Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 42 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 42. wäre, in der Gesamtorganisatiou zu verbleiben und dort auch in Zukunft die Interessen des gesetzestreuen Jndentums mit aller Entschiedenheit zu vertreten. Bestimmend für diese Entscheidung war die Ueberzengung der Mehrheit von der überwindenden Kraft unseres Bekenntnisses, von der sieghaften Gewalt der tausendfältig bewährten, fremde Kulturen, die Zeiten überdauernden, uralten und ewig jungen volkserhaltenden und volkserneuernden Thorageistes. Diese Zuversicht hat uns auf den selbst gewählten Posten gestellt und gibt uns die Kraft, auf ihm auszuharren. Kulturbestrebuugen bilden einen Teil des Programms. Aber bisher waren sie frei in ihrer Entfaltung und Entwicklung. Nunmehr finden sie ihre Bindung und Schranke in gesetzlichen Bestimmungen. Der Kongreß hat beschlossen: „Der X. Zionistenkongreß gibt feinen Willen kund, daß in keiner der von der zionistischen Organisation geschaffenen Institutionen für Kulturarbeit irgend etwas unternommen werden darf, was der jüdischen Religion znwiderlänft." Die Formulierung der Aussührnngsbestimmungen dieser Resolution bildete den Inhalt von Unterhandlungen des Zentralbureaus mit dem engeren Aktionskomitee. Das vorläufige Ergebnis dieser Unterhandlungen erfüllt uns mit der Zuversicht, daß bei der Ausführung der Kulturanfgaben der Misrachi in Zukunft auf verständnisvolles Entgegenkommen rechnen darf, daß insbesondere bei dem geplanten Schulwerk der zionistischen Organisation das misrachistische Prinzip achtungsvolle Würdigung sinden wird, wie sie es in einer wahrhaft jüdischen Bewegung beanspruchen darf und muß. In dieser Zuversicht wird der Misrachi die Kraft finden, sich in verstärktem Maßes seinen besonderen Aufgaben kultureller Natur in Palästina zu widmen und durch positive Arbeit nivellierenden Bestrebungen im Bereiche der neuen Siedelung erfolgreich zu begegnen. Im Vertrauen darauf richten wir bei Beginn der Winterarbeit au alle unsere Gesinnungsgenossen die dringende Mahnung, den Misrachi und somit dem Zionismus treu zu bleiben. Enttäuschungen in der Vergangenheit dürfen uns nicht entmutigen, entbinden uns keinswegs von der heiligen Pflicht, nationales Wirken mit dem Geiste jüdischer Gesetzestreue zu durchdringen, religiöse Betätigung durch nationales Denken zu vertiefen. Dieses Hochziel erfülle uns mit den: ernsten Willen, den'Misrachi zur Kraft und Macht zu gestalten. Aber anch an alle zionistischen Gesinnungsgenossen ergeht unser Rnf zum Anschluß an unsere Organisation, die im Prinzip mit uns einig, bisher fern geblieben^sind. Bon der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Entwicklnng^om Nationalen zum Religiösen überzeugt, erwarteten sie vielfach von der Zusammenfassung aller Gleichdenkenden nichts weniger als eine Förderung dieses Zieles. Sie fürchteten mit der Betonung des Gegensätzlichen eher eine Stärkung. uns feindlicher Tendenzen. Diese Taktik ist nicht mehr gerechtfertigt. Fünfzehn Jahre sind seit dem I. Kongreß verflossen, wir alle wissen heute, wo wir stehen. Die Ueberzeugnng gilt nicht mehr, eine Entwicklung in der von uns erstrebten Richtung nicht stören wollen, sondern sie tatkräftig fördern. Die Zusammenfassung Gleichdenkender sichert die Einheit als ein Wahrzeichen innerer Kraft. Bei der Begründung eines neuen Volkslebens muß die Avantgarde des jüdischen Volkes kenntlich fein, sie hat sich bewährt im langen Goluskampfe. Die Hoffnung, daß aus der „Luft des heiligen Landes" mit Naturnotwendigkeit der Geist der Treue gegen die - geheiligte Vvlksüberlieferuug erwachsen müsse, hat sich, nicht erfüllt, und der Gedanke eines religiousfeiudlicheu Nationalismus lebt. Darum ergeht unser Ruf an alle diejenigen, welche die Wiederbelebung unseres Volkes auf heimatlichem Boden nicht mit der Preisgabe unseres teuersten Nationalgutes erkaufen wollen. Als seine Hüter und Sachwalter können sie anch in der Urform künftiger Volksgestaltung und innerhalb einer kraftvoll geschloffenen Organisation ihrer Ueberzengung zum Siege verhelfen. Lasset uns nicht allein ringen und kämpfen, tretet mit ganzem Herzen in den Dienst unserer Sache! Mit Zionsgrnß Zentral-Bureau der Föderation „Misrachi". Die im Juli auf der Frankfnrter Konferenz beschlossene Kulturgesellschaft ist nunmehr unter dem Namen „Tachkemoni" begründet worden. -i- * *. Am Sonntag, den 22. Oktober d. I. fand in Frankfurt a. M. - eine Konferenz des Komitees der „Tachkemoni"-Schule statt. Das Ergebnis dieser Konferenz sichert dem Misrachi denselben Einfluß auf die Leitung der Schule wie bisher. Das Andentmn im Knttnr nnd Wirtschaftsleben Dentlchlands") Vom preußischen Landtagsabgeordneten Funk. Bamberger hat einmal den Ausdruck gebraucht, daß der Antisemitismus der Sozialismus der Dummen sei. Wer sich mehr mit der Erscheinung befaßt, wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß diesem Worte eine tiefe Wahrheit zugrunde liegt. Vergegenwärtigen.wir uns zunächst, nach welcher Richtung sich zumeist die Angriffe bewegen, die gegen die Juden gerichtet werden. Die finanzielle Stellilng unserer jüdischen Mitbürger, die Art, wie ihr Reichtum erworben wird, der Gebrauch, der von demselben gemacht wird, das sind die Gebiete, die man sich zum Angriff besonders anssucht und ich möchte mit wenigen Worten untersuchen, ob und inwieweit diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Ich bitte Sie von vornherein, von dem etwas anspruchsvollen Titel, den mein Vortrag erhielt, nicht allzuviel zu erwarten; ich war ganz außerstande, die Fülle des'Stoffes, die sich gerade für dieses Thema bietet, in der mir zur' Verfügung stehenden Zeit auch nur einigermaßen bewältigen zn können, ich kann mich daher nnr auf allgemeine Umrisse beschränken. Wenn ich von jüdischen Mitbürgern rede, so möchte ich an die Spitze meiner Ausführungen stellen, daß ich darunter nicht nnr diejenigen verstehe, die dem Bekenntnis nach Juden sind, sondern auch die, die zwar jüdischen Stammes, aber zu anderen Konfessionen übergetreten sind. Im wirtschaftlichen Leben unseres Volkes ist es für den, der mit offenen Angen geschäftliche Dinge verfolgt, offenkundig, daß alle Inden, die sich im Handel und Verkehr betätigen, einen scharf aufs praktische gerichteten Sinn bekunden, daß sie rastlose Arbeiter sind, leichter beweglich als es im großen nnd ganzen der germanischen Rasse eigen ist und daß sie eine außerordentliche Willenskraft besitzen. Die in frühen Zeiten schon gewonnene Erkenntnis, daß der Besitz das einzige sei, was ihnen einigermaßen Geltung und Einfluß verschaffen konnte, hat sie dazu gebracht, jahrhundertelang nach Besitz zu streben, ein Verhalten, welches nach meiner Auffassung gewiß nur Billigung sinden kann, wenn man erwägt, daß weite Gebiete des Erwerbslebens ihnen vollkommen verlegt waren. Ob es richtig ist, daß, wie Sombart behauptet, diese vornehmlich auf den Gelderwerb gerichtete Tätigkeit in religiösen Vorschriften begründet ist, die "sich im Talmud finden sollen, das nachznprüfen bin ich zu wenig Schriftgelehrter, aber Sombart belegt diese Behauptung mit eingehenden Zitaten und er ist der Ueberzengung, daß das eine der Hauptwnrzeln ist, aus der die intensive geschäftliche Tätigkeit der Juden sich herleitet. Nun ist es ja ganz klar, daß sich diese Tätigkeit in erster Linie auf das Leih- und Geldgeschäft überhaupt erstrecken mußte, weil im Mittelalter diese Geschäfte für die christliche Bevölkerung als schimpfliche galten und man sich von demselben znrückhielt. Die wachsende finanzielle Macht und Stärke, die das Judentum dadurch erfuhr, sicherte ihm selbstverständlich auch einen wachsenden Einfluß ans die wirtschaftliche Entwicklung der weiteren Jahrhunderte. Den außerordentlichen Wert der Tätigkeit unserer jüdischen Mitbürger für das Gesamtwohl erkannten Maßgebende Behörden schon sehr früh. Ich habe gefunden, daß beispielsweise der *) Aus einem Bortrag, gehalten in der Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus in Berlin.