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Die Wahrheit · 1911-12-01 · Heft 46 (1.12.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 46 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Tie Wahrheit. Sette A. Haras gibt es mehrere Synagogen und'die ^.llianee Israelite unterstützt die Bedürftigen, unterhält Schulen und Heilstätten. Die Mehrzahl der Israeliten in Tripolis gehört — so schreibt Adolf Sonnenseld im „Berliner Börsenconrier" — zur italienischen, französischen oder ottomanischen Nationalität. Letztere geben an Haß gegen alles Italienische den patriotischen Jungtürken nichts nach. So haben diese zur armen Bevölkerung zählenden türkischen Juden ein in hebräischer Sprache redigiertes Blatt -gegründet: „Die Dardanellen", in dem sie verkünden: Durch das Eindringen der Italiener würden der Kleinhandel vernichtet, die Lebensmittel verteuert und die alten Sitten beseitigt werden. Dieser Jnteressenkrieg hindert die ottomanischen Juden indessen nicht, ihre Kinder in die italienische Schule zn schicken und die Sprache Dante's herrscht heute bereits in der ganzen Hara vor und in Amrus, einem jüdischen Dorfe, drei Biertelmeilen von Tripolis entfernt, wo die gesamte Bevölkerung nur ans Handwerkern und Ackerbauern besteht. Aber auch in den begüterten und gebildeten Kreisen beansprucht das israelitische Element einen weiten Raum/ es gibt /unter ihnen reiche Kanflente und Gelehrte, die eine hervorragende Stellung im öffentlichen Leben einnehmen. Kommandatore La bi, srüher deutscher, jetzt belgischer Konsul, eju eifriger Jtalienfrennd, ist Jude. Die Familien Hassan. Nahm» und Arbib sind die angesehensten von Tripolis. Inden sind ferner der Direktor der italienischen Schule Cav. Paggi und der Herausgeber der ein-;igen italienischen Zeitung: ..l'Eco di Tripoli". Unter der weiblichen Bevölkerung Tripolitaniens gehören die Jüdinnen unbestritten zn den Schönheiten des Landes. In ähren weiten Beinkleidern, mit dem buntseidenen Kopftuch, das die Haare bedeckt, dem goldenen und silbernen Schmuck klingender Maria-Theresienthaler und anderer Münzen und eingehüllt in ' ^in farbiges, den Körperformen sich straff aupassendes Ümschlagetuch, gleichen sie den Märchengestalten aus Tausend und einer Macht. Man begegnet ihnen in allen Variationen; blonde, braune, rote und schwarze, schlanke und volle, junonische Erscheinungen. Mannweiber und Sentimentale, aber allen eigen sind die großen, samtenen Glntaugen. in denen sich der weibliche Zauber des Orients offenbart. N. P. J. Gatleslehre n»d Gottesdienst. Zur Eröffnung der Kantorenschule in Wien. 'Von P. Minkowsky, Oberkantor der Brodyer Gemeinde in Odessa. . Keinem Volke der Welt ist seine mündliche Tradition der Kunst, und noch mehr die der Religion, so teuer wie dem jüdischen, dennoch hat sich kein Volk mehr geopfert für Schrift (naa) und für Schule (iaan n-s) als das jüdische. Diese Wahrnehmung ver- Dient ernste Aufmerksamkeit und geschichtliche Analyse. Die Mutter aller Religionen, Theologien und Mythologien war die mündliche Ueberlieferung. Eingehüllt in einen halbdunklen Schleier von Mystik und Legende, wurden sie durch -spezielle Kasten, wie die Rischi der Inder, Auguren der Griechen, -Priester der Egypter, Vates der Römer. Mnften der Mohammedaner. Priester und Propheten der Hebräer rc. dem /Volke übermittelt. Alle höheren Ideen über Glauben und Aberglauben, alle religiösen Formen von Deismus. Theismus, Monotheismus, Politheismns. Pantheismus, Monismus rc. wurden mündlich überliefert. Und wie die Religion drang auch die Kunst, und besonders die Tonkunst, ihre Weisen, ihre innerliche Konstruktion, die äußere Ornamentik, die Sagen über die 'Entstehung der Musikinstrumente und ihre Erfinder durch mündliche Ueberlieferung in das Volk. Der Intellekt der Männer des Geistes versenkte sich so tief-in die Vergangenheit und ihre heilige Ueberlieferung, daß sie sehr oft die Erscheinungen der Gegenwart ganz nnbeachtet vorübergehen ließen. Und die Massen, welche ihre ganze Erziehung durch das gesprochene Wort erhalten hatten, gewöhnten sich so sehr an dieses Verfahren, daß sie sich gegen die Schrift, auch nachdem dieselbe bereits erfunden und verbreitet war, anflehnten. Noch heute dürfen die Brahmanen in Indien den Veda nie aus einem Manuskript lernen/sondern bloß ans dem Munde ihrer Lehrer. „Der Veda existiert mir im Munde der Brahmanen" pflegten die Inder zu sagen. „Ans dem Munde der Lehrer, aber nicht aus ihren Schriften", (anaa ’a» anaia an) war auch bei den Inden sprichwörtlich. Auf diese Weise verflossen viele Jahrhunderte des Abrahamismns mit fetitec Grund lehre des Monotheismus in mündlicher Ueberlieferung, ohne Schrift und ohne Schule, und in gleicher Weise drang, außer dem Dekalog, auch der Mosaismns mit seiner weiteren Evolution durch mündliche Ueberlieferung unter dem Namen „Maffora" in das Volk. (•■raa min bap n»ö an°> ViVin'i viDi.-i'*? mam) Jeder „Pater familias“ mußte aus Mangel an Schulen und Lehrern die religiöse Ueberlieferung seiner Ahnen unter seinen Nachkommen mündlich verpflanzen, (-fcn -pa« hxv). Und wie die Gotteslehre, so war auch der Gottesdienst Produkt der noch freieren Ueberlieferung ohne Schrift und ohne Schule. Erst späterhin, nach vielen Etappen, wurde in einem priesterlichen Kollegium ein liturgisches Enchologium unter dem Namen „Torath Kohanim“ schriftlich ansgearbeitet, welches bis zum letzten Augenblick der nationalen Selbständigkeit seine kanonische Kraft behielt. Auch die andere. geistige Strömung im Judentum, die Prophetie, konnte sich quantitativ nur sehr schach entwickeln, weit es auch ihr im Schrift und Schule fehlte. Zwar pflegten sie ihre Konventikeln an sieben Orten abznhalten. ohne eine öffentliche systematische Schule konnten sie sich jedoch auf die Dauer nicht behaupten und mußten sich schließlich auslösen. Erst mit der Verbreitung der heiligen Schrift im Volke durch die Sopherim und besonders durch die Gründung der öffentlichen Schulen in Palästina durch Joschna ben Gamlo, in denen man ans Schriften (nma) unterrichtete, konnte sich die Gotteslehre auf fester Grundlage weiter entwickeln. Auch das nationale Unglück konnte die Gotteslehre nicht mehr beeinflussen, die neugeordnete Schule Rabbi Jochanan ben Sakkais zu Jamnia diente ihr als unzerstörbare Festung, in welche die vernichtende Hand der römischen Legionen nicht eindringen konnte. Seit jener Zeit wunderte die Gotteslehre des wandernden Volkes in ihren wandernden Schulen zn Jamnia, Babylonien. Arabien, Spanien, Frankreich. Deutschland, Holland, Polen rc. bis in die Gegenwart hinein in Breslau, Berlin, Wien, Preßburg. Paris. New- Aork. Cincinnati rc.. das heißt überall, wo die jüdische Tradition m Schriften und Büchern durch Lehrer gepflegt und verbreitet wird. Welch' trauriges Los aber hat die nationale Katastrophe der jüdischen Liturgie bereitet! Der pompöse Opferkultns mit seinen Psalmodieu, Gesängen und dem Spiel der Instrumente, der zugleich mit dem nationalen Aufschwünge unter dem Szepter- Davids und Salomos ins Leben gerufen wurde und dessen Wahrung und Pflege einer speziellen Kaste der Priester und Leviten anvertrant war, mußte gleich mit der Zerstörung des Tempels gänzlich zugrunde gehen. Der ganze vornehme Nimbus samt der Agende der Tempellitnrgie mußte von nun an der Vergangenheit angehören. Für die Zukunft der bescheidenen Synagoge (vvv snpo) in der Diaspora sollte ein ganz anderer Gottesdienst geschaffen werden, für den, außer einer geringen Zahl von Gebeten nnd Bruchstücken der alten Cantilation. weder Schrift noch Schule vorhanden waren. Konnte denn dieser winzige, formlose Rest der liturgischen Tradition hinreichen als Ersatz für eine ganze Liturgie, wenn auch nur in der Diaspora?! O nein! All' die zahlreichen Fragen, wie das Was. Wie. Wenn. Wer rc., die das Wesen und die Einzelheiten der Liturgie im alten Tempel betrafen und die dort so peinlich normiert waren, tauchten aufs neue ans und harrten der Entscheidung. Und während die Gelehrten in ihren Akademien und ihren polemischen Diskussionen mit allen Künsten der Dialektik über die Details jeder Halacha stritten, mußte sich das Volk in seinen ersten, so öden Synagogen sehr elend gefühlt haben. Die Synagoge und ihre Liturgie erschienen-zu jener Zeit als ein' vollkommenes Miniatnrbild des nationalen Verfalls. Der Notwendigkeit gehorchend, unternahmen es einige Männer,, aus eigenes Risiko Gebete zn schaffen und selbstverständlich sie auch melodiös auszngestalten. Wo sie diese neuen Melodien (oder „Neima“ nach der talmndischen Terminologie) hernahmen, weist bis nun kein Mensch. Es fehlte ihnen auch an allgemeiner An-

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