Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 44 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit . Nr. 44. Ans der Woche. Aus unserem Leserkreise wird uns geschrieben: Es verdient gewiß, öffentlich bekannt zu werden, daß der Reichsratsabgeordnete, Oskar Teufel, arischer Gnrkenhändler.in Znaim und Herausgeber des Revolverblattes „Der Mahnruf", in dem er die Juden als Räuber und Mörder, als Ailswurf des Menschengeschlechtes hinstellt, Offerte mit hebräischen Lettern au galizische Juden versendet und koscheren Weinessig, fowie Gurken für Pessach aubietet. — Es geht nich ts über arische Weitherzigleit! Aber Jujden brauchen solche Wei 1 herzigkeit gewiß nicht gut zu heißen! * Ein unerhörter Mißbrauch der Amtsgewalt eines antisemitisch gesiunleu Richters kam jüngst bei einer Gerichtsverhandlung vor, die in Sanok in Galizien stattfand. Ein Bauer trat als Kläger gegen einen Juden auf, au den er eine Geldforderuug hatte. Der Richter Dobnßynski, der .die Verhandlung leitete, wandte sich an den Kläger mit der vorwurfsvollen Frage, wes-, halb er denn dem Juden kreditiert habe. Ein Jude verdiene doch kein Vertrauen. Der anwesende jüdische Advokat Dr. Spiegel .wies diese antisemitische Aeußeruug des Richters entrüstet zurück, worauf ihn der Richter aufforderte, den Saal zu . verlassen. Als sich Dr. Spiegel weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisteil, ließ ihn der judeufeindliche Richter durch einen Gerichtsdiener gewaltsam aus dem Saal weisen. Dieses unerhörte Vorgehen rief einen Protest seitens der anwesenden christlichen Advokaten hervor, die auch beim Gerichtspräsidenten hierüber Beschwerde führten. Der Präsident ordnete hierauf die Unterbrechung der Verhandlung und die sofortige Versetzung des Richters in eine andere Abteilung au. Zum Zeichen des Protestes und der Solidarität mit ihrem jüdischen Kollegen weigern sich jetzt sowohl die jüdischen wie die christlichen Advokaten, Verteidigungen bei Verhandlungen, die der obgenannte Richter leitet, anzuuehmen. v * Die Antisemiten und Alldeutschen, die, wie die Marokkodebatte im deutschen Reichstage zeigte, mit der Politik des deutschen Kaisers höchst unzufrieden sind, scheuen sich auch nicht, die Person desselben anzurempeln und so. haben ihre Parteiblätter in ihren Besprechungen überden Wolff Mettexnich-Prozeß unverhohlen ihren Unmut darüber geäußert, daß der Monarch Juden seines Umgangs würdigt. So schrieben die „Dentschsoz. Bl." „Wohl können sie (Osfizierskreise) sich darauf berufen, daß auch Fürsten und Könige seltsamerweise Geschmack gefunden haben an dem Umgang mit jüdischen Finanzkreisen; aber auch hier verderben eben böse Beispiele leicht die besseren Sitten. Der einfache Offizier denkt sich vielleicht, warum soll denn das Geld meines Juden stärker riechen als das der orientalischen Leibfüchse meines Herrn? Und sachlich wird mau gegen diese Folgerung nicht viel einwenden können." Die „Deutsche Wacht" druckte eine die Offiziere vor verweichlichender Lebensweise warnende Kabinettsorder Kaiser Wilhelms I. ab und bemerkt in. Anschluß daran : „Der alte: prächtige Herr wüßte wohl, daß es wertlos ist, solche Mahnungen zn erlassen, wenn man sie nicht zugleich in der eigenen Person vorlebt. Deshalb blieb Wilhelm I., dessen Bedeutung auch als Herrscher immer klarer und größer hervorrritt, zeitlebens als einfacher Mensch und braver Hanshalter das glänzende Vorbild. Freilich, die Juden svielten an seinem Hofe ganz und gar keine Rolle, dafür hielt er sich wohl zu gut. In der „Thüring. Landes-Ztg." hieß es: „Erst wenn ganz oben die Liebedienerei gegenüber den reichgewordenen Juden aufhört, erst wenn man dort auch die tieferen Zusammenhänge unserer heutigen Külturerscheinungen erkennen lernt und dem deutschen Geiste wieder Geltung verschafft: dann mag es besser werden." Die freikonservative „Post" sagte: „Manch einer wird auch des Kapuzinerworts in „Wallensteins Lager" gedenken: „Doch das Aergernis kommt von oben/' Mit tiefem Bedauern haben königstreue .und konservativ gerichtete Männer es gesehen, daß man . am Hofe'in dieser Weise nicht \ die nötige Anslese und Zurückhaltung beobachtet hat. Es hat großes Unbehagen in den Kreisen, die vor allem berufen sind, den Verkehr des.Herrschers zn bilden, hervorgernfen, daß Elemente eine ganz außergewöhnliche Aufnahme am Hose fanden, die nicht dahin gehörten. War es notwendig zain Exempel, daß jeder amerikanische Milliardär, der vielleicht, noch auf recht unsaubere Art und Weise seine Millionen znsämmengeschachert hatte, vom Kaiser persönlich empfangen und mit Liebenswürdigkeiten überhänft wurde? Ist es notwendig, daß Angehörige des Königlichen Hauses Verkehr mit Leuten suchen, die sich nur durch ihr Geld vor anderen anszeichnen?" Und die „Deutsche Tages-Ztg.", das Organ des Bundes/ der Landwirte, bemerkte.: „Weit allgemeiner, noch oben wie. nach unten hin, muß es wieder zum Dogma ilnserer christlich-deutschen Kultur werden, daß zügellose Erwerbssncht und leerer Genuß des Mannes unwürdig sind; und daß das Geld allein, ohne die entsprechenden geistigen und sittlichen Qualitäten, . im. deutschen Volke, im. Schatten des Hohenzollernschlosses nicht einmal „gesellschaftsfähig" machen — geschweige denn „adeln" und „fürsten" kann!" .. Der von der Deutschen Konferenzgemeinschaft nach Berlin einbernfene Alliancetag, an welchem ca. 400 deutsche Mitglieder der Alliance teilnahmen, hat in entschiedener Weise gegen das Vorgehen des Pariser Zentralkomitees Protest erhoben und , demselben in folgender Resolution Ausdruck geliehen: „Der am 6. November 1911 in Berlin/ versammelte Alliancetag erklärt hiermit seinen schärfsten Protest gegen ben Versuch, das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen-und an seiner Stelle die Kooptation zu setzen. Die deutschen Mitglieder der „Alliance Jsraelite Universelle" verlangen behufs Sicherung . eines wirksamen Einflnsses auf die. Leitung der Geschäfte, die. Vornahme entsprechender. Maßnahmen. Der Alliancetag erhebt warnend seine Stimme gegen das Vorgehen von Paris, das.' eine Vernichtung des Gedankens der „Alliance Jsraelite Uni-- verselle" bedeutet und eine Vernichtung der Alliance in Deutschland." - •' * * Wie. die Presseabteilnng des Zionistischen Zentralbnreans in Berlin mitteift, beruht, die von der Agenzia Stefani gebrachte Mitteilung, daß der Großrabbiner von Tripolis nach Rom telegraphiert habe, er begrüße die Okkupation durch die Italiener, auf freier Erfindung. Nach durchaus zuverlässigen Informationen der genannten Stelle hat der Großrabbiner der Türkei, Chachambaschi Haim Nahnm in Konstantinopel, erklärt, daß die erwähnte Meldung schon, deshalb unzutreffend ist, weil es weder in Tripolis noch in Benghasi einen Großrabbinergibt. Diese Posten sind seit langer Zeitunbesetzt. Es fanden in der letzten Zeit Verhandlungen zwischen den jüdischen Gemeinden dieser beiden Städte und. dem Großrabbinat über die Besetzung' beider Rabbinate statt. Aber diese Verhandlungen haben noch kein Resultat gezeitigt. Wenn es wahr ist, daß der Präsident der jüdischen Gemeinde in Rom ein derartiges Telegramm erhalten hat, wie die Agenzia Stefani behauptet, so kann es sich' nnr um das Werk eines Fälschers handeln. Kein Rabbiner, fügte der Großrabbiner hinzu, würde eine solche Schändlichkeit begehen, selbst wenn sein Leben bedroht wäre, da, er wissen müßte, daß er nach unserem religiösen Gesetz mit dem Banne belegt werden würde. ' " ■ . * * ' 4lieber die Beschießung von Tripolis meldet Herr Otto E. Artbauer in der „Oesterreichischen Volkszeituug": Im Judenviertel fällt ein Geschoß in die Synagoge, die mit Menschenüberfüllt, ist. Nebenan flüchtet .eine vierköpfige Familie mit einem Findling in ein Kellerloch. Eine Bombe schlägt ins Haus, und das herabstürzende Mauerstück . vereint alle, zum ewigen Schlummer .. •. Der vierjährige Junge . war Vater- und mutterlos; von der- Familie ans Barmherzigkeit ausgenommen. In der altersschwachen Stadtumwallung, außerhalb: