Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-11-03 · Heft 42 (3.11.1911) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 42 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063614--07543-3074637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 42. Seite 7 Die Wahrheit Hamburger Senat im 17. Jahrhundert bereits dafür eintrat, in Hamburg Synagogen zuznlassen, weil, wie er in dem betr. Dekret mitteilt, sonst zu befürchten sei, daß Hamburg ans den Standpunkt eines Dorfes herabsinke und die Vorteile, die die jüdische Bevölkerung für den Erwerb brächte, durch Fortzug der Juden verloren gingen. Ebenso hat 1697 die Hamburger Bürgerschaft an ihren Senat petitioniert, daß den Juden Freistätten gewährt würden, ans der Erkenntnis, daß es notwendig sei, die jüdische Bevölkerung der Stadt zu erhallen. Auch der "Rat von Leipzig hat im 17. Jahrhundert einen besonderen Schutz der Inden dekretiert, weil die Leipziger Messe ganz bel'onders von der- Teilnahme der jüdischen Kanflente von -fern und nah abhing und hat damit bis m die neueste Zeit hinein der Stadt Leipzig eine wertvolle Erwerbsquelle zu -sichern gewußt. . Aehuliche Erscheinungen sehen wir auf dem Gebiete des -staatlichen Lebens. Zur absolutistischen Zeit haben die Fürsten -in den meisten Fällen die jüdischen Bürger ihres Staates, welche Geldgeschäfte machten, Geld liehen und sich des Bankgeschäftes annahmen, geschützt und Verständnis für den wirtschaftlichen Wert ihrer Tätigkeit bewiesen. An den Höfen schon ^des 16., namentlich aber des 17. und 18. Jahrhnnders sehen wir fast überall einen Juden, der die Funktionen etwa unserer heutigen Finanzminister versah. Der Große Kurfürst hat ausdrücklich jüdischen Lieferanten seine Armeeliefernngen übertragen, weil er von der Meinung ausging, daß nirgends rascher, sicherer nnd zuverlässiger geliefert werden könne als durch die israelitischen Händler. Diese Verhältnisse bestanden bis etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zn Beginn des 19. Jahrhunderts tritt in die finanzwirtschaftliche Entwicklung zunächst Europas die Familie 'Rothschild als ein bedeutsamer Faktor ein. Die Rothschilds waren bis 1798 nur in Frankfurt tätig, von diesem Zeitpunkt ab.haben sie sich über die ganze zivilisierte Welt verbreitet, die jüngeren Generationen gingen hinaus, um in erster Reihe in den Hauptstädten Filialen zu gründen. Die wirtschaftliche Mission, die diese Familie ein halbes Jahrhundert lang erfüllte, läßt darauf schließen, mit welch weitem Blick, mit welcher bedeutsamen Erkenntnis für die Erfordernisse der Zeit die Träger des Namens Rothschild ihre Aufgaben erfaßten. Bon 1800 bis 1850 beherrschten die Rothschilds das ganze Geld- und Kreditwesen, vornehmlich in Europa. Alle Staaten mußten, wenn sie Geld brauchten, sich an Rothschild wenden. Sie wußten, den Staaten M den nötigen Mitteln zu verhelfen; natürlich sind sie selbst dabei nicht ärmer geworden. Die Entwickelung des Effekteuwesens, die Eröffnung des Staatskredits gegen Ausgabe von Effekten, ist das Verdienst in erster Linie des Hanfes Rothschild: Sie führten das Prinzip, das Geld der Allgemeinheit durch Anleihen wieder für allgemeine Zwecke mobil zu machen, in das 'Wirtschaftsleben ein. Es wird mitgeteilt, daß von 1818—1882, als der Wert des Geldes doch bedeutend höher war als heute, die Rothschilds allein für 440 Millionen Gnlden Staatsanleihen herausgegeben haben. Das war eine ganz enorme Leistung. Auch für die erste Entwicklung des Eisenbahnwesens schuf das Haus Rothschild die finanziellen Unterlagen und zwar ebenfalls durch Ausgabe von Papieren, wie beim Staatskredit. Seit den 50er Jahren entwickelten sich dann die Börsen in Deutschland und von den 60er Jahren an die Aktienbanken, damit wurde der geschäftliche Einfluß des Hauses Rothschild mehr Zurückgedrängt. Aber auch an dem Aufschwung der Börsen und der Banken war jüdisches Kapital und jüdischer-Unternehmungsgeist stark beteiligt. Die sog. Gründerperiode hat verschiedene Erscheinungen gezeitigt, die äußerst bedenklich waren, -aber das auf das Konto der Inden allein zu setzen, wie das vielfach geschah, ist eine absolut oberflächliche Art, volkswirtschaftliche Vorgänge zn beurteilen. Während sich die Börse in .Hamburg besonders nach der Richtung des Waren- und Produkteuverkehrs entwickelte, diente sie hier in Frankflirt in erster 'Linie dem Effektengeschäft. Die Frankfurter Börse ist bis in die Jahre nach 1866 und 1870 zweifellos die bedeutendste und maßgebendste Börse Deutschlands für die- Finanzwirtschaft gewesen. Die alten christlichen Bankgeschäfte, so verdienstvoll sie im langen Lauf der Zeit gewirkt haben, folgten den großen wirtschaftlichen Umwälzungen im vorigen Jahrhundert, als das Kreditwesen eine größere Bedeutung erlangte, nur zögernd und wer sich einige Jahrzehnte zilrückeriunert, der wird mit mir darüber einig sein, daß ein Kaufmann, der Kredit in Anspruch nehmen wollte, bei den Banken meist mehr Entgegenkommen fand, als bei den alten erbeingesessenen Bankhäusern. Damit will ich keinen Tadel aussprechen, ich möchte nur darauf Hinweisen. daß das ein Beweis für die lebendige Auffassung der Dinge ist, welche den Leitungen der modernen Banken und Geldinstitute eigen war. Die eminente Entwicklung der Berliner Börse, die nach dem politischen Umschwung in unserem Vaterland eiusetzte, nahm solche Dimensionen an, daß die Börsen von Hamburg — soweit diese nicht Warenbörse ist — und öoh Frankfurt entschieden mehr in den Hintergrund traten. Wenn wir uns umsehen, wer denn zu den Trägern der großen modernen Entwicklung unseres Bankgeschäftes in Deutschland in erster Linie gehörte, so ergeben sich für Berlin eine Reihe von Namen, ich nenne nur Mendelssohn nnd Bleichröder, für Köln Oppenheim, für Frankfurt Speyer-Elliffeu. Stern nsw., israelitische Firmen, die auch nach dem Anslande gingen, dort Niederlassungen gründeten nnd den internationalen Geldverkehr in Gemeinschaft mit den Banken in die Hand nahmen. (Fortsetzung folgt.) Uerschiedeue Nachrichten. Wien. Der Minister für Kultus und Unterricht hat dem Regierungsrate und Oberbibliothekar Dr. Salomon Frankfurter zum Bizedirektor der k. k. Universitätsbibliothek in Wien und den Skriptor Dr. M. H o l z m a n u zum Bibliothekar 1. Klasse ernannt. Wien. Bor einigen Tagen beging der ehemalige Sekretär der Baron Hirsch-Stiftung, Herr Dr. Moriz Friedlander, im engsten Familienkreise seinen 70. Geburtstag. Die hervorragende Tätigkeit, die der Jubilar auf wissenschaftlichem, kulturellem und humanitärem Gebiete entfaltet hat, sickern ihm die dankbare Verehrung weiter Kreise. Als Vertrauensmann des verstorbenen Barons Moriz Hirsch und der Baronin Klara Hirsch hat Dr. Friedländer die große galizische Schulaktion inauguriert. Tausende von Kindern haben, die Segnungen dieser Schulen empfunden und Heranwachsende Generationen werden das Werk Dr. Friedländers dankbar würdigen. Die ersten Schulen wurden mit den Mitteln des Baron Hirsch durch die Israelitische Allianz zu Wien, deren langjähriger Sekretär der Jubilar damals war, unter seiner Aegide gegründet. — Dank dem energischen Eiugreifen Dr. Friedländers gelang es im kurzen Zeitraum von zehn Jahren, trotz Lehrermangel und ungeachtet der großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung geeigneter Schulubikationen fünfzig Schulen zu organisieren, die bald eine segensreiche erziehliche Tätigkeit entfalteten. Ungeheuer waren die Widerstände, die daber zu überwiilden waren, insbesondere die Obstruktion der Chasidim nnd die Abneigung der Eltern jeuer Kinder, die die Schulen besuchten. Hervorragend ist auch die literarische.Wirksamkeit Dr. Friedländers und mit jugendlicher Frische obliegt er noch jetzt seinen wiffenschaftlichen Studien. Zu den bekanntesten Schriften des Jubilars gehören: „Zur Entstehungsgeschichte des Christentums". Der vorchristliche jüdische Gnostizismus", „Griechische Philosophie im alten Testament". Möge es dem Jubilar gegönnt sein, die reichen Früchte seines Lebens in einem heiteren Lebensabend noch lange zu genießen. A. W. Wien. (Jüdische Toynbeehalle. XL., Othmarg affe 46.) Samstag, den 4. November d. I., 7 Uhr abends, eröffnet die Toynbeehalle mit einem Konzertabeud, bei welchem die Pianistin Helene L a m p l, Konzertmeister Dr. K a p p e r l und Oberkantor M. B. Kaufmann Mitwirken, die diesjährige Saison. Sonntag, den 5. d. M. hält Herr Rabbiner Dr. Bach den ersten Bortrag über das Thema: „Volkstümliches aus der Zeit des Rabban Jochanan den Sackai". Montag, den 6. findet ein literarischer Abend statt, Dienstag, den 7. beginnt Dr. K. Kupfer einen Vortrags-Zyklus aus der jüdischen Geschichte, der an den folgenden Dienstagen fortgesetzt wird. Mittwoch, den 8. spricht Universitätsprofeffor Dr. L. K ö n i g st e i n über: „Eindrücke von der Dresdner hygienischen Ausstellung". Donnerstag, den 9. beginnt Herr Universitätsprofeffor Dr. Rudolf Kraus einen Lichtbildervortrag: „Ueber Schutzvorrichtungen des Menschen und der Tiere gegen Infektion", der am Donnerstag, den 16. d. M. beendet wird. Freitag, deu 10. eröffnet Herr Religionslehrer H. Löw »Vogel die Reihe der Bibelvorträge. Während der Wintermonate werden im Saale des Mädchen-Hortes XX.. Othmargasse 40 unentgeltliche Unterrichtskurse vom Vorstande der Toynbeehalle aus folgenden Disziplinen abgehalten werden: Deutsche Sprache. Stenografie, Elemente des kaufmännischen Rechnens und Elemente der kaufmännischen Buchführung. Die Anmeldungen zur Teilnahme erfolgen im Sekretariate der Toynbeehalle an allen Vortragsabenden. Gleich wie in den Vorjahren werden in der Religionsschule der israelitischen Kultusge- ■y I;; ■?; •y y vj ,;i Ä

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.