Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 46 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit. _ -_ Nr. 46, wir es erlebt, . Laß ein Moses sogar auf der Bühne erschien. Aber ebenso wie die Gestalt des großen Lehrers, die ein Michelangelo geschaffen, als Torso am Grabdenkmale des Papstes Julius HI. prangt, konnte es niemals gelingen, dieses reiche Leben in das enge Gewand eines Epos oder gar eines Dramas LU pressen. — Widmann hat nur eine Episode dieses überreichen Daseins behandelt, das Verhältnis des Propheten zu Zipora. Jedoch sein Epos behandelt mehr als' eine Liebesgeschichte. Es schwingt sich zu der Höhe Hiobs empor, in dem es darstellt, wie der Herr und der S a tan um die mächtige Persönlichkeit ringen und der Ewige aus diesem Kampfe als Sieger hervorgeht. Satan möchte Moses in einen Liebestraum versenken, ihn einem entnervenden, sinnlichen Liebesleben opfern, damit er seiner erhabenen Sendung vergesse, für die ihn der Herr bestimmte. Diese Sendung bezweckt, ein großes Volk zu befreien. Satan bedient sich zunächst zu seinem lenstischen Vorhaben der verführerischen Naema, der Tochter Zillas und Lamechs, die sich zur Erde herniedersenkt, um an Moses ihr Werk zu vollführen. Und, da dem Teufel und der Teuselin ihr Vorhaben nicht gelingt, meint der Erstere, Zipora werde den vom Herrn Berufenen so in ihre Liebesbande schlagen, daß der Vorsatz des Ewigen zunichte wird. Wie man sieht, rückt der Dichter unseren Moses ein wenig in das Licht der Tanuhänsersage. Zwei Mächte sind es, die um den Großen ringen: Der Himmel und die Erde. Und der Himmel siegt. . Das idyllische Gros W idmann s ist von einer derartigen Erhabenheit der Gedanken erfüllt und mit einer solchen Schönheit tiefsinniger Sprache. geschmückt, daß es.uns wirklich wundern muß, wenn wir sthech wie wenig diese Perle von Dichtung bekannt ist. Wir Juden aber können am besten dieses Epos als einen , modernen dichterischen Midrasch' bezeichnen. Prächtig ist auch die Charakteristik und Schilderung der Personen, besonders die Je'1hros, dem fa auch unser Midrasch ein umfangreiches Kapitel widmet. W i d m a n n fügt zu dessen 7 Namen eine sehr geistreiche 8. Namenserklärung hinzu. Er macht den Priester, der keinen Göttern dient, zum Griechen, welcher von Griechenland, von Dodona weggewandert und nach mannigfachen Irrfahrten, die ihn auch nach Aegypten brachten, in feine Oase. kam. Sein Name „Jatros" bedeutet soviel als Heilkünstler, Arzt. 7 Töchter nennt er sein : Ada, Köra, Zipora, Lilith, Mahala. Sulämith und Thirza. Als Beispiel für die dichterisch-begeisterte, glänzende Sprache der Dichtung sei hier die Schilderung der Schönheit Ziporas angeführt. ^Zipora war hie Dritte, der Gazelle - An Wuchs und Auge füglich zu vergleichen. Sie war es, die zu Mose dort am Quelle Zuerst gesprochen . . ... Von braunen .Haaren war ihr Haupt umflossen. Nicht Locken warel?s. sanfte Wellen nur. Die gleich geteilt, in Düppelstrom sich goflen Aus weiße Schultern. Blumen auf der Flur, Die sich dem ersten Lenzenshauch erschloffen, Der niederweht vom strahlenden Azur, Sind holder nicht als Mund und Rosenwangen Des Mädchens, das die Herzen nahm gefangen." 1 Wie ein Echo des wundersamen Liebesliedes, genannt „Lied der Lieder", klingt diese Sprache. Wie viel Poesie geht uns doch, fortgerisien vom rasch und rauschend strömenden Flusse der Zeit, verloren! Wir wünschen nicht, daß die Dichtung W i d m a n n s, welche eine Verherrlichung des „Mannes Moses" bezweckt, das gleiche Schicksal erfahre. Jetzt, da der anspruchslose und doch so tiefsinnige Dichter seinen Mund für immer geschlossen, nachdem er es erlebt hatte, auf der ersten Bühne Oesterreichs seine dramatischen Dichtungen dargestellt zu sehen, wollen auch wir Juden unsere Dankesschuld an den verewigten Poeten abtrvgen und auf seine Dichtung „Moses und Zipora" Hinweisen. Haben wir soviele Bücher, die wir unseren Jünglingen und Mädchen zum Lesen empfehlen können, Bücher, aus denen sie die Schönheit von Bibel und Midrasch zu erkennen vermögen? —. So trachte man denn diese Dichtung Wi dm an n s für unsere Jugend-, und Volksbibliotheken zu erwerben. Wir sind überzeugt, jeder Leser und jede Leserin wird uns Dank dafür wissen, sie auf . dieses fast verschollene Epos aufmerksam gemacht, zu haben. Sie werden ans dem reinen Born seiner Poesie schlürfen und des Wortes Goethes dabei gedenken: „Komm mit mir, im reiften Osten,' Patriarchenlnst zu kosten."' . ' / Dr. M. Grüufeld. Die Inden in Tripolis. Im kaltblauen Licht des Mondes flimmern die weißen, Häuser von Tripolis gespenstisch und fahl,, vom zitternden Dunst nachtschwüler Atmosphäre umgeben. Eindringlich mahnend ragen die schlanken Minarets wie drohende Finger znm Himmel.. .Die - grünschwarzen Meereswogen rauschen im langsamen Takt, gemessen und ruhig, folgt Welle auf Welle, sanft über Felsenriffe und Ufersand gleitend. Dazwischen/ huschen ab nnd zn weißliche SchanMkämme wie springende Delphine über die unendliche See, die sich am Horizont mit dem' von Myriaden blinkender Sterne übersäten Himmel vereint. Tripolitanische Nacht! Nichts stört die Melancholie dieser bleiernen orientalischen Ruhe. Da plötzlich unterbricht ein gellender Schrei den friedlichen Schlummer der Stadt — schrill und kreischend, markerschütternd, eine gräßliche Fanfare des Schmerzes; — ein Signal. In rascher Folge mehren sich die wehklagenden, langgezogenen herzzerreißenden Jammerlante entsetzter^Franen, rasender Männer, wimmernder Kinder, ein sinnbetänbeuder Lärm enstehtr Noch einmal dnrchzittert das Echo des Klagegeheuls die Luft, hohe Frauen- und Kinderstimmen beschließen den Chor, ein Murmeln von Gebeten — und dann wird es still. In einem jüdischen -Hanse war ein Familienmitglied soeben gestorben und nach' altem Brauch mußte der Todte beweint undbeklagt werden. Kaum hat der Sterbende seine. Seele äusgehaucht, versammeln sich die Frauen des Hanfes an der Leiche und erheben ein entsetzliches/ weithin schallendes Jammergeschrei, dem sich die Männer und Kinder, Verwandte und Freunde den Familie je nach Charakter und Temperament in den verschiedensten Tonarten anschließen. Alle Anwesenden zerreißen ihre Gewänder, zerschlagen und zerkratzen sich Brust tlnd Gesicht und streuen Asche auf das Haupt — ganz so, wie in der Bibel die Trauer der Kinder Israels geschildert wird. In den Lärm der Klagelaute mischt sich der Lobgesang auf die Verdienste des Verblicheneil, dessen Tugenden hundertfach gepriesen werden. Dieser Wettstreit von Jammergeheul, Lobgesang und verzweifeltem Schluchzen dauert so lange, als der Leichnam sich im Hanse befindet. Aehnliche nächtliche Ueberraschungen gehören in Tripolis^ wo die Kinder Israels recht zahlreich sind, nicht zu den Seltenheiten. Die Hara, ihr Quartier, ist wiederum in ein großes und ein kleines Gebiet geteilt: die Hara sagira und öte Hara. gebira, die neben einander liegen und die City von Tripolis bilden. Durch ein erst kürzlich in der alten Mauer, südwestlich der Stadt , geöffnetes Tor, den Lab ei Jesu, führt ein Weg in die freie Campagna. Die Hara ist ein Labyrinth hügeliger enger Straßen ' und winkliger Sackgassen, wo dicht gedrängt, wie in einem uugehenxen Bienenhause, ein nach vielen Tausenden zählender Volksstamm leht, der, durch Bande der Religion und- Verwandtschäft mächtig, die Bieneri au Regsamkeit, die Ameisen, an wirtschaftlichem Sinn und Sparsamkeit übertrifft. Zu Dutzenden in engen, dunklen.und feuchten Raumem zusammengepfercht, ertragen sie geduldig ihr Elend im Vertrauen ans eine dereinsiige Wiederaufrichtung Israels. Äuf sich selbst angewiesen und oft. — sehr zn Unrecht — von der muselmanischen Bevölkerung zurückgesetzt und gekränkt, halten sie treu und fest zu einander und bekunden ihren Sinn für die israelitische Gemeinschaft durch Beweise werktätiger Nächstenliebe und gegenseitiger Unterstützung. Zahllos sind die kleinen Krombuden. in der Hara. Die Gassen passirend, "windet niau sich mühsam durch die Berge von Grünzeug. Fichen, Broden, Lammfleisch, Blumen und allerlei Hausgerät, denn alle Waren werden ausnahmslos vor dem Laden auf der Straße zur. Schau gestellt und feilgeboten.. Welch ein Drängen, Stoßen und Fluchen und ein Durcheinander von schreienden,' lachenden und feilschenden Stimmen. In beiden