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Die Wahrheit · 1911-12-01 · Heft 46 (1.12.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 46 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46. - Die Wahrheit .--... - Seite?. den höchsten und vollsten, Ausdruck, für, die Lebensfreude, für jubelnde Begeisterung, beseligenden Aufschwung finden? — In jener: Stunde 'legte ich ihm dar, dost es die hohe Aufgabe der Blindenbildung sei, einen seelischen Umwandlungsprozeß zu vollbringen, der das lichtberanbte Kiüd^zu einer Lebensauffassung empvrhebt, ans welcher es die Kraft der Entsagung, aber auch versöhnenden Frieden, inneres unverlierbares Glück zu gewinnen vermag. In tiefer Bewegung lauschte er meinen Worten, in seinem Ange glänzte eine Träne, wortlos reichte, rr.^ mir seine Hand und ein Bund treuer Arbeitsgemeinschaft zur Vollbringung eines Erlösnngswerkes war geschlossen. - Und so wurde Josef Singer Lehrer der Blinden! Die edle Kunst, die er in seinem heiligen Priesteramte meisterhaft ansübte, er stellte sie fortan dreißig Jahre hindurch hingebungsvoll und selbstlos in den Dienst der Kinder mit dem nmnachteten Auge. Nicht in herkömmlicher Weise lehrte er sie singen, durch seinen Unterricht eröffnete er ihnen die ideale Welt: er lehrte ihnen ans dem Wohllaut der Töne die erhabensten Empfindungen gewinnen, er erhob sie durch den Zauber des Gesanges zu Gott. Herzinnigen Dank sage ich Dir, treuer Freund, für diese Segenstat ans schmerzbewegter Seele im Namen der armen, blinden Kinder, welche Du mit Deinem Vatergefühl umfangen, im Namen des Kuratoriums unserer Anstalt und in meinem eigenen. Dein Angedenken, das eines Mannes, der so viel lichtvolle Verklärung ausgegofsen über das Leben von Kindern mit verschlossenem Blick, es kann nicht nntergehen in der Nacht des Grabes! Immerdar wird es sich erheben als eine Lichtgestalt, ein Denkmal Deiner Ehre, ein Vorbild allen, die nach dem Guten streben! . Josef Singer, ziehe ein in das Reich des Friedens; der Gott des Lichtes und der Liebe reicht Dir dort den Lohn Deines geweihten Lebens! Teuerer Freund, fahre wohl!" Hierauf trug Oberkantor Josef Morgen-stern das Joscfre-w Besesser vor, während der Sarg von der Estrade gehoben und zn dem vom Vorstande der Knltnsgemeinde gewidmeten Ehrengrabe gebracht wurde. Am offenen Grabe rezitierte Oberkantor Dünmann das El mole rachamim, worauf dann vom gesamten Männer- und Knabenchor unter Leitung des Professor Sülze r das 8crbi^vi88i gesungen wurde. Dumpfe Erdschollen fielen nun auf den Sarg und bald schloß sich das Grab über.die sterblichen Reste Josef Singers, der durch sein Leben und Wirken sich ein bleibendes Denkmal in der Geschichte des jüdischen Kantoreutums gesichert hat. * * * Einem oft geäußerten Wunsche des Verblichenen entsprechend, wird der Sarg mit den Ueberresten seiner ihm im Tode vorangegangenen Gattin an seiner Seite beigesetzt werden. Der trauernden Familie und dem österr.-nngär. Kantorenverein sind aus dem In- und Auslände viele hunderte von Beileidskundgebungen zngekommen. . Mn biblisches Epos non Joseph Uietor Widmann. Vor einigen Wochen schloß I. V. Widmann, ein Dichter, der nicht nur seiner Geburt, sondern auch seiner ganzen Geistesart nach zn den österreichischen Schriftstellern zu zählen ist, in der Schweizerischen Bundeshauptstadt Bern, wo er als Redakteur der Zeitung „Der Bund" lebte und wirkte, die Augen znm ewigen Schlafe. Bemerken wir nebenbei, daß ihm, tragisch genug, vör einigen Tagen,, die treue Lebensgefährtin, ins Grab nachfolgte. Widmanns Lebensschicksale wurden in Zeitungen, Wochen- und Monatsschriften von Berufenen geschildert. In Nennowitz, einem Dörfchen, etwa 15 Minuten Bahnfahrt von B r ü n n entfernt, wurde der Dichter geboren, er widmete sich zuerst in Deutschland und der Schweiz der Theologie, trieb daneben Philosophie, wurde Lehrer, und Direktor an einer höheren Mädchenschule und. landete schließlich in der Redaktionsstnbe des Berner „Bund", wo er das ebenso anfreibnugsals entsagungsvolle Amt eines literarischen Redakteurs, seit dem Jahre 1880, niit der größten Gewissenhaftigkeit verwaltete. Sein Leben bietet das Bild so vieler deutscher Poeten, die, um ihr tägliches Dasein zn fristen, ihren Pegasus ins Joch spannen lassen müssen. Es hat Widmann an Anerkennung, auch während seines Lebens, nicht gefehlt. Keine Geringeren als C. F. Meyer und Gottfried Keller, die größten deutschen Novellisten nnd Romanschriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts, haben seine hohe Bedeutung anerkannt. Ihm wurde auch die Genngtllung zuteil, daß das Burgtheater seine „Modernen Antiken", „Lysanders Mädchen", und den „Greisen Paris" auffnhrte, während die Darstellung seines dramatischen Werkes „Der Kopf des Crassns", eben jetzt auf der ersten Bühne Oesterreichs vorbereitet wird. So haben wir denn viel und vielerlei über des Dichters Bedeutung in den letztet! Tagen gelesen. Ein besonders instruktiver Artikel über ihn ist auch in der vornehmen „Oesterreichischen Rundschau" und zwar in dem Hefte vom 15. November enthalten, dessen Verfasser Universitäts-Professor Dr. Wilhelm Kosch ist. Hier wird seine besondere Bedeutung als Epiker hervorgehoben nnd mit Recht sein wundervolles Epos „Der Heilige nnd die Tiere" (1905, 2. Anfl. 1908) gepriesen, dieses Evangelium der reinsten Menschenliebe, die sich nach dem Worte unseres Spruchdichters, auch „der Tiere erbarmt". Das Motto zu dieser Dichtung entnimmt der Dichter dem Markusevangelinm (I, 13), es lautet: „Und war allda in der Wüste 40 Tage und ward versucht von dem Satan und war bei den Tieren". Nebenbei sei bemerkt, daß Widmann in dieser Dichtung auch dem „Asasel" und dem „Sündenbock", bekannt ans dem 3. Buche Mosis, der Mischna und der ans ihr hervorgegangeuen „Abodah" für den Versöhnnngstag, ein Denkmal setzte. Doch von diesem Posm wollen wir in diesem Artikel nicht sprechen. Es ist genugsam besprochen tvorden. Vergebens suchten wir aber in dem Aufsätze des Professors Kosch. her die Vorzüge des Epikers Wi d m a n u mit so rühmenden Worten hervorhebt, vergebens in den vielen, anderetl „Nachrufen" nach der Erwähnung eines Werkes unseres Dichters, das, schon vor 3? Jahren, 1874, als er 32 Jahre alt war, entstanden und das alle Vorzüge des Poeten in seiner glänzenden Sprache, in seinem tiefen Gedankenreichtum uns offenbart, das sein reines, wahrhaft religiöses Gemüt zeigt, welches, allerdings frei von allen starren Dogmenglaüben, nur von Liebe, Menschlichkeit und Wahrheit erfüllt ist. Keiner dieser modernen Aestheten und Professoren nennt das „h immlisch - irdi > ch e Idy l t", das damals W i d m a n u geschrieben, nnd. dessen Held kein Geringerer als unser größter Prophet.nnd Lehrer Moses ist. Sollte das Wort Luegers wirklich auch auf die Literatur bezogen werden müssen, das da im spöttelnden Tone besagt: Das alte Testament sei heute nicht beliebt? Und doch haben die wahren Dichter aller Zeiten es als den ewig sprudelnden Born aller erhabenen Dichtung erkannt. — So haben wir denn aus dem Staube einer großen Bibliothek dieses idyllische Epos hervorgeholt, ans dem Staube im eigentlichsten Sinne des Wortes. Indem wir nur auf dieses Werk W i d m a n u s in unserem Artikel Hinweisen, wollen wir das, was zn des Dichters Würdigung in den letzten Tagen gesagt wurde, ergänzen, zugleich aber darauf aufmerksam machen, wie es gerade diese Dichtung verdient, unter der Jugend unseres Volkes verbreitet zu werden, der es an wahrhaft guten, unsere Geschichte, unser Schrifttum verherrlichenden Werken so sehr fehlt. W i d ma n n s ..h i m m t i s chirdisches' I d y l l" heißt „M o s e s u n d Z i P o r a". In 12 Gesängen, die in achtzeiligen Strophen, sogenannten Stanzen, abgefaßt sind, wird eine der schönsten Episoden aus der Geschichte unseres Propheteu-Helden gesungen. Seitdem der alte Alexandriner Ezekielos sein Drama „Vom Auszuge aus Aegypten", den Euripides nachahmend, im iambischen, altgriechischen Trimeter schrieb und dann der Schüler Mendelsohns, Hartwig Wessely, in seinem Gedichte, „Schire Tiphereth" dem „Prachtsänger" der Messia d e" Klopstocks seine „M o s a i d e" an die Seite stellte, hat es immer. Dichter gereizt, die Person des gewaltigen Propheten znm Mittelpunkte ihrer Dichtung zn machen und jüngst haben

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