Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 45 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063617--07575-3074672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile.6 . Die Wahrheit Nr. 45. vornehmlich gegen Richard Strauß wandte,', den im Hinblick auf Wagner Sohn wirtschaftlich um so viel erfolgreicheren- Vertoner des perversen Salome-Vorwurfs. Es war das alte Lied v o n d e r E i f e r s u ch t, nichts weiter. Denn wenn der schachernde Ahn in Frankfurt-Main noch mit Napoleon Bonaparte G e t r e l d e g e s ch ä f t e machte, so kann bei dem Enkel die g e r m a n i s ch e Knnstanffassnug k a u m schon allzu tief fitzen. Diese recht beklemmende Iahrhnnderterinneruug rvird auf die Schätzung zweier Größen der modernen Musik nicht ohne Einfluß bleiben können. Wir find gezwungen, mehr als bisher den Charakter-Maßstab an sie zu legen und mögen sie musikalisch auch das Gardemaß haben, moralisch fallen sie unter das Mindermaß. Wirklich, das 19. Jahrhundert war mehr als jedes andere ein Söknlnm der seltsamen R a sf e - I r r u n g e n und erst allmählich werden wir uns der Wahrheit bewußt, daß das größte „Kunstwerk der Zukunft" doch der Mensch ist." Diese neueste „Nassenirrung" der Antisemiten ist allerdings von so überwältigender Komik, daß sie überall ein homerisches Lachen auslösen wird. Vielleicht wird aber das durch diese betrübliche Entdeckung stark gestörte seelische Gleichgewicht der „Staatsb.-Zig." wieder einigermaßen hergestellt, wenn sie liest, wie energisch die „Deutsche Tages-Ztg." (23. 10.) der Behauptung von der jüdischen Abstammung Richard Wagners zu Leibe geht. Es handelt sich dabei um die' immer wieder austauchende alberne Legende, daß Wagner das Kind einer Eheirrung seiner Mutter mit dem Schauspieler Ludwig Geyer sei. Das Organ des Bundes der Landwirte erklärt nun mit froher Zuversicht: „Das ist doch kaum glaublich. Aber selbst angenommen, es wäre dies der Fall, so hätte er noch immer kein jüdisches Blut in den Adern, denn Ludwig Geyer, fein Stiefvater, entstammte, wie der bekannte Wagnerschriftsteller Richard Batka einwandfrei nachwies, einer rein deutschen Familie.- (Segen eine solche Mög l i ch k e i t spricht übrigens auch die ganze p e r s ö n 1 iche Erschei n u n g Wagners. Er hatte den germanischen Langschädel, seine Augen waren blau, die Haare braun und daun finden wir bei ihm das stark vorspringende Kinn, ähnlich wie bei dem Germaueusprößling Dante, das Zeichen großer Tatkraft und Willensstärke, während für die semitischen Rundköpfe das Znrücktreten des Kinns geradezu bezeichnend ist. Endlich zeigt auch seine Nase ganz die germanische Form, nicht die der für die Juden charakteristischen Hethiternafe, ganz abgesehen von der senkrecht aufsteigenden mächtigen Schädelwölbung, die wir niemals bei Juden oder Judenstämmlingen beobachten können. Es handelt sich also um eine geradezu lächerliche Erfindung, die vor zwanzig Jahren zuerst auftrat und vor ungefähr einem Jahre wieder aufgewärmt wurde." In der Sache dürfte das agrarisch-antisemitische Blatt recht haben, denn die jüdische Abstammung Richard Wagners ist wirklich nur eine Fabel. Den „germanischen Längschädel" hätte es aber lieber nicht als Beweismittel heranziehen sollen, denn hier sind die „Nasse-Jrrungeu" für die Antisemiten, wie in Hunderten von geradezu klassischen Fällen nachgewiesen worden ist, noch weit schmerzlicher. Das Andeutmn rm Knllnr nnd Wirtschaftsleben Deutschlands. Vom preußischen Landtagsabgeordueten Funk. (Schluß.) Ich will damit meine Ausführungen über die kulturelle Bedeutung des Judentums in Deutschland abschließen. Sie werden mir zngeben, daß auch auf diesem Gebiete die antisemitischen Angriffe hin haltlos sind. Es kann im Gegenteile eine selbstlose, fruchtbringende, intensive Tätigkeit unserer jüdischen Mitbürger auf allen geistigen Gebieten konstatiert werden.-Fontane, der den alten preußischen Adel sehr gut kannte, hat sich wiederholt beschwert, daß in dessen Kreisen, aus denen vielfach die Angriffe gegen das Judentum herstammen, ein absoluter Mangel an Interesse für die geistigen'Bestrebungen des Volkes sich geltend mache. Er sagt: „Alle Freiheit und Feinheit dermodernen Kultur verdanken wir vorwiegend der Judenschaft." Nun erleben wir in der letzten Zeit — vielleicht sind das die kommenden Wahlen, die ihre Schatten voranswerfen — sehr merkwürdige Vorgänge. „Die Krenzzeitnng" hat unterm 25. 9. geschrieben: „Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß sich der antisemitische Passus ihres Programmes praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch im Judentum konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt-, währeiid die im Judentum so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei rassereinen Deutschen entwickelt .haben." Das ist m. E. ein Zugeständnis, wie wir es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten hätten. Weiter schreibt die „Kreuzzeitung": „Staatstreue Gesinnung, geschäftliche Solidität, religiöser Ernst, positive Leistung in Literatur und Kunst lassen sich den Inden so allgemein nicht absprechen." Mit Ausnahme des „w allgemein" könnten wir unsere Ueberzeugung auch nicht besser ansdrücken. Ich meine, die Phrase vom internationalen Judentum ist heute ein überwundener Standpunkt. Wir sind der Meinung, daß die Tätigkeit des jüdischen Teiles unseres Volkes genau so viel oder wenig international ist oder wirkt, wie die Tätigkeii unseres Gesamtvolkes überhaupt. Man sollte bei uns dahin trachten, das Judentum mehr zu assimilieren, das wäre die richtige „internationale" Tätigkeit, wenngleich ich zngestehen will, daß das angesichts des besonderen Charakters der Inden nicht ganz leicht sein dürfte. Aber was in England. Frankreich, Amerika möglich ist, warum sollte das in Deutschland nicht auch möglich sein? Sie sehen, daß dort überall das Judentum mehr im Gesamtvolke aufgeht als hier und ich habe .den Wunsch, daß wir in dieser Hinsicht auch in Deutschland besseren Zeiten entgegen gehen. Wir in Frankfurt können uns ja nicht beklagen. Unsere hiesigen christlichen Mitbürger wissen wenig von religiösen Unterschieden, und nur der Religion' wegen hat man hier eigentlich noch keinem etwas in den Weg gelegt. Bei seiner bekannten Rede in Marienbnrg hat der Kaiser im vorigen Jahre geäußert: „Eine Kofession trage die andere mit Liebe." Daß der Kaiser 'selbst vorurteilslos ist, geht aus dem persönlichen Verkehr, den er oft pflegt, zur Evidenz hervor, aber leider wirkt das auf seine Umgebung nicht in dem Maße, wie es sein sollte. Wir halten den Antisemitismus nicht nur moralisch für verwerflich, sondern auch für unklug, für eine lächerliche Schwäche. Ich habe schon in den Jahren 1890 bis 1893, als ich als junger Mann in' den politischen Kämpf hinauszog, da, wo ich antisemitischen Gegnern gegenüberstand, stets ausgesprochen, daß der Antisemitismus eine der subalternsten Bewegungen ist, die wir je im öffentlichen Leben Deutschlands gehabt haben. Eine Bewegung, die nur auf die niedrigsten und verwerflichsten Instinkte der Bevölkerung spekuliert, ist subaltern, und wenn Sie sich die Leute ausehen, die heute an der Spitze jener Bewegung stehen,, so werden Sie mir zngeben, daß darunter vom höheren Standpunkt nichts wahrzunehmen ist. Freilich: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, aber ich glaube, daß sich das gleichmäßig verteilt, daß wir davon nicht, nur bei den jüdischen Mitbürgern, sondern auch bei den anderen Volksgenossen reden müssen. Wir teilen alle die Ansicht, daß unser Volk ein besonders tüchtiges ist, wir haben einen Aufschwung politisch und wirtschaftlich genommen, wie kein Volk je vorher in der Weltgeschichte. Aber wir können die Mitwirkung der jüdischen Mitbürger nicht entbehren, sonst würden wir dieempfindlichsten Verluste in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung erfahren. . Zum Schluß noch einen einzigen persönlichen Wunsch. Ich' möchte, daß man seitens der' jüdischen Mitbürger in. , gesellschaftlicher1 Beziehung häufiger etwas steifnackiger wäre. Wenn irgend etwas geeignet ist, uns den Kampf gegen den Antisemitismus zu erleichtern, so wäre es dieses gesellschaftliche, Selbsthewußtsein, was natürlich nicht wieder zur Absonderung