Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 44 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7 SSh. 44. Tischler, Tapezierer. Ledj^ich jühische junge Leute werden dort erzogen. Gegenwärtig besuchen 100 Kpahest die Anstalt, 60 Lehrlinge und 40 Schüler s^vje bI Mädchels. Schülerinnen und Haushaltungsschülerinnen. ' ' Es wird in dem Material, welches mir darüber vorliegt, ausgeführl, wie segensreich die Schule gewirkt hat, wie die jungen Leute spater überall leicht untergekommen sind, wie gar nicht.genug Plätze für neue Schüler geschaffen werden können, .mit einem Wort/ es handelt sich um ein Unternehmen, welches ganz einzigartig in Deutschland dasteht und der größten Beachtung wert ist. Von der Sozialpolitik ausgehend, komme ich auf die allgemeine Politik, über die Kollege Gothein zwar bereits ausführlich gesprochen hat, über die ich aber doch noch wenige Worte sagen möchte. Seit den ersten parlamentarischen Regungen in Deutschland, seit den 40-er Jahren, können wir verfolgen, wie sich nufere jüdischen Mitbürger ganz besonders an der politischen Arbeit betätigt haben. Simson, der erste Präsident des Parlaments in der Paulskirche und der erste Reichstagspräsident, Ipäter erster Präsident des Reichsgerichts, einer unserer größten Leute in parlamentarischer Hinsicht, war Jude. Es ist bereits hingewiesen worden auf die Bedeutung Lasters, Bambergers, Max Hirschs. Ich müßte noch viele Namen nennen, wenn ich allen gerecht werden wollte. Auch heute haben wir im Abge- -ordnetenhause noch eine stattliche Anzahl von jüdischen Kollegen, die sich alle in.intensiver und kenntnisreicher Weise an der parlamentarischen Arbeit beteiligen. In früheren Jahren hat es sogar auch nicht an Ministern jüdischen Stammes gefehlt: In früheren Jahren hat es sogar auch nicht an Ministern jüdischen Stammes gefehlt: In Preußen waren es Friedberg imd Friedenthal, in Baden Elstätter, schließlich im Reiche Dernburg, der mit seinem klugen kaufmännischen Geiste die Marokkofrage wielleicht besser erledigt hätte, als das jetzt zn geschehen scheint, womit ich allerdings niemand zu nahe treten will! ' Viel weiter, boran als bei uns -— wir sind ja bescheiden in unseren Ansprüchen — ist man in dieser Hinsicht im Auslände: Führende Staatsmänner in England/ Frankreich, Amerika nsw. waren jüdischer Abstammung. Daß die Inden sich zumeist der linken Seite der Parlamente zuweuden, liegt an ihrer philosophischen und wirtschaftlichen Weltanschauung, die vielleicht auch aus den Erfahrungen früherer Jahrhunderte hervorgegangen sein mag. Auch die 'Anfänge der'Sozialdemokratie'sind z. ,T. auf die bedeutenden Politiker jüdischen Glaubens: Lassalle und Marx znrückzuführeu, Männer,' die heute noch für die sozialdemokratische Partei eine maßgebendere Bedeutung haben, als uns von unserem liberalen Standpunkte cins, trotz ihrer geistigen Bedeutung erwünscht sein 'kann. Das Interesse für das öffentliche Leben ist, wie gesagt, von jeher bei den Juden sehr rege gewesen. .Unsere politischen Versammlungen z. B.. finden mehr Zuspruch von Tjüdischen Parteifreunden als von christlichen, von denen ich oft wünschen möchte, daß sie ein größeres Interesse am politischen Leben zeigten. \ . Wenn wir von der Politik zu der nahe verwandten Journalistik übergehen, so sind in erster Reihe zwei Männer hervor- ^znheben: Moste, , der Begründer des „Berliner Tageblattes" und Lronnemanist .derjenige der „Frankfurter Zeitung." Ueber den Wert, die Bedeutung, den Einfluß der.„Frkf. Ztg." brauche ich hier kaum etwas zn sagen; sie ist heute däs deutsche Weltblatt -ohne Konkurtettz. Sottnemann war ein ganz vorzüglicher Organisator und eiii Geschäftsmann, wie man ihn kaum zum zweiten Male findet. Außerdem hatte er volles Verständnis und Interesse für alle Gebiete des öffentlichen Lebens. Er hat für die Stadt Frankfisit Außebvrdeutliches geleistet, , er hatte immer eine offene Hand Hr Bedül füge, ohne Rücksicht auf die'Konfession, ckurzum er wäl' ein Mitbürger, wie. wir uns wünschen dürften, recht viele zü besitzen. Sonnemann war es auch, der im Jahre 1891 ^ier die Elektrotechnische Ausstellung ins Leben -gerufen hat, .die Nicht Mir für Frankfurt, sondern für die ganze Entwickelung der Elektrötechnik in Deutschland von außerordentlicher Bedeiltmch Mär. ' Eine Reihe voll Lebensberufen kann ich "nur .streifen, so Literatur und Kunst, Malerei und Musik, welche glänzende Namen jüdischer Abstammung aufweiseu. HMue hat immer noch nicht die Anerkennung erlangt, die ihm gebührt. Ich darf Ihnen vielleicht einige Worte vorlesen, die unlängst bei einer Feier der Universität Oxford der englische Kriegsminister Haldane, der in Göttingen studierte, gesprochen hat. Seine Rede war dem Vergleich von deutschem mit englischem Geiste gewidmet.. Haldane sagte: „Stets, wenn ich nach Düsseldorf komme, bedäure ich es, kein Anzeichen dafür zn finden, daß die Stadt stolz auf ihre Verbindung'mit seinem — Heines — Namen ist. Er kannte nnd liebte Deutschland wahrhaft und doch kann man kaum sagen, daß Deutschland ihn schätzt, obzwar er doch eine deutsche Prosa schrieb, wie vielleicht kein anderer. Ich halte es für ein Zeichen mangelnder Einsicht, daß in Deutschland der Wert dieser einzig dastehenden Persönlichkeit nicht voll gewürdigt wrrd, eines Mannes, der so viel wußte und sein Wissen in so glänzenden Worten und in solcher Klarheit zum Ausdruck brachte. An Heine findet St. Beuve seiiieu Rivalen in bezug auf Feinheit des Urteils und die Sprache Renans ist ntcht graziöser und präziser. Und doch besitzt, so viel ich - weiß, Deutschland kein bedeittenderes Denkutal Heines — nicht einmal Düsseldorf, iein Geburtsort." Diese Worte bringen an nnd für sich nichts Neues, das Charakteristische daran ist, daß der Engländer gar iticht auf beu Gedanken kommt, warum Heines Popularität keine allgemeine ist. Daß der große Volksgenosse nicht als voll gilt, weil er jüdischer Abstammung war, auf diesen Gedanken kommt ein Ausländer nickt. Noch ein Wort über die Mitarbeit der Inden auf dem Gebiete der Wissenschaft. Bei dem Bildnngsdrang. der unseren jüdischen Mitbürgern innewohut nnd bei der hohen Bewertung, welche Bildung und Wissen allezeit unter den Inden gefunden haben, dürften die Verhältnisse an unseren Universitäten besonders interessieren. Freund Gothein ist bereits ans diesen Punkt eingegangen. Wir sind in letzter Zeit in Frankfurt mit Universitätspläuen befaßt und dadurch mit dem preußischen Kultusministerium direkt in Verbindung getreten. - Man wehrt sich da energisch gegen den Borwurf des Antisemitismus 'und es muß ja auch zugegeben werden, daß, wenn die Fakultäten keine Juden zn Professoren Vorschlägen, der Minister keine ernennen kann. Ich lasse dahingestellt, wie weit das zutrifft, aber das eine steht fest, daß die Handhabung des Vorschlagsrechts in den Fakultäten zur Kritik häufig Anlaß gibt und daß der Nepotismus eine größere Rolle spielt, als für die Sache gut ist. — Das trägt m. E. viel dazu bei, daß wir au den preußischen Universitäten so wenig Ordinarien jüdischer Konfession haben. Die Verhältnisse im Studentenwesen sind vorhin auch gestreift worden. Obgleich dieselben nicht dazu beitragen, jüdische Studenten zn animieren, sehen wir trotzdem eine Fülle von Intelligenzen jüdischen Glaubens alljährlich ans den Universitäten ins Leben hinausgehen. - Das Projekt, in Frankfurt eine Universität zu. errichten, ivenn ich dies beiläufig erwähnen darf, hat gerade auch in jüdischen Kreisen vielfach Entgegenkommen gefunden nnd ein größerer Teil der Gelder, die gestiftet worden sind, stammen aus direkt jüdischen oder verwandten Kreisen. Wir haben hier bereits eine Zierde der Wissenschaft, die jeder Universität zur Ehre gereichen würde: Professor Ehrlich. Welchen Dank ist die ganze Welt diesem, dem Judentum entstammenden .Manne schuldig. Dietz führt übrigens in seinem Buche au, und das war gerade jetzt interessant zn lesen, daß man in Frankfurt bereits 1680 eine Art jüdische Hochschule besessen habe, die eilt gewisser Darmstädter in dem Haus der Judengasse Nr. 110 errichtet habe..Diese Hochschule, bezw. die aus ihr hervorgegangeue Anstalt ist erst 1878 aufgelöst worden und wir können ja an dieses fröhliches Ende den fröhlichen Anfang einer neuen, alle Konfessionen umfassenden Hochschllle knüpfen. — . Sie erlassen es mir wohl, auf alle Juden einzugehen, die in der juristischen Fakultät zir großer Bedeutung gelangt sind oder die sich in der Medizin hervorgetan haben. Gerade in der Medizin, dem einzig akademischen Beruf, der den Juden früher überlassen war, haben sie Hervorragendes geleistet sowohl was Forschung wie was Praxis anbelangt.