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Die Wahrheit · 1911-11-10 · Heft 43 (10.11.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 43 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 48. große Anzahl praktischer Erfahrungen verfügt. Die „Deutsche Zentralstelle umfaßt gegenwärtig bereits, ganz Norddeutschland mit Ausnahme Ober-Schlesiens, wo die Orthodoxie noch gewisse Bedenken gegen den Anschluß hat. und in Süddentschland ist: der Anschluß in Vorbereitung. Es war ein gesunder Gedanke unserer deutschen Glanbensbrüder, daß sie ohne Rücksicht auf die noch widerstrebenden Elemente die praktische Arbeit begonnen haben denn das Beispiel dieser praktischen Arbeit und ihre günstigen Resultate zieht offensichtlich hie Widerstrebenden allmählich nach. Es liegt uns zunächst erst ein Bericht der „Deutschen Zentralstelle" vom 1. Oktober 1910 bis 1. Juni 1911 vor. Diesem Berichte entnehmen wir, daß auf der ganzen Route Köln—Berlin—Posen der Apparat bereits lückenlos und klaglos arbeitet, daß die Wanderarmen nach den augedeuteten Grundsätzen befördert und die zwischen den einzelnen Armenkassen gelegenen kleinen Gemeinden von Wanderbettel tatsächlich schon nahezu entlastet sind. Die Verrechnung der Kosten zwischen den einzelnen Armenkassen ist eine glatte, und regelmäßige und das Meldeweseu ist bereits in sehr hohem Maße ausgestaltet. Eine Schwierigkeit hat sich in der Feststellung des Begriffes der Würdigkeit ergeben, so daß man diese Feststellung, da jeder einzelne Fall der individuellen Ansicht unterliegt, der Einsicht der abfertigendeu Stelle überläßt. Bei der „Zentralstelle" gehen in einer Woche zirka 500 Meldekarten von den verschiedenen Proviuzkassen ein. Im ganzen Geltungsgebiete der „Deutschen Zentralstelle" hat sich bereits eine wesentliche.Verminderung der Wanderarmen und ebenso eine Verminderung der Zahl der Rückwanderer ergeben. . während die Unterstütznugs-, respektive Beförderungskosten sich nicht vermindert haben. Das ist der beste Beweis dafür, daß die von orthodoxer Seite geltend gemachten Bedenken, wonach der traditionellen jüdischen Wohltätigkeit durch die geschaffene Organisation Abbruch getan würde, grundlos find. Die „Deutsche Zentralstelle" verfügt bereits über eine Arbeitskolonie in Weißensee, in welche arbeitsfähige Wanderarme nicht nur von der Berliner Dnrchreisekommisnon, sondern auch von anderen Abfertigungsstellen geschickt werden. Ferner steht der „Deutschen - Zentralstelle" die Arbeitsstätte der Kölner Abfertiguugsstelle und die Breslauer „Peha" zur Verfügung. Wir in Oesterreich werden solche Arbeitsstätten erst schaffen und müssen uns da mit Vereinen für Arbeitsnachweis in engster Fühlung zu halten haben. Die Schaffung solcher Arbeitsstätten wird wohl auch bei uns den größten Teil der unserer Zentralstelle zufließenden Mittel in Anspruch nehmen. lieber die sinanzielle Gebarung der „Deutschen Zentralstelle" liegen vorläufig folgende Ziffern vor: Außer dem Fünftel, das der Zentralstelle zustießt, wurden folgende Jahresbeiträge gezeichnet: Vom „Deutschen Hilfsverein" 5000 Mark, von der ..Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance israölite" 2500 Mark, - vom „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" und der Groß-Loge der B. B.-Vereine je 1000 Mark. Wie groß die Anforderungen am Ende des Jahres sein werden, läßt sich heute noch nicht überblicken. Die Hauptspesen werden durch zahllose Vervielfältigungen und das Porto für die fast täglichen Meldungen, die jedesmal 6 bis 10 Mark, beanspruchen, hexoorgebracht, während die Entschädigung des Bureanxpersonales auf ein Minimum bemeffen ist. Der wichtigste Effekt der bis jetzt geleisteten praktischen Arbeit besteht jedoch darin, daß alle in Betracht kommenden Kultusgemeinden, Orts- und Provinzialkassen mit wahrer Begeisterung zu, dem gemeinsamen Zwecke znsammenwirken und daß in solcher Weise ein enger und unausgesetzter Kontakt zwischen den einzelnen Faktoren der Gesamtheit der deutschen Jndenfchaft hergestellt wurde. Zu den vorliegenden Statutenentwürfen bemerken wir nur noch, daß dieselben unter Rücksichtnahme der Anforderungen des österreichischen Vereinsgesetzes sich an das bewährte Muster der deutschen Organisation anschließen. Das deutsche Statut ist auf das Zusammenwirken der vier großen Organisationen: des „Deutschen Hilfsvereins", der „Alliance", des „Gemeindebundes" und der B. B.-Logen aufgebaut und diese Korporationen werden in dem Statute auch namentlich genannt. Wir haben lediglich ausgesprochen, daß Mitglieder unserer Zentralstelle äußernden Kreis-Armenkassen auch andere - juristische Personen; sein; können, welche sich mit der Armenpflege befassen.' Durch diese' Bestimmung haben wir den großen Brtzatlisationen^ der ' „Fstäeß Allianz", dem Oesterr. Gemeindebundesden^;,93;-M-Vereinen" und noch anderen Korporationen 'denBeitritt'offengdkässen und diesen Körperschaften durch' die Zuweisung von je" z vei> stimmberechtigten Delegierten für die Generalversammlung eine Gleichstellung mit den Kreis-Armenkassen, .eingeränmt. Es ist durch diese Bestimmung Vorsorge' dafür "getroffen, daß auch in der Zentralleitnng, dv h. im Vorstande der Zentralstelle jene -großen Organisationen eine ihrer Bedeutung mb - ihrer Beitragsleistung entsprechende Vertretung erfahren. , Wir unterbreiten, somit die Htatutenentwürfe Ihrer Me? ratung-und..Beschlußfassung, wobei losch-bemerken,,^daß nns.-'vou der „Deutschen Zentralstelle"-auch das gesamteDriicksortenmaterial an Instruktionen, Abfertignngs- und Meldekarten, Aufrufen-- rc. zugesendet wurde. Wir glauben jedoch, haß die. heutige Sitzung des Exekutivkomitees sich mit diesen.Details noch nicht befassen-,. sondern diese Jnstaüationsarbeiten einem,gu eiiljejibenbeit Subkomitee übertragen soll, welches nach Genehmigung denStatnfen imd Konstituierung der Zentralstelle die Arbeiten. dnrchzuführen hätte. Dagegen wäre heute schon darüber Beschluß zu fassen, wie die Gründung der Kreisarmenkassen gleichzeitig mit. cher Schaffung der Zentralstelle ins Werk-zu setzen wäre, , Wir sind der Meinungdaß einige prominente Herren jener Kultnsgemeinden, welche als Sitz der künftigen Kreisarmenkassen anserseh en sind, als Proponenten die Statuten bei der betreffenden Landesstelle einzureichen und sodann die. Anmeldung der - dem Rayon der - einzelnen Kreisarmenkassenzugehörigeil Knltnsgemeiuden zu bewerkstelligen hätten.... Sind ^die 'Statuten - der Zentralstelle und der Kreisarmenkassen genehmigt, , dann, werden wir sofort praktisch zu arbeiten, beginnen und -wir zweifeln .nicht daran, daß im Laufe einer kurzen Zeit ..auch> Me Gemeinden und Korporationen, welche heute unserem Unternehmen noch ferne stehen, sich anschließen werden." .. Au die mit lebhaftem Beifall anfgenommenen Ausführungen des Referenten knüpfte sich "eine eingehende---lind lebhafte Debatte über die Grundprinzipien-der Organisation, an welcher fast alle Anwesenden teilnahmen. Die vom Referenten vorgeschlagenen Grundsätze wurden schließlich nahezti einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Sodann folgte bie: Durchberatung und Annahme der Statuten für die Zentralstelle und des Musterstatuts für die Zweigvereine (Kreis-Armenkassen).Hienach sind alle Kultusgemeinden, welche 2 Kronen per Kopf-ührer! Steuerträger oder mindestens 2^/g ihrer Gesamteinnahmen, für Zwecke der Wanderarmenfürsorge an die, zuständige Kreisarmen-Kassa abführeu, ordentliche Mitglieder, dieser Kasse, alle in -einer Kultusgemeinde wohnenden Einzelpersonen, die einen entsprechenden Beitrag leisten, außerordentliche Mitglieder. Die. Mitgliedschaft der Zentralstelle setzt sich aus je' zwei Delegierten-, der Kreis-Armenkassen und je zwei Delegierten sonstiger Vereine,u die an die Zentralstelle Jahresbeiträgeentrichten, zusammen. Ein Subkomitee, welchem die Wiener /Mitglieder - des Exekntiv- Komitees und Dr. Hermann aus Brünn als Vertreter der Provinzmitglieder angehören, wird nun die Genehmigung-der Statuten und die weiteren Gründungsarbeiten besorgen. Das IndetttnlM im Kirltnr nnd Mirt schaftslebe» Denllchlands. Vom preußischen Landtagsabgeordneteil Funk.- , - (Fortsetzung.) / ■ . .. Die gewaltige Entwicklung unseres Geldverkehrs und unserer Börse in den 70er Jahren ließ aber die Antisemiten nicht ruhen. Kollege Gothein hat worhin/ bereits darauf hingewiesen, nn welcher Weise man gegen diese Entwicklung vorzngehen suchte, und wir erinnern uns ja noch sehr lebendig der Versuche, auf dem Gebiete der Gesetzgebung die Börse herabzndrücken; man sah in ihr eine Einrichtung nur! zur Bereicherung des! Judentums und wollte das. durch die Gesetzgebung hintanhalten. Die Kämpfe sind Ihnen ja allen noch in Erinnerung!

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