Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 43 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43. Seite 7 Die Wahrheit "Die Vörsengesetzgebung, die im wesentlichen ans dem Antisemitis- Inus hervorgegangen, eine Handlung ab irato luar, hat nachher schmählich Fiasko gemacht, man hat aus Jahre hinaus das 'Geschäft geschädigt, ohne irgend einen Vorteil zu erzielen. Aehnlich ist es der Produktenbörse gegangen, deren Organisation wir -besonders den jüdischen Elementen unserer Kaufmannschaft verdanken; wir haben es erlebt, daß die Konservativen, selbst nachdem die Produktenbörse freiwillig geschlossen worden war, ihre "Wiedereröffnung beantragt und herbeigeführt haben. Mit der ungeahnten Entwicklung unserer Geldwirtschaft chat sich auch unsere Industrie ganz gewaltig entfaltet. Wenn wir die elektrische, die chemische Industrie betrachten, die sich bei uns in Deutschland mehr noch entwickelt hat als im Ausländ, und wenn wir uns die Persönlichkeiten ansehen, die an der Spitze stehen, so machen wir die Wahrnehmung, daß auch hier eine Reihe hervorragender Leiter aus jüdischen Kreisen stammt, ich brauche nur den Namen Rathenau von der A. E. G. zu nennen. Eine Statistik, die mir vorliegt, weist aus, daß bei den deutschen Aktiengesellschaften die Direktoren zu 13,3 Prozent, die Anfsichtsratsmitglieder zu 24,4 Prozent ans jüdischen Kreisen -stammen, und das bei einem Verhältnis der jüdischen zur Gel'amtbevölkernug von nur 1 Prozent! Ueberzengender kann man gar nicht Nachweisen, in welch einflußreicher Weise das jüdische -Element an unserem großen Gesellschafts- und Bankwesen beteiligt ist. Wir dürfen in diesem Zusammenhang auch die Tchiff- -fahrt nicht außer acht lassen. Hier finden wir einen' Mann wie Ballin an der Spitze der „Hapag", eines Institutes, welches durch seines Leiters Tätigkeit als erstes Unternehmen der Welt -dasteht. Nun ist es ganz natürlich, daß die Entfaltung solch erfolgreicher Tätigkeit Klagen über angeblich illoyale Konkurrenz zeitigt. 'Das erfahren wird tagtäglich. Schon im Jahre 1685 haben die 'Frankfurter Kaufleute bei dem Rat petitioniert, er möge auf der 'Messe den Inden den Handel mit Wechseln und das Makler- -geschäft verbieten, weil sie sonst die christlichen Geschäfte ruinierten. Dein hat der Rat, wenn ich richtig informiert bin, vernünftigerweise nicht entsprochen. Auch objektive Beobachter kommen und -.kamen zu dem Ergebnis, daß den Juden häufig eine wirtschaftliche Ueberlegenheit eigen ist. Ich habe znm Beispiel gefunden, -daß die jüdischen Kollegen in Kaufmanusstande oft ein überraschend feines Empfinden für die Bedürfnisse des Konsums besitzen, eine Scharfblick für den günstigen Bezug und den vorteilhaftesten Absatz von Waren, wie er unseren christlichen Mitbürgern im selben Umfange zu wünschen wäre. Daß derartige Gaben und Fähigkeiten aber dazu dienen, leistnngs- und konkurrenzfähiger „31t machen und einen Mann auf der Höhe zu erhalten, das brauche ich Ihnen nicht auseinanderzusetzen. Ganz besondere Angriffe muß eine der modernsten Formen des Vertriebes von Waren aushalten: das Warenhaus. Wir chatten im Abgeordnetenhaus darüber oft stürmische Debatten mnd namentlich unser Freund Barth hat damals die Berechtigung der Warenhäuser wirksam nachgewieseu, in der festen Ueber- .zengung, daß mit der Errichtung derselben ein volkswirtschaftlich .zu begrüßender Fortschritt geschehen sei. Dabei liegen die Dinge natürlich so,, daß auch die erbittertsten Gegner ohne weiteres in den Warenhäusern, die meist mit jüdischem Kapital begründet -sind, kaufen. Die Versuche, die oft unter der Führung jüdischer Geschäftsleute sich vollziehende fortschrittliche Entwicklung auf wirtschaftlichem Gebiete äufzuhalten oder einzudämmen, in der Meinung, -daß die jüdische Bevölkerung auf Kosten aller anderen lediglich für ihre eigene Tasche sorge, sind schon alt. Wir haben in der -ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch in Frankfurt die -Bestimmung gehabt, daß mehr als 24 jüdische Heiraten im Jahre -nicht stattfinden dürften. Mau wollte damit einer Vermehrung des jüdischen Kaufmannsstandes Vorbeugen. Ich weiß nicht, ob das ein geeignetes Mittel ist, anderen zu helfen. Wir stehen Heute jedenfalls auf anderem Standpunkt. Wenn Sie in den Akten der Städte zurückgehen, so finden Sie, daß den Inden -jahrhundertelang die Niederlassung erschwert war, daß man das Bürgerrecht versagte und die Berechtigung zu öffentlicher Tätigkeit beschränkte. Solchen Hindernissen gegenüber ist es zu verwundern, daß das jüdische Element doch meist bodenständig geblieben ist. Das spricht für Idealismus und Gemüt des Judentums und gegen die Behauptung der Antisemiten, daß die Juden lediglich ein internationales Volk seien, welches für den Ort und die Nation, in der es gerade lebt, weder Verständnis noch Anhänglichkeit besitze. Ein kleiner Rest dieser Abwehr liegt noch in der Art und Weise, wie mau heute die Naturalisation ausländischer Juden namentlich in Preußen erschwert. Ich habe persönlich oft Gelegenheit gehabt, mit dieser Frage befaßt zu werden, und muß sagen, daß es nicht die unteren Instanzen, die sich oft aus nächster Nähe von dem erfolgreichen und gemeinnützigen Wirken der betr. Petenten überzeugen können, sondern die oberen Instanzen sind, die mau nur schwer bestimmen kann, Konzessionen zu machen, selbst dann, wenn die Zulassung ein direkter Gewinn für das Gemeinwesen wäre. Wenn ich das Fazit aus meinen Darlegungen ziehe, so komme ich zu dem Ergebnis, daß kein nennenswerter Zweig des deutschen Wirtschaftslebens besteht, in dem nicht die Juden Vertreter in den führenden Stellungen haben, es ergibt sich, daß sie fördernd und belebend auf Handel und Verkehr einwirken, und daß sie dabei nicht nur ihre eigenen Verhältnisse verbessern, sondern daß der Aufschwung unseres Vaterlandes in wirtschaftlicher Beziehung zu einem großen Teil auch auf der Tätigkeit der jüdischen Mitbürger beruht. Wenn Sie dabei bedenken, daß wir nur 1 Prozent Inden in Deutschland haben, so werden die Ergebnisse um so eindrucksvoller wirken. Ich bin also der Meinung, daß eine Bekämpfung des jüdischen Elementes, wie es seitens des Antisemitismus geschieht, unsere Entwicklung schädigt und daß nach wie vor dieser schädlichen Tätigkeit fest entgegengetreten werden muß. Ich möchte nun zu dem zweiten Teile meines Vortrags übergehen. Welchen Gebrauch von den erworbenen Gütern haben die Familien, um die es sich bei den antisemitischen Angriffen in erster Linie handelt, gemacht? Damit betreten wir das Gebiet der kulturellen Wirksamkeit unserer jüdischenMitbürger. Darüber dürften alle einig sein: die Opferwilligkeit der jüdischen Bevölkernng, namentlich für wohltätige Zwecke, ist eine derart umfangreiche, daß sie vorbildlich für unser ganzes Volk sein könnte. Wenn ich — um nur wenige Namen zu nennen — Juden deutscher Abstammung anführe, die im Ausland gelebt haben, oder noch leben, so weise ich als Beispiel auf die philanthropischen Bestrebungen eins Baron Hirsch, eines Sir Ernest Cassel bin. Letzterer hat 4 Millionen Mark allein für ein Asyl für Schwindsüchtige gestiftet und das mehrfache dieses Betrages für eine ganze Reihe von anderen philanthropischen und Wohltätigkeits-Einrichtungen. Wenn wir weiter in Betracht ziehen, was in Wien, Leipzig, München usw. von jüdischen Mitbürgern in dieser Richtung geschehen ist. so verdient das die höchste Anerkennung. Unser Frankfurt speziell berührend, möchte ich anführen — ich folge da den Angaben von Dietz*) in seinem verdienstvollen Buche über die Frankfurter Inden, von dem ich wünschen möchte, daß es nicht bloß ein genealogisches Nachschlagewerk geblieben wäre — daß hier von jüdischen Familien etwa in den letzten 50 Jahren Stiftungen im Gesamtbeträge von zirka 20 Millionen Mark gemacht worden sind, woran besonders die Rothschildsche Familie stark beteiligt ist. Der größere Teil dieser Summe ist allerdings für Zwecke konfessioneller Natur gegeben, aber rund 8 Millionen sind für allgemeine Zwecke, für Zwecke der Wissenschaft, der Forschung gespendet, kommen also der Allgemeinheit zugute. Ich glaube, daß muß anerkannt werden. Besonders auf dem Gebiete der Sozialpolitik ist in unserer Stadt von jüdischen Mitbürgern Hervorragendes geleistet worden; man hat hier stets ein besonderes Verständnis für die Strömungen und Erfordernisse der Zeit bewiesen, und ich glaube, daß Frankfurt heute als eine Zentrale für sozialpolitische Anstalten gelten kann, in einem Umfange, wie das kaum für eine zweite Stadt in Deutschland geltend gemacht *) „Stammbuch der Frankfurter Juden" von Dr. Alexander Dietz» Verlag I. St. Goar-Frankfurt a. M. Der Verfasser ist nebenbei bemerk, nicht Jude. j - f; J