Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 43 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063615--07551-3074646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
e 4. wähnen; auch an anderen jüdischen Snbalternbeamten, fehlt es nicht. Es gibt Magazinverwalter, Steuereinnehmer, Stationsvorsteher jüdischen Glaubens, und das ewig wiederholte Vorurteil, als ob unsere Glaubensgenossen irgendeine Art ehrenvoller Arbeit bei mäßigem Einkommen, wie es doch das Gehalt dieser Veamtenkategorieu darstellt, scheuen, findet sich auch hier widerlegt. Der Verband wird demnächst in eine nähere Prüfung dieser Verhältnisse eintreten. Nachdem der Bericht dann über die Haltung der Kommunen den Juden gegenüber und über die gesellschaftliche Lage der Inden kurz referiert hat, schließt er mit folgenden beherzigenswerten Worten: Es bleibt die Aufgabe jedes deutschen Inden, diesem Vorurteil entgegenzuwirken durch sein gesamtes Verhalten, durch bereitwillige rrnd gewissenhafte Erfüllung seiner Pflichten gegen die Allgemeinheit, gegen das Staatswesen, aber auch durch ein mannhaftes Eintreten für feine staatsbürgerlichen Rechte. Durch Aufklärung über das wahre Wesen des Judentums diesem Vorurteil den Boden zu entziehen, seiner die berechtigten Interessen der deutschen Judenheit schädigenden Betätigung entgegenzutreten durch wachsame fachliche Vertretung dieser Interessen bleibt die Ausgabe des Verbandes. * * * Wie die russischen Blätter versichern, hat der. Zar in der Beratung, die er mit seinem Ministerpräsidenten Kokowzew in Jalta hatte, desses politisches Programm vollständig genehmigt. Diese Politik soll eine Politik der Ruhe sein, in welcher der Duma und dem Senat ein breiter Aktionsraum gewährt wird. In diesen Beratungen soll auch beschlossen worden sein, gegen die Polen und Inden keine neuen Rechtsb e s chr ä n k n n g e n ei n z u f ü h r e n. Kokowzew ' sei überhaupt bemüht gewesen, den Hof zu überzeugen, daß die bisherige rücksichtslose nationale Politik nicht im Stande sei, die ersehnte Beruhigung im Lande herbeizuführen, sondern im Gegenteile geeignet sei,, das Verhältnis zwischen den einzelnen Völkerschaften zu verschärfen und die Unzufriedenheit zu erhöhen. Großes Aufsehen erregt in amerikanischen politischen Kreisen ein Artikel, den der gewesene Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, in Nr. 7 des „Outlook" vom 14. Oktober d. I. veröffentlicht. Bekanntlich weigert sich die russische Regierung trotz den klaren Bestimmungen des amerikanisch-russischen Handelsvertrags vom Jahre 1832 und trotz wiederholten nachdrücklichen Einspruchs der Vereinigten Staaten, die Pässe amerikanischer Juden, die zu Handelszwecken nach Rußland reisen wollen, zu visieren. Da alle Vorstellungen der amerikanischen Regierung nichts fruchten, wird in weiten Kreisen der Union der Gedanke propagiert, der Kongreß möge den Handelsvertrag mit Rußland kurzerhand abschaffen. Zu diesem Zwecke hat sich ein nationales Bürgerkomitee gebildet, das eine großangelegte Agitation im ganzen Lande einleiten, Massenversammlungen veranstalten und Petitionen au den Kongreß in diesem Sinne richten will. Roosevelt hält nun auch seinerseits die Annullierung des amerikanisch-russischen Handelsvertrags, wenn Rußland bei seiner Weigerung verharren sollte, für unvermeidlich, schlägt aber vor, ehe Amerika sich zu dieser äußersten Maßregel entschließe, die Entscheidung des Haager Schiedsgerichts über die sinngemäße Auslegung der betreffenden Klausel des Handelsvertrags anzurufen. Rußland vertritt nämlich den eigentümlichen Standpunkt, daß der Handelsvertrag ihm nicht die Verpflichtung auferlegen könne, den amerikanischen Juden weitgehendere Rechte einzuräumen als seinen eigenen jüdischen Untertanen. Demgegenüber beruft sich Amerika auf den unzweideutigen Wortlaut des Vertrags, der eine solche Interpretation nicht zulasse. Zur Schlichtung einer derartigen Streitfrage vorwiegend rechtlicher Natur ist nach Roosevelts Meinung der Haager Schiedsgerichtshof ganz besonders berufen. Sollte Rußland sich aber — fährt Roosevelt fort — der schiedsgerichtlichen Austragung widersetzen, so würde es eben dadurch vor aller Welt kundtun, daß der amerikanischen Regierung kein anderer Ausweg übrig bleibt als die Aufhebung des Handelsvertrags. Nr. 43. Mihr»schaftlich er Antisemitismus. 'Wohl kein Volk hat so sehr unter widrigen Verhältnissen gelitten wie das jüdische. Und wenn wir die Geschichte der Menschheit studieren, wenn wir sehen, wie manche Nation trotz günstiger Vorbedingungen keinen Platz in den Reihen der Kulturvölker erlangen konnte, dann erscheint' es uns umso wunderbarer, wie gerade dieses, so sehr bedrückt, so sehr zerstreut wie kein zweites ans der Erde, sich nicht nur in seinen nationalen und religiösen Eigentümlichkeiten zu erhalten vermochte, sondern auch einen, wenn zwar wenig gewürdigten aber darum nicht geringeren Einfluß auf die Entwicklung der menschlichen Kultur ausübeu konnte. Obwohl die Tätigkeit der Juden als Lichtträger der Kultur nun auch weiteren Kreisen bekannt ist, so ist es dennoch keine ungewöhnliche Erscheinung, daß selbst in den Reihen christlicher Gelehrter noch immer der Glaube vorherrscht und wahrscheinlich auch mit Absicht gepflegt wird: die Juden verstünden weiter nichts als den Schacher uitb Wucher. *) . Nur widerwillig gesteht man hinwerfend den Inden einige Verdienste zu, um schnell mit desto größerem Nachdrucke die Verdienste anderer Völker, z. B. der Araber, überschwänglich zu loben. Man weiß kaum, wo bei den christlichen Gelehrten der böse Wille oder die rührende Unwissenheit die Oberhand gewinnt; denn häufig werden direkte Fälschungen in der Kulturgeschichte unternommen, noch häufiger wird Unbequemes einfach ignoriert und bei der Besprechung der arabischen Kulturepoche z. B. werden jüdische Gelehrte einfach als Araber bezeichnet. Bei solchen Methoden kommt es dann vor, daß objektiv sein wollende Historiker, wie Engen Dühring, ganz kaltblütig behaupten, die Juden haben nur zu Philo des Alexandriners Zeiten einige Gelehrsamkeit besessen. Henne Am- Rhyn, ein Manu von entschieden radikaler Denkweise und streng demokratischer Tendellz. spricht in seinem dreibändigen Werke „Kulturgeschichte der neueren Zeit" den Juden jedes Verdienst um die Erhaltung und Ausbreitung der Wissenschaft ab, weil sie „für sich eine abgeschlossene Kaste bilden, die so eng zusammenhält, daß kein Freigeist in ihre besonderen Kreise einbringt" (ibid. III. Band.) Nach ihrer Meinung ist Spinoza ein Philosoph, obgleich er ein Jude war. Diese Leute mit ihrem „wissenschaftlichen" Antisemitismus ahnen freilich nicht, daß die Juden die alleinigen Pfleger der Philosophie in den Zeiten der allerchristlichsten Dunkelheit waren, sie ahnen nicht, daß die Spinozistische Philosophie nur das Ende der jüdischen Philosophie des Mittelalters ist. Bei einigem objektiven und selbständigen Studium wird es Jedermann klar werden, daß beim Untergang der antiken Kultur nur ein einziges Volk konservativ ans dem erreichten Kulturstandpnnkte verharrte, nämlich die Inden von Nordafrika, Kleinasien und Syrien. . Im 6. Jahrhundert war in den christlichen Ländern schon die Erinnerung an das einstige Wissen verloren gegangen. Trotz alledem findet man bei allen antisemitischen Historikern die Behauptungdie syrischen Christen sind die Lehrer der Araber und die Araber sind die Erhalter und Verbreiter der im Abendlande verloren gegangenen antiken Wissenschaften. Diese Behauptung ist aber unrichtig, denn tatsächlich waren die Inden die Hebammen der arabischen Kultur. Und so könnte man noch viele Beispiele dieses wissenschaftlichen Antisemitismus anführen. Warum weigern sich nun diese antisemitischen Kultur- Historiker die Verdienste der Juden anzuerkennen?. Weil die Inden, so antworten sie, den Sauerteig in der arischen Rasse bilden. Diese Leute, die heute mit dieser jndenfeindlichen Wissenschaft kommen, sind die abgesagten Todfeinde des empirischen Denkens; sie wissen, daß Volker, die den mystischen Speknlationen abhold sind, selbstbedachte Kulturträger sind. Doch aU diesen traurigen Helden zum Trotz wird sich langsam aber sicher die Menschheit ihrer Schuld gegenüber.den *) Vgl. Georg Liebe „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit" (1903), ein Buch, welches beweist, bis zu welchem hohen Grave von Einseitigkeit.man gelangen kann, wenn man aus eingewurzelten Vorurteilen heraus historische Tatsachen betrachtet. Die Wahrheit