langer, Professor Königstein, Prolllrist Franz T ü r k l und Dr. Moriz Schnabel angehören. Mau fühlte es, daß alle, die da mittaten, mit ganzem Herzen bei der Sache waren. Oberkantor Don Fuchs wußte den herrlichen Kompositionen des Altmeisters Salomon Sulzer seine großen Fähigkeiten zn leihen und in wirkungsvoller Harmonie erklangen die von Professor Josef Sulzer dirigierten Chöre. Oberrabbiner Dr. G üd em an n pries in seiner schwungvollen Festrede die Schöpfer und die Führer des Vereines, gedachte des Umstandes, daß der 2. Dezember, der Tag des Regiernngs-

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