Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 46 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheil Nr. 46 erkeummg und synodaler Kanomscttion, ohne welche keine Liturgie der Welt sich als solche bezeichnen darf. Wir nehmen auch, seitdem der Sofer den Priester zu verdräilgen begann, einen heimlichen Antagonismus zwischen Gotteslehre und Gottesdienst wahr, der bis jetzt noch nicht ganz erloschen ist. Dort diente die These (nsnn o’Töbr) mxön) als Kredo, als Grundlage ihrer intellektuellen Tätigkeit; kein Verbot seitens eitles Antiochns, eines Hadrian oder späterhin der Dominikaner oder Franziskaner des Mittelalters war imstande, sie davon abzubringen. Jeder Gelehrte, jeder Rabbiner hielt es für seine heilige Pflicht, dort, wohin ihn das Schicksal warf, eine Schule zu gründen. Dagegen schleppte sich der Gottesdienst, der einst fast einzig und allein das Judentum ansgemacht hatte, sozusagen nur „im Schlepptau" : nach. Niemand fand es für nötig, eine liturgische Schule, in der Form der Orphanatrophia, die die Päpste Sylvester, Hilarius rc. gegründet hatten, für den jüdischen Gottesdienst zn gründen, wo die winzige Tradition in Schriften gewährt und als Basis einer weiteren Entwicklung unter entsprechender Aufsicht gepflegt werden konnte. Um es kurz zu sagen: Die Sopherim behandelten die Liturgie der Diaspora stiefmütterlich, ihre Doktrin war: n1» -u» mm “Mabm. Diese Doktrin konnte jedoch niemals volkstümlich werden, da die Masse ihren religiösen Durst, der viel mehr dem tiefen Gefühle als dem höheren Denken entquillt, unmöglich durch Gotteslehre stillen kann. Der volkstümliche Instinkt pflegte immer seine religiösen Gefühle vor allem durch irgend eine liturgische Zeremonie zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Und in der allgemeinen sekundären Position dieser Liturgie spielte der gesangliche Teil dem Texte gegenüber noch eine untergeordnete Nolle. Zum Beweis dafür möge folgende Tatsache dienen : Während das erste Textsiddur schon im nennten Jahrhundert erschien, mußte das erste Gesangssiddur von Rabbi Salomon Sulzer bis zum. neunzehnten Jahrhundert, auf sich warten lassen. Und wenn auch das Siddur Rabbi Amrams kein Hemmnis für die; weitere Entwicklung des heiligen Textes bildete und eine ganze Plejade der Poetanim das ganze Mittelalter hindurch mit ihren freien -Dichtungen die synagogale Dichtung bereicherten, diente es doch als Grundlage der textlichen . Tradition, die in der hebräischen Schrift normiert wurde, als Basis, auf der. dann weiter gestaltet und gebaut wurde. Auch der zweite Teil unserer Liturgie, nämlich t)ie„Kriau, wurde ebenfalls, dank der Schrift der Tropen, so ziemlich konserviert. Zwar rivalisieren vier verschiedene Versionen über ihre masfo-, retifche Echtheit, wenn man jedoch das Labyrinth der Cheironomie Neumationen der kirchlichen Antiphonen und ihre vielfachen hypothetischen Interpretationen kennt, muß man eigentlich staunen über die verhältnismäßig geringe Zahl von paläographifchen Differenzen. Dienten doch alle Nemnen, Tropen und alle derartigen hyroglyphifchen Akzentnationszeichen des klassischen Alter-' tums sowohl als des Mittelalters bloß als mnemotechnische- Hilfsmittel für die mündlichen Ueberlieferungen. woraus sich denn auch alle Schwierigkeiten ihrer Interpretation ergeben. Wie schwach steht es aber mit dein dritten Teile unserer Liturgie, nämlich mit dem Gesänge! Welch' traurige Geschichte und welche Umwälzungen hat gerade dieser so wesentliche Teil der jüdischen Liturgie durchmachen müssen, bis er uns als heilige Tradition mündlich überliefert wurde! Wo nehmen wir die Bürgschaft für feine Echtheit? Und wenn auch seine Legitimation , bewiesen werden sollte, wo ist das Kriterium feiner jüdischen Originalität, das als unbestreitbarer Beweis auch für andere Völker dienen würde? , (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Dienstag, den 28. November fand im Kantoreuklub eine Trauerknndgebung für weil. kais. Rat Oberkantor Josef Singer statt, zu welcher sich zahlreiche Wiener Kollegen, sowie Oberkantor B. Singer aus Jnngbunzlau eiugefunden hatten. Oberkantor Bauer als Vorsitzender widmete dem dabingeschiedeneu Präsidenten einen Nachruf und dankte gleichzeitig den beim Leichenbegängnisse funktionierenden Kollegen Oberkantoren Fuchs, Morgenstern und Dünmann, worauf Kantor I. Löwit die hervorragende Wirksamkeit Josef Singers als Fachmann, Historiker und Kritiker. sowie seine Verdienste um die Entwicklung des traditionellen Synagogeiigesanges beleuchtete und eingehend würdigte. . . Wien. (P o p u l ä r - w i s s e n sch a f t l i ch e F r e i tag - A b e n d - V o r l r ä g e am Bet-Hainidrasch „Talmud-Thora", H., Mä!zgaffe 16.) Am 1. Dezember: Herr Rabbiiier H. Sche n f: „Die Psalmen".. Am 8. Dezember : Herr Prof. A n t sch e r l: „Die geistige Würze, des Sabbatmahls". Beginn jedesmal lim T Va Uhr abends. — Am verflossenen Freitag behandelte Herr Rabbiner G o l d st e i n das geschichtliche Tyeina „Antoniiins und Rabbi" in. einem interessanten Vortrage mit Belegstellen aus dem Talmud. Wien. (B e r ein M e n s a a c a d e in i c a I n d ä i c a.) Ans dem Legate des sel. Herrn Albert Freiherrn von Rothschild sind dem Vereine L 2000 zugegangen. — Herr Dr. I. Nobinsohn hat dein Vereine zur Erinnerung au Dr. Leopold Herzt lv 10 gespendet. . Wien. (V e re i n zur Hebung d e r G e w e r b e i n W i e n.) ' Der Verein kann den Vortragsabend, den er am 26. November - im vollgesüllten Festsaale des n.-ö. Gewerbe-Vereines inszenierte, den glanzvolleic Veranstaltungen der letzten 25 Jahre seines Bestandes aureihen. Der Vortragende, Universirätsprofessor Dr. L. Königstein, der von der Versammlung mit auffallenden Sympalhieknndgebnngen begrüßt wurde, hielt eineil musterhaft sachlichen und dabeipopulären Vortrag über „die Ausstellung in Dresden". Der Beifall der Zuhörerschaft wurde umso größer, als der Präsident. Herr S. Brod, den Vortrag beleuchtete und bei dieser Gelegeilheit die Autorität des Vortragenden und dessen Volkstümlichkeit hervorhob. Unter den würdigen Vertretern der verschiedensten Bernfsarlen bemerkte man. auch Oberlandesgerichtsrat Dr. Spitzkopf, die kaiserl. Räte Hirsch, Pollock, Rain. Weil, in Vertretung des u.-ö. Gewerbe-Vereines. kaiserl. Rat Schweinburq. Industriellen Eger, die Professoren Antscherl. Kraus, Direktor Fischer, Vorsteher Hosmann, die Präsidentinnen Amalie Beck, Dr. Frischaurr, Königstein, die Präsidentin des Ferienheims Sofie Grünfeld, rc. rc. Wie». (Jüdische Lohn bee-H alle. XL, O t h m a rg a ff e 46.) Beginn, der Vorträge an Wochentagen ^/z8 Uhr, .Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Am letzten Samstag hatten sich der Bassist Hermann Reich und der Tenorist Michael Striks, beide Herren Mitglieder der k. k. Hosoper, in den Dienst der guten Sacke gestellt und den Tvynbeehallen- Befnchern durch den in höchster künstlerischer Reife gebotenen Vortrag von Arsen und Duetten, in welchen die prächtigen Stimmen, die treffliche Schulung und das innige Verständnis zu bester Wirkung kamen, . einen genußreichen Abend bereitet. Alle Anerkennung gebührt dem tüchtigen Kapellmeister Herrn Z i l z e r für das Akompagnement. Eine humorvolle, geistreiche Plauderei Professor N a s ch e s beschloß den schönen Abend. Bortrags-Progra m in : Freitag, .1. Dezember, Bibelvortrag. Lehrer Leopold Weiß. Samstag, 2. Dezember. Konzert. Arrangement: Gesangsmeisterin Frl. Alice G o l d b e r g. Sonntag, 3. Dezember^ „Die Frau iin Kultus", Prof. Dr. S. Kraus. Montag. 4. Dezember, „Die französische Revolution". Prof. Dr. Edm. I e r u s a l e m. Dienstag, 5. Dezember, „Geschichte der Juden" (Zyklus), Prof.Dr. K. Kupfer. Mittwoch. .6. Dezember, „Das. neue Sittengesetz", Fachlehrer Georg S ch ui ie d t. Donnerstag, 7. Dezember, „Die Gottesidee", Herr Äschkenas. Samstag, 8. Dezember, Bibelvortrag, Dr. G. Frendmann. Wien. (B e f lei düng a rin er Schn l ki n d eri n der Brigitte n a u.) Am 3. Dezeinber d. J. wird der humanitär-gemeinnützige Verein „Die Brüder", welcher seine Wirksamkeit in Wiens zwanzigstem Bezirke, dem wahren Jammerbezirke der Reichshaupt- und Residenzstadt, entfaltet, 270 arme Schnlklnder. mit vollkommener neuer Kleidung, d, i. Anzug, bezw. Kleid, Wintermantel und Schuhen versehen. Diese Bekleidungsaktlou geht ganz in der. Stille.ohne-jede öffentliche Schaustellung vor sich, da nach einem vorher festgesetzten Plane die Kinder von hiezu bestimmten Damen und Herren in vier verschiedenen Räumen mit den nach Maß verfertigten Winter-Kleidern beteilr werden. An der Spitze, dieses Vereines, welcher heuer seine zwanzigjährige Bestandsjubliänm zu feiern in der Lage ist,..steht:seit, dem Jahre .1901 der in weiten Kreisen wohl bekannte Herr Heinrich W e i u e r, unter dessen Leitung der Verein bereits 2191 Schulkinder vollkommen bekleidet und außerdem aber noch 758 Schulkinder mit neuen Schuhen beschenkt hat. Eine solche Aktion erfordert einen großen Aufwand, und es verursacht nicht geringe Mühe, die hiefür nötigen Mittel aufznbringen. Um so hervorragender ist dieses Ergebnis wahrhaft altruistischen Wirkens, welches dem Vereine „Die Brüder" und dessen Obmann, Herr Heinrich Weiner, zu großer Ehre gereicht, welches aber im Zeitalter d^r Fürsorge „Für das Kind" fürwahr auch geeignet ist, an kompetenter Stelle gebürende Anerkennung zu finden. . . - . Wiener-Neustadt. In tiefe Trauer wurde unsere Gemeinde durch den plötzlichen, tragischen Tod eines, ihrer achtbarsten Mitglieder, des Herrn Moritz G e r st l, versetzt. Herr Gerstl, Chef, des Großhandlungshauses Gebrüder Gerstl, stieg vorige Woche auf einen in Bewegung befindlichen Eisenbahnzug und glitt dabei so unglücklich ans, daß er von den Rädern des Waggons sofort getötet wurde. Herr Gerstl erfreute sich wegen seines biederen Charakters, seines Edelmutes und Wohltätigkeitssinnes allgemeiner Sympathie, er war in früheren Jahren auch als Tempelvorsteher tätig und die große Ausdehnüng des Geschäftes, dem er sich mit ganzer Kraft und ganzem Eifer widmete, entzog seine Beihilfe immer mehr der Gemeinde, die seine Tatkraft nur ungern mißte. Die große Beliebtheit des im besten Lebensalter dahingcrafften Mannes zeigte sich in der überaus zahlreichen Teilnahme am Leichenbegängnisse, deffeu Funktionen die Herren Rabbiner W e i ß und Oberkantor Lau d a u versähen. Die schwergeprüfte Familie verliert ihr aufopferndes Oberhaupt, das Geschäft verliert an Herrn Gerstl seine Seele und Stütze, die Gemeinde verliert einen ehrenwerten, tüchtigen Biedermann. Sein Andenken sei gesegnet!