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Die Wahrheit · 1911-12-01 · Heft 46 (1.12.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 46 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite '4. > ' - Die Wahrheit . - _ Nr. 46., wie er sie getan, oder — versäumt hat. Totschweigen läßt sich der Antisemitismus nicht. Aber von der Prager Handelsakademie müßte man ihn doch vertreiben können —! *• ■ ’ * ' ■ .>■' V , Ein ähnlicher Fall des Mißbrauches der Schule zu konfessioneller Hetze wird ans Budapest gemeldet: In der sechsten Klasse der Bndapester städtischen Volksschule in der Toldigaffe erteilt der Kaplan Franz Ferencz den katholischen Religionsunterricht.' Als jüngst der staatliche Schuliuspektor dem Religionsunterricht beiwohnte, war er Zeuge des folgenden originellen Frage-' und Antwortspiels: Der Religions lehrer: „Mein Sohn, kannst du mir sagen, was der Zionis um s ist?" — Der Schüler: „Das Streben der Juden, einen eigenen Staat zu gründen." — „Wo wollten sie diesen Staat gründen?" — „In Palästina." — „Ist ihnen dies gelungen?" — „Nein." — „Was haben sie also getan?" — „Sie wollten ihren Staat in Un g a rn errichten." — „Und ist ihnen dies er Versuch geglückt?" —- Beinahe w är e er ihnen geglückt, aber die glaubenstreuen Katholiken taten sich zusammen und vereitelten das Vorhaben der Inden!" Die Schule, in der die katholische Religion auf diese Weise gelehrt wird, ist, wie gesagt, eine von der Haupt- und Residenzstadt Budapest unterhaltene Anstalt. Zn den Budapester Kommüualsteuern tragen aber die 180.000 Juden mindestens 40 Prozent bei! - . qq- Da ans Anlaß des jüngst stattgehabten 100. Geburtstages von Franz Liszt so viel über seine Beziehungen zum Judentum geschrieben wurde, dürfte auch nachfolgende Episode aus den Jugendtageu des Meisters gegenwärtig von besonderem Interesse sein : Zn den vornehmsten Mitgliedern der .ungarischen Jsraelitengemeiude Läckenbach zählte einst ein Herr Wolf, dessen Haus einen Mittelpunkt für die Intelligenz des Ortes bildete. Einer der hänstgsteu.Gäste war Liszt, fürstlicher Rentmeister in Raidiug, einem Nachbardorfe Lackenbachs. An einem Oktobertage des Jahres 1818 machte dieser Herr mit seinem Knaben einen Besuch bei Wolf. Er sei gekommen, sagte der Vater, um seinem Sohne etwas auf dem Klavier Vorspielen zu lassen und wenn Fräulein Brokka — so hieß die Tochter Wolfs — dieses besorgen würde, so könnte sie ihm und seinem Franz einen Gefallen von. vielleicht großer Bedeutung erweisen. Franz zeige Neigung znr Musik und daran erkenne er mit Freuden die Erbschaft seiner eigenen Vorliebe für diese Kunst wieder. Fräulein Brokka, eine gute Pianistin, ließ sich die Aufforderung nicht wiederholen. Sie nahm den Knaben bei der Hand, führte ihn ins Zimmer und fetzte ihn zu sich ans Klavier. Vater Liszt und Papa Wolf hörten eine Weile im Nebenzimmer zu. Dann sagte der Rentmeister zum Hausherrn : „Kommen Sie hinüber, jetzt muß ich meinen Franz beobachten, ob es Begeisterung oder nur kindische Freude ist, was er empfindet". Der kleine LM stand da, regungslos wie eine Statue. Sein Auge leuchtete, seine Brust wogte, der Ausdruck seines Gesichts nahm die Züge reinster Verklärung an. Er hätte die Eintretenden nicht bemerkt; erst als die letzten Akkorde, verklungen waren, fühlte er sich rücklings umfaßt und ein heißer Kuß des Vaters preßte seine Wange. Ju der. Seele des Knaben aber wogte mit der edelsten Begeisterung ein Singen und Klingen von dem, was er gehört harte. Es war eine Mozartsche Sonate, die Fräulein Brokka ihm vorgespielt. Er sang sie Note für Note wieder. Liszt und sein . Sohn blieben über Mittag Gäste des Hauses'. Als die Tafel aufgehoben war. führte der alte Wolf die ganze Gesellschaft ins Klavierzimmer. Er nahm dann den Knaben an der Hand und sprach mit gehobener, feierlicher Stimme: „Franz, dieses Klavier gehöre von jetzt ab dir. Du mußt mir aber zwei Dinge versprechen: erstens fleißig zu üben und.. dann fromm und gut zu sein, wie ich als Jude, so dtt als Christ. Die Frommen und Guten sind Freunde untereinander wie dein Vater und ich." Vom Glücke ganz' überwältigt, dankte der Knabe. Das Klavier wurde bald überführt und auf ihm bildete Franz Liszt seine Meisterschaft heran. . " ■ * "" ■ > : Die in letzter Zeit ziemlich, schroff, zu Tage getretenen Differenzen zwischen der Pariser Zentrale der Alliance und dem deutschen Bureau in Berlin dürften in Bälde ausgeglichen werden., Wie nämlich' aus Berlin mitgeteilt wird, hat die jüngst 'tattgefundene kombinierte Sitzung der. Deutschen Konferenz- Gemeinschaft und des Berliner Lokal-Komitees einen durchaus friedlichen Verlauf genommen. Die Mitteilung eil.bie Herr Justiz-.. rat Dr. Blau über seine Verhandlungen in Paris gemacht" hatte, erweckten die bestimmte Hoffnung, daß mall schon in nächster Zeit zu einem Ausgleich, mit den Pariser Mitgliedern des Zentral-Komitees kommen werde. Wenn allch in Deutschland die Abneigung gegen die. Einführung der Kooptation, so wie sie vorgeschlagen ist. noch i nun er besteht, so wird doch auch auf der anderen Seite nicht verkannt, daß der bisherige Wahlmodns sehr erhebliche Unzuträglichkeiten mit sich führte und einer durch- greifenden Äendernng unterzogen werden muß. Man hofft, auf dieser Grundlage sich mit Paris einigen zu können und hat auch dieser Hoffnung in einem an das Zentral-Komitee gerichteten Brief Ausdruck gegeben. In der Angelegenheit des Konitzer Knabenmordes, der bekanntlich von den wüsten.. Demagogen der christlichsozialen Partei als Ritnalmord weidlich ausgeschrotet wurde, hat sich ein neues Faktum ergeben, das mindestens zur Wiederaufnahme des Verfahrens sichren dürfte. Es ist nämlich bei der Staatsanwaltschaft in Beuthen eine Anzeige, über den bekannten Konitzer Gymnasiastenmord eingegangen. Die geschiedene Ehefrau eines Agenten Bräunlich in Siemianowitz: bekundete, ihr Mann habe zeitweise die Tat in allen ihren angeblichen Einzelheiten mit grattenerregender Deiitlichkeit geschildert und sei alsdann immer in heftiges Schluchzen ausgebrochen. Der Angeschnldigte war nach dem Konitzer Morde in Siemianowitz zugezogeil und hatte hier eine Bäckerei eröffnet. Jetzt befaßt er sich mit Agentur- und Vermittlungsgeschäften. ' . ' - Inzwischen ist der genannte Agent -verhaftet worden. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese traurige Angelegenheit, die so viel Aufregung hervorgernfen und so viele Inden geschädigt hat und die in den Kreisen der Unbelehrbaren das Märchen von .jüdischen Ritualmorden wieder anfgefrischt und leider gar manche Gläubige gefunden hat, endlich aufgeklärt würde. ■• * * Seit kurzem hat die Agitation gegen die in Paris ansässigen osteuropäischen Inden von neuem eingesetzt. Die aus Rußland, Galizien und Rumänien 'eingewanderten Inden bewohnen meist einige Straßen im vierten Arondissement, in der Nähe des Rathauses. Hier ist int Laufe der Zeit ein eigenes Ghetto entstanden, wie man es in vielen westeuropäischen Großstädten kennt. Diese ausländischen Inden sind meist Handiverker. und Kleinhändler' und leben in recht ärmlichen Verhältnissen. Einzelne unter ihnen haben es jedoch zn einigem Wohlstand gebracht und infolgedessen den- Konkurrenzneid der christlichen Geschäfslente wachgernfen. Schon vor zwei Jahren sind in einzelnen nationalistischen Blättern gehässige Angriffe ans die „ausländischen Einwanderer" erschienen. Damals trat die christliche Schriftstellerin ,S öv e r i n e diesen antisemitischen Ausfällen in dankenswerter Weise entgegen, während eine Abwehr von jüdischer Seite nicht erfolgte. Neuerdings hat nun der Verband der selbständigen Kauflente und Gewerbetreibenden im vierten Bezirk eine Eingabe an den Ministerpräsidenten Caillanx gerichtet. worin die Regierung ersucht wird, Maßnahmen gegen die Einwanderung unerwünschter Elemente zu' ergreifen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zn werden, daß unter den „unerwünschten Elementen" in erster Reihe die armen osteuropäischen Juden zu verstehen sind, die im freien Frankreich eine Znstuchtsstätte und Gelegenheit zu redlichem Broterwerb suchen. Merkwürdigerweise' stehen die „offiziellen" Kreise der Pariser Judenheitdieser ganzen Hetze, deren antisemitischer Charakter doch klar zutage.liegt, völlig gleichgültig und untätig gegenüber. Aus Konstantinopel wird der „Welt" berichtet: Die Italiener oder ihre Freunde auf der einen und die mehr oder weniger verkappten Antisemiten auf der anderen Seite

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