Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 44 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063616--07563-3074659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nv.- 44;' Die Wahrheit___Seite 5. in ben Feldern, in den Oasen, überall explodiert es. Nach 6 Uhr, mit Einbruch der Dnnlelheit, endet das Zerstörnugswerk... Schrecklich .ist die Zerstörung im Judeuviertel, gräßlich das Elend unter den Verwnndelen. Heulende Männer führten mich, von Haus zu Hans. Meine Berrandstasche leerte sich unheimlich ^raschc In manchen Häusern fand ich die Toten, lücherbedeckt, umgeben, von brennenden 5!erzeu. Ein hübsches achtzehnjähriges Mädel hatte eine tiefe, aber ungefährliche Fleischwunde im. Rücken. Als ich den Verband anlegte, war sie zwar durch Blutverlust erschöpft, doch sonst wohlauf. Nach zwei Stunden kam ich wieder, um Uachznsehen. Sie lag im Verscheiden. Nicht die Wnnde> beispiellose Angst war es, die das arme Kind getötetchatte. . Entsetzlich klangen bis zum letzten Augenblicke ihre Rufe nach -Wasser. Unheilvolles Schicksal, das seit Jahren gerade nnich immer dorthin fuhrt, wo Europäer Werkzeuge ihrer höheren Intelligenz erproben im Kampf mit schwächeren Menschenkindern! Eine - alternde Mutter hatte das einzige Kind am Arm, einen zweijährigen Spätling. Wortlos zeigte sie mir das Tuch, mit dem sie das hervorquellende Gehirn abgewischt hatte. Der graubärtige Vater fragte ganz verzweifelt, ob der Kleine am Leben - bleiben werde. Und wenn er bleibt, was hast Du von dem-unzurechnnngsfähigen Buben? Gottlob, wenige Stunden später war er tot. Eine schwangere Frau hatte ein tiefes Loch im Bein; entsetzlich war es, das Gewimmer der ganzen Familie anznhören. Wohin ich kam, überall mußte ich erst die dumpfe Stube , leeren, die Kranken von der jammernden Sippe befreien. Mein, armvoll Verbandzeug ivar rasch zu Ende und die beiden Satteltaschen waren leer; schneller als ichs versah. Gab es doch/im Jndenviertel allein nenn Tote und mehr als zwanzig Verwundete. Und das nennt man Kultur tragen nach Afrika! Ans der Wiener Knllnsgemeinde. (Aus - der Plenarsitzuttq des Kullusvorstandes vom 5. November 1911 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern.) Vor.Eingang in die Tagesordnung spricht der Prä sich e n t den Mitgliedern des Knltnsvorstaudcs, welche ihn anläßlich seines achtzigsten Geburtstages in so außerordentlicher Weise geehrt haben,'den wärmsten und innigsten Dank ans. Es gehe in seinem ganzen Leben wenige Momente, die ihn mit solcher Freude erfüllten, als die Kundgebungen der Sympathie, die ihm . bei dieser Feier zuteil wurden und unter diesen sei es ganz, besonders die Kundgebung des Vorstandes, .welche ihn mit Stolz und Genugtuung erfülle. Die Anerkennung von Männern, mit denen er seit mehr als 20 Jahren gemeinsam das Wohl der Gemeinde erstrebe, sei ihm ein Ansporn zu weiterer Tätigkeit. So lauge seine Kräfte reichen und so lange er sich des Vertrauens des Vorstandes erfreut, werde es sein heißes Bemühen bleiben, sich den Ausgaben seines ehrenvollen Amtes mit aller Hingebung zu widmen. (Lebhafter Beifall.) - Im Einlaufe befinden sich-: Mitteilung von der Ernennung des Herrn Baron Bienerth zum Statthalter von Niederösterreich. Dankschreiben des Vorstandsmitgliedes Max Zirner für die Kondolenz des Vorstandes anlälich des Ablebens seiner Mutter. Dankschreiben des Vorstaltdsmitgliedes Moritz Edl. von Knffner für die Kondolenz des Vorstandes anläßlich des Ablebens seines Schwiegervaters,. des Herrn Friedrich Holitscher. Dankschreiben des Herrn Markus Boudy für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich seiner goldenen Hochzeit. . Dankschreiben des Herrn Oberlehrers Moritz Bader für die ihm gewordene Anerkennung seitens des Knltusvorstaudes für die Obsorge der. in Pohrlitz untergebrachten verlassenen Kinder. Dankschreiben, der Fran Betty Hammerschlag, für den Beschluß des'Vorstandes, das Porträt ihres sel. Mannes in. der Bibliothek der Kultusgemeinde anznbringen. Der- Vorsitzende gibt sodann eine kurze U e b e r sicht über die wichtigeren rVorkvmmnisse iul Läilse des Sommers. Anläßlich der Ver rn äh l n ng S r. kais. Ho h e i t des d n r ch l a n ch t i g st e n Herrn Erzherzog K a r l Franz Josef hat das Präsidium in einem Telegramme die Glückwünsche des Vorstandes zum Ausdrucke gebracht. Hierauf ist folgendes Anlworttelegramm eingelanfen: „Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten Herr Erzherzog Karl und Frau Erzherzogin Zita danken herzlichst für die gütigen Glückwünsche. Im höchsten Aufträge: Lobkowitz." Behufs Besetzung der Oberkautorstelle im Leopoldstädter. Tempel haben während mehrerer Monate unter Heranziehung von Experten und Gemeindemitgliedern Probevorträge stattgefnnden, auf Grund welcher der ehemalige Oberkantor der Sebastopoler Gemeinde, Josef Morgenstern, zum Ober» kantor im Leopoldstädter Tempel berufen wurde. Die seit längerer Zeit vakante Stelle eines I. Kantors am Stadttempel wurde durch den früheren I. Kantor am Ottakringer Gemeindebechause Mathias Mä-tyns besetzt, an dessen Stelle der bisherige Oberkantor des Tempels in der Geiftgasse in Prag Maurice B. Kaufmann berufen wurde. Der seit vielen Jahren im großen Musikvereinss aale vom Vorstände veranstaltete Gottesdienst an den hohen Feiertagen konnte in diesem Jahre wegen der umfangreichen Adaptierungen, welchen der Mnfikvereinssaal über behördlichen Auftrag unterzogen werden mußte und die bis zu den. Feiertagen noch nicht vollendet waren, nicht abgehalten werden. Durch die Veranstaltung von Gottesdiensten im Sofiens aale und im Saale des ehemaligen Mi ti tärka si no s in der Stranchgasse wurde für den Entfall Ersatz geschaffen. Beide Gottesdienste waren sehr gut besucht und sind überaus würdig verlausen. — Die Anzahl der vom Knltnsvorstände selbst, bezw. von den Bethausvorständen der Gemeinde veranstalteten temporären Gottesdienste' betrug zuzüglich der beiden Genannten 13. Von Privat-Unternehmern und Vereinen wurden 38 Minjanim veraustaltet. Der Faffnngsraum sämtlicher temporärer Betlvkale betrug 14.750, jener der ständigen Bethäuser beträgt 17.785, so daß in diesem Jahre au den hohen Feiertagen 32.535 Betsitze zur Verfügung standen, von welchen ein namhafter Teil an Unbemittelte gratis abgegeben wurde. Am 2. Mai d. I. wtirde die von der Gemeinde errichtete M ikw a h eröffnet. Sie wird von allen in Betracht kommenden Kreiselt in Anspruch genommen, der Betrieb geht ungestört vor sich und hat bisher auch siltanziell nicht ungünstige Ergebnisse geliefert. — Dem Obmanne des Mikwah-Komitees, Herrn kais. Rat Kauders, sowie dem Ehrendamenkomitee, insbesondere aber der Vorsitzenden desselben, Frau O b e r r a b b i n e r Dr. Güdemann, wird für die entfaltete sehr ersprießliche Tätigkeit» der Dank votiert. In' S ch u l - und U n t e r r i ch t s a n g e l e g e u - heilen wurden im Laufe des Sommers mehrere Eingaben bezw. Beschwerden an die Behörden gerichtet. Au das k. tt. k. Reichskriegsminifterium erging eine Eingabe des Kultnsvorstandes mit dem Ersuchen, bei der Behandlung des neuen Wehrgesetzes die Frage der Wehrpflicht» b e g ü u st i g u u g der i s r a e l i t i s ch e n Religio n slehre r zu berücksichtigen bezw. im positiven Sinne zu erledigen. Jit Konsequenz der im Sinne der Beschwerde der Kultnsgemeinde erfolgten Entscheidung des Verwaltnngsgerichtshofes vom 24. November 1910 in Angelegenheit der Oberlehrerstelle an der Werder thorschule erging am 24. Jänner 1911 seitens des Ministeriums an den Landesschulrat und von diesem am 7, März 1911 an den Bezirksschulrat die Weisung, die Ausschreibung der gegenständlichen Oberlehrersteüe im Sinne der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes vorznnehmen. Da diese Altsschreibung bisher nicht erfolgte, hat das Präsidium in einer Eingabe an den Unterrichtsminister Beschwerde geführt. In derselben Eingabe wurde auch dagegen Protest erhoben, daß. an zwei Schulen des II. Bezirkes, deren Oberlehrerstellen derzeit itnbesctzt sind trotz jüdischer Schnlermajorität, nicht jüdische Lehrkräfte zu provis o r i s ch e n Lei t e r n ernannt wurden. Eine dritte Schule im II. Bezirke mit jüdischer Schülermajokität sollte mit einer