Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 47 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. Falle müssen nicht selten sechsjährige Schulkinder im Winter bei ungünstiger Witterung Wege von 2 und 3 Kilometer zu diesen „Unterrichtsstationen" oft in Hast zurücklegen. , Unter solchen Umständen leidet natürlich der Schulbesuch und die Disziplin, denn es ist schwer möglich, daß die Kinder immer rechtzeitig eintreffeu. Trotzdem ist häusig nicht einmal dafür vorgesorgt, daß sich diese Kinder in geheizten Schulzimmern unter Aussicht sammeln können. Die Religionslehrer haben weder die Macht noch den Einfluß auf die Eltern, solche Uebelstände äbzuftellen. Die Festsetzung solcher Religionsstunden wird häufig nicht von der Rücksicht auf die jüdische Schuljugend, sondern von Ers p a r u n g srücksichten diktiert, denn es kommen in den „Unterrichtsstationeu" Religionsstunden von y2l bis y22 oder von y25 bis y26 vor, trotzdem die betreffenden Schulkinder in räumlich entfernten Schulen bis 12 oder 4 Uhr Unterricht genießen.. ' Die Rücksicht auf die Erhaltung der Gesundheit der jüdischen Schuljugend sollte wohl die israelitische Kultnsgemeinde veranlassen, mehr Religionslehrer definitiv anzustellen und den Religionsunterricht auch den inte r u an den Volks- und Bürgerschulen einzurichten, wenn die Zahl der jüdischen Schulkinder auch klein ist. Geschilderte Härten ergeben sich daraus, daß die Bezüge der jüdischen Religionslehrer in der Regel noch von der Anzahl der abgeleisteteu Unterrichtsstunden abhängt und aus Ersparungsrücksichten möglichst viel Schulkinder zugleich unterrichtet werden. Im Schulbelange ist aber nicht der richtige Ort für Ersparungstendenzen. _ R. L. Znr Abfalll'emkgnttg. Im Novemberhefte der „Mitteilungen der österr. israel. Union" plaidiert ein Einsender unter obigem Titel für die vollständige Eliminierung des Hebräischen aus dem obligaten jüdischen Religionsunterricht, sowie für die Einschränkung der hebräischen Sprache im Zeremoniale und glaubt, hierin ein wirksames Mittel gegen die Abfallbewegung gesunden zu haben. Obwohl wir die in dem Artikel niedergelegten Anschauungen, die allerdings nicht vereinzelt dastehen, im Wesentlichen nicht billigen, halten wir es mit Rücksicht auf die große Wichtigkeit Des behandelten Themas doch für angezeigt, die Ausführungen des „im Namen zahlreicher Gesinnungsgenossen" auftretenden Einsenders im Nachstehenden wiederzugeben, und gleichzeitig unsere geschätzten Leser und Mitarbeiter aufzufordern, die beregten Fragen in ernster und eingehender Diskussion von ihrem Standpunkte aus zu behandeln: Es wurde in letzter Zeit viel über die Abfallbewegung geschrieben und in den gemachten Gegenvorschlägen oft betont, daß das wirksamste Mittel eine gründlichere Kenntnis der Hebräischen und der Psalmenlehre wäre. Gestatten Sie, daß rch, mit Rücksicht auf die ohnehin durch das Studium in den öffentlichen Schulen genügend angestrengte Jugend meine und meiner Gesinnungsfreunde gegenteilige Ansicht äußere und einem Religionsunterricht in d e u t s ch e r Sprache das Wort rede, bei welchem das Hebräische nicht als obligatorisch gelehrt werden möge, sondern nur dann doziert werde,- wenn es besonders strenggläubige Eltern verlangen. Ich will vor allem feststellen, daß von den Hunderten meiner jüdischen Mitschüler, welche die Mittelschule mit mir vor ca. 20 Jahren absolviert haben, die wenigsten heute noch in der Lage sind, die damals unter Zwang ihnen beigebrachten hebräischen Kenntnisse des Lebens zu verwerten. Wir können heute nicht mehr jüdische Schriftzeichen erkennen; selbst die „unter Drill" auswendig gelernten Sätze, wie das „Schema" und die Brachen, stoßen auf Schwierigkeiten, geschweige, daß wir noch in der Lage wären, uns deren Sinn beu t en ju. können. Vergessen! Meine Brüder und ich wurden von unseren Eltern wieder-, holt angeeifert, hebräisch zu lernen, doch der Zwang, der in der Schule bestand, die Härte und Unfreundlichkeit, mit denen uns manche Religionslehrer gegenübertraten, wenn wir bei dem übrigen schweren Pensum, das wir in den Mittelschulen zu absolvieren hatten, dem Hebräischen nicht genügend Teilnahme abringen konnten, erzielten statt Interesse vollständige Gleichgültigkeit für das Studium des Hebräischen, die später einer direkten Voreingenommenheit Platz machte. Man nötigte uns, in einer gänzlich unzulänglichen, systemlosen Weise, ein Sprachstudium auf, dessen praktischer Wert uns nicht einleuchten konnte; noch weniger konnten wir in dem mit Widerwillen aufgenommenen Studium .Begeisterung oder Erbauung finden. Ich will die sicherlich bestehenden Perlen der hebräischen Wissenschaft nicht verkennen; für den Anfänger jedoch bestehen solche absolut nicht! Als Schüler legten wir uns immer die Frage vor: „Warum lernen wir nicht all' das in deutscher Sprache, die wir verstehen? Wir sind genug belastet durch die in den Mittelschulen obligaten Fächer, wie Französisch, Englisch, Lateinisch, Griechisch und kennen für das praktische Leben keine Nutzanwendung des Hebräischen!" Jedem Studium muß Liebe und L u st entgegengebracht werden. Bei dem Hebräischen war dies jedoch nie der Fall. Es wurden uns Sätze eingepankt, deren Sinn uns nur durch die gleichzeitig eingepankte deutsche Uebersetzung für kurze Zeit. im Gedächtnis blieb; doch bald war das widerwillig Erlernte in beiden Sprachen wieder vergessen! Ich erinnere mich noch, wie ich und später meine Brüder, anläßlich der Barmizwah in den Tempel geführt wurden. Unterwegs gab sich unser Vater die größte Mühe, die vor dem Altar ansznsagende Broche unserem Gedächtnisse einzuprägen. Mühsam stotterten wir dann im Tempel, ohne uns der ethischen Bedeutung des Augenblicks gewahr zu werden, ohne jede Begeisterung diese Worte hervor, stockten, so daß uns die Anderen die Worte zustüstern mußten und wir dankten erst dann und zwar in deutscher Sprache, als wir die Sache überstanden hatten! Der Weg. den ich damals in den Tempel machte, war für mich einer der schwersten meiner Jugendzeit und mit einem Gefühl der Bangigkeit denke ich noch heute daran. Genau dieselben Empfindungen hatten auch meine Brüder und Freunde. Noch störender wirkte auf mich in späterer Zeit, anläßlich meiner Hochzeit, der Umstand, daß ich in der weihevollen Stunde meiner Trauung, unter dem Traualtar stehend, bemüßigt war, dem Vorbeter mir gänzlich unverständliche Worte nachznsagen; ,erst sträubte sich mein männliches Gefühl dagegen, daß ich, w i e ein K i n d, Worte nachsagen mußte, die mich in meinem Denken und Empfinden direkt störten und irritierten, da ich sie nicht verstand. Was-an Stimmung in mir in jener Stunde vorhanden war, wurde durch die mir unverständlichen hebräischen Gebete verscheucht. Wären deutsche, mir verständliche Worte an mein Ohr gedrungen, so hätte ich zeitlebens, ebenso bei der Barmizwah'. eine erhebende Erinnerung behalten! Statt dessen blieb meine Trauung mir nur eine zwangsweise Prozeditr, die ich absolvieren mußte, nnt nach Neigung und Wahl heiraten zu können. Genau dieselben Empfindungen als ich hatten auch meine Brüder' und Vettern,. die ebenfalls ' die ihnen unverständlichen h e b r ä i sch e n Gebete anhören und die Broche verständnislos und bedeutungslos nächbuchstabieren mußten. Darf man dies von einem Erwachsenen, selbst denkenden Mann verlangen? Warum also dieser Zwang? Und warum das Zeremonielle ' nicht in der uns verständlichen deutschen Sprache? Wir deutschen Inden, die wir bemüßigt sind, die Freiheit nach vielen Richtungen hin besonders zu beanspruchen, wollen auch im eigenen Lager verlangen, daß es jedem anheimgestellt sei, daß zeremonielle Formen in deutscher oder, wenn es ausdrücklich verlangt wird, in hebräischer Sprache stattfinden mögen. Ebenso können wir verlangen, daß Eltern, welche ihren Kindern in orthodoxer, öder in der'jetzigen Weise, oder in der Zukunft nur in rein deutscher Weise Religionsunterricht angedeihen lassen wollen, daran nicht gehindert werden. Von den Verfechtern des hebräischen Unterrichtes, die, vor Dezennien an demselben gründlich Teilnahmen, wird eingewendet werden, daß gerade das H e b r ä i s ch e das Bindeglied