Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 45 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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D»e Wadrhett Äeite 5. Nr. 45 Unbefangenheit vor. Aus seinem Werk: „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn" zitiert die antisemitische Presse jetzt wieder die Stelle: „Die Juden, die immer gewinnen und profitieren wollen, haben sich nirgends mit dem, was der Ackerbau bietet, begnügt. Die Vorteile, die er gewährt, sind ihnen zu langsam, zu mühsam, zu mäßig — zwei, drei Prozent! Das ist gut für Kinder, für Arme! Das Volk Gottes muß zwei-, ja vierhundert Prozent erhalten, um alle Unannehmlichkeiten parieren, einem kritischen Moment Front bieten zu können — und noch hinreichend Metall zu besitzen zum Düpieren, seiner Beraubten!" Aber selbst die „S ta a t sb.-Ztg." muß dabei zngestehen, daß diese Stelle „ganz von dem tief-mitleidvollen Lisztschen und echt deutschen Geiste durchweht ist, der auch, im ärgsten Feinde noch Las Edle sucht und das Reinmenschliche verstehen und achten möchte." Eine andere, allerdings sehr trübe Quelle ist das in den letzten Wochen sattsam charakterisierte M e m o i r e n werk Richard Wagners, aus dem das Berliner Antisemitenblatt folgende Stelle wiedergibt: „Es war auf einem Fest in Zürich. Liszt äußerte sich abfällig über unsere deutsch-französischen Inden: „wogegen Frau Wesendönck replizierte, ob er nicht glaube, daß dennoch H e i n,e s D i ch t e r n a m e im Tempel der Unsterblichkeit eingeschrieben sein würde? Schnell antwortete Liszt: „Ja, aber mit Kot!" was begreiflicherweise nicht ohne Sensation vernommen wurde." Liszt hat der Vorwurf der jndenfeindlichen Gesinnung sehr geschmerzt und er ist wiederholt den antisemitischen Ansschlachtnngen dieser Aeußernngen energisch entgegengetreten. Wie er in Wahrheit über den Antisemitismus dachte, das ergibt sich unzweideutig aus zwei Briefen, die in einer Sammlung (Leipzig bei Breitkopf & Härtel) abgedruckt sind. Der eine ist an den Redakteur der „Gazette de Hongrie" gerichtet und lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Nur mit Bedauern richte ich diese Zeilen an Sie, allein, da sich hier in Pest das Gerücht von meiner angeblichen Feindseligkeit gegen die Israeliten verbreitet hat, muß ich den Irrtum dieses falschen Gerüchtes anfhellen. Menschen von allgemein anerkannter Bedeutung in der musikalischen Welt, Meyer beer an der Spitze, haben mich mit ihrer Achtung und Freundschaft beehrt, ebenso wie Heine und andere Berühmtheiten aus der literarischen Welt. Es scheint mir überflüssigdie vielen Beweise meiner tatkräftigen wohlwollendeti Gesinnung aufzuzählen, welche ich während fünfzig Jahre gegen talentvolle und begabte Israeliten an den Tag gelegt, ebenso enthalte, ich mich, von meinen freiwilligen Beiträgen zu den Wohltätigkeitseinrichtungen des Judentums in den verschiedenen Ländern zu reden. Die Losung meines Schutzpatrons, des heiligen Franziskus von Paula, heißt: Caritas! Ihr werde ich mein Leben lang treu bleiben! Wenn man ans Grund einiger ans meinem Buche über die Zigeuner herausgerissenen.Stellen mit mir Händel gesucht und daraus etwas gemacht hat, was man auf französisch eine „querelle d'Allemand“ nennt, so kann ich mit gutem Gewissen versichern,. daß ich.mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht habe, .'als schüchtern die These von dem Königreich Jerusalem zu wiederholen, welche vorher schon von Disraeli, von der George Elliot und von Cremienx. drei Israeliten von hohem Ansehen, erörtert worden war." Noch schärfer weist er die ihm zugesügte Kränkung in einem Briefe an Herrn Otto Leßmann zurück: „Herzlichen Dank, verehrter Freund, für Ihre zutreffende, wahrheitsgemäße Berichtigung meiner keineswegs anzuzweifelnden, noch furchtsamen.Stellung in der Semitenf.r a g e. Losung und. Lösung derselben ist Sache der Beharrlichkeit der Israeliten und der allwaltenden göttlichen Vorsehung." Im Pester „Lloyd" (3. November 1899) gab ein Freund Franz Liszts allerhand.Erinnerungen ans seinem Verkehr mit dem Meister zum besten. Er erzählte u. a.: „Das Gespräch zwischen Liszt' und mir kam einmal auf den A n t i s e m i t i s m u s und darüber äußerte er sich folgendermaßen : „Ich war immer duldsam allen Konfessionen gegenüber. Schön im Jahre 1842, als ich in Berlin ein Wohltätigkeitskonzert gab, nahm man es mir sehr übel, daß ich ein Drittel der Einnahmen den jüdischen Armen znkommen ließ. Geradezu Lärm machte es aber, als ich Joachim in den 60er Jahren in Leipzig traf und ihn, der damals noch nicht der enorme Geiger war, anfforderte, mein Konzertmeister in Weimar zu werden. Ich bot ihm wenig Gehalt, doch viel freie Zeit, die er übrigens nicht ansnützte, nur von Proben zu „Hernani" machte er sich frei. Er nahm gut gelaunt an. Doch ich mußte früher meinen Herrn, den Großherzog, für die Idee zu gewinnen suchen. Ich nahm kurze Audienz und meldete mein Vorgehen. Der Fürst stutzte gewaltig und meinte: „Wie wollen Sie denn mit meinen Weimaranerit fertig werden. Sie wollen einen Juden hierherbringen?" — Die Folge lehrte, daß ich ganz gut fertig wurde." Köstlich ist, wie die Antiseiniten ans einem Extrem ins andere fallen. Kaum hat die S t a a tsb.-Ztg." freudestrahlend die oben zitierte Stelle ans den Lisztschen Schriften ausgegraben, da fällt auch schon ein Mehlthan auf ihre Begeisterung für den Komponisten. Im Oktober-Hesl der „Arena" schildert nämlich Olga Robiczek den Liebesroman Liszts m i t d e r Gräfin d' A g o n l t: „Im Salon der Herzogin von Türas — andere wieder behaupten durch Vermittelung von Berlioz — lernte Liszt eine vornehme Dame kennen, deren Name mit seiner Glanzzeit untrennbar verknüpft ist: die Gräfin d^Agoult. Diese war zwar bedeutend älter als der damals dreinndzwanzigjährige Liszt, dafür alur sehr schön. Die Liebe der beiden blieb nicht lange verborgen. Vergebens baten sie ihre Freunde, vergebens ihre eigene Mutter (Gräfin Flavigny. eine Tochter des Frankfurter Bankiers Simon Moritz B e thm a n n) mit Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung einen Skandal zu vermeiden. Eines schönen Tages verließ die Gräfin Mann und Kinder. Gleichzeitig mit ihr war auch Liszt ans Paris verschwunden. Das Liebespaar verbrachte die nächsten Jahre in der Schweiz und in Italien. Drei Kinder entsprossen ihrer Verbindung: Blandine, Cos ima (die spätere Gattin Richard Wagners) und Daniel." Diebrave „Staatsb.-Ztg." (26. 10.), die mm einmal von dem Wahn besissen ist, daß die Familie Bethm ann jüdischen Ursprungs ist, verhüllt ob dieser schmerzlichen Entdeckung trauernd ihr Haupt. Die orientalische „Verseuchung" der Regierung und der Kunst liegt wieder einmal klar zutage: „So zieren denn Simon Moritz Bethmanns Nachkommen nicht nur das Neichskauzlerpalais in Berlin, sondern auch das Bühnenfestspielhaus in Bayreuth.Wahrlich, eine peinliche En tdeckung, wohl geeignet, Franz Liszt und Richard Wagner als Förderer des I n d e n t n m s e r s ch e i n e n zu lassen, mögen sie auch im guten Glanben gehandelt haben. Andererseits kann man von zwei Männern, die wie Liszt und Wagner gegen die Posaunisten von Jericho so scharf Stellung nahmen, kaum annehmen, daß sie in ihrem Privatleben so wenig auf rassig reine Wäsche gehalten haben sollten. Nichtsdestoweniger ist die Tatsache nicht ans der Welt zu schaffen, daß Liszt mit einer jüdisch bastardierten Ehebrecherin d u r ch b r a n n t e und mit ihr in wilder Ehe jene Dame zeugte, die nun als Witwe Cos im a Wagner den musikalischen Gral in Bayreuth bewacht." So erleben die Antisemiten an ihren bisherigen Idolen die schmerzlichsten Enttäuschungen. Die „Staatsb.-Ztg." macht nun freilich gleich ganze Arbeit. Auch Siegfried Wagner wird aus dem Tempel der antisemitischen Gralshüter hinansbefördert. Im Anschluß an die (durch ein späteres Dementi nur teilweise abgeschwächte) abfällige Kritik, die Siegfried Wagner an den Kompositionen Richard Strauß' geübt hatte, erhält auch der Erbe von Bayreuth den üblichen Eselsfußtritt: „Jetzt haben wir auch. den Schlüssel des Verständnisses für das Verhalten des von Richard Wagner in Fleisch und Blut hinterlassenen „Kunstwerkes der Zukunft." Wir druckten vor kurzem die bewegliche Klage Siegfried Wagners ab, die sich