Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 46 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion »»d Slbinimfti-ntiou: Wien, II/, Aovaragaste 27 Xclebbou: Redaktion 5509/1V. , .Äbmtitifrrotiou 4938'II. Unabhängige Hertfchrift für jnöifchs Neznnspreks: Ganzjährig.IC 14.— Halbjährig.IC 7.— Kt - k. öftere. Voftsvarkaisa- Sarrcl-Koitto Nr. 1U0.918. In l ernte: IntereHeu. Fin JriiUiivbcuiitte: Ganzjährig.IC 10. - Die viermal gejvaltene - Nonvareille-Zeile 25 Heller- Erscheint jeden Kr ei tag. Für Ansland: NboniieiiieiilSniid Jniertions. derräge find in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Ganzjährig.8 Mark 8 Rubel oder lll FrcS. Ht*. 46. Wien, 1. Dezember Inhalt: Aus der Woche. — Kaiserlicher Rat Oberkalltor Joief Singer. — Eur biblisches Epos von Joseph Viktor Widmann. — Die Inden in Tripolis. — Gottes lehre und Gottesdienst. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Schlennhl. — Austritte aus bcnt Judentume. Aus der Woche. Ueber Einschreitenmehrerer konservativen Bethausvereine hat der niederösterr. Landesschulrat bezüglich Beobachtung der religiösen Vorschriften seitens der jüdischen Schüler an die Direktionen aller Mittelschulen und au alle Bezirksschulräte nachfolgenden Erlaß gerichtet:; „Mehrere jüdische Vereitle haben dem Landesschulrate mitgeteilt, daß der Erlaß des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom (für die Mittelschulen: 31. Jänner 1876, Z. 1208), (Halma Schilling, S. 43), (für die Bezirksschulräte: 19. Februar 1876, Z..1683, M. BV. Bl. Nr. 9). mit welchem ungeordnet wurde, daß bei der Verfassung , ber Stnndenpläne auf das israelitische Gebot, am Sabbathe sich des Schreibens, Zeichnens, überhaupt der Handarbeit zu enthalten, tunlichst Rücksicht zu nehmen und daß jeder direkte oder indirekte Zwang zur Uebertretnng dieses Gebotes von Seite der Schule zu unterlassen ist, nicht überall beachtet wird und daß es sich wiederholt ereignet, daß ein solcher ungesetzlicher Zwang, besonders in den unteren Klassen der Volksschule geübt wird. Mit Rücksicht auf diese Eingabe wird der Direktion (dem Bezirksschulräte) der oben bezogene Ministerialerlaß zur genauen Darnachachtung in Erinnerung gebracht. - Gleichzeitig haben die erwähnten Vereine eine Kurrende der israelitischen Kultnsgemeinde Wien vom 15. November 1906, ad Z. 8438 hieher milgeleilt, wonach die mosaischen Religiouslehrer angewiesen werden, den Schülern, deren Eltern es wünschen, zu gestatten, beim Hebräischen Lesen oder Uebersetzen den Kopf zubedecken und zu Beginn des Schuljahres vor Beginn des Unterrichtes die Schüler diesbezüglich zu befragen. Daran haben die Vereine die Bitte geknüpft, diese Bestimmung jährlich zu Beginn des Schuljahres durch die Religionslehrer den Schülern, beziehungsweise deren Eltern zur Kenntnis zu bringen. Hievon wird die Direktion (der Bezirksschulrat) zur allfäl-- ligen Veranlassung verständigt. Der k. k. Statthalter als Vorsitzender: Bi en erth m. p." * ' . * ■ * ' - Ueber einen empörenden' Vorfall an der Prager Handelsakademie, der nicht nur die schärfste Abwehr - der jüdischen Kreise verdient, sondern auch die Unterrichtsverwaltnng zu energischem Einschreiten veranlassen sollte, wird der „Selbstwehr" folgendes berichtet: In einer höheren Klasse der Prager Handelsakademie wurde ein deutscher Aufsatz bearbeitet. Als die Schüler die Hefte klassifiziert znrnckerhielten, entdeckte einer der Jünglinge mit Vergnügen, daß der Antisemitismus im Aufsatzheft das beste Mittel sei, gute Zensuren zu erzielen.. Dieser Schüler hatte nämlich in seinem Aufsatz seiner Meinung Ansdruck gegeben, daß die Inden, die überhaupt die „Pestbeule am Leibe der Nationen" seien, dadurch, daß sie die Presse beherrschen, begreiflicherweise verhindern können, daß deutschen Geiftesheroeu die gebührende Würdigung und Anerkennung zuteil werde. Neben diesen frechen Dummheiten hatte der Professor der deutschen Sprache, ein gewisser Herr Hüller, ein kräftiges „Sehr richtig" gesetzt. Daß die ganze Arbeit von dem gesinnuugsverwaudten Professor mit der Note „Sehr gut" belobt worden ist, ist eigentlich selbstverständlich. Die Klassenkollegen des antisemitischen Jünglings waren natürlich über die Unverschämtheit ihres Professors einigermaßen verwundert. Was soll man aber erst dazu sagen, daß dieser den Aufsatz, der in ihm einen so wohlwollenden Beurteiler gefunden hatte, in einer anderen Klasse zur Verlesung zu bringen wagte? Das läßt sich eigentlich nur durch die Annahme erklären, daß der antisemitische Pädagog wußte, die Schulleitung werde nicht viel dagegen haben, daß statt Deutsch — Antise m itismns unterrichtet werde; das mag doch gerade bei einer von 60 Prozent Juden besuchten Handelsakademie sehr nötig sein. Die Anstaltslei tnug, an deren Spitze Regiernngsrat R i e d steht, hat, wie wir genau wissen, von dem ganzen Vorfall Kenntnis erhalten. Und die Eltern der Schüler haben natürlicherweise erwartet, daß nicht um der sogenannten Autorität des Antisemiteit willen das Judentum, dem sie und ihre Kinder angehören, ungestraft beleidigt werden dürfe. Statt dessen aber ist die Sache völlig vertuscht worden: das Auf satzheft des jungen Antisemiten mit den Randglossen des alten Antisemiten ist beseitigt und durch ein anderes Heft ersetzt worden. Die Autorität ist gerettet, Gott sei Dank, und das nächftemal wird wahrscheinlich ein Schüler, dessen antisemitische Stilübungen allszeichnender Aufnahme begegnen, sich hüten, seinen leicht errungenen Erfolg an die große Glocke zu hängen. Wir erwarten von den jüdischen und von den nichtantisemitischeu Kanfleuten Prags, daß sie nachdrücklich darauf bestehen werden, jener antisemitischen Erziehungsmethode müsse ein-radikales Ende bereitet werden. Der Antisemitismus ist bis heute noch nicht als Lehrgegenstand anerkannt; wenn der Versuch gemacht wird, ihn v ia fact i einznführen, muß man sich dagegen wehren, muß man den Herrn Regiernngsrat zw in gen, seine Pflicht zu tun. Die Oeffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren.