Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 46 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite ö. Nr 46. Die Wahrheit versuchen immer wieder, den Inden alles mögliche Schändliche in Zusammenhang mit dem Kriege anzndichteu. v Erst erfand die „Agenzia Stefani" die Ergebenheitsadiesse des nicht existierenden tripolitanischen Großrabbiners. Dann gaben - die „Slampa" und der „Popolo Romano" die Entrüstung der ganzem zivilisierten Welt über die Greüeltaten der italienischen Truppen in Afrika als eine Mache der jüdischen Weltpresse gegen Roin aus. Und nun hat man wieder einen Angriff gegen die ägyptischen Juden geschlendert. Der hiesige „Stambul" behauptete (unklar, aus welcher Quelle informiert), daß in Kairo eine große Anzahl tripolitauischer Juden etabliert sei. Diese hätten eine Versammlung abgehalten und beschlossen, sofort nach Beendigung des türkischitalienifchen. Konfliktes beim italienischen Konsulat um Ausnahme in .den italienischen Staatsverband nachzusuchen. . . Diese nene Tartarennachricht wird nun bald wieder durch eintzn Brief ans Kairo an ein hiesiges Blatt dementiert, wonach in ganz Kairo nur 7 oder 8 Inden ans Tripolitanien existieren, von denen 2 französische Untertanen sind, und der Rest arme Teufel, die von den politischen Vorgängen in ihrem Ursprnngslande sehr wenig Ahnung haben. Von der großen politischen Versammlung bleibt alsdann in der Tat nicht viel übrig. ' " ■ ’ 4- * 7 * ■ Ans Petersburg wird geschrieben: Die antisemitische Presse ist in der letzten Zeit voll verbrecherischer Aufforderungen und Drohungen. Falls jetzt wirklich ein Pogrom ausbräche, so würde er die Folge dieses unerhörten Treibens sein. Denn wenn die gewissenlosen Männer sich noch so sehr dagegen verwahren, daß sie den Pogrom predigen, man spürt die Pogromlnft in jedem Wort. Tonangebend darin ist immer wieder derselbe Menschikow, der für die ganze Hetze gegen die Nichtrnssen die üblen Schlagwörter liefert und in seiner Menschenfresserei jedes Schamgefühls bar ist. Er kann sich von neuem bei dem Gedanken nicht beruhigen, daß die Ermordung Stolypins nicht ein allgemeines Jndengemetzel zur Folge gehabt hat. Was wolle es besagen, daß ein „Jüdchen" für das Attentat hingerichtet sei? Menschikow fordert die solidarische Hafk sämtlicher Juden für jeden unter ihnen, ja noch mehr. Wo immer ein terroristischer Akt stattfinde, aus einem solchen Orte müssen die Juden samt und sonders ansgewiesen werden, ganz gleich, ob der Attentäter ein Jude oder ein Andersgläubiger sei. „Nicht Pogrome, sondern ein gesetzmäßiger und energischer Kampf gegen Inden ist vonnöten" — mit diesem scheinbar schlichten, aber maßlos heuchlerischen Worten schließt der hetzerische und einflußreiche Journalist seine schamlose Aufforderung zu permanenter Zugrundrichtung ganzer Volksteile. * * -■ * Die russische Regierung bekundet für die Juden eine solch rührende Fürsorge, daß sie selbst ans kranke und tote Juden Bedacht nimmt. In Charkow hat der Gouverneur dem Semstwoamt aüfgetragen, von den Juden, die sich um Ausnahme in das dortige Krankenhaus .bewerben, den Nachweis des allgemeinen Wohnprivilegs zu fordern und die Gesuchsteller, die diesen Nachweis nicht führen können, unnachsichtlich abznweisen. Noch schöner gehis in der Gouvernementsstadt Witebsk zu. Dort sind sogar schon die Toten heimatlos. Seit vielen Jahren ist der alte jüdische Friedhof überfüllt, und in zahllosen Eingaben an den Gouverneur bat die jüdische Gemeinde um die Erlaubnis zur Anlage eines neuen Friedhofs. Allein die Gouvernements- Verwaltung bleibt unbeugsam. Bekanntlich haben die Juden in Rußland kein. Recht, außerhalb der Städte und Flecken Boden zu erwerben, folglich ist ihnen auch die Anlegung von Begräbnisplätzen ohne spezielle behördliche Genehmigung verwehrt. Und nun bildet unter den Juden von Witebsk jeder neue.Sterbefäll eine Quelle von Verlegenheiten peinlichster Art, da auf dem Friedhof jedes kleinste Plätzchen belegt ist. Alle Vorstellungen an den Gouverneur blieben bisher früchtlos, und die Juden werden sich schließlich gezwungen sehen, ihre'Toten nach anderen Städten überzuführen, vorausgesetzt, daß die Verwaltung nicht etwa auch diesem letzten Anskunftsmittel Hindernisse entgegenstellen wird. ' -i- Man erinnert sich noch des Aufsehens, das' die Affäre des jüdischen Soldaten Frank Bloom in Amerika verursachte. Bloom wurde beim Offiziersexamen znrückgewiesen, und als es sich herausstellte, daß der Prüfnngskommissär Garard die Zurückweisung nur deshalb ausgesprochen hatte, weil Bloom Jude ist, wurde dem antisemitischen General vom Präsidenten Taft eine scharfe Rüge erteilt und Bloom zur neuerlichen Prüfung an eine andere Kommission gewiesen. Nun hat Frank Bloom die Offiziersprüfung zum zweiten Male glänzend bestanden. Bloom ist der Sohn eines Militärschneiders. Katserl. R a t O b e r k a n t o r Josef Singer Die Jubelklänge, mir welchen wir am Ansgange des letzten Sukkothfestes den 70. Geburtstag des'kaiserlichen Rates Oberkamor Joses Singer begrüßten, waren bereits wehmütig abgetynt durch die bange Sorge um die Gesundheit des Jubilars und heute, schon nach wenigen Wochen, müssen wir den Heimgang des Mannes beklagen, der durch die ideale Auffassung seines Berufes und den harmonischen Einklang seiner Amts¬ und Lebensführung den Namen des jüdischen Kantores zu hohen Ehren brachte. Ein schweres Leiden hat ihn am 23. d. M. rasch dahiugerafft, und wenn es für die über den Verlust des teuren, unvergeßlichen Vaters tieftranernde Familie — er hinterläßt drei Söhne: Eugen, Direktorstellvertreter der Lemberger Filiale des Wiener Bankvereines, Simon, Oberkantor in Kattowitz, H a n s, Oberbeamter einer Asseknranzgesellschaft nnd eine Tochter, Clara, die Gattin des Komponisten Oskar Strauß — und für den großen Kreis feiner Freunde und Kollegen einen, lindernden Trost gibt, so mag er in dem Bewußtsein liegen, daß ein gütiges Geschick den Verblichenen davor bewahrt hat, den Rest seiner Lebenskraft in langem Siechtum zu verzehren und die Last der Untätigkeit zu empfinden, - die dem im Amte arbeitssroheu und auf dem Gebiete der kantoralcn Wissenschaft unermüdlich Wirkenden und rastlos Schaffenden immer so fremd war. Von einem kleinen oberungarischen Marktflecken und aus kleinen Verhältnissen heraus führt der Lebensweg Joses Singers in stetig aufsteigender, von ernstem Streben nach Vervollkommnung impulsierter Richtung nach dem größten jüdischen Gemeinwesen Mitteleuropas, nach Wien, an jene Stätte kantoraler Betätigung, die durch die geniale Persönlichkeit Meister Snlzers und seine unvergängliche Schöpfung erhöhtet! Glanz und Ansehen erlangt hatte. Hier zu wirken, galt als der Gipfelpunkt kantoralen Ehrgeizes und als Nestor Snlzer vom Amte zurücktrat, wurde unter den zahlreichen hervorragenden Bewerbern Oberkantor Joses Singer ans Nürnberg vom Vorstände der Wiener Kultusgemeiude zu seinem Nachfolger berufen. In der bevorzugten und ehrenvollen Stellung, die er hiemit erreicht halte, erblickte Singer aber nicht einen gemächlichen Ruheposten mit reichem materiellen Erträgnisse, sondern ein ergiebiges Feld ernster Arbeit und vollends war er sich dessen bewußt, was er in Fortführung des von Snlzer begonnenen Werkes dem jüdischen Kantorate gegenüber schuldig war. Wenn Snlzer durch die Reform des Shnagogengesanges dem jüdischen Kantorate neuen Inhalt gegeben und die kantorale Funktion in den Vordergrund des Gottesdienstes gestellt hat, so war Singers Streben darnach gerichtet, durch Anknüpfung an die Tradition, durch Wissen und Bildung die Grundlagen .zu sichern, auf welchen sich das Kantorat nach den' Intentionen des Meisters im Rahmen des modernen jüdischen Gemeinwesens tveiter entwickeln konnte. Hiebei sollte aber nicht der äußere Schein befriedigt, sondern der innere Gehalt gehoben und über den künstlerischen Einschlag die wahre Bestimmung des „Schellack Zibbnr", die Würde und Weihe seines Amtes, die nur auf dem Boden tüchtiger Kenntnisse gedeihen konnte, nicht vergessen werden.