Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 45 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 45. Behauptungen können und dürfen wir nicht zweifeln, weil sie sich bisher bewährt haben und darum, wie sicher anznnehmen ist, auch künftighin bewähren werden. Nach diesen prophetischen Aussprüchen braucht den Juden und auch Sombart nicht um ihre, der Juden, Zukunft bange zu sein. Ich weise hier nur auf einige dieser Aussprüche hin. Jesaia Kap- 66, Vers 22 heißt es: „Denn wie die neuen Himmel und die neue Erde, die ich schaffe, vor mir bestehen, spricht der Ewige, so wird euer Geschlecht und euer Name fort« bestehen." Jeremia Kap. 31, V. 36, 37: „Wenn diese Gesetze (Naturgesetze) vor mir schwinden werden, spricht der Ewige, soll auch der Same Israels anfhören, ein Volk vor mir alle Tage zu sein. Wenn droben die Himmel gemessen und drunten die Vesten der Erde ergründet werden, werde auch ich verwerfen den Samen Israels ob allem, was sie getan, spricht der Ewige." Kap. 46, V. 28: „Du, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn mit dir bin ich; übe ich auch Vernichtung an all den Völkern, dahin ich dich zerstreut, dich vernichte ich nicht, nur daß ich dich dem Rechte nach züchtige und nicht ungestraft lasse." Auch der letzte Prophet Maleachi sagt im Namen'Gottes: „Denn ich bin der Ewige, bin. unveränderlich und ihr. L>öhne Jakobs, geht nicht unter" (Kap. 3, V. 6). Die Hanptznsichernng des ewigen.Fortbestandes der Juden und des Judentums besindel sich indes in der Thora selbst. Im Lev. Kap. 27 u.44 heißt es am Schlüsse der Strafrede: „Und dennoch, obgleich sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie nicht verworfen und nicht ausgestoßen, sie aufzureiben und meinen Bund mit ihnen zu brechen, denn ich, der Ewige, bin ihr Gott". Schon der Hohenstaufen-Kaiser Friedrich IL, der hebräisch konnte und viel mit dem jüdischen Schrifttum sich beschäftigte, sagte, daß es infolge dieser göttlichen Zusicherung ein vergebliches Bemühen sein werde, die Inden gänzlich ausrotten zu wollen. Wahrscheinlich war dem Kaiser auch die Erläuterung der alten Agadisten zu dieser Stelle bekannt: Ich habe sie nicht verworfen in den Tagen Nebnkadnezars, nicht verstoßen in den Tagen Hamans und der Perser, nicht aufgerieben in den Tagen der Griechen und Römer und werde der Ewige ihr Gott sein in den Tagen Gog und Magogs, nach welchen die messianische Zeit eintreten wird. (Megilla 11a.). Bis zum Eintritt der messianischen Zeit, das heißt der Zeit, wo alle Weissagungen der Propheten über allgemeine Erkenntnis und Anerkennung des wahren einzigen Gottes, allgemein herrschende Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und Menschenliebe erfüllt sein werden, stehen also die Juden unter dem Schutze Gottes, ist ihr Bestand, ihre Zukunft gesichert. Was dann folgen wird, um das braucht wahrlich weder den Juden noch Sombart bange zu sein. Denn es ist doch nicht anznnehmen, daß gerade diejenigen, deren menschheitsgeschichtlicher Beruf es war, die-messianische Zeit herbeiznführen, die für die Begründung des Monotheismus und der Sittlichkeit auf Erden Jahrtausende gestritten und gelitten, gekämpft und geblutet haben, nach der Erfüllung ihrer Aufgabe, leer ansgeheu oder gar zu sein aufhören werden. Allerdings ist der viel verschrieene mit» geschmähte Talmud so freisinnig, den Ausspruch zu tun, daß „in der Zukunft, die dann kommen wird" das biblische und rabbiuische Zeremonialgesetz seine Giltigkeit und Verbindlichkeit für die Juden verlieren wird. (Niddah 61b). Sollte das wirklich der Fall sein, wie es die Meinung der frommen und orthodoxen Rabbiner des Mittelalters ist (vide Tossafoth Baba Bathra 74a sub voce Piske), die aber diesen freisinnigen Ausspruch des R. Jochanan (Samuel ist der entgegengesetzten Meinung) nicht schon anticipando verwirklichen wollen, so wird ja dann überhaupt die Scheidewand, welche die Juden von den änderen Völkern bis dahin getrennt hat, fallen und alle Nationen und Stämme werden sich brüderlich die Hand reichen und in Liebe und Friede vereinigen^, zum Dienste des einzigen Gottes, das heißt zur Pflege wahrer Sittlichkeit und Menschlichkeit, oder nm mit dem Propheten Zefanja (3, 9.) zu sprechen: „Dann werde ich den Völkern zmveuden eine reine Lippe, allesamt des Ewigen Namen anzurufen, einmütig ihm zu dienen. Wenn Sombart Bibel und Talmud, der jüdischen Religion Einfluß aus den jüdischen Erwerdsgeist zuerkannt hat, so wird er ihnen, auch Einfluß auf den künftigen Bestand der Juden znerkennen müssen. Ein Volk, das seit Jahrtausende das Bewußtsein in sich trägt, die erhabenste menschengeschichtliche Ausgabe zu haben, und den Willen hat, diese Aufgabe zu erfüllen, kann nicht nntergehen; auf die größere oder kleinere Zahl kommts da gar nicht an. Die Inden sind immer ein kleines Volk gewesen und seiner Berufung und, Anserwählnng lag nicht die Quantität zu Grunde. ..Nicht weil ihr mehr seid als alle Völker, hat der Ewige Gefallen an euch gefunden und euch erwählt, denn ihr seid das kleinste unter allen Völkern." (Den-' teron. 7, 7.). Zum Schlüsse muß ich nochauf die Behauptung Sombarts, daß die jüdische Religion das Streben nach materiellen Gütern gefördert hat, zurückkommen, um etwas vorznbringen. was ich seinerzeit in meinem im „Prager Tagblatt" veröffentlichten Artikel und auch nachher in meinem Schreiben an Sombart unterlassen habe. Wenn diese seine Behauptung wirklich richtig wäre, so müßte man doch vor allem das von ihm bezeichnete Streben bei denen wahrnehmen, die mehr als . alle anderen vom Geiste der jüdischen Religion ganz erfüllt waren, die diese Religion lehrten und vertraten, bei den vielgeschmähten und verkannten Schriftgelehrten, Pharisäern und Rabbinen. -Diese mußten in den Besitz großer Güter und.Reichtümer gekommen sein, große Kapitalien gesammelt haben. Was aber war tatsächlich der Fall? Die meisten von ihnen lebten in drückendster Armut, legten sich diegrößten Entbehrungen auf, übten die weitgehendste Selbstverleugnung und verschafften , sich ihren kärglichen Lebensunterhalt durch schwere Arbeit. Ausübung irgend eines Handwerkes^ weil sie es für eine Versündigung an der. Erhabenheit der Thora, an der Würde der Wissenschäft hielten, aus ihrer Beschäftigung mit diesen materiellen Nutzen zu ziehen. Sie prägten den Spruch: Natt ani bechinom af atem. becliinom., so wie ich (Gott) umsonst, sollt auch ihr umsonst lehren (Nedarim 36 b, 37 a) und sie lehrten, predigten, hielten Vorträge, fungierten als Richter und. Lehrer umsonst. Man lese nur, die Mischna Aboth, Absch. 4, 5, und die Glossen Maimunis dazu und die Rechtfertigung S- Dunaas in seinem Kommentar Magen Aboth (1440), weil er von der Gemeinde .Algier ein fixes Gehalt annahm, und man wird, staunen, , wie weit die Scheu ging, Thora und Wissenschaft als Mittel zur Erwerbung materieller Güter, selbst des- Lebensunterhaltes zu gebrauchen. Von Hillel (60 ante) .bis zum gelästerten Schulch.au Arnch (Josef Karo 1575 post) waren fast alle Rabbiner mehr oder minder von dieser Scheu erfüllt. Sie schrieben Bücher und ließen 'jedermann unentgeltlich Abschriften von denselben machen, .hielten Jahrhunderte hindurch öffentliche Vorträge, wie die große Midraschliteratnr beweist, ohne dadurch ihr Einkommen zu vergrößern. . In unserer Zeit, wo selbst.Beamte, Professoren. Aerzte. -Richter und Lehrer mit Streiks drohen, um eine Gehaltserhöhung zu erzielen, erscheint das fast unbegreiflich und unglaublich. Allerdings haben sich die Lebensverhältnisse ganz anders gestaltet, -und was damals möglich war und für Pflicht gehalten wurde, ist heutzutage geradezu unmöglich. Aber immerhin geht daraus hervor, daß eine Religion, . deren Vertreter die geistigen Güter so hochgestellt, daß sie in deren Berührung , und -Verbindung mit materiellen eine Pro? fanierung erblickten,-: unmöglich die Erwerbung materieller Güter ihren Bekennern als Ziel ihres Strebens hinstellen kann- Möchten doch die , nichtjüdischen Gelehrten, die Theologen. Philosophen, Nationalökonomen: usw,', die an den altentüdischen- Rabbinen soviel auszusetzen finden, nur einen kleinen Teil ihrer Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit und Menschenfreundlichkeit sich zir eigen machen, wenn sie es vermögen. Kistl, Wagtternnd das Ittdentnm. - Die Antisemitell haben.auch Franz Liszt, dessen 100. Geburtstag kürzlich begangen worden ist, für sich in Anspruch genommen, .aber mit Anrecht. ^Der große Tonkünstter hat. sich gewiß: irr seilieii -/Gesammelten Schriften" mißliebig - über 5die Juden geäußert,, aber es liegen auch Aeußerungen über.'seine