Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 46 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 11. Nr. 46, Die Wahrheit. Wien. Für den nächsten Samstag ttL'l'S hat Herr Anton Bürger, -Qberkantor in Bälassagyarinat, der sich um die Oberkantorstelle bewirbt, in , der- Schiffschul seinen Probevortrag angemeldet. — Znr Erinnerung an das Regierungsjubiläüm Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. wird, gleich wie in den Vorjahren, der Betrag, der für Alljot und Bethausspendeu am Samstag, den 2. Dezember l. I. hereingebracht wird, zur sofortigen Verteilung an Bedürftige verwendet. ' Wie». Der. jüdische Turnverein Favoriten veranstaltet Samstag, den 9. Dezember im Festsaale des Verbandsheimes. VI., Königseggasse 10, ein Schauturnen mit anschließendem Tauzkränzcheu. Entree K2.—. — Beginn präzise 9 Uhr abends. Szenicz. Am 21. November fand in Jabloniz das Leichenbegängnis des allgemein geachteten und verehrten Jakob Kaufmann, der im Alter won 79 Jahren verschieden ist, unter überaus großer Teilnahme statt. Durch das Ableben dieses Maunes ist unser geliebter Präses, Herr Adolf Kaufmann, der seinen Vater verlor, in tiefe Trauer versetzt. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Trauer. Bou Nah und Fern waren Teilnehmer erschienen. Die Beamten der Graf Äpoiiyischen und Redlichschen Herrschaft waren vertreten. Die Trauerreden hielten Herr Rabbiner Josef Broda ans Miava und Herr Bezirksrabbiner Marmorstein ans Szenicz. Beide Redner schilderten in trefflichen Worten die Tugenden und Verdienste des teuren Verblichenen. giteutittti*. Punsch-Kalender 1912. Wie ein heiterer, gerne gesehener, gemütlicher Gast erscheint mit jedem Jahrgang — diesmal das 43. Mal — der witzige, heitere, aber niemals obszöne Punschkalender von Karl S ch ö n w a l d, im Verlag der H o f - B u ch h a n d l u n g P e r l e s. Derielbe enthält über 70 Illustrationen erster Zeichner, sowie eine außerordentlich große Anzahl illustrierter Humoresken, Erzählungen und Gedichte von den beliebtesten heimischen Literaten. Wie die überaus stattliche Reihe seiner Vorgänger ist das beliebte Büchlein trefflich redigiert, hübsch ausgestattet und erschließt in Wort und Bild eine Fülle des Humors. In .allen Buchhandlungen erhältlich. Preis 80 Heller. Feuilleton. Hin Schlemihl. Humoristische Erzählung von Ballette Fried, Prag. lieber den Ursprung des Wortes Schlemihl ist von jeher Diel gesprochen worden. Daß Chamisso in seinem Peter Schlemihl den Namen erfunden hatte und von da an jeder Ungeschickte und vom Schicksale Verfolgte den Namen desjenigen erhielt, der fo unbesonnen war, sogar seinen eigenen Schatten zu vertrödeln, ist unrichtig; denn erstens war dieser Ausdruck beim Juden Ichon viel früher eine stehende Redensart, bevor Chamisso feinen Peter Schlemihl geschrieben hatte, und mochte er vielmehr diesen Rainen aus dem jüdischen Wörterschatze entlehnt haben; andernteils spricht alles dafür, daß dieser Ansdruck hebräischen Ur- Iprunges sei. Meine, als einer Frau, unmaßgebliche Meinung ist die, daß Schlemihl eine Znsammenziehung mit willkürlicher Auslassung des einen Buchstaben „Sajin" der beiden Worte „Schile masol" ist, „ohne Glück" oder wörtlich übersetzt: Unstern, unter einem Unstern geboren, von einem Unstern ans der Lebensreise begleitet. So oder so! Ein Schlemihl ist ein unglückseliges Geschöpf und wäre er vom Hause aus noch so reich und vornehm. Der Schlemihl, von dem ich erzählen will, war keines won beiden. Er war so ein Schlemihl, daß er als Kind eines Schamis in einer kleinen böhmischen Dorfgemeinde das Licht der Welt erblickte. Von seinen ersten Lebensjahren ist nicht viel zu sagen. Er " schlief, aß und trank u. s. w., alles zur rechten Zeit, hätte vielleicht auch etwas gelernt, wenn er nur fleißiger ins Cheder geschickt worden wäre. Aber als eines Tages der würdige Schamis, Gemeindediener hörte er sich lieber nennen, darauf gekommen war, daß der Melamed klein Salmele mehr zum .Kinderwiegen, Holzspalten und Wassertragen verwendete, als znm eigentlichen Lernen anhielt, dachte er recht logisch: Das kann er bei mir auch lernen," und schickte Salmele nicht mehr ins Cheder, sondern gab ihm zu Hause dieselbe Beschäftigung. Dabei verwendete er ihn auch zum Schulklopfen. Die Mühe dabei war nicht gtoß, denn die paar jüdischen Häuser standen alle nebeneinander in einer Gasse, so daß er in wenigen Mi» nuten mit seinem Rundeigentlich Längsgange fertig war. Von dieser kleinen Gemeinde zirkulierte in Böhmen die scherzhafte Rätselfrage: „Warum machen die Inden der sonst frommen Killeh N. das Fleisch nur ans einer Seite koscher?" Antwort: „Weil sie nur aus einer Seite wohnen." Mehr . Mühe gab es manchmal dem kleinen Schulklopfer, den fehlenden zehnten Mann znm Minjan herzuschaffen. Doch wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, und so gelang es gar oft dem kleinen Schnlklopferl, einen faulen Langschläfer aus den Federn oder jemand aus seinem Laden oder der Werkstatt hervorznholeu. Wenn nicht mit etwas anderem, so brachte er die Trägen oder Allznfleißigen mit der Bemerkung auf den Weg, daß der allgefürchlete Roschhakohl Jahrzeit habe und daher Minjan sein müsse, um dann Kadisch sagen zu können. Bei diesem Schwindel hatte er das eine vergessen, daß der Roschhakohl doch nur einen Vater und nur eine Mutter gehabt hatte, während er ihn jede Woche mindestens zweimal Jahrzeit halten ließ. „Doch der Zweck heiligt die Mittel." Diese etwas laxe Moral hatte sich auch klein Salmele angeeignet, bis ihm einmal ein Faulenzer vom Lager ans znrief: ' „Du, Schlemihl, weißt du nicht, daß ein Schakrin ein gutes Siknren haben muß? Hättest du gesagt, daß der Rebbe oder der Gabe Jahrzeit hat, wäre ich gleich ansgestauden. aber mit dem Roschhakohl hast du mich schon vorige Woche ausdem Bette gejagt. Mit dem kleinen Schlemihl hatte sein Vater die liebe Not. Er hätte ihn gerne dazu erzogen, um einst sein Nachfolger im Amte zu werden, denn vom Schulklopser znm Schamis ist sonst nur ein Schritt; aber wenn ihn nicht alles täuschte, so hatte Salmele nicht das Zeug dazu, eine so wichtige, verantwortungsvolle Stelle anszufülleu. Er war und blieb ein Schlemihl, mit dem nicht zu rechnen, auf den nicht zu bauen war. Ein Beispiel: Es war am Erew Jom Kipur. nachmittags. Der Schamis mit seinem'Gehilfen Salme hatte alle Hände voll zu tun, um die altehrwürdige Synagoge in Stand zu setzen und zur Feier des hochheiligen Tages, des Schabas Schabnsan auszuschmücken. Ein weises Proches wurde ausgesteckt, die Sefer Thoras wurden mit schneeweißen silbergestickten Gewändern bekleidet, sogar auf dem Schulchan wurde eine weiße Damastdecke gebreitet. Die größte Mühe gab das Kerzenanstecken. Jede Familie hatte für das Heil ihrer Seele eine Kerze gespendet, groß und klein, je nach Vermögensverhältnis; denn es steht geschrieben : „Ein Licht Gottes ist die Seele des Menschen." Bei der Verschiedenheit dieser Kerzen hieß es eine gewisse Symetrie herzustellen, gleichzeitig aber die Wünsche der Spender berücksichtigen. Denn jeder Balbos wollte, daß sein Licht an hervorragender Stelle angebracht werde, und daß er es von seinem Sitze aus, an welcher Seite der Schuft sich dieser auch befand, sehen konnte. Um alle diese Rücksichten beobachten zu können. hätte der alte Schamis geradezu optische Studien machen müssen. In der größten Arbeit wurde der Schamis abgerufen, um eine verspätete Kapore ins Jenseits zu befördern.. Der zur Kapore bestimmte weiße Hahn mußte zum Tode gehen, damit Reb Schmnl Legens Söhnlein zum fröhlichen, glücklichen Leben eingehe. „Jüngel", rief der Schamis im Hinausgehen seinem kleinen Sohne und Gehilfen zu, ..steck' indessen die Jom Kipnr-Kerzen am Schulchan an; ich komme gleich zurück, aber steig' mir nicht auf die Leiter, daß du nicht herabfallst, du Schlehmil einer!" (Schluß folgt.) Zuschriften an den „Oefterr.-ungar. Kantorenvereirr" sind zu richten an den Vizepräsidenten Oberkantor I. Bauer, Wien, H., Novaragasse 27.